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Selbstlerneinheit zur Alphabetisierung und geringer Literalität mit Comenius-GreenUp-Siegel 2026 ausgezeichnet

Das Bild zeigt die Vertreter des Projekt "Selbstlerneinheit Alphabetisierung und geringe Literalität", welches das Comenius-GreenUp-Siegel 2026 gewonnen hat.

André Hamann von Lernende Region – Netzwerk Köln e.V. und Corinna Blersch von den tts learning architects bei der Comenius-Award-Verleihung 2026. Foto: Franz Rosky, Corinna Blersch und André Hamann, keine freie Lizenz

Am 22.06.2026 wurden in Paderborn die Preisträger*innen des 31. Comenius-EduMedia-Awards für digitale Bildungsmedien ausgezeichnet. Mit diesen würdigt die Gesellschaft für Pädagogik, Information und Medien e. V. (GPI) digitale Bildungsprodukte, die das Lehren und Lernen in verschiedenen Bildungsbereichen unterstützen.

Die Selbstlerneinheit „Alphabetisierung und geringe Literalität“ erhielt das Comenius-GreenUp-Siegel in der Kategorie „Bildungsmedien für eine nachhaltige Entwicklung (BMN)“. Sie ist von tts learning architects im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit (BA) gemeinsam mit Lernende Region – Netzwerk Köln e. V. (LRNK) entwickelt worden und schult deutschlandweit Berater*innen in den Agenturen für Arbeit und den Jobcentern darin, Erwachsene mit geringer Literalität zu erkennen und wirksam zu unterstützen. Der Zugang erfolgt über die digitale Fortbildungsumgebung „BA Lernwelt“.

Lernende Region Netzwerk Köln e.V. bildet gemeinsam mit dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung (BVAG) und dem Deutschen Institut für Erwachsenenbildung e. V. (DIE) das Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE.  Als Metavorhaben unterstützt dieses seit August 2024 zehn regionale Verbundvorhaben im Förderschwerpunkt „Grundbildungspfade“ des BMBFSFJ. Im folgenden Interview berichtet André Hamann (LRNK) über das ausgezeichnete Lernangebot und seine Bedeutung für den Förderschwerpunkt.

Das Lernangebot richtet sich an Vermittlungs- und Integrationsfachkräfte in Jobcentern und den Agenturen für Arbeit. Warum ist es wichtig, dass diese für das Thema Alphabetisierung und geringe Literalität sensibilisiert werden? Warum engagiert sich die Bundesagentur für Arbeit verstärkt für dieses Thema?

Beratungsfachkräfte in Jobcentern und den Agenturen für Arbeit gehören zu den Berufsgruppen, die regelmäßig mit Menschen mit geringer Literalität in Kontakt kommen. Viele Betroffene sprechen ihre Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben jedoch nicht offen an. Gleichzeitig sind Anzeichen geringer Literalität im Beratungsalltag nicht immer leicht zu erkennen. Dadurch bleiben Unterstützungsbedarfe häufig unentdeckt, obwohl Grundkompetenzen eine wichtige Voraussetzung für Qualifizierung, Weiterbildung und Arbeitsmarktintegration sind.

Die Bundesagentur für Arbeit begleitet das Thema Alphabetisierung und Grundbildung bereits seit Jahren als Partnerin der AlphaDekade und engagiert sich unter anderem in der Arbeitsgruppe „Alphabetisierung und Grundkompetenzen" der Nationalen Weiterbildungsstrategie. Mit dem Förderschwerpunkt „Grundbildungspfade" wächst zugleich der Anspruch, dieses Engagement in sichtbare, tragfähige Strukturen zu übersetzen.

Mit der Beratungskonzeption (BeKo) verfügt sie zudem bereits über ein ausdifferenziertes und ressourcenorientiertes Beratungskonzept. Die BeKo beschreibt dabei vor allem die Methodik der Gesprächsführung und weniger einzelne inhaltliche Zielgruppenthemen. An dieser Stelle setzt das Lernangebot an: Es ergänzt den methodischen Rahmen um das fachliche Wissen zu geringer Literalität und zeigt, wie diese erkannt, sensibel angesprochen und gemeinsam mit regionalen Netzwerkpartnern bearbeitet werden kann.

Dass sich damit eine so große Berufsgruppe erreichen lässt, die praktisch täglich mit der Zielgruppe im Gespräch ist, macht aus meiner Sicht den eigentlichen Hebel des Lernangebots aus. Eine kleine Investition in die Qualifizierung wirkt sich potenziell auf sehr viele Beratungsgespräche aus.

Was zeichnet den Beitrag des Lernangebots zur Bildung für nachhaltige Entwicklung besonders aus?

Nachhaltige Entwicklung bedeutet auch, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Menschen, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, haben häufig schlechtere Chancen auf Bildung, Beschäftigung und gesellschaftliche Mitwirkung. Das Lernangebot trägt dazu bei, Barrieren abzubauen und Teilhabechancen zu verbessern. Beratungsfachkräfte werden befähigt, diese Zielgruppe besser zu erreichen und passende Unterstützungsangebote anzubahnen. Zentral ist dabei der Transfergedanke: Nicht nur die Wissensvermittlung steht im Vordergrund des Angebots, sondern auch die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsverwaltung, Bildungsanbietern und regionalen Netzwerken. Es trägt so zur Bildung von Unterstützungsstrukturen bei, die über einzelne Beratungssituationen hinauswirken können.

Wie ist das Lernangebot aufgebaut? Was ist sein didaktisches Prinzip?

Das Lernangebot besteht aus 14 aufeinander abgestimmten Lernbausteinen mit einer Gesamtdauer von rund drei Stunden. Es kombiniert kurze Lerneinheiten, Fallbeispiele, Videos, Interviews, Gesprächssimulationen und Reflexionsaufgaben. Die einzelnen Module lassen sich zeitlich flexibel bearbeiten und in den Arbeitsalltag integrieren.

Didaktisch orientiert sich das Lernangebot am Leitgedanken "Erkennen, Ansprechen, Helfen". Den roten Faden bilden mehrere fiktive, aber realitätsnahe Personen, deren Biografien und Lebenssituationen verschiedene Formen geringer Literalität sichtbar machen. Die Teilnehmenden setzen die Inhalte immer wieder in den Kontext ihrer eigenen Beratungspraxis und reflektieren ihr berufliches Handeln. Ziel ist nicht nur die Wissensvermittlung, sondern auch die Förderung von Handlungssicherheit in Beratungssituationen.

Welche Kompetenzen erwerben die Teilnehmenden durch das Lernangebot?

Nach Abschluss des Lernangebots können die Teilnehmenden mögliche Hinweise auf geringe Literalität erkennen, Gespräche dazu wertschätzend führen und auf geeignete Unterstützungsangebote hinweisen. Grundlage dafür ist fundiertes Wissen zu geringer Literalität und ihren Auswirkungen auf den Alltag sowie die Qualifizierungs- und Beschäftigungsfähigkeit der Betroffenen. Darüber hinaus kennen sie wichtige regionale und überregionale Akteure im Handlungsfeld und wissen, wie sie bestehende Bildungs- und Beratungsangebote in ihre Arbeit einbeziehen können. Insgesamt gewinnen sie so Handlungssicherheit darin, Unterstützungsbedarfe zu erkennen, das Thema sensibel anzusprechen und im Beratungsgespräch gezielt auf passende Angebote zu verweisen.

Das Projekt ist aus der Zusammenarbeit zwischen der Bundesagentur für Arbeit, tts und LRNK entstanden. Warum ist Kooperation wichtig, wenn es um erfolgreiche Grundbildungsarbeit geht? Welche Rolle spielen Grundbildungsnetzwerke und -anbieter?

Grundbildung ist eine Querschnittsaufgabe, welche die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure erfordert und deshalb für mich immer auch eine Gemeinschaftsaufgabe ist. In der Entwicklung des Lernangebots zeigt sich das ganz praktisch. Die Bundesagentur für Arbeit kennt die Beratungsrealität, das Kompetenzzentrum bringt langjährige Erfahrung aus der Alphabetisierungs- und Grundbildungsarbeit ein und tts verfügt über Expertise in der Entwicklung digitaler Lernmedien. Erst durch diese Verbindung konnte ein Lernangebot entstehen, das inhaltlich fundiert, methodisch anspruchsvoll und zugleich praxisnah ist.

Grundbildungsnetzwerke und -anbieter übernehmen dabei eine Schlüsselrolle. Sie schaffen regionale Unterstützungsstrukturen, beraten und sensibilisieren Fachkräfte, machen Angebote sichtbar und sorgen dafür, dass Betroffene auch tatsächlich den Weg in ein passendes Lernangebot finden.

Die Zielgruppe des Lernangebots setzt sich zusammen aus Beratungsfachkräften in Jobcentern und den Agenturen für Arbeit – eine der größten Berufsgruppen, die regelmäßig mit Menschen mit geringer Literalität arbeitet. Welche Bedeutung hat dies für den Förderschwerpunkt "Grundbildungspfade"?

Der Förderschwerpunkt verfolgt u.a. das Ziel, Zugänge zu Grundbildungsangeboten zu verbessern und tragfähige Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Genau hier setzt das Lernprogramm an, indem es Fachkräfte qualifiziert, die täglich Kontakt zu Menschen mit Grundbildungsbedarf haben und oft als erste erkennen, dass Unterstützung notwendig ist. So entstehen für die Zielgruppe neue Zugangswege zu Grundbildungsangeboten. Sie werden früher erreicht und kommen direkter in Kontakt mit regionalen Bildungs- und Unterstützungsstrukturen.

Der Entwicklungsprozess zeigte auch auf, wie eine erfolgreiche und für alle Seiten gewinnbringende Kooperation mit Regelstrukturen als Partner der Grundbildungsarbeit funktionieren kann. Die gewonnenen Erfahrungen können daher auch für andere Organisationen, Beratungssettings und Entwicklungsprozesse von Interesse sein.

Über 150 Einreichungen aus mehreren europäischen Ländern wurden von der Fachjury nach den Qualitätskriterien des IB&M der GPI bewertet. Die komplette Liste aller Preisträger*innen finden Sie hier. Weitere Informationen erhalten Sie auf der Seite https://comenius-award.de/.

 

Das Interview führte Christina Münder für wb-web mit André Hamann.

 „Selbstlerneinheit zur Alphabetisierung und geringer Literalität mit Comenius-GreenUp-Siegel 2026 ausgezeichnet“ von Christina Münder für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE

 

Weitere Informationen zu dem Projekt "Grundbildungspfade" können Sie der folgenden    Projektseite entnehmen.

Grundbildungspfade in der AlphaDekade

Selbstlernmodul „Alphabetisierung und geringe Literalität“ der Bundesagentur für Arbeit

In Zusammenarbeit mit dem Kompetenzzentrum GrundbildungsPFADE entstand das Selbstlernmodul, welches Integrationsfachkräfte dabei unterstützen soll, geringe Literalität frühzeitig wahrzunehmen und Ratsuchende passgenau zu begleiten.

Weitere Informationen zu dem Projekt finden Sie hier:


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