Erfahrungsbericht

Lehren in der Erwachsenenbildung: Dumpinghonorare und keine Absicherung

Kontur einer Frau

Die Kusleiterin möchte sich nur anonym äußern. (Bild: Niek Verlaan/pixabay.com, CC0)

Für das Dossier „Selbstständigkeit in der Erwachsenenbildung“ haben wir freiberuflich Lehrende in der Erwachsenenbildung nach ihren Einschätzungen und Erfahrungen gefragt. In einem Aufruf haben wir um Erfahrungsberichte und Interviews gebeten. Uns hat unter anderem eine E-Mail einer Kursleiterin aus Köln erreicht, die wir hier, gemäß ihrem Wunsch anonym, veröffentlichen.

Seit über zwölf Jahren unterrichte ich freiberuflich Deutsch, Englisch und Indonesisch bei unterschiedlichen Trägern und Auftragsgebern (z.B. Uni Köln, VHS Köln, diverse Unternehmen).

Deutschunterricht erteile ich zurzeit im ESF-BAMF-Projekt: „Berufsbezogene Sprachförderung für Migranten“ bei der VHS Köln und beim Akademischen Auslandsamt der Uni Köln.

Fremdsprachen unterrichte ich an der Uni Köln.

Bis vor Kurzem habe ich auch Sprachen an der VHS Köln unterrichtet, aber da mir nach über zwölf Jahren Lehrtätigkeit lediglich eine Honorarerhöhung von 1(!) Euro angeboten wurde, habe ich mich entschlossen, nicht mehr für ein Dumpinghonorar von 18 Euro zu unterrichten (für Deutsch gibt es 21 €; laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ab diesem Jahr 23 €).

An der Erwachsenenbildung fasziniert mich, dass die Kursteilnehmer sehr motiviert sind und sich im Unterricht stark engagieren. In den Deutschkursen für Migranten und Studenten reizt mich besonders die multikulturelle Zusammensetzung der Kurse. „Ich brauche keine Weltreise zu unternehmen, denn die ganze Welt sitzt in meinem Kurs zu Gast“ ist wohl meine Hauptmotivation. Es ist für mich persönlich eine große Bereicherung, so viele verschiedene Kulturen und Menschen kennenzulernen. Darüber hinaus bedeutet jede bestandene Sprachprüfung der Migranten und Studenten auch einen persönlichen Erfolg für mich selbst. Im ESF-BAMF-Projekt arbeite ich gemeinsam mit Jobcoachs daran, die Migranten in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Es ist sehr beglückend, wenn die Teilnehmer nach Beendigung des Kurses einen festen Arbeitsplatz finden.

Freiberuflichkeit als Belastung

In der Erwachsenenbildung erhält man häufig sehr viel positives Feedback von den Teilnehmern und hat in der Regel keine Disziplinprobleme (hier sind allerdings die Migrantenkurse ausgenommen).

Leider wird die Freiberuflichkeit immer mehr zur Belastung. Da die Honorare seit Jahren nicht angehoben wurden, bin ich gezwungen, immer mehr Stunden zu unterrichten. In Hochphasen erreiche ich 40 Unterrichtsstunden pro Woche. Die Honorare an der Uni bewegen sich zwar zwischen 30 und 40 Euro pro Unterrichtsstunde, aber dafür hat man keinen Verdienst während der Semesterferien, und als Lehrbeauftragte der Uni Köln darf man zudem nur maximal zehn Semesterwochenstunden unterrichten.

Erschwerend kommen die Kosten für Sozialversicherungen (Renten, Kranken- und Pflegeversicherung) hinzu, die ich zu 100 Prozent allein tragen muss. Ein Krankheitsfall bedeutet Verdienstausfall, denn es gibt keine Honorarfortzahlung, was bei einem meiner Kollegen beinahe zum sozialen Absturz auf Hartz IV geführt hätte. An der VHS Köln haben wir im vergangenen Jahr zumindest Urlaubsgeld für diejenigen erstreiten können, die mehr als 50 Prozent ihres Einkommens an der VHS Köln verdienen.

Viele meiner DaF-Kollegen versuchen, an öffentliche Schulen zu wechseln

Dozenten in der Erwachsenenbildung erhalten so gut wie keine Wertschätzung von den Auftraggebern. Dies spiegelt sich nicht nur in den kargen Honoraren wider, sondern auch in der Behandlung insgesamt: kein Lehrerzimmer, kein Zugang zu den Personaltoiletten, keine Weihnachts- oder Adventsfeiern, um Materialien wie Whiteboard-Marker muss gebettelt werden etc. Dafür wächst der bürokratische Aufwand pro Kurs, der dann in der Pause oder nach dem Kurs noch erledigt werden muss und natürlich NICHT honoriert wird.

Es ist sehr bedauerlich, dass Bildung in unserem Land einen so niedrigen Wert hat. Meine ehemaligen Teilnehmer in den VHS-Kursen waren geschockt, als ich Ihnen mitteilte, wie viel Honorar ich für den Kurs erhalte. Sie konnten meine Entscheidung gut verstehen, nicht mehr für dieses Honorar zu arbeiten. Nach zum Teil acht und zwölf Semestern endete für diese Teilnehmer das „lebenslange Lernen“. 

Viele meiner DaF-Kollegen versuchen übrigens, irgendwie an öffentliche Schulen zu wechseln, da ein Gymnasial- oder Realschullehrer das Drei(!)-fache verdient und sie fest angestellt werden wollen. Auf diese Weise gehen der Erwachsenenbildung die dringend benötigten, gut qualifizierten Lehrkräfte verloren.

CC BY-SA 3.0 DE by anonym für wb-web.de


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