Handlungsanleitung

So finden Sie Ihre Zielgruppe

Erwachsenenbildung ist überwiegend Zielgruppenarbeit. „Zielgruppe“ ist ein pädagogischer Begriff. Bezogen auf ein bestimmtes Bildungsziel ist eine Gruppe homogen. So ist z.B. in einem Kurs „Schwangerschaftsgymnastik“ die Gruppe hinsichtlich des Geschlechts, des ungefähren Alters und der Schwangerschaft homogen, nicht aber hinsichtlich Sozialstatus, Beruf oder Lebensstil. Ähnliches gilt für einen Kurs „Spanisch im Urlaub – für Anfänger“. Es sollte also bei der Planung genau überlegt werden, welche Zielgruppe angesprochen werden soll.

Mit dem Zielgruppenbegriff verwandt, aber nicht identisch ist das soziologische Konzept der Milieuzugehörigkeit. „Soziale Milieus“ sind gesellschaftliche Großgruppen, deren Zugehörigkeit nicht allein nur durch Sozialstatus und Schulbildung, sondern auch durch Lebensstil, Freizeitverhalten, Interessen, Wertvorstellungen bestimmt wird.

Milieus sind nicht ohne weiteres identisch mit den Adressatinnen und Adressaten eines Bildungsangebots. Niemand käme auf die Idee, ein Bildungsurlaubsseminar für das „bürgerlich-konservative Milieu“ auszuschreiben. Wenn aber in einem Bildungsurlaubseminar ein Milieu überdurchschnittlich stark repräsentiert ist, sollten die milieuspezifischen Vorlieben und Erwartungen auch didaktisch berücksichtigt werden. Für das Erreichen der Lernziele kann es also sehr förderlich sein, Hintergrundwissen zu sozialen Milieus bei der Kursplanung zu berücksichtigen.

Ein Team unter Leitung von Rudolf Tippelt hat auf der Grundlage der Milieutypologie des SINUS-Instituts die Bildungsinteressen und Lerngewohnheiten ausgewählter Milieus untersucht. Exemplarisch seien die Milieus der „modernen Performer“ und der „Traditionsverwurzelten“ gegenübergestellt (Reich/Tippelt 2004):

Moderne Performer sind unkonventionell, gehören zur Trendsetzenden Leistungselite, haben eine große berufliche Leistungsbereitschaft, innovative und kreative Ideen und nutzen neue Kommunikationsmedien. Ihr Weiterbildungsinteresse orientiert sich an kompetenter Wissensvermittlung, auch durch Frontalunterricht. Sie bevorzugen leistungshomogene, fachlich versierte Gruppen, intensive, effiziente Blockseminare und ein exklusives, anspruchsvolles Ambiente; im nichtberuflichen Bereich dominieren individuelle Aneignungsformen.

Demgegenüber lassen sich die Traditionsverwurzelten so beschreiben: Sie wollen ihren Status quo bewahren, orientieren sich an traditionellen Werten wie Disziplin und Ordnung, haben ein geringes Interesse an Neuem und Fremdem. Sie legen Wert auf soziale und vor allem familiäre Netzwerke, wie z.B. Vereinsaktivitäten, und verfügen in der Regel über kleine bis mittlere Einkommen. Ihr Weiterbildungsinteresse bzw. ihre Weiterbildungsbeteiligung ist gering. Erwachsenenbildung wird als „Schulbankdrücken“ empfunden. Sie haben Überforderungsangst; am ehesten interessieren sie sich für praktische Kurse (z.B. EDV, Ernährung, Gesundheit). Sie haben keine besonderen Ansprüche an das Ambiente, hingegen legen sie Wert auf eine entspannte Kursatmosphäre und freundliche Kursleiter.


Quellen

Reich, J./Tippelt, R. (2004). Gestaltung didaktischer Handlungsfelder im Kontext der Milieuforschung. Hessische Blätter H. 1, S. 23f.

Siebert, H. (2010). Methoden für die Bildungsarbeit (4. Aufl.). Bielefeld: W. Bertelsmann, S. 81-82.


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