Wissensbaustein

Lernort

Der Ort bestimmt entscheidend die Qualität des Lernens

Wo passiert Lernen? In einem zugigen, schlecht beleuchteten Klassenraum, in der Straßenbahn mit dem Buch auf den Knien, zwischen den unendlichen Buchreihen einer Bibliothek, in der App auf dem Smartphone – oder doch eigentlich nur im Kopf des Lernenden selbst? Auf die Frage nach dem Ort oder dem Raum des Lernens gibt es viele Antworten. Die interessantesten und wichtigsten für Weiterbildnerinnen und Weiterbildner fasst dieser Wissensbaustein zusammen.

DefinitionWas ist das?

In Bezug auf die Erwachsenenbildung kann der Lernort mit Siebert (2006, S. 20) definiert werden als eine Umgebung, „die Erwachsene zum Zweck des Lernens zeitlich begrenzt aufsuchen“. Im Zusammenhang mit dem Begriff des Lebenslangen Lernens fasst dies Nuissl (2006, S. 29) deutlich weiter: „Alles ist ein Lernort“.

Konkret lassen sich Orte vom klassischen Schulungsraum über Museen, Bibliotheken oder den Arbeitsplatz bis hin zum Waldlehrpfad und zu virtuellen Lernumgebungen als Lernorte definieren.

Der Begriff „Lernraum“ spannt den Bogen hin zur Architektur oder grundsätzlich dem physischen Raum, in dem Lernen stattfindet. Der real gestaltete Raum hat entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg, sagen Neurowissenschaftler. Gerhard Roth etwa spricht von einem „Ortsgedächtnis des Lernenden“: Der Ort, an dem Wissen erworben wird, ist mit dem Inhalt abgespeichert (Roth 2003a, S. 27).

Siebert versteht unter Lernräumen „ökonomische und soziokulturelle, ökologische und politische Gebilde, worunter

  • Stadtteile,
  • Industriegebiete,
  • grenznahe Regionen,
  • Landschaften,
  • geschichtliche Brennpunkte,
  • multikulturelle Wohnorte,
  • touristische Attraktionen u.a.

zu subsumieren sind“ (Siebert, 2006, S. 21).

Die Begriffe „Lernort“ und „Lernraum“ werden nicht immer deutlich unterschieden und hier deshalb gemeinsam behandelt.

Mann im Korbsessel in einem asiatischen Garten

Selbstgeschaffene Lernorte begünstigen gute Lernergebnisse. (Bild: Argus398/Pixabay.com, CC 0)

GeschichteWoher kommt das?

Der Begriff Lernort wurde vom Deutschen Bildungsrat 1974 in den bildungspolitischen Sprachgebrauch und damit auch in die pädagogische Fachsprache eingeführt (Pätzold, 2006, S. 26). Ein Lernort ist demnach „eine im Rahmen des öffentlichen Bildungswesens anerkannte Einrichtung, die Lernangebote organisiert“ (ebd.). Die Definitionen von Betrieb, Lehrwerkstatt und Studio als „außerschulische“ Lernorte stellen diese in Hinblick auf ihre pädagogische Funktion im Lernprozess auf eine Ebene mit der Schule. 

Mit den Heimvolkshochschulen entstanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die ersten Lernorte speziell für die Erwachsenenbildung. 1959 forderte Franz Pöggeler, der Vorreiter der deutschen Erwachsenenbildung, „Neue Häuser für die Erwachsenenbildung“  in seinem gleichnamigen Buch. Nur mit eigens dafür entworfenen Bauten und Räumen könne Erwachsenenbildung gelingen, so Pöggeler. 1955 entstand als erster bundesdeutscher Volkshochschul-Neubau die sogenannte „insel“ in Marl. Zu den jüngsten Planungen dieser Art zählt das Bildungshaus in Wolfsburg

Den Zusammenhang zwischen Bildung und Raum spiegeln auch die Begriffe „Bildungslandschaft“  (z.B. das Zusammenspiel aller Bildungsanbieter einer Stadt oder einer Region) oder „Sozialraum“ (Einbindung passender Angebote in die konkrete Lebensumwelt der Lernenden, z.B. im Stadtviertel). 

MerkmaleWie geht das?

Ein Lernort oder Lernraum sollte sich von anderen Orten durch seine didaktische Qualität unterscheiden (Nuissl, 2006, S. 29). Außerschulische Lernorte – etwa Museum oder Arbeitsplatz – haben nicht per se diese Qualität. In non-formalen oder informellen Lernsituationen schaffen sich erwachsene Lerner ihre Lernorte selbst, etwa am Schreibtisch zuhause oder in der Cloud im Internet.

Institutionelle Lernorte sollten vom Anbieter mit einer didaktischen Konzeption ausgestattet werden, um Lernenden die Möglichkeit zu geben, für sich Lernorte zu definieren und diese an die eigenen Lernstrategien und Lernprozesse anzupassen. Lernorte sollten

  • handlungs- und praxisbezogen sein,
  • einen breiten Interessenzugang ermöglichen,
  • eine emotionale Beziehung zum Lernenden herstellen,
  • ganzheitliche Bezüge ermöglichen,
  • eine ästhetisch definierte Qualität aufweisen

(Nuissl, 2006, S. 31).

Seminarraum mit langen Tischreihen, alle schauen frontal nach vorne auf den Dozenten.

Institutionelle Lernorte geben oft durch ihre Gestaltung vor, wie dort gelehrt und gelernt wird. (Bild: WS_29_Seminarraum_8_05_univie/Universität Wien, CC BY-NC 2.0)

Lernorte der Erwachsenenbildung – vom Seminarraum über die Ausstellung bis zur Bibliothek – sollten bestimmte Qualitätsstandards hinsichtlich Funktionalität und Ausstattung erfüllen und je nach Zielgruppe, Thema, Lernziel und Methodik flexibel gestaltbar sein. 

HandlungsfelderWo brauche ich das?

In der Praxis ist der Einfluss des Lehrenden auf den Lernort eher gering, wird der Raum für eine Veranstaltung doch meist von der anbietenden Institution vorgegeben. Der Lehrende sollte aber die räumlichen Gegebenheiten in jedem Fall in seine Kursplanung einbeziehen: Größe und Gestalt des Klassenraums, die Art der Sitzmöbel, die Ausstattung mit Tafel, Flipchart oder digitalem Whiteboard müssen bei der Planung berücksichtigt werden. Wenn möglich, sollte die Dozentin den Raum vor der eigentlichen Veranstaltung besichtigen, um bestimmte Fragen zu klären:

  • Wie ist die Akustik im Kursraum, hallt es?
  • Können alle Teilnehmenden sehen, was ich an die Tafel/auf das Flipchart schreibe?
  • Wie ist das Licht, die Farbgestaltung?
  • Sind die nötigen Materialien im Raum vorhanden?
  • Wie kann die Sitzordnung 
    variiert werden?
  • Welche Medien (online oder offline) kann ich in dem Raum nutzen?
  • Wie kann ich gegebenenfalls die Lernatmosphäre verbessern, z.B. mit Fotos, Postern oder Ähnlichem?
  • Wie könnten die Lernenden den Raum als ihren Lernort selbst gestalten?

Yoga auf der Bergwiese, Aquarellmalerei im Museum, Deutsch für Migranten in Moscheen – zahlreiche Kursangebote und Trainings finden außerhalb institutioneller Räume statt. Dabei sollte aber immer ein Bezug zwischen dem didaktischen Konzept und der Wahl des Ortes vorhanden sein. 

DiskussionWas wird diskutiert?

In Deutschland entstanden in den vergangenen Jahren Institutionen, die Informations- und Bildungsdienstleistungen an einem Ort bündeln. Bibliothek und Volkshochschule befinden sich in einem gemeinsamen Gebäude, z.B. im Haus der Bildung in Bonn, im „Stadtfenster“ Duisburg oder im RW 21 in Bayreuth. Die Räume bieten die Möglichkeit zum individuellen oder gemeinsamen Lernen.

Durch die Entwicklung von Social Media und Mobile Learning findet Lernen immer öfter losgelöst von einem festen Raum statt. In „virtuellen“ Lernräumen entstehen persönliche Lernumgebungen, die in Bezug auf Methoden und Lernwege neue Strategien für Lernende und Lehrende erforderlich machen. Hier geht es zum Beispiel um die Frage, „ob und wie die Werkzeuge, die in virtuellen Lernräumen kombiniert werden, reflexive und kooperative Prozesse der Konstruktion von Wissen bzw. des Erlangens von Erkenntnissen fördern oder ermöglichen“ (Rummler, 2014, S. 13).

Beispiel für die Verschränkung von realer und virtueller Welt sind Anwendungen der sogenannten „Augmented Reality“, in der die Sicht auf reale Objekte mit computergenerierten visuellen Informationen ergänzt bzw. mit ihnen zusammengeführt wird (Rohs, 2010, S. 43).

Der Hirnforscher Gerhard Roth verortet den Vorgang des Lernens im Lernenden selbst: „Wissen kann nicht übertragen werden; es muss im Gehirn eines jeden Lernenden neu geschaffen werden“ (Roth, 2003, S. 20). Dies korrespondiert mit der kognitivistischen Auffassung von Lernen als einer individuellen Konstruktion von Wirklichkeit. 

Internationale BezügeWie sieht man das woanders?

Neue Bildungsinfrastrukturen, oft eine Kombination aus Bibliothek und flexiblen Lernangeboten entstehen in vielen europäischen Städten. In London wurden seit 2002 mehrere sogenannte "Idea Stores" eröffnet, die neben einer Bibliothek Kurse für Erwachsenenbildung und kulturelle Veranstaltungen bieten.

Ein weiterer Trend, informelle Lernorte zu gestalten, kam um die Milleniumswende in den USA auf. „FabLabs“ und „Maker Spaces“ entstanden im Umfeld der Hackerszene und auf der Suche nach alternativen Herstellungsformen. Meist steht ein 3-D-Drucker im Zentrum der Aktivitäten. Inzwischen gibt es die Werkstätten für Tüftler und Kreative auch in vielen deutschen Einrichtungen, z.B. in der Stadtbibliothek Köln oder der Sächsischen Landesbibliothek Dresden.


Service

Zur Reflexion

  • Welche Elemente in Ihrem aktuellen Veranstaltungsraum würden Sie ändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten? Machen Sie eine Liste mit mindestens fünf Punkten.

  • Wie sähe der ideale Raum für Ihre nächste Veranstaltung aus? Machen Sie eine Liste oder einen Plan mit den entsprechenden Punkten.

Literaturliste

  • Bernhard, C., Kraus, K., Schreiber-Barsch, S., & Stang, R. (Hrsg.). (2015). Erwachsenenbildung und Raum. Theoretische Perspektiven – professionelles Handeln – Rahmungen des Lernens. Bielefeld: W. Bertelsmann.
    Die Autorinnen und Autoren präsentieren theoretische Zugänge, reflektieren professionelles Handeln und diskutieren Rahmungen des Lernens aus verschiedenen Perspektiven. So soll ein Überblick über die verschiedenen Linien im Diskurs über Raum in der Erwachsenen- und Weiterbildung ermöglicht werden.
  • Nuissl, E., & Nuissl, H. (Hrsg.). (2015). Bildung im Raum. Baltmannsweiler: Schneider.
    Die Herausgeber bringen als Experten für Erwachsenenbildung bzw. Raumplanung ihre unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema mit und haben Beiträge versammelt, die das wechselseitige Verhältnis zwischen Bildung und Raum thematisieren. Schwerpunkte bilden die Themen Bildungslandschaft und Sozialraumorientierung.
  • Rummler, K. (2014). Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken. Münster, New York: Waxmann.
    Die Beiträge in diesem Band beschäftigen sich überwiegend mit den Auswirkungen der Einbindung digitaler Medien auf die Gestaltung von Lernumgebungen. Vorgestellt werden u.a. der Einsatz von Blogs oder Smartphones und Tablets, mobile Unterrichtsszenarien, Blended-Learning-Konzepte und Konzepte für MOOCs sowie die Einbeziehung von Spielelementen in Lernräume (Gamification).
  • Wittwer, W., Diettrich, A., & Walber, M. (Hrsg.). (2015). Lernräume. Gestaltung von Lernumgebungen für Weiterbildung. Wiesbaden: Springer VS.
    Zu diesem Band haben nicht nur Bildungswissenschaftler und -praktiker, sondern auch Architekten beigetragen. Die Autoren identifizieren für den Raum mehrere Funktionen und behandeln den materiellen Raum, den Raum als sozialen Erfahrungsraum, als Kooperationsraum und als virtuellen Raum aus ihren jeweiligen Perspektiven. So wird eine interdisziplinäre Sicht auf das Zusammenspiel von Raum und Lernen möglich.
  • Schrader, J. (Hrsg.). (2015): Bildungslandschaften. DIE Zeitschrift für Erwachsenenbildung (4).
    Der Themenschwerpunkt der DIE Zeitschrift 4/2015 beinhaltet zahlreiche Beiträge rund um das Thema Bildungslandschaften, z.B. zu „Perspektiven für eine bildungsorientierte Stadtentwicklung“, „Lernenden Städten“, und „Bildungsnetzwerken der Erwachsenenbildung“. 

Quellen

Nuissl, E. (2006). Der Omnibus muss Spur halten. DIE Zeitschrift, 4, 29–31. Abgerufen von www.diezeitschrift.de/42006/nuissl0604.pdf

Pätzold, G., & Goerke, D, (2006). Rückblicke. Lernen und arbeiten an unterschiedlichen Orten? Zur Geschichte des Lernortbegriffs in der Berufs- und Erwachsenenbildung. DIE Zeitschrift, 4, 26–28. Abgerufen von www.diezeitschrift.de/42006/paetzold0601.pdf

Rohs, M. (2010). Zur Neudimensionierung des Lernortes. Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, (33)2, 34–45. Abgerufen von www.die-bonn.de/doks/report/2010-lernort-02.pdf

Roth, G. (2003a): Warum sind Lehren und Lernen so schwierig? Report. Zeitschrift für Weiterbildungsforschung, 3, 20–28. Abgerufen von www.die-bonn.de/esprid/dokumente/doc-2003/nuissl03_07.pdf#page=20

Roth, G. (2003b). Fühlen, Denken, Handeln: Wie das Gehirn unser Verhalten steuert. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Rummler, K. (2014). Lernräume gestalten – Bildungskontexte vielfältig denken. Münster, New York: Waxmann.

Siebert, H. (2006). Stichwort „Lernorte“. DIE Zeitschrift, 4, 20–21. Abgerufen von www.die-bonn.de/id/3459

Wittwer, W., & Diettrich, A. (2015). Zur Komplexität des Raumbegriffs. In W. Wittwer, A. Diettrich, & M. Walber (Hrsg.), Lernräume. Gestaltung von Lernumgebungen für Weiterbildung (S. 11–28). Wiesbaden: Springer VS.


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