Buchvorstellung

Qualifizierung von An- und Ungelernten

Buchcover

Der Band bietet eine umfassende, flüssig geschriebene Einführung für alle, die sich mit wenig Zeitaufwand über die Lebenssituation von An- und Ungelernten sowie über deren Potenziale informieren möchten. Wer sich über die Frage „Warum gibt es An- und Ungelernte?“ ohne allzu großen Leseaufwand informieren will, findet hier eine Fülle wichtiger Erklärungen. Die Autorinnen sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Ursachen und Kompetenzen

Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten Teil werden die empirischen Ergebnisse zur Zielgruppe der Geringqualifizierten vorgestellt und interpretiert, der zweite Teil (ab Kapitel 5) konzentriert sich auf Möglichkeiten und Vorschläge, wie die Zahl der An- und Ungelernten reduziert werden kann.

Für eine empirische Bestandsaufnahme zur Situation der An- und Ungelernten in Deutschland haben die Autorinnen Daten des Mikrozensus, des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) und aus der PIAAC-Studie (umgangssprachlich gerne als „PISA für Erwachsene“ bezeichnet) ausgewertet. Der zweite Teil konzentriert sich auf die Darstellung möglicher Handlungsoptionen zur Qualifizierung An- und Ungelernter und listet aktuelle einschlägige Förderprogramme auf. Abschließend werden die zentralen Ergebnisse thesenartig zusammengefasst und Handlungsoptionen geliefert.

Nach einer Einleitung werden im zweiten Kapitel die theoretischen Grundlagen der Untersuchung dargestellt. Humankapital-, Signaling- und Segmentationstheorie werden im Einzelnen anschaulich und knapp beschrieben. Bei der Ursachenanalyse wird die Rolle der Eltern in den Blick genommen, die die wesentlichen Bildungsentscheidungen für die Kinder treffen. Die Autorinnen konstatieren, dass die Schule zu wenig in der Lage ist, unzureichende familiäre Unterstützung zu kompensieren. Die daraus resultierende Handlungsoption scheint allerdings eher ideologisch als empirisch begründet: „Auch eine anreizorientierte Vergütung der Lehrkräfte kann dazu beitragen, Schüler stärker individuell zu fördern und somit die Anzahl an Schulabbrechern zu reduzieren.“ (S. 10) Dass sich Bildungsinvestitionen aus der Vergangenheit in der Gegenwart als unzureichend erweisen können, wird auf Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zurückgeführt: Digitalisierung, Globalisierung, Tertiarisierung, Individualisierung.

Nach der Ursachenanalyse wird die Gruppe in Kapitel 3 genauer unter die Lupe genommen und nachgezeichnet, dass die Gruppe keineswegs homogen ist. Die soziodemographischen Merkmale wie Geschlecht und Alter, Migrationshintergrund, familiärer Hintergrund werden ergänzt um die Darstellung der Bildungs- und Weiterbildungsbeteiligung dieser Gruppe und deren Integration in Erwerbstätigkeit. Überraschend sind dabei die Ergebnisse zur Zufriedenheit der An- und Ungelernten im Vergleich zu denjenigen, die über formale Abschlüsse verfügen. Hier sind die Unterschiede wesentlich geringer als bei der häufig prekären Lebens- und Arbeitssituation zu erwarten gewesen wäre (S. 45).

In Kapitel 4 „Kompetenzen von An- und Ungelernten wird darauf hingewiesen, dass das Kompetenzniveau in Deutschland im internationalen Vergleich „besonders eng mit dem formalen Bildungsniveau“ (S. 47) zusammenhängt, entsprechend wenig durchlässig ist das Erwerbssystem. 

Handlungsoptionen

Kapitel 5 setzt sich mit möglichen Handlungsoptionen zur Qualifizierung dieser Gruppe auseinander und betont, derartige Maßnahmen müssten „differenziert ansetzen und unterschiedliche Zielgruppen in verschiedenen Lebensphasen passend ansprechen, um den spezifischen Bedürfnissen und Voraussetzungen gerecht zu werden“ (S. 57f).

Die Weiterbildungsberatung in Deutschland wird kritisiert, weil „zu viel informiert wird und zu wenig beraten“ (S. 69). Die sehr detaillierte und informative Übersicht über bestehende Förderprogramme und deren Ausgestaltung (S. 70f) liefert auch für Bildungspraktiker, die mit der Akquise für Maßnahmen befasst sind, wichtige Hinweise.

Kapitel 6 fasst die Ergebnisse themenartig zusammen und entwickelt Handlungsempfehlungen, die allerdings kaum originell sind: 

  • Schulabbrecherzahl und Ausbildungsabbrecherquote reduzieren
  • Teilqualifikationen ausbauen
  • Staatliche Förderung transparent gestalten
  • Markttransparenz bei Weiterbildungsangeboten erhöhen

Gut lesbarer Überblick

Wer sich schnell über die Problematik der An- und Ungelernten informieren will und Anregungen für die Gestaltung entsprechender Angebote erhalten will, erhält hier eine fundierte und gut lesbare, komplexe Darstellung. Wer noch weniger Zeit hat, liest nur Kapitel 6 mit den Zusammenfassungen und Handlungsempfehlungen. Für diejenigen, die entsprechende Angebote konzipieren, ist die Lektüre ein Muss.

CC BY SA 3.0 by Gerhard Reutter für wb-web


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