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Transfer – So kann er gelingen

Von meiner Didaktik-Weiterbildung war ich ganz begeistert und konnte toll erzählen, was ich alles gelernt hatte – aber zwei Wochen später gab ich meinen Kurs wieder genau gleich wie vorher. Warum habe ich nichts umgesetzt? Einige Gedanken zum gelingenden Transfer von Ruth Meyer Junker aus Solothurn CH.

Zeichnung zwei Menschen, einer läuft mit einer Papierrolle auf dem Transfer steht in die Firma, der andere malt das Bild.

Transfer (Bild: arbowis/Transfer, CC BY-SA 3.0 DE)

Ich war in der Fortbildung

Mein Auftraggeber hatte  eine interne Weiterbildung für Kursleitende zum Thema Aktivierung angesetzt. Ich freute mich darauf, wieder mal ein paar Kollegen zu treffen.

Der Kursleiter hatte eine tolle Show vorbereitet. Er präsentierte uns ein paar Ideen, wie man Teilnehmende aktivieren kann – nämlich mit gutem Material, praktischen Beispielen und herausfordernden Übungen. Er war ein guter Redner und ich fand es sehr unterhaltsam. Etwas enttäuscht war ich darüber, dass mein Thema (Stellenbewerbung) und meine Zielgruppe (gut qualifizierte Arbeitslose) mit keinem Wort erwähnt wurden. Und dann durften wir in Kleingruppen die Vorschläge diskutieren. In meiner Kleingruppe waren zwei alte Bekannte, die Sprache unterrichten – ich erfuhr viel über Spiele im Sprachunterricht mit Kärtchen und so und unterhielt mich blendend.

Wochen später, als ich mich mit einer Kollegin über den Kurs unterhielt, sagte sie begeistert: „Ich habe diese Idee mit den Grammatik-Würfelspielen jetzt in meinem eigenen Kurs umgesetzt – das ist ja toll, wie die Leute da mitmachen und lernen! Und du?“ Ich musste kleinlaut zugeben, dass ich gar nichts anders machte als vor dieser Weiterbildung. Es gab keinen Transfer. 

Transfer beginnt vor dem Kurs

Damit der konkrete Bedarf eines Auftraggebers / Arbeitgebers nicht zu kurz kommt, sollten zentrale Handlungssituationen, Problemstellungen und Erfahrungen (bei den Teilnehmenden selbst oder beim Arbeitgeber) eingeholt werden.

 Ich ging völlig unvorbereitet in den Kurs. Und der Trainer offenbar ebenfalls, was die Zielgruppe betrifft. Seine Beispiele bezogen sich alle auf Sprachunterricht. Er ging stillschweigend davon aus, dass das passt.

 Was die Kursleitung besser getan hätte:

  • den Auftraggeber zu Zielgruppe und Bedarf befragen
  • bei den Teilnehmenden vor dem Kurs konkrete Beispiele und Fragestellungen im Zusammenhang mit Aktivierung abholen

 Während des Kurses: Praxisbezug und gemeinsam Lernen

„Eine Person, die eine Katze am Schwanz festhält, weiss bedeutend mehr über die Katzen, als jemand, der nur etwas über sie gelesen hat.“  Womit Mark Twain zum Schmunzeln reizt, ist in der Bildung zentral: Nachhaltig gelernt wird über konkrete Erfahrung.

Da wir in meiner Didaktik-Weiterbildung nur Beispiele aus dem Sprachunterricht behandelten, stellte ich keinen Bezug zu meiner eigenen Praxis her.

 Wer will, dass Unterricht nachhaltig sei, möge

  • Erfahrungen und Praxisbeispiele der Teilnehmenden einbeziehen (vor dem Kurs oder spätestens zu Kursbeginn).
  • Die Fertigkeiten in vielen praxisnahen, aktuellen Übungen erproben lassen.
  • Die Teilnehmenden untereinander in Diskussion und in gemeinsame Auseinandersetzung mit der Theorie bringen (Rollenspiele, Kontroversen und Debatten, Präsentationen).
  • Wenig predigen, dafür die Einwände der Teilnehmenden ernst nehmen und darauf eingehen.
  • Wo immer möglich Instrumente erstellen lassen, die in der Praxis direkt gebraucht werden (Checkliste, Vorlagen, ...)
  • Die Teilnehmenden sich wechselseitig lehren und lernen lassen (darauf gehe ich im nächsten Abschnitt näher ein).
  • Kleine Lerngruppen selbstständig arbeiten lassen.  

Weitergeben - Wechselseitiges Lehren und Lernen

Gemäss den Forschungen von Diethelm Wahl (Buch: Lernumgebungen erfolgreich gestalten) findet nachhaltiges Lernen dann statt, wenn Lernende zu Lehrenden werden und ihr Wissen und Können weitergeben. Gute Lehrpersonen bauen deshalb WELL-Methoden (wechselndes Lehren und Lernen) in den Unterricht ein. Wahl hat speziell dafür das „Lerntempoduett“ und „Szene Stopp-Reaktion“ entwickelt und Methoden wie Gruppenpuzzle  und Strukturlegetechnik  an WELL angeglichen. Engagierte Lernende arbeiten darüber hinaus von Vorteil in Lerngruppen zusammen und lernen gemeinsam.

Menschen die vor einer Pinnwand stehen, von hinten.

Strukturieren – Diskutieren – gemeinsam erarbeiten (Bild: arbowis/gemeinsam lernen, CC BY-SA 3.0 DE)

Am Kurs-Ende: Nachbereitung vorbereiten

Die Nachbereitung des Gelernten ist eine wesentliche Bedingung für gelingenden Transfer. In meiner didaktischen Weiterbildung waren wir, wie so oft, gegen Ende in Verzug und es gab keine Reflexion des Gelernten und keine Transferplanung.

 Was mich beim Transfer unterstützt hätte:

  • Ein schriftlich vorbereiteter Auftrag, zur Nachbereitung: Nochmals nachlesen, die Notizen ordnen und vervollständigen, Zusammenfassungen schreiben oder Anwendungsmöglichkeiten suchen oder etwas in der Praxis erproben und darüber Bericht erstatten.
  • Die  im Kurs gemachten Erfahrungen (miteinander, mit den Übungen, in der Auseinandersetzung mit der Theorie) reflektieren, (Lerntagebuch, Lernjournal, Prozessanalysen) und miteinander austauschen.
  • Umsetzung planen: Gemeinsam mit andern die nächsten Schritte planen. Dabei die Stolpersteine nicht vergessen und die Gruppe als Ressource für gute Tipps nutzen.

Zwei Blätter mit Überschrift: "Das will ich konkret umsetzen" und "Chancen, Risiken, Stolpersteine"

Ein Umsetzungsschritt wird geplant und Tipps von andern werden eingeholt. (Bild: arbowis/Transfer vorbereiten, CC BY-SA 3.0 DE)

  • Brief an sich selbst
  • Brush-up Sequenz (durch die Teilnehmenden gesteuert „was ich umgesetzt habe und wie es mir gelungen ist“)

 Zurück in der Praxis: Umsetzen!

Unmittelbar nach dem Kurs sollte ein Gespräch mit dem Auftraggeber (oder in der Intervision) stattfinden mit der Frage „Was habe ich im Kurs gelernt und was will ich davon umsetzen?“

Ein paar Wochen nach dem Kurs ist ein Gespräch zur folgenden Frage hilfreich: „Was habe ich umgesetzt und was nicht?“

 Ziel erreicht?

Erst wenn ich in meiner eigenen (Berufs-)Praxis konkrete Veränderungen vornehme, kann ich behaupten, dass ich nachhaltig gelernt habe und dass der Transfer gelungen ist.


CC BY-SA 3.0 DE by Ruth Meyer Junker für wb-web

Ruth Meyer Junker

 Ruth Meyer Junker hat als Ausbilderin von Ausbildenden und Erwachsenenbildnerin mit eigener Firma viel Erfahrung mit der Schulung verschiedener Zielgruppen. Ihr liegt es besonders am Herzen, kompetenzorientiert zu unterrichten und den Lernenden neben dem Wissenserwerb viele konkrete Erfahrungen zu ermöglichen. Denn die Reflexion der selbstgemachten Erfahrungen birgt hohes Lern- und Transferpotenzial. Mehr über Ruth Meyer Junker erfahren Sie unter www.arbowis.ch

Transfer in die Praxis

Fähre auf See

Als Erwachsenenbildnerin setzt man sich zwangsläufig mit dem Praxistransfer auseinander, ist Lernen doch kein Selbstzweck oder lediglich Wissenserweiterung, sondern hoffentlich nachhaltig. Wie das gelingen kann wird in zahlreichen Untersuchungen, Ansätze und Fachliteratur behandelt.  Letztlich ist es eine Kombination aus Vielem. In der 4. Folge des Dossiers "Methodenkorb" finden Sie aufbauend auf diesen Blogbeitrag, Handlungsanleitungen zu Methoden, die den Transfer  in die Praxis unterstützen.

Zu Folge 4

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