Erfahrungsbericht

Teilnehmende leiten im Seminar unplanbar mit – was tun? Hilfe bietet die Themenzentrierte Interaktion (TZI)

Foto einer Frau

Das Konzept der Themenzentrierten Interaktion bietet zwar nichts Neues, dennoch ist es eine gute Grundlage für die Arbeit mit Gruppen. Viele Lehrende sind dem Konzept schon begegnet, allerdings nicht immer bewusst. Karin Hater, die TZI seit zehn Jahren praktiziert, stellt im Gespräch mit wb-web einige praktische Möglichkeiten der Anwendung von TZI vor. Sie berichtet von ihren positiven Erfahrungen und auch von Stolpersteinen, die sich beim Einsatz auftun könnten.

wb-web:Frau Hater, mögen Sie sich kurz vorstellen?

Katrin Hater: Gerne. Ich bin Soziologin und seit 2005 in TZI unterwegs. Ich bin freiberuflich in der Erwachsenenbildung und beruflichen Weiterbildung tätig. Meine Schwerpunkte dabei sind Moderation, Teamentwicklung und Supervision.

wb-web: Frau Hater, wir reden heute über die Themenzentrierte Interaktion, kurz TZI. Seit wann kennen Sie diesen Ansatz und was macht TZI so besonders für Sie?

Katrin Hater: TZI bietet ein Modell, das auf sehr übersichtliche Weise die Grundtatsachen menschlicher Kooperation anschaulich und verständlich macht. In dieses Modell lässt sich sehr viel Komplexität integrieren und für das Leiten händelbar machen. Gleichzeitig bleibt man als Leiterin auch „auf dem Teppich“ der Erkenntnis, dass man auch bei einer noch so genialen Planung nicht alles im Griff hat, sondern die Teilnehmenden immer und auf unplanbare Weise mitleiten. Prozessorientierung und dynamische Balance sind die Stichworte, die helfen, immer wieder flexibel in der Interaktion mit den Teilnehmenden zu bleiben.

wb-web: Wozu oder auch wo in der Erwachsenen- oder Weiterbildung haben Sie TZI denn bereits eingesetzt?

Katrin Hater: TZI als Grundhaltung und Handwerkszeug zur Gestaltung von Beziehung begleitet mich ständig. Ganz bewusst setze ich die TZI ein bei Planung, Steuerung und Auswertung von Bildungsveranstaltungen.

wb-web: Wie genau nutzt man die Themenzentrierte Interaktion? Gibt es spezielle Methoden, die für TZI passen?

TZI Dreieck

Das Vier-Faktoren-Modell

Katrin Hater: Unter den praktischen Handwerkszeugen steht das Vierfaktorenmodell im Mittelpunkt der Methoden. Person (Ich), Gruppeninteraktion (Wir) und die Sache (Es) werden als gleich wichtig erachtet und müssen im Rahmen der dynamischen Balance gleichermaßen angesprochen und fokussiert werden. Der vierte Faktor ist der Globe, das Umfeld, in dem die Bildungsveranstaltung stattfindet, die Bedingungen, die die Veranstaltung ermöglichen, aber auch der Alltag, in dem die Inhalte der Bildungsveranstaltung sich bewähren werden müssen. Dieser Faktor hält oft die meisten Überraschungen bereit. Es ist also sehr empfehlenswert, sich bei der Planung viel Zeit für die Gegenwärtigung des Faktors zu nehmen und ihn auch in der Bildungsveranstaltung selbst, wie die anderen drei Faktoren in die dynamische Balance einzubeziehen, d.h. z. B auch, ihn explizit zum Thema zu machen. Dieses Vierfaktorenmodell findet sich ganz kleinteilig in den Methoden wieder. Zum Beispiel sind die sogenannten „Murmelgruppen“ von Ruth Cohn schon 1972 praktiziert worden, um nach einer Phase der Informationsaufnahme, also einer starken Fokussierung des Es, relativ spontan und ohne großen Aufwand einen Moment der persönlichen Verarbeitung in der spontanen Kommunikation mit dem Nachbarn zu ermöglichen. Das ist praktische dynamische Balance: Sache, Person und Kommunikation sind wieder im Lot. Danach können weitere neue Informationen aufgenommen werden. Murmelgruppen sind unverzichtbar z.B. in großen Gruppen, in denen nicht jeder im Plenum zu Wort kommen kann.

Zur TZI passt jede Methode, die die Einzelnen darin stärkt, sich selbst, die Gruppe, die Sache und den „Globe“ möglichst differenziert wahrzunehmen und zu einem eigenständigen Urteil zu kommen, jede Methode, die eine offene, konstruktive, durchaus auch konfliktbereite Kommunikation unter den Teilnehmern fördert und jede Methode, die brauchbare Wege zur praktischen Kooperation vermittelt.

wb-web: Was sind die Vorteile von TZI und wobei kann sie helfen?

Katrin Hater: Der große Vorteil der TZI ist ihre Einfachheit. Sie erlaubt, sehr viel Komplexität auf einfache Strukturen zu reduzieren und dabei das wirklich Wichtige in den Blick zu bekommen.

Die praktische Umsetzung erfolgt dann, indem die Leitung sich jeweils für die nächste Unterrichtseinheit ein nach bestimmten Regeln formuliertes Thema und eine für die Bearbeitung des Themas passende Struktur und Methode überlegt. Wenn das alles gut gelungen ist: die Analyse dessen, was gerade in der Lerngruppe und ihrem Lernprozess wichtig ist, ein gutes Thema dazu gefunden wurde und die Arbeitsformen passen, dann läuft die Arbeitseinheit selbst quasi von allein und der Leiter kann sich beobachtend zurücklehnen und mit allen Sinnen Stoff für die nächste Unterrichtseinheit sammeln. 

Gruppe im Freien

Die Arbeitseinheit läuft fast wie allein – durch eine gute Vorbereitung. (Bild: Dirk Tussing/flickr.com, CC BY-SA 2.0)

wb-web: Kennen Sie auch Probleme mit TZI?

Katrin Hater: Ein klassisches „Problem“ von Menschen, die beginnen, mit TZI zu arbeiten, ist der Umgang mit dem „Störungspostulat“. „Störungen haben Vorrang“, so heißt es in Kurzform. Wer diesen Satz als Gruppenregel an die Wand schreibt, muss damit rechnen, dass schon der spontane Wunsch nach einem Kaffee als Störung deklariert wird. Tatsächlich ist mit Störung eher eine „Verstörung“ emotionaler oder intellektueller Art gemeint, die einen Teilnehmer ernsthaft daran hindert, dem Geschehen weiter folgen zu können. Das Störungspostulat ist eine Aufforderung, solche Verstörungen ernst zu nehmen und als Teil des Gruppengeschehens zu begreifen. Ziel der Störungsbearbeitung ist, dass der Einzelne seine Arbeitsfähigkeit in dieser Gruppe wieder gewinnen kann. Häufig bringt ein solcher Bearbeitungsprozess dann auch die ganze Gruppe ein Stück weit voran.

wb-web: Was sollte eine Lehrkraft unbedingt wissen, bevor sie TZI einsetzt?

Katrin Hater: Sie sollte sich wenigstens mit dem Vierfaktorenmodell, den drei Axiomen und den beiden Postulaten persönlich auseinandergesetzt haben. Sie kann dann ihre Planung und die Methoden, die sie einsetzen möchte, vor diesem Hintergrund kritisch überprüfen.

Wer neugierig geworden ist auf TZI, sollte sich einen ersten, fünftägigen Ausbildungskurs gönnen und dabei TZI in Reinform und am eigenen Leibe erfahren. Danach ist es viel einfacher, Literatur zur TZI für die eigene Lehre praktisch umzusetzen. Seminare finden Sie unter: http://www.ruth-cohn-institute.org/seminare.html

Dr. Katrin Hater ist seit 15 Jahren selbstständig. Ursprünglich zuhause in der angewandten Sozialforschung, hat sie sich vor gut zehn Jahren entschieden, mehr mit den Menschen als über Menschen zu arbeiten. TZI nutzt sie dafür als Fundament und Handwerk und immer wieder auch als Inspirationsquelle für kreative, prozessorientierte Methoden für lebendiges Lernen, Zusammenarbeiten und Zusammenwohnen. Mehr erfahren Sie unter: www.bsp-aachen.de


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