Erfahrungsbericht

Hundert Mal wiederholen und nicht ausrasten

Das Bild zeigt Marlien Meir.

Marlien Meir CC BY SA 3.0

Interview mit Marlien Meir über ihre Erfahrungen als Kursleiterin in einem Deutschkurs für Geflüchtete

 „Nicht Bach, sondern Bauch heißt das Körperteil“, korrigiert Marlien Meir ihre Teilnehmenden im Kurs „Deutsch für Geflüchtete am Nachmittag“ an der Volkshochschule (VHS) Gütersloh. 19 Geflüchtete sind erschienen, um mit der Sprachlehrerin die deutschen Begriffe für Körperteile zu üben und auch die für Obst- und Gemüsesorten kennenzulernen. Finanziert von der örtlichen Bürgerstiftung findet seit Februar Deutschunterricht in drei Kursen mit den Sprachniveaus „schwächer“, „mittel“ und „fortgeschritten“ an der VHS statt.

Die Kurse sollen Geflüchteten aus Syrien, Afghanistan, Marokko und dem Libanon, die noch keinen Anspruch auf einen Integrationskurs des Bundesamts für Migration und Geflüchtete (BAMF) haben, erste Schritte in den deutschen Sprach-Alltag ermöglichen. Eine der Dozentinnen ist die junge Belgierin Marlien Meir (26). Sie hat Deutsch und Englisch studiert und arbeitet in der Erwachsenenbildung.

wb-web:  Der Deutsch-Kurs läuft ja jetzt schon eine Weile. Wie seid ihr am Anfang gestartet?

Marlien Meir: Am ersten Tag waren weniger Teilnehmer da als angekündigt. Stattdessen kamen Personen, die wir namentlich gar nicht auf unserer Liste hatten. Manche schrieben auch ihren eigenen Namen falsch. Dann gab es natürlich Verständigungsprobleme und alles war etwas durcheinander. Zudem hatten wir das Problem, dass der Bildungsstand sehr unterschiedlich war. Einige Teilnehmer konnten nicht lesen und schreiben, sind kaum zur Schule gegangen, andere hatten Englisch studiert. Nach einer Woche waren wir aber soweit, dass wir die Teilnehmer in drei unterschiedlich leistungsstarke Gruppen aufteilen konnten.

Der Einsatz von Mimik und Gestik ist sehr wichtig.

wb-web: Nach welchem Konzept wird im Kurs unterrichtet?

Marlien Meir: Der Kurs ist wie ein Integrationskurs aufgebaut. Wir arbeiten mit dem Buch „Schritte plus 1“ aus dem Hueber Verlag. Manchmal fühle ich mich aber auch wie eine Schauspielerin. Der Einsatz von Mimik und Gestik ist sehr wichtig. Man muss vieles erst mal verständlich machen oder auch an die Tafel zeichnen.

Einen großen Anteil am Unterricht nehmen die Wiederholungen ein. Geduld ist das Wichtigste, was man haben muss. Hundert Mal wiederholen und nicht ausrasten, wenn sie es immer noch nicht können. Dann wird eben noch einmal wiederholt. Je mehr man behandelt hat, desto mehr muss natürlich wiederholt werden. Das nimmt schon eine Menge Zeit in Anspruch.

wb-web: Was fällt besonders schwer?

Die Übungen dauern oft auch sehr lange. Wort für Wort wird gelesen, manchmal regelrecht buchstabiert, dann muss der Satz nochmal im Ganzen gelesen werden. Nicht immer wissen alle, auf welcher Buchseite wir sind. Und man muss immer warten, bis dann alle von der Tafel abgeschrieben haben.

wb-web: Du hast in Belgien am Gymnasium unterrichtet. Welche Unterschiede gibt es, wenn du jetzt Geflüchteten Deutsch beibringst?

Marlien Meir: In meiner Heimat Belgien waren die Schüler am Gymnasium oft gelangweilt. Sie konnten die Vorbereitung nicht schätzen. Die Geflüchteten sind hingegen sehr motiviert und dankbar. Viele kommen nach dem Kurs zu mir und bedanken sich bei mir. Auch während des Kurses, wenn ich Ihnen etwas erklärt habe, sagen sie höflich „Danke schön“. Die Stimmung ist positiv und sehr freundlich. Wir lachen auch viel zusammen.

wb-web: Wie siehst Du Deine Rolle als Dozentin?

Marlien Meir: Es geht um mehr als nur um Unterricht. Ich bin auch Ansprechpartnerin und Bezugsperson. Es sind überwiegend jüngere Männer, die meisten um die 30, und nur drei Frauen dabei. Alle stellen viele Fragen und wollen alles ganz genau wissen. Ich musste aber auch eine Grenze klarmachen. Der Unterricht ist meine Arbeit und ich kann nicht mit jedem befreundet sein und meine Freizeit verbringen.

wb-web: Wie läuft es mit der Integration außerhalb des Kurses? Womit beschäftigen sich die Geflüchteten?

Viele deutsche Freunde haben die meisten ja noch nicht und der berufliche Kontext fehlt ja auch komplett. In der Pause bieten die Teilnehmer mir oft etwas zu essen an oder sie bringen mir etwas Selbstgebackenes mit. Nach dem Unterricht ist keine Hektik angesagt. Manche lassen sich Zeit, ein junger Mann wischt die Tafel ab und trägt meine Tasche zum Fahrrad. Danach geht es für ihn noch in die Stadtbibliothek. Er will nicht so früh zurück in seine Unterkunft, in das „Camp“ wie er es nennt. Es ist ja auch kein Zuhause so wie wir es haben.

wb-web: Welches sind die größten Hindernisse im Unterricht?

Marlien Meir: Einige Teilnehmer können weder lesen und noch schreiben. Das heißt, sie können auch zuhause nicht weiter üben und die Hausaufgaben machen. Diejenigen, die die Hausaufgaben machen, können es oft nicht ertragen, wenn manche nichts zuhause gemacht haben. Sie möchten zeigen, dass sie etwas gelernt haben, und sind stolz darauf.

Die Unterschiede werden dann natürlich immer größer, je weiter der Unterricht fortschreitet, wenn z. B. der Akkusativ unterrichtet wird. Einige können nach neun Wochen immer noch nicht buchstabieren. Wenn die Finanzierung gesichert wäre, müsste es reine Alpha-Kurse für die Afghanen geben, weil viele von ihnen Analphabeten sind.

wb-web: Was nimmst Du für Dich mit aus diesem Kurs?

Marlien Meir: Man muss sich immer an die jeweilige Gruppe anpassen. Und: Dies ist der schönste Job, den ich je hatte.

CC BY-SA 3.0 DE by Bettina Löwe-Kollenberg für wb-web



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