Fallbeispiel

So kann man eine Stunde "flippen"

Anhand eines Seminars zum Thema Nachhaltigkeit sollen die konkreten Herausforderungen in der Umsetzung eines Flipped Classroom-Konzeptes gezeigt werden. Sie können daran sehen, wie schwierige Situationen gemeistert werden und worauf sie bei der Durchführung achten sollten.

1.    Die Situation 

Unser konkretes Beispiel im Flipped Classroom beschäftigt sich mit nachhaltiger Kleidung. Das Thema wurde ausgewählt, weil es gerade zu den Kaufmotiven und -hemmnissen noch wenige Informationen gibt, es aber sehr viele Menschen in ihrer Konsumentenrolle betrifft. Deswegen wird davon ausgegangen, dass es für die Teilnehmenden von hohem Interesse ist.

Vorbereitung

Den Teilnehmenden wurden vorab folgende Materialien zur Verfügung gestellt:

Die Teilnehmenden sollten sich zwei der drei Dokumente aussuchen und dazu die folgenden drei Fragen beantworten:

  • Nennen Sie vier Gründe, warum die Menschen beim Konsum von Textilien nicht nach Nachhaltigkeitsaspekten entscheiden.
  • Nennen Sie zu jedem Grund ein Gegenargument.
  • Was könnte die Menschen dazu bewegen, nachhaltige Kleidung zu kaufen?

Die erarbeiteten Antworten sollten in Papierform zur nächsten Veranstaltung mitgebracht werden.

In der Präsenzveranstaltung

In der Präsenzveranstaltung werden die Teilnehmenden im Plenum gefragt: Welche Fakten und Ergebnisse haben Sie überrascht? Oder haben Sie das alles so erwartet?

2.    Mögliche Sichtweisen auf die Situation und darin bestehende Probleme 

a) Was kann man machen, wenn zu diesem Zeitpunkt schon alle wichtigen Punkte genannt werden und wenig für die folgende Gruppenarbeit übrig zu bleiben scheint?

b) Nur wenige Teilnehmende haben sich mit den Texten beschäftigt und somit können zum einen die Inhalte aus der Vorbereitung nicht verwendet werden und zum anderen noch große Kenntnisunterschiede vorhanden sein. Es könnte auch Frust bei denen aufkommen, die sich vorbereitet haben und sich fragen, warum sie Zeit investiert haben, obwohl es vielleicht nicht verbindlich für alle war.

3.     Mögliche Vorgehensweisen in der Situation

Zu a)

  • Eine Möglichkeit ist, den Schwerpunkt auf den Transfer der Inhalte zu legen. Die Lehrende erklärt den Teilnehmenden, wieso eine erneute Beschäftigung mit den wichtigen Aspekten und zwar in Form eines Rollenspiels notwendig ist. Als Grund gibt sie an, dass die Einstellungsänderung der Konsumierenden ein wesentlicher Punkt bei einer möglichen Verhaltensänderung ist. Diese Einstellungsänderung muss in der Kommunikation mit den Konsumierenden erarbeitet werden, wozu ein Rollenspiel sehr gut geeignet ist.
  • Die zweite Möglichkeit ist, den einzelnen Gruppen konkrete Problemstellungen für die Umsetzung im Rollenspiel vorzugeben, so dass additive Gruppenarbeiten entstehen.

Zu  b)

  • Eine Lösungsmöglichkeit ist, dass die Lehrende die Texte inhaltlich zusammenfasst und dadurch die inhaltliche Erarbeitung durch die Teilnehmenden ersetzt. Dabei muss die Lehrende berücksichtigen, dass es auch Teilnehmende gibt, die die Texte gelesen haben und für die dieser Teil der Lehrveranstaltung redundant wäre. Diese Zusammenfassung sollte also als Einleitung der folgenden Gruppenarbeit tituliert werden. Bei der Einteilung der Gruppen sollte darauf geachtet werden, dass sich in allen Gruppen sowohl vorbereitete als auch unvorbereitete Teilnehmende befinden.
  • Die Teilnehmenden sollen in Gruppen (zu zwei oder vier Personen) ein kurzes Rollenspiel entwickeln, in dem eine Käuferin bzw. ein Käufer nachhaltiger Kleidung einen Nicht-Käufer zu überzeugen versucht (in Gruppen mit vier Teilnehmenden stehen zwei überzeugten Käuferinnen bzw. Käufern zwei Nicht-Kaufende gegenüber). In dieser Phase werden unmittelbar die Ergebnisse aus der Vorbereitung genutzt. Die Rollenspiele werden je nach Gruppengröße zeitlich begrenzt und alle oder nur einige der Gesamtgruppe vorgespielt.
  • Die Teilnehmenden sollen Problemlösegruppen mit zwei bis vier Personen bilden und sich Maßnahmen überlegen, wie die unterschiedlichen Beteiligten sich in Bezug auf nachhaltige Kleidung optimal verhalten sollten und wie man das umsetzen kann. Die Beteiligten sind: Journalistinnen und Journalisten, Medien, Unternehmen der Bekleidungsindustrie, Handelsunternehmen, politische Entscheiderinnen und Entscheider, Kunden. Je nach Größe der Gesamtgruppe können die Aufgaben einmal oder mehrfach vergeben werden. Die ausgearbeiteten Maßnahmen werden der Gesamtgruppe so präsentiert, dass die Teilnehmenden die Maßnahmen direkt bewerten können (z.B. indem sie auf einer Metaplan-Wand aufgeführt werden). Alle Teilnehmenden vergeben nun für jede einzelne Maßnahme jeweils Punkte von eins bis zehn für die Aspekte Realisierbarkeit und Effektivität. Die jeweiligen Mittelwerte werden ermittelt, der Gesamtgruppe kommuniziert und als Gesamtergebnis der Maßnahmenerarbeitung diskutiert. Die Berechnung der Mittelwerte kann durch die Lehrende/den Lehrenden oder durch Teilnehmende erfolgen.
  • Vier oder fünf Teilnehmende, die sich vorbereitet haben, könne eine Art „Regierung“ bilden und sollen auf Grundlage der Ergebnisse bisheriger Diskussionen oder eigener Überlegungen politische Lösungen entwickeln. Die Diskussion findet in Form einer Fishbowl-Debatte statt, in der die Bürgerinnen und Bürger – die anderen Teilnehmenden – sich jederzeit beteiligen können. Die Diskussionsergebnisse können – falls gewünscht – wie in einem Gesetzgebungsverfahren von der Gesamtgruppe abgestimmt werden.

Aufgabe der Lehrenden: Die Lehrende achtet auf den Ablauf und darauf, dass trotz der vielen interaktiven Elemente die einzelnen Aufgaben ernst genommen werden.

4.    Herleitung und Begründung der Vorgehensweisen

Im Ergebnis sollen trotz der nicht optimal vorbereiteten Teilnehmenden die Lernziele der Veranstaltung erreicht werden. Die Kernfrage ist also, wie die Inhalte transportiert werden sollen, ohne den Charakter des Flipped Classroom-Konzeptes – interaktive Vertiefung innerhalb der Präsenzveranstaltung – zu stark zu verändern. Die Lösung wird dadurch hergeleitet, indem durch eine stark verkürzte Inputphase die Inhalte reduziert werden. Damit verbunden wird die Erwartung, dass während der interaktiven Elemente (wie Rollenspiele etc.) eine starke Auseinandersetzung der Teilnehmenden mit den Inhalten stattfindet und dadurch viele Informationen im Diskurs mit den anderen Teilnehmenden generiert werden. Hier besteht die Aufgabe der Lehrenden zusätzlich darin, die Ergebnisse zusammenzufassen und die Bedeutung dieser Informationen herauszustellen, so dass sie von den Teilnehmenden als eigener Wert aufgefasst werden.

Das Konzept Flipped Classroom kann bei sehr vielen Themen sinnvoll eingesetzt werden. Wichtig ist ein Aufgreifen der Inhalte aus der Vorbereitung in einer Form, die alle Teilnehmenden einbindet.


CC BY SA 3.0 DE by Maria-Christina Nimmerfroh für wb-web

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