Fallbeispiel

Lernen im Gleichschritt nicht möglich

Die Situation 

In einem berufsbildenden Kurs zum Erwerb des Gabelstaplerführerscheins sind die Lern- und Leistungsvoraussetzungen der Lernenden sehr unterschiedlich. Es gibt welche, die von ihrer schulischen und beruflichen Vorbildung her relativ mühelos die Anforderungen bewältigen, andere haben gravierende Lern- und Leistungsdefizite. Der Kursleiter merkt sehr früh, dass ein „Lernen im Gleichschritt“ nicht funktionieren kann und macht sich Gedanken, wie er seinen Unterricht anders gestalten kann.

Mögliche Sichtweisen auf die Situation und darin bestehende Probleme 

  1. Die Lernenden verfügen über unterschiedliche Lern- und Leistungsvoraussetzungen.
  2. Der Unterricht ist für die „stärkeren“ Lernenden unterfordernd und langweilig, für die Lernschwächeren überfordernd und mühselig.
  3. Beide Gruppen sind unzufrieden und lasten dies dem Kursleiter an.
  4. Der Kursleiter stellt das Mentorenmodell als Methode zur Erhöhung der Teamfähigkeit vor und lädt die Gruppe ein, zu diskutieren, welche Vorteile und Nachteile sich Mentees und Mentoren von einer solchen Methode erhoffen können. Die Argumente werden visualisiert.

Mögliche Vorgehensweisen in der Situation

  1. Der Kursleiter macht sich mit Hilfe lernbiographischer Reflexionsangebote ein Bild über die Lernhaltungen und Lernerfahrungen eines jeden Teilnehmenden. Dazu kann ein Lernbiogramm dienen oder die Methode "Lernweg".
  2. Der Kursleiter entwickelt einen Selbsteinschätzungsbogen, um die Leistungsvoraussetzungen (Konzentration, Durchhaltevermögen, zeitliche Belastbarkeit, Ablenkbarkeit, ggf. auch fachliches Vorwissen) seiner Teilnehmenden zu erfassen.
  3. Der Kursleiter thematisiert die Unterschiede in der Gruppe und macht deutlich, dass dies unter Erwachsenen normal ist.
  4. Der Kursleiter stellt das Mentorenmodell als Methode zur Erhöhung der Teamfähigkeit vor und lädt die Gruppe ein, zu diskutieren, welche Vorteile und Nachteile sich Mentees und Mentoren von einer solchen Methode erhoffen können. Die Argumente werden visualisiert.

Herleitung und Begründung der Vorgehensweisen

  1. Lernschwierigkeiten sind vielfach biographisch begründet. Durch lernbiographische Reflexionen können Lernende den Blick auf ihr Lernen verändern, denn i.d.R. verfügen sie nicht nur über negative Lernerfahrungen und Lernstrategien, sondern auch über positive. Lernerfahrungen ins Bewusst sein zu heben ist ein wichtiger Schritt, Lernschwierigkeiten zu begegnen.
  2. Für den Kursleiter und die Teilnehmenden wird transparent, welche Leistungsstärken und Leistungshemmnisse den Lernprozess beeinflussen. Nur was transparent ist, kann auch didaktisch-methodisch berücksichtigt werden. Der Kursleiter kann darauf setzen, dass die Teilnehmenden sich selbst bezüglich ihrer Leistungsvoraussetzungen gut einschätzen und darstellen können. Er überlässt ihnen auch die Entscheidung, zu einzelnen Aspekten nichts zu sagen.
  3. Auch Lernende begreifen Heterogenität gerne als Problem und nicht als Chance. Die Stärkeren befürchten, langsamer zu Ergebnissen zu kommen, die Schwächeren befürchten, vor der Gruppe bloßgestellt zu werden. Weil dem so ist, wäre das Nicht-Thematisieren bzw. Heterogenität als Tabu zu behandeln und als ausschließliche Verantwortung des Kursleiters die falsche Strategie.
  4. Der Kursleiter entwickelt gemeinsam mit der Gruppe eine Strategie, die einerseits dem Lernen dienlich ist, andererseits aber auch beiläufig eine wichtige berufliche Handlungskompetenz, die der Teamfähigkeit, fördert. Er bedient damit das Verwertungsinteresse seiner Teilnehmenden und erwartet nicht (nur) Solidarität in der Lerngruppe.

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