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Open Educational Resources

Wie frei lizenzierte Materialien der Weiterbildungspraxis helfen

Wer die eigenen Seminarunterlagen, Handouts oder Online-Materialien nicht immer von Grund auf neu erfinden will, der findet im Internet einen riesigen Fundus an Inhalten. So kann man zum Beispiel die eigenen Materialien mit Fotos und Zeichnungen bebildern. Oder man übernimmt die Texte Dritter, wenn sie gut zum Thema passen. Doch Materialien aus dem Internet und das Urheberrecht – das ist nicht unbedingt eine Liebesbeziehung. Frei lizenzierte Materialien, sogenannte Open Educational Resources (OER) versprechen hier praktische Erleichterungen – und vielleicht sogar neue Formen der kollegialen Zusammenarbeit.

DefinitionWas ist das?

Das Symbol für frei zugängliche digitale Lernmaterialien (Bild: oer_logo_EN_1, Breno Trautwein/flickr.com, CC BY-SA)

Die UNESCO macht sich schon seit 2002 für das Thema OER stark. Sie definiert OER wie folgt:

„Lehr-, Lern- und Forschungsressourcen in Form jeden Mediums, digital oder anderweitig, die gemeinfrei sind oder unter einer offenen Lizenz veröffentlicht wurden, welche den kostenlosen Zugang sowie die kostenlose Nutzung, Bearbeitung und Weiterverbreitung durch Andere ohne oder mit geringfügigen Einschränkungen erlaubt.“ (UNESCO, 2013, S. 6)

Die Definition macht deutlich, dass Inhalte noch nicht als OER bezeichnet werden können, wenn sie „nur“ kostenfrei zugänglich veröffentlicht wurden. Es ist eine explizit ausgewiesene offene/freie Lizenz notwendig. („Offen“ und „frei“ wird im Folgenden synonym gebraucht.)

GeschichteWoher kommt das?

Die Idee von OER ist eng mit der Digitalisierung von Bildungsmaterialien verbunden. Zu Beginn des Jahrtausends wurden erstmals Kursmaterialien aus Hochschulen bereitgestellt, um den Wissenstransfer in Entwicklungsländer zu erleichtern. In Deutschland nahm das Thema erst ab 2012 Fahrt auf. Hier steht weniger der globale Blick im Vordergrund. Als Chancen werden vielmehr die Rechtssicherheit und Qualitätsverbesserung sowie die Potentiale für Zusammenarbeit und Austausch gesehen. Während OER in Deutschland zunächst vor allem für die Bereiche Schule und Hochschule diskutiert wurde, ist das Thema jetzt auch in der Weiterbildung angekommen (vgl. Blees, Deimann, Hirschmann, Muuß-Merholz & Seipel, 2015a).

MerkmaleWie geht das?

In der Weiterbildung spielen Lehr-Lern-Materialien in vielen Formen eine wichtige Rolle, zum Beispiel als Präsentation, Handout, Lehrbuch oder Übungen. Mit der Digitalisierung haben sich nicht nur neue Lernorte und -formen (e-learning etc.) eröffnet. Auch für die Materialien für die „Offline-Bildung“ werden häufig digitale Materialien aus eigener Herstellung, von Kolleginnen und Kollegen, Verlagen oder aus dem Internet neu zusammengestellt. Was dabei in der Erwachsenenbildung erlaubt ist und was nicht, lässt sich auf der Website kopierregeln.de nachlesen. Und eine Warnung gibt es dort auch dazu: „Verstöße gegen das Urheberrechtsgesetz sind kein Kavaliersdelikt. Sie sind strafbar. Als Sanktion sieht das Gesetz Geld- und sogar Freiheitsstrafen vor.“ 

Open Educational Resources sind eine Möglichkeit, die durch das Urheberrecht gesetzten Grenzen und die damit verbundene Verunsicherung zu überwinden. Im Kern geht es um einen einfachen Kniff: Der Urheber versieht sein Werk bei der Veröffentlichung mit einem Hinweis „Du kannst dieses Material gerne weiterverwenden.“ Aus dem üblichen „alle Recht vorbehalten“ wird ein „manche Rechte vorbehalten“. Damit kann jedermann solche Materialien bei sich speichern, in neuen Kontexten nutzen, an andere weitergeben, bearbeiten und neu zusammenstellen. Juristische Grundlage dafür sind freie Lizenzen in Form von sogenannten „Jedermann-Lizenzen“, wie sie beispielsweise von der gemeinnützigen Organisation Creative Commons bereitgestellt werden. Diese haben den Vorteil, dass sie bereits rechtssicher erprobt sind und für bald 1 Milliarde Inhalte im World Wide Web angewendet werden (vgl. Creative Commons, o.J.).

HandlungsfelderWo brauche ich das?

Open Educational Resources mag als Begriff in der Praxis der Weiterbildung noch wenig bekannt sein. Die damit verbundenen Potenziale gehören jedoch zur täglichen Praxis der Akteure. Die möglichen Vorteile im Überblick:

  • Effizienz: Zu den allermeisten Themen gibt es bereits gute Materialien. Wenn diese als OER freigegeben werden, können Praktikerinnen und Praktiker darauf aufbauen und müssen nicht von vorne beginnen.
  • Rechtssicherheit: OER dürfen per Definition weitergegeben werden, z.B. an Teilnehmende oder im Internet.
  • Anpassbarkeit: Viele vorhandene Materialien dürfen bearbeitet werden, so sie für den individuellen Einsatz verändert und angepasst werden können.
  • Zusammenarbeit: Auch in der Weiterbildung ist kollaboratives Arbeiten das Gebot der Stunde. OER können helfen, eine Kultur des Teilens in Teams vor Ort und Communities online zu fördern.
  • Qualität und Vielfalt: Wenn sich die Idee von OER gemeinsam mit einer guten Feedbackkultur ausbreitet, kann mittelfristig eine Erhöhung der Materialqualität erreicht werden. OER erlauben das Ausbessern von Fehlern, Verbesserungen, Erweiterungen und vielfältige Varianten.
  • Didaktik: Auch auf pädagogischer Ebene sind OER interessant. Im Sinne von projektorientiertem Lernen können auch Lernende selbst zu Produzierenden von Materialien werden, die anschließend weiterverwendet werden können.

Gleichzeitig sind im Bereich Weiterbildung der Idee von offen geteilten Materialien auch Grenzen gesetzt. Dabei geht es insbesondere um:

  • Vertraulichkeit: Gerade in der betrieblichen Weiterbildung sind Materialien häufig nicht nur sehr individuell, sondern auch „Betriebsgeheimnis“. 
  • Verkauf: In vielen Bereichen ist die Erstellung von Materialien Teil des Arbeitsauftrags an konkurrierende Weiterbildner. Hier kann es kontraproduktiv sein, die eigenen Materialien an die Konkurrenz weiterzugeben.
  • Aufwand: OER erleichtern die Arbeit, wenn man auf die Arbeiten Anderer zurückgreifen kann. Gleichzeitig ergibt sich für die korrekte Auszeichnung mit Lizenzen ein Mehraufwand, wenn man eigene Materialien zu OER machen will.
  • Qualität: In vielen Bereichen wird gerne auf die bewährten Materialien von Verlagen zurückgegriffen, weil damit ein gewisses Qualitätsversprechen verbunden wird. Für OER müssen sich entsprechend vertrauenswürdige Institutionen noch etablieren.

Ein kurzes Zwischenfazit: Gerade in Verbindung mit großen Trends der Weiterbildung können OER eine wichtige Rolle spielen. Das Potenzial ist aber in vielen Fällen mit grundlegenden Fragen oder gar kulturellen Veränderungen verbunden.

DiskussionWas wird diskutiert?

Das Thema OER hat auch auf politischer Ebene stark an Bedeutung gewonnen. Im Bundeshaushalt 2015 sind erstmal gesondert Mittel für OER ausgewiesen. Es ist zu erwarten, dass das Thema in der Folge auch in die Breite getragen wird. Hier kommt es darauf an, inwieweit das Konzept in der Praxis Akzeptanz findet und ob eine „Kultur des Teilens“ zwischen Weiterbildnerinnen und Weiterbildnern etabliert wird (vgl. Blees, Deimann, Hirschmann, Muuß-Merholz & Seipel, 2015b und Schöb, Sahlender, Brandt, Fischer & Wintermann, 2015).

Internationale BezügeWie sieht man das woanders?

Auf internationaler Ebene wird das Thema OER von verschiedenen Akteuren voran getrieben, darunter die UNESCO, die OECD und die EU-Kommission. Letztere hat 2013 eine InitiativeDie Bildung öffnen: Innovatives Lehren und Lernen für alle mithilfe neuer Technologien und frei zugänglicher Lehr- und Lernmaterialien“ gestartet. In Europa ist besonders Großbritannien hervorzuheben, wo bereits zahlreiche Aktivitäten in der Erwachsenenbildung mit OER verbunden werden. Auch in den USA sind einige groß angelegte OER-Projekte in der (beruflichen) Erwachsenenbildung zu verzeichnen (vgl. Blees, 2015). 


CC BY SA 3.0 by Jöran Muuß-Merholz für wb-web


Service

Verwandte Begriffe

Deutschland, Einführung, Grundlagen, Überblick;

Lehr-Lern-Materialien, Unterlagen, Handouts, Medien;

Freie Bildungsmaterialien, OEP, OER, Open Educational Practices; Open Educational Resources, Open Educationals Practices;

Urheberrecht, freie Lizenzen, Creative Commons Lizenzen;

lebensbegleitendes Lernen, Lebenslanges Lernen, Erwachsenenbildung, Weiterbildung, Quartärer Bildungsbereich

Zur Reflexion

  • „Alle Bildungsmaterialien, deren Erstellung durch öffentliche Mittel (Steuergelder) finanziert wurden, sollten der Öffentlichkeit frei (als OER) zur Verfügung stehen!“ Wie denken Sie über diese politische Forderung? 
  • Was spricht für Sie persönlich dagegen, von Ihnen erstellte Materialien als OER zu veröffentlichen? Bei welchen Inhalten ginge das gar nicht, bei welchen besonders gut?

Literaturliste

  • Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.) (2014): „Was sind Open Educational Resources?“ Und andere häufig gestellte Fragen zu OER. Bonn. Zu finden unter www.unesco.de/oer-faq.html (Stand 08.07.2015).
    Die Broschüre bietet solides Hintergrund- und Grundlagenwissen sowie eine einflussreiche Definition zu OER.
  • Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. Gütersloh. Zu finden unter: http://open-educational-resources.de/oer-whitepaper-weiterbildung/  (Stand 08.07.2015).
    Das Whitepaper bietet eine grundlegende Einführung in das Thema OER mit speziellem Fokus auf die Situation in der Erwachsenenbildung und Weiterbildung. Neben einer Definition und rechtlichen Hinweisen zur Verwendung der verschiedenen CC-Lizenzen stellt es die institutionellen und pädagogischen Rahmenbedingungen des Einsatzes von OER dar.
  • Weizmann, J. (2014): Offene Bildungsressourcen (OER) in der Praxis. 2. Auflage. Hrsg. von Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb), Berlin. Zu finden unter http://www.mabb.de/information/service-center/download-center/details/oer-broschuere-2-auflage-6.html (Stand 08.07.2015).
    Die Broschüre bietet praktische Informationen für Multiplikatoren in der schulischen und außerschulischen Bildung.
  • open-educational-resources.de – Transferstelle OER:
    Die Transferstelle für OER ist ein Think-and-Do-Tank zum Thema OER in Deutschland. Die Website bietet umfassende Informationen zu den aktuellen Entwicklungen des Themenfeldes, Literatur- und Veranstaltungsübersichten, eine Podcastreihe und Fortbildungsangebote. Betreiber ist die Agentur J&K – Jöran und Konsorten.

Quellen

Blees, I. (2015): Internationale Einordnung: Der Blick ins Ausland. In: Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. Gütersloh. S. 37–43.

Creative Commons (o.J.): „State of the Commons”. Abgerufen von https://stateof.creativecommons.org/ (10.07.2015).

Deutsche UNESCO-Kommission (Hrsg.) (2013): „Was sind Open Educational Resources?“ Und andere häufig gestellte Fragen zu OER. Bonn. Abgerufen von www.unesco.de/oer-faq.html (08.07.2015).

Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale 2015. Gütersloh. Abgerufen von  http://open-educational-resources.de/oer-whitepaper-weiterbildung/  (08.07.2015).

Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Ausblick und Erwartungen: Welche Faktoren beeinflussen die zukünftige Entwicklung? In: Muuß-Merholz, J., Blees, I., Deimann, M., Hirschmann, D. und Seipel, H. (2015): Whitepaper Open Educational Resources (OER) in Weiterbildung / Erwachsenenbildung – Bestandsaufnahme und Potenziale. Gütersloh. S. 58–65.

Schöb, S., Sahlender, M., Brandt, P., Fischer, M., Wintermann, O. (2015): Information und Vernetzung – Bedarfe und Erwartungen von Lehrkräften an online-gestützte Fortbildungsangebote. Eine Umfrage der Universität Tübingen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung und des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung. Abgerufen von http://www.die-bonn.de/id/31564/about/html/ (08.07.2015)


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