Wissensbaustein

Intergenerationelles Lernen

Alt und Jung lernen gemeinsam

Drei unterschiedlich große Matroeska Figuren

Intergenerationelle Bildung: Alt und Jung lernen gemeinsam. (Bild: Muisje/ pixabay.com, CC0)

Heterogenität unter Lernenden ist eine Herausforderung für Lehrkräfte der Erwachsenenbildung. Das Lehren und Lernen in generationsübergreifenden Gruppen bildet dabei keine Ausnahme. Verschiedene Vorstellungen über Methoden, gewichtige biografische Unterschiede und unterschiedliches Vorwissen sind nur drei Beispiele, die das Lernen der Generationen von-, mit- und übereinander erschweren können. Wenn die Lehrenden und Bildungseinrichtungen es jedoch schaffen, dass alle beteiligten Generationen sowohl als Lehrende als auch als Lernende agieren und somit nicht „nebeneinanderher lernen“, gelingt intergenerationelles Lernen.

In diesem Wissensbaustein lernen Sie unterschiedliche Generationenbegriffe kennen, erfahren, auf welchen Wegen intergenerationelles Lernen erfolgt und wie Sie als Lehrender mit generationenübergreifenden Lerngruppen in Kontakt kommen. Darüber hinaus finden Sie zahlreiche Verweise auf praxistaugliche Handlungsanleitungen und Checklisten.

DefinitionWas ist das?

Intergenerationelles Lernen bezeichnet das Lernen zwischen den Generationen. Doch was genau ist eine Generation? Im alltäglichen Sprachgebrauch verstehen wir darunter eine pauschale Zuordnung nach dem Alter. Um der Frage nachzugehen, wie intergenerationelles Lernen funktioniert, ist diese Einteilung jedoch zu grob. In den Sozialwissenschaften werden in der Regel drei Generationenbegriffe unterschieden:

  • Genealogischer Generationenbegriff: eine Zuschreibung innerhalb von Familien, die auf dem Verwandtschaftsgrad beruht (Kind, Eltern, Großeltern, Onkels, Tanten usw.). Wir nehmen häufig mehrere dieser Rollen gleichzeitig ein.
  • Historisch-politischer Generationenbegriff: Personen aus gleichen oder eng aufeinanderfolgenden Geburtsjahrgängen teilen Erfahrungen bestimmter Ereignisse und gesellschaftlicher Entwicklungen und, daraus resultierend, häufig auch ähnliche Einstellungen und Werte. Markante Beispiele sind die „Nachkriegsgeneration“ oder die „68er“.
  • Pädagogischer Generationenbegriff: Generationen werden als Lernverbindungen verstanden, in denen die Generationen die Rollen als Lehrende oder Lernende einnehmen, je nach Wissen und Erfahrung.  

Der historisch-politische Generationenbegriff wird häufig als Grundlage für das intergenerationelle Lernen genutzt, weil er die Besonderheit einzelner Generationen vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen und Werte – statt nur das biologische Alter – betont (Schmidt-Hertha, 2014, S. 75f.).

GeschichteWoher kommt das?

Das Lernen zwischen den Generationen kannte bis in das 20. Jahrhundert hinein vor allem eine Richtung: von Alt nach Jung. Die ältere Generation hatte im Laufe ihrer Lebenszeit geballtes Wissen und Erfahrungen angehäuft, die an die Jüngeren weitergegeben wurden, sei es in der Schule, im Betrieb oder in der Familie. 

Ein Bild aus einer Schreinerei vor langer Zeit. Ein Meister und ein Lehrling.

Die „klassische“ Variante intergenerationellen Lernens: von Alt nach Jung, wie z. B. in Betrieben. (Bild: Deutsches Bundesarchiv/commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0 DE)

Modernisierungsprozesse in unserer Gesellschaft, insbesondere die Technologisierung, haben dazu geführt, dass sich Wissen immer weiter ausdifferenziert und eine kürzere Halbwertszeit hat. Vor diesem Hintergrund hat sich der Begriff des Lebenslangen Lernens etabliert. Dabei erfolgt der Wissenstransfer nicht zwangsläufig von der älteren zur jüngeren Generation. Die verschiedenen Generationen müssen vielmehr mit- und voneinander lernen, um gemeinsam komplexe gesellschaftliche Herausforderungen zu meistern (Franz, 2014, S. 27f.).

MerkmaleWie geht das?

Intergenerationelles Lernen kann auf drei unterschiedlichen Wegen erfolgen:

  • Voneinander-Lernen: Lernformate, in denen eine Generation als Lehrende bzw. Experte auftritt und die andere Generation als Lernende. Der Generationenunterschied nimmt in diesem Format indirekt Einfluss auf den Lernprozess, steht aber nicht im Zentrum inhaltlicher und didaktischer Planung.
  • Miteinander-Lernen: Angehörige verschiedener Generationen setzen sich in altersheterogenen Lerngruppen mit einem Thema auseinander. Die verschiedenen Generationen bilden dabei die Rahmenbedingung für das Lernen, bilden aber wie beim Voneinander-Lernen nicht den Kern des Lernprozesses.
  • Übereinander-Lernen: die verschiedenen Generationen mit ihren Erfahrungen, ihrem Wissen und ihren Anschauungen werden selbst zum Lerngegenstand. Es geht nicht nur um die Auseinandersetzung mit einem Thema, sondern um das Offenlegen verschiedener Perspektiven auf ein Thema. Die Generationen werden zum Lerngegenstand und das Verstehen der eigenen und der anderen Generation zum Lernziel (Schmidt-Hertha, 2014, S. 76).

Verschiedene Generationen sind an einem Tisch versammelt und basteln

Angehörige unterschiedlicher Generationen können auf vielfältige Weise voneinander lernen. (Bild: clementine mom/flickr.com, CC BY 2.0)

Wann kommen Lehrkräfte der Erwachsenenbildung in der Praxis mit intergenerationellen Lerngruppen in Kontakt? Kann man bereits von einem intergenerationellen Bildungsangebot sprechen, wenn Ältere und Jüngere gemeinsam einen Sprachkurs an einer Volkshochschule besuchen? Julia Franz (2014) teilt das intergenerationelle Lernen in vier Praxisbereiche auf.

1. Zufällige altersheterogene Kurssituationen

Menschen unterschiedlicher Generationen kommen aufgrund ihres Interesses in der allgemeinen Erwachsenenbildung (z. B. Sprachkurse) oder in Mitarbeiterfortbildungen zusammen. Dabei findet intergenerationelles Lernen eher nebenbei und zufällig statt.

2. Intergenerationelle Modellprojekte

In den vergangenen Jahren haben intergenerationelle Modellprojekte viel Aufmerksamkeit erzeugt. Sie zeichnen sich häufig dadurch aus, dass Mitarbeitende aus Bildungsinstitutionen speziell geschult und bei der Entwicklung eigener intergenerationeller Angebote begleitet werden. Zwei Beispiele unter vielen sind die Projekte „Generationen lernen gemeinsam“ und “Communication between generations – think, act, volunteer together!”.

3. Intergenerationelle Angebote

Es gibt auch Weiterbildungsangebote, die sich explizit an eine intergenerationelle Zielgruppe richten. Sie sind vor allem in der Familienbildung verbreitet. 

4. Intergenerationelles Engagement

Beim intergenerationellen Engagement steht der Einsatz für einen gemeinnützigen Zweck im Vordergrund. Der generationsübergreifende Einsatz führt aber auch zu einem beiläufigen, impliziten Lernen der Generationen von-, mit- und übereinander.  

Diese Einteilung erleichtert einen ganzheitlichen Blick auf das Feld des intergenerationellen Lernens.

Das folgende veranschaulicht praxisnah, welchen Mehrwert intergenerationelles Lernen haben kann. Es zeigt, wie brasilianische Studierende über das Internet im Tandem mit Seniorinnen und Senioren aus den USA die englische Sprache lernen. Das Video hat sich im Netz rasant verbreitet.

HandlungsfelderWo brauche ich das?

Die Auflistung der vier Praxisbereiche intergenerationellen Lernens zeigt, dass es viele Möglichkeiten gibt, wie Generationen von-, mit- und übereinander lernen können. Die Lehrkräfte haben dabei einen großen Einfluss auf den Lernprozess, da sie intergenerationelles Lernen initiieren, begleiten und reflektieren. Die Lehrkräfte sollten sich daher ihrer eigenen Rolle bewusst sein und, nach Franz (2014), vor allem drei Aspekte berücksichtigen:

1. Die Reflexion der eigenen Rolle

Die Lehrkraft sollte eine klare und neutrale Position zwischen den Generationen einnehmen und die eigene Genrationszugehörigkeit zurückstellen. In der Praxis darf sich die Begleitperson nicht auf die eine oder andere Seite stellen. Ziel ist, dass alle anwesenden Generationen sich beteiligen.

2. Eine flexible Kursgestaltung

Die Bedürfnisse der Generationen müssen ausbalanciert werden und unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen der Teilnehmenden in Einklang gebracht werden. Die Lehrkraft sollte flexibel auf die Interessen und Diskussionen reagieren und Alternativen und Kompromisse ermöglichen.

3. Eigene Ressourcen nutzen

Für die didaktische Planung intergenerationellen Lernens sollte sich die Lehrkraft zunächst auf eigene Erfahrungen mit verschiedenen Generationen stützen. Dabei hilft ihr die Checkliste Intergenerationelle Lerngruppen: Bringen Sie ihre eigenen Erfahrungen und Ressourcen ein. Außerdem helfen Gespräche mit anderen Kolleginnen und Kollegen, wertvolle Anregungen für die Gestaltung intergenerationellen Lernens zu bekommen (Franz, 2014, S. 84ff.).

Intergenerationelles Lernen kommt in der Kursrealität häufig vor. Es kann für die Teilnehmenden anregend wirken, manchmal aber auch eine Herausforderung für die Kursgestaltung darstellen. Ein Aufeinandertreffen verschiedener Generationen innerhalb einer Bildungsveranstaltung stellt nicht zwangsläufig einen Prozess des intergenerationellen Lernens dar. Die Lehrkraft muss diesen Prozess durch didaktische Planung anregen, damit die Teilnehmenden wirklich mit- statt nur aneinander vorbei lernen. Dabei bedarf es nicht zwangsläufig einer neuen, intergenerationellen Didaktik, sondern vielmehr bewährter didaktischer Prinzipien mit einer bewussten intergenerationellen Perspektive. Im Rahmen des Modellprojekts „Generationen lernen gemeinsam“ wurden sechs didaktische Prinzipien für das intergenerationelle Lernen formuliert, an denen sich Lehrkräfte orientieren können (Antz, Franz, Frieters, & Scheunpflug,S. 27ff.).

Sie müssen nicht alle didaktischen Prinzipien anwenden, sondern können eine gezielte Auswahl für Ihre Bildungsveranstaltung treffen. Die Infoboxen bieten Ihnen außerdem die Möglichkeit, die Generationenunterschiede durch den Einsatz von Methoden transparent zu machen und damit das Verständnis füreinander zu fördern sowie, unabhängig vom Thema, die Vorteile der unterschiedlichen Erfahrungen für das gemeinsame Lernen zu nutzen.

  • Biografie: Die Biografieorientierung verknüpft die Lernprozesse mit den unterschiedlichen Lebenserfahrungen der Teilnehmenden.
  • Sozialraum: Die Sozialraumorientierung ermöglicht es, die Lebenswelten und den Sozialraum, in dem sich die Teilnehmenden bewegen, in den Lernprozess einzubeziehen.
  • Interaktion: Eine Interaktionsorientierung in intergenerationellen Lerngruppen fördert den Dialog zwischen den Generationen und ermöglicht Verständigung sowie Perspektivwechsel.
  • Partizipation: Bei der Partizipationsorientierung ist das Ziel, einen gleichberechtigten Prozess des Miteinander-Lernens zu unterstützen, bei dem keiner Generation aufgrund ihres Alters eine herausgehobene Rolle zugeschrieben wird.  
  • Aktion: Die Aktionsorientierung zielt darauf ab, dass die Generationen gemeinsam etwas erleben oder gestalten. Aktionsbezogene Lernerfahrungen in der intergenerationellen Bildungsarbeit bieten z. B. Exkursionen oder gemeinsame Projekte wie Radiosendungen, Theaterstücke, Ausstellungen etc.
  • Reflexion: die Reflexionsorientierung betont die gemeinsame Auswertung individueller und kollektiver Erfahrungen des intergenerationellen Lernprozesses. Diese Erfahrungen beruhen häufig auf Differenzen, die zwischen den Generationen auftreten (z. B. Differenzen der Lebenserfahrung, Differenzen im Lernhabitus usw.). Das Erkennen eines Unterschieds regt zur Auseinandersetzung mit etwas Neuem an und initiiert somit Lernen.

DiskussionWas wird diskutiert?

Der Begriff Intergenerationelles Lernen wird in einem sehr breiten Kontext genutzt, wobei der gemeinsame Nenner häufig nur das Zusammentreffen mehrerer Menschen unterschiedlichen Alters ist. Bernhard Schmidt-Hertha (2014b) sieht als eine Grundbedingung des intergenerationellen Lernens die Diskussion zwischen den Generationen auf Augenhöhe sowie das Reflektieren über generationenspezifische Standpunkte an. Das Lernen der Generationen von-, mit- und übereinander ist nach Schmidt-Hertha gekennzeichnet durch die Rolle aller beteiligten Generationen als Lehrende und Lernende, ohne Hierarchien.

Intergenerationelles Lernen wird vielfach mit informellen, individuellen Lernprozessen in Verbindung gebracht (Familie, Beruf, ehrenamtliches Engagement etc.). Dabei wird der institutionelle Aspekt in Form von Bildungseinrichtungen vernachlässigt. Diese benötigen die Ressourcen und die Kompetenz, intergenerationelle Angebote zu schaffen. Außerdem wird die „mittlere Generation“ in der Diskussion um intergenerationelles Lernen häufig nicht berücksichtigt. Der Fokus liegt meist auf der jüngeren und der älteren Generation (Findsen, 2015).

Internationale BezügeWie sieht man das woanders?

In Deutschland scheint intergenerationelles Lernen zumeist im Kontext der Erwachsenenbildung erforscht zu werden. Im anglo-amerikanischen Raum hingegen überwiegt die Forschung hierzu im Kontext von Schulen und Hochschulen. Aus süd- und mitteleuropäischen Staaten ist bekannt, dass intergenerationelles Lernen im Zusammenhang mit ehrenamtlichem Engagement auf lokaler Ebene erforscht wird, wenn Jüngere und Ältere in gemeinsamen Initiativen und Projekten zusammenarbeiten (Schmidt-Hertha, 2014, S. 77)



Service

Verwandte Begriffe

Heterogene Lerngruppen, Altersheterogene Gruppen, Generationsübergreifendes Lernen, Lebenslanges Lernen

Zur Reflexion

  • Bieten Sie Bildungsveranstaltungen an, in denen verschiedene Generationen gemeinsam lernen? Überlegen Sie, welches der didaktischen Prinzipien für intergenerationelles Lernen Sie anwenden könnten und wählen Sie eine der dazugehörigen, im Text verlinkten Methoden für Ihre nächste Veranstaltung aus!

Literaturliste

  • Antz, E.-M., Franz, J., Frieters, N., & Scheunpflug A. (2009). Generationen lernen gemeinsam. Methoden für die intergenerationelle Bildungsarbeit. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Die Autorinnen und Autoren stellen das Forschungsprojekt „Generationen lernen gemeinsam: Nachhaltigkeit“ (2006–2008) vor. Die Katholische Bundesarbeitsgemeinschaft für Erwachsenenbildung (KBE) hat in einem Modellversuch Erwachsenenbildner an 15 Standorten in die Lage versetzt, eigene intergenerationelle Lernprojekte zum Thema Nachhaltigkeit zu initiieren. Diese Publikation beinhaltet zahlreiche generationssensible Methoden, die im Rahmen der intergenerationellen Lernprojekte angewandt wurden, und beschreibt sie detailliert. Manche dieser Methoden wurden speziell für intergenerationelle Lernarrangements entwickelt, während andere Methoden zwar bekannt, aber speziell für intergenerationelles Lernen geeignet sind.

  • Franz, J. (2014). Intergenerationelle Bildung. Lernsituationen gestalten und Angebote entwickeln. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Die Autorin bietet in dem Band aus der Reihe Perspektive Praxis des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung (DIE) einen umfassenden theoretischen Überblick über intergenerationelle Bildung. Außerdem stellt sie viele Praxisbeispiele sowie zahlreiche Checklisten und Handlungsanleitungen für Methoden zum intergenerationellen Lernen zur Verfügung. Das Buch eignet sich sowohl für Erwachsenenbildnerinnen und -bildner, die in intergenerationelle Bildung einsteigen, als auch für jene, die sich in diesem Bereich fortbilden möchten.


Quellen

Antz, E.-M., Franz, J., Frieters, N., & Scheunpflug A. (2009). Generationen lernen gemeinsam. Methoden für die intergenerationelle Bildungsarbeit. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Franz, J. (2014). Intergenerationelle Bildung. Lernsituationen gestalten und Angebote entwickeln. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Schmidt-Hertha, B. (2014). Kompetenzerwerb und Lernen im Alter. Bielefeld: W. Bertelsmann.

Schmidt-Hertha, B. (2014b). Different Concepts of Generation and their Impact on Intergenerational Learning. In B. Schmidt-Hertha, S. Jelenc Krasovec, & M. Formosa. (Hrsg.). Learning across Generations in Europe. Comtemporary Issues in Older Ault Education (S. 143–155). Rotterdam: Sense Publishers.

Findsen, B. (2015). Why does intergenerational learning matter? 


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