Angelika Gundermann Forschung quergelesen

Projekt mekoFUN: Niemand ist "geringqualifiziert"

Menschen, denen Kenntnisse oder Fähigkeiten in grundlegenden Bereichen des alltäglichen Lebens fehlen, also zum Beispiel beim Schreiben, Lesen und Rechnen, werden in der Pädagogik als „geringqualifiziert“ bezeichnet. Eine Bezeichnung, die neutral betrachtet darauf verweist, dass diese Menschen wenige Qualifikationen nachweisen können. Unterstellt wird dabei allerdings auch oftmals ein Mangel an kognitiven Kompetenzen bzw. an der Fähigkeit, solche überhaupt zu entwickeln. Die Zielgruppe der „Geringqualifizierten“ gilt bei Lehrkräften als „schwierig“, da sehr heterogen und mit den üblichen didaktischen und methodischen Mitteln scheinbar nicht erreichbar.

Im Alltag dienen Basisqualifikationen der Orientierung (Bild: Just do not lose orientation, Georgie Pauwels/flickr.com, CC BY)

Die Ergebnisse des Forschungs- und Qualifizierungsprojekts mekoFUN entwerfen ein ganz anderes Bild von der Gruppe der „Geringqualifizierten“: „Die landläufige Meinung, Lehrende seien in Maßnahmen der Grundbildung mit Teilnehmenden konfrontiert, die in der Regel über nur reduzierte kognitive Möglichkeiten verfügen, ist dringend zu hinterfragen“, schreibt Astrid Lambert ( Kaiser, A., Kaiser, R., Lambert, A., & Hohenstein, K. (Hrsg.) (2015). Lernerfolg steigern. Metakognitiv fundiertes Lernen in der Grundbildung. Bielefeld: W. Bertelsmann, S. 72) aus der Forschergruppe von mekoFUN. Gemeinsam mit Arnim Kaiser, Ruth Kaiser und Kerstin Hohenstein hat sie für mekoFUN –das steht für metakognitiv fundiertes Lernen – über 1.000 Personen untersucht, die an Qualifizierungsmaßnahmen für Alphabetisierung und Grundbildung teilnahmen. Die Wissenschaftler konnten bei Teilnehmern der metakognitiv fundierten Kurse „starke Lerneffekte“ nachweisen sowie eine positive Veränderung lernrelevanter Persönlichkeitsmerkmale.

Nachdenken über das Denken

Das Projekt mekoFUN basiert auf der Entwicklung einer Neuen Didaktik in der Grundbildung: Lehren und Lernen basieren auf metakognitiven Strategien. Was genau ist nun aber Metakognition? Die Wissenschaftler des Projekts beschreiben es als „Denken über Denken“. Während kognitive Prozesse an ein gegebenes Problem, eine konkrete Situation oder vorliegende Aufgabe gebunden sind, beziehen sich metakognitive Vorgänge auf allgemeine, situationsübergreifende Fragestellungen. Elemente von Metakognition sind einerseits deklarativ, also das Wissen betreffend, und andererseits exekutiv, das Handeln betreffend. Abbildung 1 fasst dies zusammen:

Hierarchiediagramm zur Metakognition

Abb. 1: Ausdifferenzierung des Konzepts Metakognition nach Kaiser, A., Kaiser, R., Lambert, A., & Hohenstein, K. (2015), S. 47. 

Die Idee des Projekts besteht darin, Menschen metakognitive Arbeitsweisen zu vermitteln, um dadurch ihre Kompetenz zur Informationsverarbeitung zu verbessern. Hierzu entwickelte die Projektgruppe die „Neue Didaktik“, ein Lehr-/Lernkonzept, mit dem Strategien und Techniken vermittelt werden, die metakognitive Zugriffe unterstützen:

  • Selbstbefragung
  • Paarweises Problemlösen
  • Variation der Lösungsqualität
  • Führen eines Lerntagebuchs oder Portfolios

Als Verfahren, metakognitive Prozesse sicht- bzw. hörbar zu machen, nutzten die Forscher das „Laute Denken“: alle gedanklichen Vorgänge, die eine problemhaltige Aufgabe begleiten, werden laut ausgesprochen. Nicht nur der „Problemlöser“ selbst, sondern auch sein „Mitlerner“ kann so die Denkprozesse verfolgen und metakognitive Elemente und ihre Bedeutung im Rahmen der Problemlösung erkennen.

„Geringqualifiziert“ wird man

Zu Beginn der Studie haben die Wissenschaftler mit einem Intelligenztest das kognitive Potenzial der Teilnehmer gemessen. Ergebnis: „Geringqualifizierte sind alles andere als kognitiv „gering“, sprich: begrenzt ausgestattet.“ (S. 70) 63,4 Prozent der Befragten, also die absolute Mehrheit, ist als durchschnittlich intelligent zu bezeichnen. Ein Viertel (25,7 Prozent) liegt über oder sogar weit über dem Durchschnitt, gerade einmal zehn Prozent erreichen nur unterdurchschnittliche Werte. Schlussfolgerung: „Dieses Ergebnis stellt das bisherige Verständnis von Geringqualifizierten, was ihr kognitives Vermögen betrifft, infrage“ (S. 72). Kursleitende in Weiterbildungsmaßnahmen für Geringqualifizierte sollten in der Planung und Durchführung dieses neue Bild von ihrer Zielgruppe berücksichtigen, fordern die Forscher.

Die festgestellte große Heterogenität bei den kognitiven Potenzialen der Teilnehmenden stelle die Kursleitenden vor Herausforderungen, so die Forscher weiter. Ein Vorschlag zur Lösung dieses Problems ist eine passgenauere Zuordnung der Teilnehmenden oder eine Aufstockung des Lehrpersonals, um in den Kursen mehr Binnendifferenzierung zu ermöglichen.

Negative Einstellungen aufbrechen

Ist es vielleicht die mangelnde positive Einstellung zum Lernen, die „geringqualifizierte“ Menschen davon abhält, Kompetenzen zu entwickeln? Im Rahmen des Projekts wurden sogenannte „lernrelevanten Persönlichkeitsmerkmale“ gemessen. Kontrollorientierung, Lernzuversicht und Situationsmächtigkeit fördern den Lernprozess, eine Tendenz zum Abbruch („abruptive Tendenz“), Lernresignation oder das Gefühl der Ohnmacht in schwierigen Situationen wirken sich negativ aus. Die Teilnehmer des Projekts zeigten je zur Hälfte lernfördernde bzw. lernhemmende Einstellungen. Die Untersuchung konnte nachweisen, dass metakognitiv fundiertes Lernen sich positiv auf die lernrelevanten Persönlichkeitsmerkmale auswirkt.

Das 2014 abgeschlossene Projekt mekoFUN wird weitergeführt im Anschlussprojekt mekoBASIS. Das selbe Forscherteam widmet sich in den kommenden drei Jahren der Entwicklung eines Basiscurriculums und eines Qualifizierungskonzepts „Metakognitiv fundiertes Lehren und Lernen in der Grundbildung“. 



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