Handlungsanleitung

Das Lerntagebuch

Was schon der Begriff „Lerntagebuch“ vermuten lässt: Das „Lernen“ steht im Fokus der Betrachtung und die persönliche Reflexion darüber findet sich in der Bezeichnung „Tagebuch“ wieder. Verwandte Begriffe wie Seminar- oder Workshop-Tagebuch, Lernheft oder Lernjournal finden sich in solchen pädagogischen Zusammenhängen, wo es darum geht, folgender Erkenntnis ganz konkret Rechnung zu tragen: Lernen im Gleichschritt ist nicht möglich. Wir müssen grundsätzlich von unterschiedlichen Lernwegen bei Teilnehmenden in Lerngruppen ausgehen.  Ferner wird mit einem Reflexionsinstrument wie dem Lerntagebuch in der Praxis die belegte Erkenntnis umgesetzt, dass es ein Bewusstsein braucht über eigene Lernhaltungen und individuelle Lernwege, um den eigenen Lernprozess verantwortungsvoll und erfolgreich gestalten zu können. Das Lerntagebuch verknüpft also binnendifferenzierende Aspekte mit Individualisierung und der Erhöhung der Selbststeuerung und Selbstverantwortung der Lernenden.

Das Lerntagebuch ist ein Instrument, das in der pädagogischen Praxis unterschiedliche Formen aufweist, von einem „Einseiter“ bis hin zur mehrseitigen Kladde mit ergänzbarer Heftung, um Lernende in ihrem individuellen Lernprozess zu begleiten und systematisch – zeitlich wie inhaltlich – dabei zu unterstützen, besser noch anzuregen, den eigenen Lernprozess zu reflektieren.

Blatt mit Fragen

Abb. 1: Beispiel für  eine Seite aus einem Lerntagebuch, als Download in der rechten Spalte (Bild: bbb)

Typischerweise beinhalten Lerntagebücher Reflexionsangebote zu Lerninhalten, Lerninteressen, Lernergebnissen (Lernerfolgen und Lernbedarfen), persönlichen Kompetenzen und Lernhaltungen bzw. aktuellen Befindlichkeiten. Umfangreichere Lerntagebücher umfassen zusätzlich Informationen zur Lernorganisation, eine Übersicht zu Lerninhalten, Fachreflexionen, Ansprechpartnern (Lernberatern), Angaben zu Prüfungsleistungen, hilfreichen Internetlinks etc.

Über  die Dauer von zeitlich begrenzten Lernprozessen werden darüber individuelle Lernentwicklungen sichtbar, die sich in der Regel motivational günstig auf das weitere Lernen auswirken. Darüber hinaus schärft sich das Bewusstsein zu den individuellen Bedingungen für erfolgreiches Lernen.  

Wofür kann man das Lerntagebuch einsetzen?

Das Lerntagebuch dient zum Einen der Reflexion des eigenen Lernprozesses, zum Anderen auch als Grundlage der Reflexion des kollektiven Lern-/Lehrprozesses in einer Lerngruppe – wie z. B. im Rahmen einer Lernkonferenz. Das Lerntagebuch beschreibt den aktuellen Ist-Stand im Lernprozess bezogen auf konkrete Lerninhalte, dient als Grundlage für die weitere Lernplanung und gibt Aufschluss über offene Fragen (Lernbedarfe, Lerninteressen) und individuelle Beiträge (Vorwissen, Kompetenzen, Lernerfolge). Kleinschrittig bzw. in hoher Frequenz eingesetzt dient es der Sicherung individueller Lernergebnisse nach kurzen Lerneinheiten oder Tageseinheiten, je nach Format des pädagogischen Settings.

Zielgruppen 

Das Lerntagebuch kann mit jeder Zielgruppe eingesetzt werden, denn es ist in seiner Gestaltung und äußeren Erscheinung variabel. Im Rahmen von Alphabetisierungs- und DaZ-Kursen werden mehr bildliche Elemente eingesetzt, während das Lerntagebuch in anderen Lernkontexten stärker sprachlich aufgebaut ist.

Durchführung

Das Lerntagebuch kann am Ende von fachbezogenen Lerneinheiten oder am Ende von Lerntagen oder Wochenreflexionen eingesetzt werden. Um Vorwissen zu reflektieren, kann es auch zur individuellen Reflexion zu Beginn einer Lerneinheit dienen. Wie die didaktische Einbindung geschehen soll, ist abhängig vom Umfang, von der Zielgruppe und der institutionellen Anbindung mit entsprechender konzeptioneller Einbettung. Wird es nicht nur bei Einzelmaßnahmen wie z. B. Workshops/Seminaren eingesetzt, empfiehlt sich die institutionelle Verankerung, d. h. es braucht einen Konsens zum Einsatz und die Akzeptanz innerhalb des pädagogischen Personals einer Bildungseinrichtung.

Konsensbildung in der Bildungsinstitution

Das Lerntagebuch sollte als unterrichtsstrukturierendes Element akzeptiert sein. Das meint auch, dass die Zeiten, die eine lernförderliche Nutzung erfordern, eingeplant sind. Die Erfahrung zeigt, dass das Lerntagebuch dann von den Lernenden gut akzeptiert und genutzt wird, wenn auch zeitliche Räume und Formen für eine Diskussion wichtiger Reflexionsaspekte der Teilnehmenden gegeben sind. Dies können beispielsweise regelmäßige Lernkonferenzen der Lerngruppe oder Lernberatungsgespräche zwischen Lernenden und Kursleitenden sein.

Instrumentenentwicklung

Den grundlegenden Instrumententypus wird der Kursleiter/die Kursleiterin entwickeln und für jede/n Teilnehmende/n ein Exemplar vorhalten. Je nach Zielgruppe  kann der Umfang der Reflexionen variieren. 
Sie können folgende Reflexionsebenen anbieten:

  • Was ist für mich heute gut gelaufen? Was war für mich erfolgreich? (Positivbilanz)
  • Was ist für mich heute nicht so gut gelaufen? Wo war ich weniger zufrieden/erfolgreich? (Kritische Bilanz)
  • Was war mein Anteil, dass es gut/erfolgreich bzw. nicht gut/nicht erfolgreich verlaufen ist? (Ich-Bezug)
  • Was war der Anteil der Dozentin, dass es gut/erfolgreich bzw. nicht gut/nicht erfolgreich verlaufen ist? (Du-Bezug)
  • Was war der Anteil der Gruppe, dass es gut/erfolgreich bzw. nicht gut/nicht erfolgreich verlaufen ist? (Ihr-Bezug)
  • Was sollte geschehen/beibehalten oder verändert werden, damit ich zukünftig gut und erfolgreich lernen kann? (Transfer-Bezug)
  • Was will ich im Lernberatungsgespräch oder in der Lernkonferenz ansprechen? (Partizipations-Bezug)

Einführung, fortwährender Einsatz und Auswertung

Das Lerntagebuch wird für die meisten Lernenden neu sein, auch wenn es im Rahmen der Diskussionen um Ermöglichungsdidaktik  und Lernberatung seit den 1990er Jahren bekannt ist. Es sollte deshalb gut eingeführt und in der Anfangsphase angeleitet sein. In den Beispielen zum Download in der rechten Spalte finden sich dazu Impulse.

Das Führen des Lerntagebuchs muss dann mit Regelmäßigkeit ermöglicht werden. D.h., am Ende eines Kurstages, eines Lernthemas, einer Lernwoche, je nach vereinbartem Rhythmus, erhalten die Teilnehmenden 5-15 Minuten Zeit, um ihren Lernprozess gedanklich zu durchlaufen. Die Leitfragen oder Bildimpulse gelten als Inspiration, als Anregung. Es ist erfahrungsgemäß wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Reflexionen nicht den Charakter einer Hausaufgabe haben, also nicht eingesammelt und bewertet werden, sondern – wie das aktive Zuhören im Unterricht, das Fragen, das Wiederholen – ein wichtiges Element der Lerngestaltung sind.

Wie bereits betont, braucht es auch Räume und Foren, damit die Teilnehmenden die ihnen wichtigen Aspekte ansprechen können. Ganz wichtig dabei ist es: Anregungen von Teilnehmenden müssen ernst genommen und so weit wie möglich auch eingelöst werden – oder es muss transparent gemacht werden, warum etwas nicht geht!

Voraussetzungen und Rahmenbedingungen

Neben der didaktischen Verankerung braucht es Klärung in den Fragen:

  • Wie genau soll das Lerntagebuch aussehen bzw. welchen Umfang soll es haben?
  • Wer entwickelt das Instrument?
  • In welcher zeitlichen Frequenz wird es eingesetzt/angeboten?
  • Wie viel Zeit wird innerhalb der vorgesehenen Lernzeiten zur Verfügung gestellt?
  • Soll das Lerntagebuch als Pflicht oder freiwilliges Angebot fungieren?
  • Sind Verfahren zur Reflexion kollektiver Lernprozesse vorgesehen (z. B. Lernkonferenz), für die es genutzt werden soll?
  • Steht erforderliches Material zur Verfügung?

Fallstricke

Es bedarf der Einführung bzw. Hinführung und Begleitung in der Nutzung des Instruments, da Teilnehmende häufig nicht gewohnt sind, ihren individuellen Lernprozess systematisch zu reflektieren. Im weiteren Prozess gilt es daher auch den Nutzen zu reflektieren: „Wofür hat es sich gelohnt? Was habe ich dank Lerntagebuch erreicht?“ Empfehlenswert ist die didaktische Einbindung in Lernzeiten. Es der alleinigen Verantwortung der Teilnehmenden zu überlassen („vergesst nicht Euer Lerntagebuch zu führen“), trägt nach den Erfahrungen unterschiedlicher Praxen nicht zum Gelingen in der Umsetzung bei. In Abhängigkeit von der Zielgruppe ist auch der Anspruch an Schreibarbeit zu bedenken. Bebilderungen und Möglichkeiten zum Ankreuzen  können hier ansprechende Varianten sein.

Weiterführende Hinweise

Weitere Informationen und Vorlagen finden Sie im Reader Lerntagebuch


Das könnte Sie auch interessieren