Lars Kilian Forschung quergelesen

Verbindlichkeit der Schlüssel für Grundbildung

Das Bild zeigt einen Lernenden, der über eine Brücke geht, die das Handlungsloch sym

Die Teilnahme an Alphabetisierung und Grundbildung erfordert mehr als den guten Willen der Teilnehmenden. Wie die MOVE-Studie zeigt, ist Verbindlichkeit hierbei ein Erfolgsfaktor, der Teilnehmende in der Alphabetisierungspraxis bindet. Mareike Kholin vom DIE stellt in einem Beitrag auf EPALE Ergebnisse der Studie vor, die für die pädagogische Gestaltung der Angebote unterstützend wirken können.

 Wie die Forschung zeigt, ist der Weg vom Wollen zum Tun kein linearer. Zwischen der Motivation „Ich will Lesen lernen“ und der Handlung „Ich gehe in einen Alphabetisierungskurs“ liegt eine Hürde, die als „Handlungsloch“ beschrieben wird (Heckhausen & Gollwitzer, 1987, zit. n. Ehmig & Jester, 2025). Vor allem Erwachsene mit Leseschwierigkeiten fallen in dieses hinein. Gründe dafür liegen in den Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten, dem Erleben einer geringen Selbstwirksamkeit und dem Unterschätzen des langfristigen Nutzens von Bildung (Bader et al., 2025).

In ihrem Beitrag stellt Kholin (2025) drei zentrale Herausforderungen vor, die die Teilnahme an Lernangeboten beeinflussen:

  1. Geringe Selbstwirksamkeit: Viele formal niedrig Gebildete glauben schlicht nicht daran, erfolgreich lernen zu können. Wer sich wiederholt als „schwach im Lesen“ erlebt hat, entwickelt leicht ein negatives Selbstbild und zieht sich zurück (Abraham & Linde, 2018).
  2. Fehlende Verbindlichkeit: Während in der Gesamtbevölkerung über 70 % angeben, selten oder nie unentschuldigt Termine zu verpassen, berichten mehr als die Hälfte der Erwachsenen mit Leseschwierigkeiten, dass ihnen dies schon mehrfach passiert ist (Bader et al., 2025). Für Kursanbieter bedeutet dies, dass Abbrüche nicht Ausnahme, sondern Normalität sind.
  3. Kurzfristige Orientierung: Lernen zahlt sich oft erst langfristig aus. Doch viele Befragte sind stark auf unmittelbare Belohnungen fokussiert, was den Durchhaltewillen schwächt (Ehmig, 2025).

Für die Praxis liefert die MOVE-Studie wertvolle Hinweise zur Gestaltung von Alphabetisierungs- und Grundbildungsangeboten:

  • sie sollen den Alltagsnutzen betonen: es sollte klar gezeigt werden, wie Lesen und Schreiben im Alltag hilft, z.B. in WhatsApp oder im Jobcenter (Ehmig, 2025).
  • sie sollen kleine Erfolgserlebnisse schaffen: Verbindlichkeit entsteht, wenn Lernende spüren, dass sie Fortschritte machen. Mikro-Erfolge und positives Feedback sind entscheidend (Müller, 2013). Hierbei können unter anderem digitale Lerntools und Gamification-Ansätze unterstützen (Bader & Rodtmann, 2025; Buason et al., 2025).
  • sie sollen Spaß und Selbstständigkeit verbinden: „Spaß haben und das Leben genießen“ sind für diese Lernendengruppe wichtig. Lernangebote, die Leichtigkeit und Unabhängigkeit fördern, passen zu diesen Prioritäten (Ehmig & Jester, 2025).
  • und den Belohnungsaufschub trainieren: Methoden wie „episodisches Zukunftsdenken“, also sich das eigene Leben mit besseren Kompetenzen plastisch vorzustellen, können helfen, dranzubleiben (Rung & Madden, 2018).

Literatur

Abraham, E., & Linde, A. (2018). Alphabetisierung/Grundbildung als Aufgabengebiet der Erwachsenenbildung. In R. Tippelt & A. von Hippel (Hrsg.), Handbuch Erwachsenenbildung/Weiterbildung (Bd. 6, S. 1297–1320). Springer VS.

Bader, E., Kholin, M., & Schröter, H. (2025). Psychologische Erklärungsansätze für Unterschiede in Motivation und Volition bei formal niedrig gebildeten Erwachsenen mit und ohne Leseschwierigkeiten. In J. Leck, S. C. Ehmig, L. Heymann & M. Jester (Hrsg.), Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen (S. 69–86). wbv Publikation.

Bader, E., & Rodtmann, K. (2025). Arbeitsorientierte Grundbildung gemeinsam gestalten: Strategien, Motivation und Netzwerke. GFFB gGmbH. https://www.gffb.de/arbeitsorientierte-grundbildung-gemeinsam-gestalten/

Buason, N., Crocco, G., Schnitzer, B., & Senftleben, S. (2025). Didaktische Gestaltung digitaler Trainings und Serious Games - Empfehlungen für die Praxis. Gffb gGmbH. https://www.gffb.de/digitale-trainings-serious-games/

Ehmig, S. C. (2025). MOVE – Kernergebnisse. In J. Leck, S. C. Ehmig, L. Heymann & M. Jester (Hrsg.), Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen (S. 33–56). wbv Publikation.

Ehmig, S. C., & Jester, M. (2025). MOVE – Lernprozesse in Gang setzen. In J. Leck, S. C. Ehmig, L. Heymann & M. Jester (Hrsg.), Motivation und Verbindlichkeit bei gering literalisierten Erwachsenen (S. 5–18). wbv Publikation.

Heckhausen, H., & Gollwitzer, P. M. (1987). Thought contents and cognitive functioning in motivational versus volitional states of mind. Motivation and Emotion, 11(2), 101–120.

Müller, K. (2013). Analphabetismus und Teilhabe. Warum erwachsene Analphabeten lesen und schreiben lernen. Universitätsverlag Potsdam.

Rung, J. M., & Madden, G. J. (2018). Experimental reductions of delay discounting and impulsive choice: A systematic review and meta-analysis. Journal of Experimental Psychology: General, 147(9), 1349–1381.

Originalbeitrag

Kholin, M. (2025). Wenn Motivation nicht reicht – Warum Verbindlichkeit der Schlüssel für Grundbildung ist. EPALE, https://epale.ec.europa.eu/de/blog/wenn-motivation-nicht-reicht-warum-verbindlichkeit-der-schluessel-fuer-grundbildung-ist, CC BY 4.0