Erfahrungsbericht

Die Zufriedenheit mit einer Entscheidung steht im Vordergrund des systemischen Konsensierens 

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Entscheidungen in Gruppen werden oft durch Abstimmungen entschieden, die auf Diskussionen beruhen. Die Gefahr bei Abstimmungen ist, dass das Ergebnis nicht für alle zufriedenstellend ist. Die Methode des systemischen Konsensierens will Abhilfe schaffen. In diesem Interview berichtet eine Trainerin von ihren positiven Erfahrungen mit der Methode.

wb-web: Frau Arndt, Sie kennen das systemische Konsensieren schon lange, was genau verbirgt sich dahinter?

Tina Arndt: Systemisches Konsensieren ist eine Methode, eine Lösung zu finden, die von den Teilnehmenden oder Gruppenmitgliedern getragen wird. Normalerweise stimmen wir in strittigen Situationen ja einfach ab. Erst wird diskutiert, vielleicht dreht sich alles im Kreis und dann wird abgestimmt. Dann gibt es eine einfache Mehrheit oder zwei Drittel – je nachdem wie man sich vorher einigt. Und dann ist die Sache entschieden. Was hier nicht berücksichtigt wird, ist der Ärger derjenigen, die in dieser Abstimmung unterliegen. Oder auch die guten Gründe für ihren Widerstand. Aus solchen Situationen entsteht oft Frust oder Widerstand „im Untergrund“. Systemisches Konsensieren hat dagegen einen ganz anderen Ansatz: Der Widerstand der einzelnen Teilnehmenden wird abgefragt und damit ernst genommen. Wenn durch das Konsensieren ein Ergebnis festgestellt wurde – dann kann man Teilnehmende, die einen hohen Widerstand haben, je nach Fragestellung fragen: „Was würde dir helfen, mit gutem Gewissen doch zuzustimmen, mitzumachen etc?“ Aus meiner Erfahrung kann ich berichten, dass schon allein dadurch Widerstände geringer und vor allem der Ärger weniger wird oder sogar ganz verschwindet.

wb-web: Das heißt, nach dem Prozess des Konsensierens, was in unserer Handlungsanleitung erklärt wird, greift man das Ergebnis nochmals auf?

Tina Arndt: Ja, sicher. Wenn sich nach dem Konsensieren herausstellt, dass es bei Einzelnen einen sehr hohen Widerstand gegen das Ergebnis gibt, ist es wichtig, diesen Widerstand zu thematisieren. Im Gespräch können sich Lösungen abzeichnen. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Bei dem Versuch, einen Termin für ein gemeinsames Treffen zu finden, stellt sich heraus, dass der Donnerstag den geringsten Widerstand erzeugt. Eine Person hat aber dort zehn Punkte eingetragen. Der Grund dafür ist, dass die Person keinen Babysitter für den Tag hat. Im normalen Abstimmungsprozess würde man diesen Grund vielleicht gar nicht bemerken. Beim Konsensieren können wir ihn aufgreifen und dann gemeinsam Lösungen finden. Vielleicht wäre eine Lösung auch, den Termin zu nehmen, der den zweitgeringsten Widerstand hat, oder die Person bringt das Kind mit. Lösungen gibt es viele, da ist die Gruppe kreativ. Was ich damit sagen will: Die Zufriedenheit aller mit dem Ergebnis ist in den meisten Fällen sicherlich höher, als bei einer reinen Abstimmung. Das Konfliktpotenzial wird gesenkt und damit die Gefahr, dass einzelne Gruppenmitglieder den weiteren Gruppenprozess stören.

wb-web: Hört sich schlüssig an. Gibt es auch Situationen, in denen das systemische Konsensieren keinen Sinn macht?

Tina Arndt: Nein, im Gegenteil, hätte ich das Prinzip schon vor Jahren gekannt, wären sicher manche Gruppenentscheidungen schneller und zufriedenstellender gelöst worden. Ganz besonders erinnere ich mich an eine Situation, in der mir das systemische Konsensieren geholfen hätte: Ich habe damals als Trainerin mit den Mitarbeiterinnen einer Abteilung im Krankenhaus gearbeitet. Irgendwann stellte sich die Frage, wer die Pflegedienstleitung übernehmen solle. Das wäre eine wunderbare Anwendung für das systemische Konsensieren geworden. Mir ist zum Glück eine sehr gute andere Vorgehensweise eingefallen, die mit einer simplen Abstimmung nichts zu tun hatte. Aber ja, da wäre das Prinzip hilfreich gewesen.

 

Tina Arndt ist Supervisorin, Mediatorin, Coach und Trainerin – und jetzt im Ruhestand. Das systemische Konsensieren setzt sie heute vor allem im Rahmen des Wohnprojekts zum Mehrgenerationenleben, in dem auch sie lebt, ein. 


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