Erfahrungsbericht

Weg vom „Ich bin zu dumm zum Lernen“ durch Binnendifferenzierung!

Der Erfahrungsbericht zeichnet nach, wie sich das Selbstbild einer Lernenden, die sich für "dumm" hält, allmählich verändern lässt, indem die Kursleiterin Binnendifferenzierung praktiziert, sich konsequent am Empowerment-Ansatz orientiert und kompensatorisch vorgeht. Dieser Bericht entstand aus der Perspektive der wissenschaftlichen Begleitung, die in mehreren Hospitationen und Gesprächen mit der Kursleiterin die Entwicklung der Kursteilnehmerin verfolgen konnte.

Grafik mit bunten Ovalen

Businessdeutsch Altenhilfe (Bild: Karin Behlke/CC BY SA 3.0)

Eine Frau aus Eritrea, die in ihrem Herkunftsland nur wenige Jahre die Schule besuchte, arbeitet seit zwanzig Jahren als Spülerin in der Küche eines Altenheims. Sie hat bereits mehrere Versuche gemacht, in Sprachkursen Deutsch zu lernen, ist aber immer sehr früh wieder ausgestiegen, weil sie mit Grammatik und Theorie nicht klar kam, wie sie selbst sagt. Sie hat für sich die Konsequenz gezogen, dass sie einfach "zu dumm sei zu lernen". In der Einrichtung, an ihrem Arbeitsplatz ist sie eine geschätzte Kollegin, die sich aber immer sehr im Hintergrund hält. Ihre Vorgesetzte legt ihr nahe, den Kurs Business-Deutsch in der Altenhilfe zu besuchen.

In den ersten Unterrichtsstunden sitzt sie da und wartet, bis die Kursleiterin Zeit für sie hat und mit ihr Einzelunterricht machen kann, während die anderen Gruppenaufgaben erledigen.

Da die Kursleiterin nicht die nötige Zeit für den Einzelunterricht dieser Lernenden aufbringen kann, ohne die Gruppe zu vernachlässigen, sucht sie nach anderen Wegen, um sowohl dieser Lernenden als auch der Gruppe gerecht zu werden. Sie bereitet für jede Stunde Aufgaben speziell für diese Lernende vor. Sie geht dabei so vor, dass die Lernende sich sukzessiv die Lerninhalte aus dem Lehrbuch, den Wörterbüchern und anderen Materialien aus dem Lernquellenpool selbst erschließen kann. Nach jeder erledigten Aufgabe erhält die Lernende ein Feedback durch die Kursleiterin, bei dem der Schwerpunkt darauf liegt, ihr die Lernfortschritte deutlich zu machen. Ziel ist es, dass die Lernende ihr Lernen zunehmend selbstgesteuert und selbstorganisiert realisiert.

Die Kursleiterin weiß, dass das Selbstbild des "Dumm-Seins" nur aufgebrochen werden kann, wenn die Lernende – auch sehr kleine – Erfolge in ihrem Lernen bestätigt bekommt.

Die Kursleiterin, die in ihrem pädagogischen Verständnis den Empowerment-Ansatz vertritt, konstruiert die Einzelaufgaben so, dass sie eine bewältigbare Herausforderung darstellen. Sie versucht, die Aufgaben so zu gestalten, dass zu ihrer Lösung vorhandenes Lehrmaterial selbstständig herangezogen werden muss.

Im realen Fall hat sich diese Vorgehensweise doppelt ausgezahlt. Die Lernende hat nicht mehr gewartet, dass die Lehrende kommt und ihr sagt, was zu tun ist, sondern Schritt für Schritt eigene Ideen entwickelt, womit sie gerne arbeiten will, was sie gerne üben möchte. Ihre Sprachkenntnisse haben sich deutlich verbessert. Aber vielleicht noch wichtiger: Sie hat mehr Selbstbewusstsein entwickelt, was sich unter anderem darin geäußert hat, dass sie gegenüber der Leitung zum ersten Mal den Mut hatte, ihre Interessen anzumelden und ihre Meinung zu sagen, was sie früher weder im Betrieb noch im familiären Kontext getan hatte. Sie hat sich auch aktiv bemüht, neue Tätigkeitsfelder auszuprobieren und sich dazu auch für einen Computerkurs angemeldet (der sich explizit an langsam Lernende richtete), den sie erfolgreich absolviert  hat.

Für die Kursleiterin ist diese Entwicklung eine Bestätigung ihrer binnendifferenzierten Vorgehensweise und ihrer konsequenten Kompetenzorientierung. 


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