Handlungsanleitung

Der Lernprozess im Portfolio

Ein Portfolio ist eine Mappe, in der bestimmte Dokumente gesammelt und geordnet werden. Im Bildungsbereich bezeichnet es eine Zusammenstellung von Dokumenten, die entweder einen Lernprozess oder die Lernbiographie bzw. Ausschnitte aus der Lernbiographie einer Person abbilden. Anhand der Zusammenstellung von Zeugnissen, Zertifikaten, Teilnahmebescheinigungen und Ähnlichem wird es möglich, Lernerfahrungen und -erfolge systematisch zu erfassen und zu belegen. Im Lehr-Lerngeschehen sind Portfolios prozessbegleitend einsetzbar und individuell gestaltbar. 

Ziel und Zweck

Portfolios dienen dazu, Lernerfahrungen und -erfolge sowie erworbene Kompetenzen systematisch zu dokumentieren und persönliche Lern- und Weiterbildungsstrategien zu planen. Dies kann beispielsweise die Stellensuche unterstützen, da hier in vielen Fällen erwartet wird, dass solche Materialien und Dokumente vorgelegt werden.

Wesentliches Ziel des Einsatzes von Portfolios in der Weiterbildung ist die Erhöhung der (Selbst-)Reflexivität der Lernenden. Damit wird eine wichtige Voraussetzung für eine stärkere Eigenverantwortung und Selbststeuerung des (lebenslangen) Lernens sowie für eine solide (Selbst-)Einschätzung von Kompetenzen geschaffen. Das Portfolio schafft Bedingungen dafür, dass Lernende im Rahmen der Weiterbildung – und darüber hinaus – selbstorganisiert Kompetenzentwicklungsprozesse anstreben und Lernergebnisse dokumentiert werden können. Im Gegensatz zur vorherrschenden Leistungsüberprüfung anhand von Tests und Assessment-Centern bietet die Arbeit mit Portfolios die Möglichkeit, individuelle, selbstgesteuerte und reflexive Lernvorgänge und individuellen Kompetenzerwerb zu dokumentieren. Die Weiterbildungsarbeit kann stärker auf den einzelnen Lernenden und seine Kompetenzentwicklung ausgerichtet werden. Portfolios eignen sich zudem für die Präsentation von Leistungen, Werkstücken oder Originalarbeiten gegenüber Dritten, wie z.B. potenziellen Arbeitgebern. Für die Erstellung eines Portfolios werden in der Regel Ziele und Kriterien durch die Lehrperson formuliert. Anhand von Portfolios können dann auch Gespräche über Lernen, Leistung und Kompetenzen zwischen Lernendem und Lehrendem stattfinden.

Anwendungsbereiche

Beim Einsatz von Portfolios lassen sich unterschiedliche Varianten finden. Dabei können fünf verschiedene Typen von Portfolios unterschieden werden:

  • das Arbeitsportfolio,
  • das Entwicklungsportfolio,
  • das Vorzeigeportfolio,
  • das Beurteilungsportfolio,
  • das Bewerbungsportfolio.

Diese fünf Typen werden in unterschiedlichen Bereichen der Weiterbildung eingesetzt. Je nach Zielsetzung und Zweck sind bestimmte Portfolios anderen vorzuziehen. Das Arbeitsportfolio diagnostiziert den Lernprozess in Bezug auf Stärken und Schwächen des Nutzers. Wichtig sind hierbei begleitende Beratungsprozesse. Das Arbeitsportfolio ist eine ausgewählte Zusammenstellung von Arbeiten eines Lernenden zu einem speziellen Lerngegenstand. Es kann sowohl abgeschlossene Arbeiten enthalten als auch solche, die noch in Bearbeitung sind. Es kann von Weiterbildnern zur Beratung einzelner Teilnehmender in einem Lernprozess herangezogen werden und ermöglicht so u. a. auch eine adressatenorientierte Weiterbildungsplanung.

Veränderungen im Lernverhalten wie -fortschritt werden im Entwicklungsportfolio festgehalten. Der Lernende kann dadurch seine eigenen Lernschritte besser erkennen und beurteilen. Das Entwicklungsportfolio ist eine Sammlung von Arbeiten über einen längeren Zeitraum hinweg. Hier können Arbeiten, die zu Beginn eines Lernprozesses erstellt worden sind, mit solchen, die am Ende eines Lernprozesses stehen, verglichen werden.

Damit wird die Kompetenzentwicklung transparent. Das Entwicklungsportfolio kann Grundlage einer Selbst- und Fremdevaluation auf der Basis von vorgegebenen Zielen sein. Im Vorzeigeportfolio werden die besten Arbeiten und Leistungen des Lernenden dokumentiert. Es wird so aufbereitet, dass es für Dritte einsehbar bzw. vorzeigbar ist. Das Vorzeigeportfolio kann in der Weiterbildung z.B. beim Wechsel eines Kurses oder in Einstufungsverfahren eingesetzt werden.

Das Beurteilungsportfolio dient dem Namen nach einer Beurteilung von Lernleistungen und ist formeller als die vorangegangenen. Hier wird eine klare Struktur vorgegeben. Es werden verbindliche Aufgaben über Zielsetzung und Beurteilung eingestellt. Hierbei ist besonders auf Objektivität und Zuverlässigkeit der Ergebnisse zu achten. Es dient einer dokumentierten Bewältigung von bestimmten Aufgaben, die sich an einer klar vorgegebenen und klar umgrenzten Menge von Lernzielen orientieren. Es gibt Nachweis darüber, dass bestimmte Lernhandlungen durchgeführt wurden. Beispielsweise in einem Kurs zur Einführung in den Umgang mit Datenbanken kann dies bedeuten, dass, orientiert am Lernziel „Programmierung“, verschiedene Programmierungsschritte vom Lernenden selbst durchgeführt und im Portfolio festgehalten werden.

Ein Bewerbungsportfolio kann Zeugnisse, Stellenbeschreibungen, Auszeichnungen, Zertifikate, Teilnahmebescheinigungen oder auch Lernerfahrungen und -erfolge systematisch erfassen und persönliche Lernstrategien planen. Es dient einer Dokumentation des schulischen Werdegangs, erworbener Abschlüsse und ausgewählter Arbeiten und Erfahrungen in verschiedenen Tätigkeitsbereichen. Der Zweck ist, Aufschluss über die Person, ihren Charakter und ihre Fähigkeiten zu erhalten, die über eine Standard-Bewerbung hinausgeht. Neben den üblichen Bewerbungsunterlagen (Foto, Lebenslauf, Zeugnisse) können hier ausgewählte Nachweise und Arbeiten aus einem oder mehreren Bereichen Aufschluss über die individuellen Stärken, Fähigkeiten und Kompetenzen der Person geben.

Voraussetzungen

Für einen erfolgreichen Portfolio-Einsatz gibt es sowohl aufseiten des Lehrenden als auch aufseiten des Lernenden eine Vielzahl von Voraussetzungen, die vorab reflektiert werden müssen.

Lehrende begleiten dabei die Prozesse des Lernens und der Kompetenzentwicklung auf der Basis einer expliziten Selbstreflexion der Lernenden und unterstützen diese als eine Art Moderator. Daher müssen sie eine Reihe von Eigenschaften mitbringen, wie Offenheit, Beratungskompetenz und die Bereitschaft, die Lernenden beim selbstständigen Arbeiten zu unterstützen. Zu den Voraussetzungen aufseiten der Lernenden gehören Selbstständigkeit im Lernen, Methodenkompetenz und soziale Fähigkeiten.

Durchführung und Vorgehen

Das Portfolio ist eine Art Arbeitsmappe. Layout, Seitengestaltung und Schrift sind neben den Inhalten ebenso vorauszusetzen wie Vollständigkeit, Gestaltung und Übersichtlichkeit. Diese Kriterien gelten für alle im Portfolio abgegebenen Arbeiten.

Sollen Portfolios zur Leistungserfassung und als Beleg für einen gewissen Kompetenzstand dienen, müssen die Kriterien, nach denen sie erstellt und schließlich bewertet werden, klar entwickelt und transparent gemacht werden. Dies betrifft sowohl Umfang, Inhalt und sprachliche Gestaltung als auch die äußere Form eines Portfolios. Hierzu sollten die Teilnehmenden von Weiterbildungsveranstaltungen eine Liste erhalten, die die entsprechenden Anforderungen eindeutig festhält.

Die Erstellung eines Portfolios erfolgt idealerweise in vier Arbeitsschritten:

  • Arbeitsschritt 1: Stoffsammlung
    Sammeln und Sichten von Material unter dem Blickwinkel seiner prinzipiellen Verwendbarkeit für das Portfolio.
  • Arbeitsschritt 2: Auswahl
    Auswählen der Arbeiten, die am besten den vorgegebenen Kriterien und Vorgaben entsprechen.
  • Arbeitsschritt 3: Reflexion
    Schriftliche Beurteilung zu jeder einzelnen Arbeit des Portfolios durch den Lernenden selbst, in der er diese und ihre Bedeutung für den eigenen Lernprozess kommentiert. Damit wird die in Arbeitsschritt 2 vorgenommene Auswahl begründet.
  • Arbeitsschritt 4: Projektion
    Persönliche Evaluation des Portfolios unter dem Blickwinkel der erreichten oder nicht erreichten Ziele und Formulierung von weiteren bzw. weiterführenden Zielvorgaben in einem anhaltenden Lernprozess.

Wie im Portfolio dokumentierte Lernergebnisse und Kompetenzentwicklungsprozesse letztendlich vom Lehrenden beurteilt werden, hängt maßgeblich von den Beurteilungskriterien und somit von den erarbeiteten Zielvorgaben ab. Wesentlich sind dabei die Zielgerichtetheit, Auswahl und Reflexion sowie Kommentierung des eigenen Lernfortschritts und Kompetenzerwerbs der Lernenden.

Bei der Beurteilung können folgende Fragen Hilfestellung geben:

  • Sind die Ziele, die mit dem Portfolio erreicht werden sollten, klar verfolgt?
  • Werden die Lerngegenstände klar umrissen?
  • Wird der Lern- und Kompetenzentwicklungsprozess hinreichend dokumentiert?
  • Werden Lernfortschritte und Kompetenzen erkennbar, die auf der Auseinandersetzung mit den für das Portfolio wichtigen Lerngegenständen beruhen?
  • Gibt es weitere Punkte im Rahmen der Erstellung des Portfolios, die Lernfortschritte in anderen Bereichen anzeigen?
  • Entwickelt der Lernende eine hinreichende Fähigkeit zur Selbstbeurteilung im Rahmen des Lernprozesses?
  • Wird die Auswahl der Arbeiten in hinreichender Weise reflektiert und begründet?
  • Ist eine gleichgewichtige Berücksichtigung von Lernprozess und Lernergebnis bzw. Kompetenzen festzustellen?
  • Zeugt das Portfolio von wachsender Fähigkeit zur Selbstorganisation des Lernenden?
  • Zeigt sich bei der Erstellung des Portfolios eine besondere Gewissenhaftigkeit und Ordentlichkeit?

Prüfungsverfahren herkömmlicher Art, die bestimmte Leistungen im Rahmen eines Lernprozesses messen sollen, widersprechen dabei dem Konzept der Portfolioarbeit nicht, sondern können u.U. eine sinnvolle Ergänzung sein. 

Modifikationsmöglichkeiten und Tipps

Das Portfolio kann in Pflicht- und Wahlteile unterteilt werden, bei denen die Wahlteile der persönlichen Ausformung durch die Lernenden selbst unterliegen und der Lernende selbst entscheiden kann, was er in welcher Form als Portfolio-Ergebnis dem Lehrenden einreicht. Daher empfiehlt sich meist eine Loseblattsammlung bzw. eine Art Sammelmappe für diese meist ganz unterschiedlichen und vielfältigen Unterlagen.

Eine Modifikationsmöglichkeit eines Portfolios ist der Einsatz eines E-Portfolios. E-Portfolios sind netzbasierte Sammelmappen, die verschiedene digitale Medien und Services integrieren und im E-Learning eingesetzt werden. Die Lernenden kreieren und pflegen ein E-Portfolio als digitalen Speicher der Lernergebnisse, die sie im Verlauf einer Veranstaltung sammeln. Das elektronische Portfolio können Lernende genau wie ein Papier-Portfolio benutzen, um Kompetenz und ihren Lernprozess zu reflektieren. Ein E-Portfolio ähnelt einer persönlichen Webseite. Hauptbestandteil ist die Sammlung von Arbeitsergebnissen, verbunden mit Anmerkungen von anderen Kursteilnehmenden, Lehrenden und persönlichen Reflexionen.

E-Portfolios können verschiedene elektronische Dokumente beinhalten, z.B. Hausarbeiten oder Referate als HMTL- oder PDF-Dokument, Fotos einer Exkursion, Mindmaps als Diskussionsergebnisse, Audiodateien von Interviews oder Videoaufzeichnungen von Vorträgen oder Debatten.

Die Erstellung von Portfolios ist ein vierstufiger Prozess, wobei die einzelnen Schritte je nach Schwerpunkt der Weiterbildungsveranstaltung und Zielsetzung variieren können. Auch hier gelten die oben genannten Arbeitsschritte.

Arbeitsschritt 1: Stoffsammlung

Das Material für das E-Portfolio wird von den Lernenden gesammelt. Die elektronische Speicherform erlaubt hier eine komfortable Materialspeicherung und gibt die Möglichkeit, den Stoff flexibel zu organisieren und ggf. zu verändern und zu restrukturieren.

Arbeitsschritt 2: Auswahl

Die Wahl der Medien ist zu begründen. Dabei sind Besonderheiten oder Erfahrungen herauszustellen. So können z.B. zu einer Power-Point-Präsentation Notizen über den Ablauf des Vortrags und die Reaktionen der Zuhörer gespeichert werden.

Arbeitsschritt 3: Reflexion

Die Lernenden reflektieren die Qualität ihrer Arbeit und nennen Erfahrungen, die sie während des Lernprozesses gemacht haben.

Arbeitsschritt 4: Projektion

Je nach Zugangsrechten können die Lernenden ihre Arbeiten mit denen von Kommilitonen vergleichen oder an z.B. auf einer Veranstaltungswebsite dargestellten Leistungsindikatoren messen. Durch das Portfolio-Format können außer Dozent/inn/en und Tutor/inn/en auch andere Teilnehmende zu einzelnen Ergebnissen Rückmeldungen geben.

Ein anderes Beispiel einer Modifikation oder Weiterentwicklung des Portfolios ist das Europäische Sprachenportfolio. Es handelt sich dabei um ein insbesondere für den Bereich des Fremdsprachenlernens angelegtes Portfolio, das als Lernbegleiter und Informationsinstrument dienen kann. Es soll Lernende einerseits für das Sprachenlernen motivieren und andererseits bei der Dokumentation ihrer sprachlichen Kompetenzen unterstützen. Mithilfe des Sprachenportfolios können Lernende ihre Kompetenzen in verschiedenen Sprachen, ihr Sprachenlernen und ihre Sprachkontakte dokumentieren und ihre interkulturellen Erfahrungen für sich selbst und für andere transparent machen und international vergleichen.

Sie können den Teilnehmenden auch anbieten, sich untereinander Feedback zu ihren Portfolios zu geben. Hierzu kann folgender Kritikbogen eingesetzt werden.


Quelle

Strauch, A., Jütten, S., & Mania, E. (2009). Kompetenzerfassung in der Weiterbildung. Instrumente und Methoden situativ anwenden. Bielefeld: W. Bertelsmann.


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