Handlungsanleitung

Methoden für Flipped Classroom

Zum Konzept des Flipped Classroom gehören Interaktivität und Methodenvielfalt in Präsenzveranstaltungen. Das heißt, dem Seminar wird nicht nur eine Selbstlernphase vorgeschaltet, sondern auch die Veranstaltungen selbst verändern sich: Theorielastige Inputs fallen weg, neue Methoden kommen hinzu. Hier werden einige dieser Ansätze praxisorientiert erklärt.

Mehrere Menschen sitzen um einen Holztisch, haben Notizen auf dem Tisch, einen Laptop und eine Kaffeetasse

Lernende arbeiten in der Gruppe im Seminar (Bild: StartupStockPhotos/pixabay.com, CC 0

In Flipped-Classroom-Konzepten nehmen Lehrende eine neue Rolle ein: Sie sollen sich vom Erklärer zum Moderator wandeln, vom Dozierenden zum Begleiter des Lernprozesses. Was sich hier eher abstrakt liest, hat ganz praktische Auswirkungen auf das, was in der Präsenzveranstaltung passiert. Durch den Schub der eigenen Vorbereitung auf die Lehrveranstaltung sollen die Teilnehmenden motiviert werden, eigenständiger ihre Lernumgebung zu gestalten und weiterzuentwickeln. Also müssen sich auch die Teilnehmenden, die in der Regel klassische Lernformen gewöhnt sind, in eine neue Rolle einfinden. Das geht nicht mit einmaligem Einsatz, daher müssen auch diese Methoden in kleinen Schritten eingeführt werden. Die Teilnehmenden müssen die Chance haben, in diese Rolle hineinzuwachsen.

Die anzuwendenden Methoden in der Präsenzveranstaltung richten sich natürlich in erster Linie nach den Inhalten und den Lernzielen (und manchmal auch nach der Gruppengröße). Das Ziel der folgenden Auswahl von Methoden ist es, zum Ausprobieren und Variieren des eigenen Portfolios anzuregen. Dabei stellen wir neben der Methode mögliche Auswertungsformen sowie die Rolle der Lehrenden und Teilnehmenden vor.

  • Problemlösegruppen/Fallstudien
    Die Teilnehmenden bekommen in Gruppen Fallstudien zu dem von ihnen selbst vorab erarbeiteten Thema vorgelegt, zu denen Lösungen erarbeitet und anschließend präsentiert werden sollen. Die Fallstudien können unterschiedlich komplex sein und damit unterschiedlich zeitaufwendig. Bei der Bearbeitung der Fallstudien können die Gruppen miteinander kooperieren, sie können aber auch miteinander konkurrieren. Die Gruppengröße sollte zwei bis vier Personen betragen. Bei Gruppen, die größer sind als vier Personen, treten sehr schnell Motivationsverluste ein, die sich darin äußern, dass ein oder zwei Gruppenmitglieder sich aus unterschiedlichen Motiven zurückziehen. Bei maximal vier Personen in einer Gruppe hat noch jeder Teilnehmende das Gefühl, es komme auf seinen Beitrag auch wirklich an.
    Auswertung: Die Auswertung kann durch Präsentationen im Plenum erfolgen oder – wenn das die Gruppengröße nicht zulässt – durch Peer-Präsentationen vor einem anderen Team stattfinden. Das Feedback auf die Präsentationen kann unterschiedlich gestaltet werden: Befürchtet man, dass die Teilnehmenden zu passiv sind, können – idealerweise vorab – Personen benannt werden, die inhaltliche Fragen stellen sollen. Die Ergebnisse können auch von der Gesamtgruppe auf bestimmte Kriterien, beispielsweise Umsetzungsfähigkeit, überprüft werden und darüber kann eine Bewertung stattfinden.
    Rolle des Lehrenden: Berater bei den Prozessen innerhalb der Gruppen und in inhaltlichen Fragen.
    Rolle der Teilnehmenden: Gestalter eigener Lösungen, die sie gegenüber anderen als gute Lösungen verteidigen sollen. Sie schaffen damit neues Wissen, das sie den anderen Teilnehmenden vermitteln und dadurch reflektieren.
  • Denken-Verbinden-Teilen (engl. Think-Pair-Share)
    Die Teilnehmenden bekommen einen kontroversen Aspekt des vorbereiteten Themas präsentiert, beispielsweise in Form einer These, und sollen dazu Stellung beziehen und Thesen entwickeln. Das machen sie zunächst allein (Phase „Denken“), dann sollen sie ihre Ideen mit einer Partnerin oder einem Partner diskutieren und zu einer gemeinsamen Position finden (Phase „Verbinden“) und dann ihr Ergebnis den anderen Teilnehmenden mitteilen (Phase „Teilen“). Die verschiedenen Perspektiven und Ansätze sollen anschließend im Plenum diskutiert werden. Dabei sollte jeder durch die Auseinandersetzung in den verschiedenen Phasen ermutigt sein, seine Position zu verteidigen.
    Auswertung: Die unter Umständen sehr vielen Antworten können auf verschiedene Arten gesammelt werden: auf Moderationskarten oder im Internet, beispielsweise in einem Etherpad. Die Auswertung sollte in einer Plenumsdebatte münden, in der pointiert die Unterschiedlichkeiten der Positionen herausgearbeitet werden.
    Rolle des Lehrenden: Beantwortung inhaltlicher Fragen und aktivierender Moderator der Plenumsdiskussion.
    Rolle der Teilnehmenden: Die Teilnehmenden entwickeln eigene Thesen und müssen sich in einem diskursiven Prozess mit einer Partnerin oder einem Partner um einen inhaltlichen Kompromiss bemühen, der wiederum ein neues Ergebnis darstellt. Dieses Ergebnis geht in eine weitere diskursive Schleife, in der es verteidigt werden muss.
  • Drei-Phasen-Interview (engl. Three-Step Interview)
    Die Teilnehmenden finden sich in Paaren zusammen und der eine interviewt den anderen über die Inhalte, die zur Vorbereitung gegeben worden waren. In der ersten Phase stellt nur einer die Fragen und der andere antwortet. Der Fragende soll in dieser Phase nicht kommentieren oder diskutieren. In der zweiten Phase tauschen die beiden ihre Rolle. In der dritten Phase arbeiten die beiden die Punkte heraus, die ihnen beiden besonders wichtig waren und diskutieren diese mit einem anderen Zweier-Team, das möglicherweise zu anderen Ergebnissen gekommen ist.
    Auswertung: Eine formale Auswertungsphase kann hier auch unterbleiben und es kann nur auf die Kleingruppenergebnisse verwiesen werden. Wenn eine explizite Auswertung sinnvoll erscheint, kann den Gruppen aus den beiden Zweier-Teams aufgegeben werden, sich auf zwei wichtige Stichwörter aus ihrer Diskussion zu einigen. Damit sollen die Schwerpunkte der Gesamtgruppe gezeigt werden.
    Rolle des Lehrenden: Beantwortung inhaltlicher Fragen und Einhaltung des Ablaufs
  • Reaktions-Runden (engl. Reaction Sheets)
    Rolle des Teilnehmenden:
    Die Teilnehmenden wechseln als Fragensteller in die Rolle einer dozierenden Person. Sie sollen zudem reproduziertes Wissen bewerten und diese Bewertung gegenüber einem anderen Teilnehmenden-Team transparent machen.
  • Rotationsverfahren
    Die Teilnehmenden werden in Gruppen zu drei oder vier Personen aufgeteilt. Jede Gruppe bekommt eine spezielle Fragestellung und soll dazu Lösungen und Ideen notieren – diese Notizen dienen auch gleichzeitig als Grundlage für die weitere Bearbeitung. Nach Ablauf einer bestimmten Zeit, etwa 10 Minuten, verlässt die Gruppe ihren Arbeitsplatz, lässt aber ihre Notizen liegen. Jede Gruppe zieht zu einem Arbeitsplatz einer anderen Gruppe, wo die Ergebnisse der anderen Gruppe zu einer anderen Fragestellung liegen. Die Gruppe bearbeitet die Fragestellung, die sie nun vorfindet, weiter und ergänzt die Lösungsaspekte. Der Wechsel der Gruppenarbeitsplätze kann beliebig oft erfolgen, ideal ist natürlich, wenn jede Gruppe auch jede andere Aufgabe bzw. Fragestellung bearbeitet hat. Interessant ist, dass sich die Teilnehmenden mit den Lösungen anderer Teilnehmer beschäftigen müssen – und nicht wie sonst der Lehrende. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist zudem in der Regel tiefergehend, da ja nicht nur eine Aufgabe gelöst werden muss, sondern gleichzeitig in den Dimensionen Kritik und Verbesserungen eines fremden Vorschlags gedacht werden muss. Die Problemstellung wird so auf jeden Fall aus mehreren Perspektiven betrachtet.
    Auswertung: Jede Gruppe kehrt an ihren ursprünglichen Arbeitsplatz zurück und fasst in Form einer kurzen Präsentation die Ergebnisse zusammen.
    Rolle des Lehrenden: Beantwortung inhaltlicher Fragen und Einhaltung des Ablaufs
    Rolle der Teilnehmenden:
    Die Teilnehmenden werden zu Beurteiler und Weiterentwickler der erarbeiteten Lösungen anderer Teilnehmenden. 
  • Moderatorenwechsel
    Die Teilnehmenden bekommen kontroverse Diskussionsfragen vorgelegt, zu denen sie im Plenum debattieren sollen. Das Besondere ist hier, dass nicht der Lehrende moderiert, sondern Freiwillige aus dem Teilnehmendenkreis. Die Diskussionen zu den einzelnen Punkten können entweder zeitlich begrenzt sein oder so lange stattfinden, bis die Moderierende einen für sie akzeptablen Diskussionsstand präsentieren kann. Diese Methode hat nicht nur zum Ziel, individuelle Moderationsfähigkeiten zu fördern, ein weiterer Effekt ist, dass sich Teilnehmende in der Regel anders verhalten, wenn sie von anderen Teilnehmenden moderiert werden.
    Auswertung: Es ist keine explizite Auswertung vorgesehen. Der Lehrende kann den Moderatoren individuelles Feedback geben.
    Rolle der Lehrenden:
    Unterstützung des Moderierenden, wenn es notwendig sein sollte.
    Rolle der Teilnehmenden: Die Teilnehmenden wechseln die Rolle und leiten eine Diskussion mit den anderen Teilnehmenden.
  • Transformation
    Die Teilnehmenden sollen die Inhalte des vorbereiteten Materials in eine andere Form bringen. Die Kernbotschaften sollen als Bild, Comic, Infografik, Filmplakat, Rollenspiel, Piktogramm u.ä. dargestellt werden. Die Arbeit kann als Einzel- oder Gruppenarbeit durchgeführt werden und hat zum Ziel, das tiefe Verständnis der Inhalte zu fördern.
    Auswertung: Die Auswertung kann als Einzelpräsentation oder als Galerie stattfinden. Die Ergebnisse können im Plenum oder in Tandems diskutiert werden.
    Rolle des Lehrenden: Motivation der Teilnehmer, sich der ungewöhnlichen Sichtweise auf das Thema zu stellen.
    Rolle des Teilnehmenden: Die Teilnehmer produzieren durch die Übertragung in eine andere Darstellungsform neues Lernmaterial.

In dieser Auswahl wurden ganz bewusst häufig eingesetzte Methoden wie Selbsttests, Fishbowl-Methode und Pro-und-Contra-Debatten nicht aufgeführt.

Es wird empfohlen, mit den Elementen, die sich direkt auf die Materialien zur Vorbereitung beziehen, die Präsenzveranstaltung zu beginnen. Auch der Methodenmix spielt hier eine große Rolle, da sich Methoden wie Gruppenarbeiten abnutzen und durch andere Instrumente abgewechselt werden sollten.

CC BY SA 3.0 by Maria-Christina Nimmerfroh für wb-web



Das könnte Sie auch interessieren

Passende Wissensbausteine

Passendes Material