Blog
Regionale Vielfalt als Erkenntnischance
Wie kann aus regionalen Erfahrungen ein gemeinsamer Wissensbestand für Alphabetisierung und Grundbildung entstehen? Das Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE untersucht, welche Wege, Bedingungen und Kooperationen tragfähig sind.
Die Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener blickt in Deutschland auf eine lange Geschichte fachlicher, praktischer und politischer Entwicklungen zurück. Über Jahrzehnte wurden Angebote, Konzepte und Strukturen aufgebaut und weiterentwickelt. Die AlphaDekade hat daran angeknüpft, bestehende Entwicklungen fortgeführt und neue Impulse gesetzt: Lern- und Beratungsangebote wurden erprobt, Materialien entwickelt, Fachkräfte qualifiziert und regionale Kooperationen ausgebaut. Zugleich wurden wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen und vielfältige Erfahrungen darüber gesammelt, wie Erwachsene mit Grundbildungsbedarf erreicht und auf ihren Bildungswegen unterstützt werden können.
Diese Bilanz ist anzuerkennen. Zugleich zeigt die Ex-ante-Evaluation, die zur Vorbereitung möglicher Nachfolgemaßnahmen der AlphaDekade durchgeführt wurde, weiteren Forschungs- und Entwicklungsbedarf auf – unter anderem hinsichtlich der Wirkungen geförderter Ansätze, ihrer Umsetzung unter unterschiedlichen Bedingungen und des Transfers gewonnener Erkenntnisse (Krichewsky-Wegener & Erckrath, 2025).
Damit stellt sich eine zentrale Frage: Wie kann aus dem vielfältigen, kontextgebundenen Wissen einzelner Projekte ein gemeinsamer Wissensbestand entstehen, der die Alphabetisierung und Grundbildung über Förderperioden hinaus weiterbringt?
Wirkung und Reichweite zusammendenken
Mit dieser Frage ist zugleich eine Wirkungsdimension angesprochen, die in der Alphabetisierung und Grundbildung seit längerem diskutiert wird. Das Feld steht einerseits vor der Herausforderung, den Nutzen geförderter Angebote und Strukturen nachvollziehbar zu machen. Andererseits erreicht die organisierte Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit nur einen kleinen Teil der Erwachsenen, für die entsprechende Angebote potenziell relevant sein könnten. Die LEO Studie (2018) weist rund 6,2 Millionen gering literalisierte Erwachsene aus; lediglich 0,7 Prozent dieser Gruppe hatten in den vorangegangenen zwölf Monaten an einem Angebot der Alphabetisierung oder Grundbildung teilgenommen (Grotlüschen et al., 2019). Reichweite ist damit selbst eine wichtige Bedingung, unter der über Wirkung gesprochen werden muss.
Wirkung lässt sich deshalb nicht allein an der Kompetenzentwicklung bereits erreichter Teilnehmender festmachen. Relevant ist auch, ob Zugänge entstehen, Übergänge in Lernangebote gelingen und erworbene Kompetenzen im Alltag oder Beruf genutzt werden. Ein solcher breiterer Wirkungsbegriff ist nicht neu. Zugleich weist die internationale Forschung zu Adult Basic Education darauf hin, dass weiterführende individuelle und gesellschaftliche Erträge empirisch nur schwer eindeutig einer Intervention zugerechnet werden können (Kim & Belzer, 2021). Wirkungsorientierung verlangt daher eine Unterscheidung zwischen beobachtbaren Veränderungen, plausiblen Wirkzusammenhängen und belastbaren kausalen Nachweisen.
Für die Untersuchung regionaler Grundbildungspfade ergibt sich daraus eine erweiterte, aber zurückhaltende Perspektive: Neben der Frage, ob ein Ansatz wirkt, interessiert, wen er erreicht, an welcher Stelle eines möglichen Bildungswegs er ansetzt, welche Veränderungen dort sichtbar werden und unter welchen Bedingungen sie zustande kommen? Eine grundbildungssensible Bildungsberichterstattung kann solche Informationen aufnehmen und für regionale Reflexion und Steuerung nutzbar machen, ohne selbst den Anspruch kausaler Wirkungsforschung zu übernehmen.
Regionale Unterschiede vergleichend nutzen
Im Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE wird untersucht, wie aus zehn unterschiedlichen regionalen Entwicklungsprozessen Erkenntnisse gewonnen werden können, die über den jeweiligen Projektkontext hinausweisen. Ein Ausgangspunkt ist der Blick auf Leerstellen potenzieller Bildungswege: beim Zugang zu Angeboten, beim Erkennen und Ansprechen von Grundbildungsbedarfen, bei Orientierung und Beratung sowie beim Übergang in passende Lern- oder weiterführende Bildungsangebote.
Die regionalen Erkenntnisse dienen dabei nicht als Belege für allgemeine Defizite des Grundbildungssystems, sondern als empirischer Ausgangspunkt für den Vergleich von Herausforderungen, Lösungswegen und Bedingungen ihrer Bearbeitung. Gerade ihre Kontextgebundenheit ermöglicht Antworten auf die Fragen, welche Probleme in unterschiedlichen Zusammenhängen wiederkehren, welche Lösungen entwickelt werden und unter welchen Voraussetzungen sie tragfähig erscheinen?
Erste Ergebnisse der begleitenden Netzwerkanalyse veranschaulichen dieses Potenzial. Zwischen der Vielfalt beteiligter Einrichtungen, einem häufigeren Informationsaustausch und dem von den Projekten eingeschätzten Fortschritt bei der Entwicklung von Grundbildungspfaden zeigen sich positive Zusammenhänge. Größere Netzwerke werden bislang dagegen als weniger weit fortgeschritten eingeschätzt, was auf steigende Anforderungen an Abstimmung und Koordination hindeuten könnte (Spielmann & Butscheidt, 2026). Diese Befunde erlauben noch keine kausalen Aussagen und ersetzen keine unabhängige Wirkungsmessung. Sie präzisieren aber Fragen danach, welche institutionellen Perspektiven für bestimmte Übergänge benötigt werden, wann Informationsaustausch handlungsrelevant wird und unter welchen Bedingungen aus Kontakten verlässliche Zusammenarbeit entsteht?
Die Perspektive der intersektoralen Governance ergänzt diese Analyse: Organisationen aus unterschiedlichen institutionellen Zusammenhängen bringen eigene Zuständigkeiten, Ressourcen, Interessen und Wissensbestände ein. Zusammenarbeit ist daher nicht nur eine Frage von Netzwerkgröße oder Kontaktdichte, sondern auch ein Prozess der Handlungskoordination, in dem Problemverständnisse und Verantwortung ausgehandelt werden (Gonser & Schmid, 2023). Regionale Vielfalt wird so zur Erkenntnischance, wenn Unterschiede systematisch verglichen und in ihrem jeweiligen Kontext interpretiert werden.
Bild Grundbildungspfade (https://grundbildungspfade.de/de/grundbildungspfade/)
Forschung als Broker zwischen Wissensbeständen
Wissen über Grundbildungspfade entsteht an unterschiedlichen Orten: bei Projektmitarbeitenden und Fachkräften, in den beteiligten Institutionen und bei den Menschen mit Grundbildungsbedarf selbst. Diese Perspektiven lassen sich nicht einfach addieren, weil sie auf unterschiedlichen Erfahrungen, Begriffen und Interessen beruhen. Forschung kann hier eine vermittelnde Funktion übernehmen, indem sie Wissensbestände aufeinander bezieht, empirisch prüft, theoretisch einordnet und Ergebnisse in Forschung und Praxis zurückspiegelt (Schlicht-Schmälzle et al., 2024).
Für dieses Verständnis von Wissenstransfer ist Carliles Unterscheidung zwischen Übertragen, Übersetzen und Transformieren hilfreich (Carlile, 2004). Regionale Ansätze lassen sich häufig nicht unverändert von einem Kontext in einen anderen übertragen. Interessanter ist deshalb, herauszuarbeiten, welches Problem mit welchem Mechanismus unter welchen Bedingungen bearbeitet wird. So können aus lokalen Erfahrungen projektübergreifende Beobachtungen und neue Forschungsfragen und Erkenntisse entstehen.
Zwischen Analyse und Mitgestaltung
Eine solche vermittelnde Funktion verlangt zugleich analytische Distanz und Austausch mit der Praxis. Wissenschaftliche Begleitung prüft Annahmen, vergleicht Perspektiven und macht auch widersprüchliche Befunde sichtbar. Durch die Rückspiegelung von Ergebnissen kann sie zugleich Reflexions- und Lernprozesse anregen. Forschung wird damit nicht zur operativen Projektbegleitung, bleibt aber reflexiv gegenüber der eigenen Rolle und den Kategorien, durch die bestimmte Aspekte sichtbar werden.
Stangls Konzept einer fachlich reflektierten Wirkungsorientierung bietet hierfür einen passenden Bezugspunkt: Wissenschaftliche Evidenz wird weder absolut gesetzt noch beliebig relativiert, sondern mit professionellem Erfahrungswissen, den Perspektiven der Adressat:innen und den jeweiligen Handlungskontexten in Beziehung gesetzt (Stangl, 2020).
Vier Forschungszugänge, ein gemeinsamer Gegenstand
Im Kompetenzzentrum werden Grundbildungspfade aus vier miteinander verbundenen Perspektiven untersucht: Die Netzwerkanalyse richtet den Blick auf Beziehungen und Informationsflüsse zwischen Akteur*innen; die Teilnehmendenbefragung auf Erfahrungen mit Zugängen, Unterstützung und Übergängen; die Evaluation der Professionalisierungsangebote auf Lernprozesse und Praxisrelevanz; und die projektübergreifende Analyse auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede der regionalen Entwicklungsansätze. In der Zusammenschau lassen sich organisationale Beziehungen, individuelle Bildungswege, professionelle Handlungsanforderungen und regionale Bedingungen aufeinander beziehen, ohne die Unterschiede zwischen diesen Perspektiven einzuebnen.
Was es weiter zu untersuchen gilt
Über die vergangenen Jahrzehnte ist in der Alphabetisierung und Grundbildung ein umfangreicher Wissens- und Erfahrungsschatz entstanden. Eine wichtige Aufgabe für die weitere Forschung besteht darin, diese unterschiedlichen Wissensbestände kritisch zu prüfen, miteinander in Beziehung zu setzen und weiterzuentwickeln. Dazu gehört, genauer zu untersuchen, wie verlässliche Übergänge entstehen, unter welchen Bedingungen Zusammenarbeit handlungsfähig wird, wen unterschiedliche Ansätze erreichen und welche Veränderungen für verschiedene Personengruppen sichtbar werden.
Die zehn regionalen Projekte der GrundbildungsPFADE bieten hierfür ein besonderes Forschungsfeld. Ihre Unterschiede erschweren einfache Vergleiche, ermöglichen aber zugleich, wiederkehrende Herausforderungen und kontextabhängige Lösungswege sichtbar zu machen. Die regionale Vielfalt ist insofern eine Erkenntnischance: Nicht das eine übertragbare Modell steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welche Mechanismen unter welchen Bedingungen tragfähig werden. So kann aus einzelnen Projekterfahrungen ein gemeinsamer Wissensbestand entstehen, der Unterschiede nicht einebnet, sondern für die Weiterentwicklung der Alphabetisierung und Grundbildung produktiv macht.
"Regionale Vielfalt als Erkenntnischance" by Jana Arbeiter für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE
Literatur
Carlile, P. R. (2004): Transferring, Translating, and Transforming: An Integrative Framework for Managing Knowledge Across Boundaries. Organization Science, 15(5), 555–568. DOI: 10.1287/orsc.1040.0094.
Gonser, M. & Schmid, V. (2023): Intersektorale Governance als Struktur- und Handlungsperspektive. In M. Gonser & V. Schmid (Hrsg.), Intersektorale Governance. Neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft. Münster/New York: Waxmann.
Grotlüschen, A., Buddeberg, K., Dutz, G., Heilmann, L. M. & Stammer, C. (2019): LEO 2018 – Leben mit geringer Literalität. Pressebroschüre. Hamburg.
Kim, J. & Belzer, A. (2021): Return on Investment for Adult Basic Education: Existing Evidence and Future Directions. Adult Education Quarterly, 71(4), 356–372. DOI: 10.1177/07417136211002155.
Krichewsky-Wegener, L. & Erckrath, M. (2025): Bericht zur ex-ante Evaluation einer Nachfolgemaßnahme für die AlphaDekade. Institut für Innovation und Technik.
Schlicht-Schmälzle, R. et al. (2024): Bridging the Research-Practice Gap in Education: Initiatives from 3 OECD Countries. OECD Education Working Papers, No. 319. Paris: OECD Publishing.
Spielmann, N. & Butscheidt, M. (2026): Forschung im Metavorhaben „Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE“. ALFA-Forum, 109, 22–26.
Stangl, T. (2020): Von Evidenzbasierung zur fachlich-reflektierten Wirkungsorientierung. Magazin erwachsenenbildung.at, Ausgabe 40.
Neue Impulse für die Alphabetisierung und Grundbildung
Zehn regionale Projekte entwickeln seit Herbst 2024 neue Wege, um Menschen mit Grundbildungsbedarf besser zu erreichen – praxisnah, vernetzt und alltagsorientiert. Begleitet werden sie vom Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE. Sabine Schwarz vom Lernende Region – Netzwerk Köln e.V. betont, dass Bildungsangebote dort ansetzen, wo Menschen stehen – im Beruf, im Alltag, in der Familie. Ziel ist ein dauerhaft tragfähiges System, das Beratung, Bildung und Teilhabe wirksam verbindet.