Blog
Vorsorge lernen - Selbstschutz als Handlungsfeld der Erwachsenenbildung
Wie verhalte ich mich bei einem länger andauernden Stromausfall? Welche Vorräte benötigt mein Haushalt? Und wie können sich Menschen in einer Nachbarschaft gegenseitig unterstützen? Die Fähigkeit, in Krisen und Katastrophen handlungsfähig zu bleiben, entsteht nicht allein durch Warnungen oder bereitgestellte Informationen. Sie setzt Kompetenzen voraus, die Wissen, praktische Fertigkeiten, Urteilsfähigkeit und die Bereitschaft zur sozialen Kooperation verbinden. Solche Kompetenzen entstehen in Lernprozessen Erwachsener.
Warum Selbstschutz ein Thema der Erwachsenenbildung ist
Bevölkerungsschutz wird häufig vor allem als Aufgabe von Behörden, Feuerwehren und Hilfsorganisationen wahrgenommen. Organisierte Hilfe kann die Bevölkerung in einer großflächigen Krisen- oder Katastrophenlage jedoch nicht immer unmittelbar erreichen. Der Selbstschutz bildet deshalb eine wichtige Säule des Bevölkerungsschutzes. Er bezeichnet die Fähigkeit der Bevölkerung, sich selbst zu schützen und sich gegenseitig zu helfen, bis organisierte Unterstützung eintrifft.
Dafür genügt es nicht, einen Ratgeber zu besitzen oder Vorräte anzulegen. Menschen müssen Risiken einordnen, Informationen beurteilen, Entscheidungen treffen und konkrete Handlungen ausführen können. Katastrophen können deshalb als Lernanlässe vor, während und nach einem Ereignis betrachtet werden (zur Vertiefung Lacher & Rohs 2023b, S. 34ff). Gerade das Lernen vor einer Katastrophe ist bedeutsam, weil fehlende Kenntnisse und Fertigkeiten unter den belastenden Bedingungen einer akuten Krise nur schwer erworben werden können.
Aus der Erwachsenenbildung stammt zugleich das Instrumentarium, um solche Aneignungsprozesse zu verstehen und zu gestalten. Erwachsene lernen für den Selbstschutz in organisierten Kursen, aber auch informell, etwa im Beruf und Ehrenamt, in der Familie, durch persönliche Erfahrungen, über Ratgeber, Medien und digitale Informationsangebote. Der Beitrag „Selbstschutz lernen“ zeigt, welche Bedeutung solche informellen und selbstgesteuerten Lernwege für die Notfallvorsorge besitzen.
Zwei Forschungsüberblicke verdeutlichen allerdings, dass diese Perspektive bislang wenig entwickelt ist: Sowohl für Deutschland (Lacher & Rohs 2023a) als auch international (Lacher 2024) konzentriert sich die Forschung stark auf die Aus- und Weiterbildung professioneller Einsatzkräfte. Das Lernen der erwachsenen Allgemeinbevölkerung wird dagegen deutlich seltener untersucht. Daher wird dafür plädiert, Katastrophenvorsorge stärker als Gegenstand der Erwachsenen- und Weiterbildung zu verstehen.
Erwachsenenbildung ist dabei nicht lediglich ein zusätzlicher Vermittlungskanal für Informationen des Bevölkerungsschutzes. Sie kann Lernräume schaffen, in denen Erwachsene Informationen prüfen, Handlungen erproben, Erfahrungen austauschen und ihre eigene Verantwortung reflektieren. Zugleich kann sie einer einseitigen Verlagerung von Verantwortung auf Einzelne entgegenwirken: Selbstschutz darf nicht bedeuten, dass staatliche oder gesellschaftliche Zuständigkeiten privatisiert werden. Ziel ist vielmehr, individuelle Handlungsfähigkeit mit gegenseitiger Unterstützung und institutioneller Verantwortung zu verbinden.
Damit lässt sich Bildung für Selbstschutz als Handlungsfeld der Erwachsenenbildung innerhalb des Bevölkerungsschutzes fassen.
Das Forschungsprojekt PREP
An dieser Stelle setzte das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe geförderte Forschungsprojekt "PREP – Informelle und selbstgesteuerte Lernprozesse der Bevölkerung im Bereich Notfallvorsorge" an. Untersucht wurde, wie Erwachsene in Deutschland Kompetenzen für die Krisen- und Katastrophenvorsorge entwickeln, welche informellen und selbstgesteuerten Lernwege sie dabei nutzen und wie Erwachsenenbildung diese Prozesse unterstützen kann. Dafür wurden unter anderem 1.084 Personen in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung befragt, 7.305 deutschsprachige Webseiten analysiert sowie Ratgeberliteratur und qualitative Interviews mit sogenannten „Prepper:innen“ ausgewertet.
Interesse ist vorhanden – Vorsorge aber ungleich verteilt
Die Ergebnisse der repräsentativen Bevölkerungsbefragung zeigen: Nur 42 Prozent der Befragten hatten sich bereits mit der Vorbereitung auf Katastrophen oder länger andauernde Ausfälle der Strom-, Wasser- oder Gasversorgung beschäftigt (S. 26). Gleichzeitig interessierten sich, unter der Annahme kostenloser Angebote, rund 80 Prozent für mindestens ein abgefragtes Weiterbildungsthema (S. 72). Besonders gefragt waren Erste Hilfe und das Verhalten bei länger andauernden Stromausfällen (vgl. Abbildung 1). Eine kompakte Darstellung der Befunde findet sich Lacher u.a. (2025).
Abbildung 1: Anteil der Befragten mit Interesse an verschiedenen Weiterbildungsinhalten (n = 1082), Quelle: Rohs u.a. (2025, S. 72)
Eine weiterführende Clusteranalyse der Daten hinsichtlich der Lernstrategien und Bildungsbedarfe unterscheidet vier Gruppen: umfassend Vorbereitete, kompetente, aber gering bevorratete Personen, überwiegend Bevorratende sowie bislang kaum Vorbereitete. Auffällig ist ein Matthäus-Effekt: Menschen, die bereits gut vorbereitet sind, zeigen zugleich das größte Interesse an weiteren Bildungsangeboten. Personen mit wenigen Vorräten, Kompetenzen und Informationszugängen werden von bestehenden Angeboten schlechter erreicht. Damit stellt sich nicht nur die Frage, welche Angebote benötigt werden, sondern auch, wer Zugang zu ihnen findet. Die Analysen zeigen, dass soziale Lage, verfügbare Ressourcen, Risikowahrnehmung und genutzte Informationskanäle die Möglichkeiten zur Teilnahme und Vorsorge beeinflussen (Lacher, Fliegener & Großmann 2025). Bildungsangebote müssen deshalb zielgruppenspezifisch, barrierearm und partizipativ gestaltet werden.
Viele Informationen, wenige Lerngelegenheiten
Auch das Internet bietet zahlreiche Informationen zur Notfallvorsorge. Eine Webscraping-Studie zeigt jedoch, dass knapp 94 Prozent der untersuchten Webseiten vor allem statische Informationen bereitstellen. Schrittweise Anleitungen, Selbstlerneinheiten, interaktive Übungen und Möglichkeiten zum Austausch bleiben selten. Darüber hinaus können Checklisten und Ratgeber können eine wichtige Erstorientierung bieten. Sie gewährleisten aber noch nicht, dass Menschen das Gelesene verstehen, auf ihre eigene Lebenssituation übertragen und praktisch anwenden können. Zudem zeigt die Studie „Ratgeber für Notfälle“, dass sich entsprechende Bücher erheblich hinsichtlich ihrer fachlichen Verlässlichkeit, didaktischen Gestaltung und weltanschaulichen Rahmung unterscheiden. Die zentrale Herausforderung lautet daher nicht allein, mehr Informationen bereitzustellen. Informationen müssen in Lerngelegenheiten übersetzt werden, die zum Ausprobieren, Reflektieren und gemeinsamen Planen anregen.
Fünf Impulse für die Bildungspraxis
1. An Alltagssituationen anknüpfen
Angebote sollten nicht mit abstrakten Katastrophenszenarien beginnen, sondern mit konkreten Fragen: Wie kann ich bei einem Stromausfall kochen? Wie viel Trinkwasser benötigt mein Haushalt? Wie erreiche ich Angehörige, wenn Mobilfunknetze ausfallen? Überschaubare Aufgaben erleichtern den Einstieg und zeigen, dass Vorsorge auch mit begrenzten Ressourcen möglich ist.
2. Handlungsmöglichkeiten erproben
Wissen allein schafft noch keine Handlungssicherheit. Lernangebote sollten deshalb praktische Elemente enthalten, etwa einen Notfallrucksack gemeinsam zu prüfen, eine Mahlzeit ohne Strom zuzubereiten, einen familiären Kommunikationsplan zu entwickeln oder eine kurze Stromausfallsimulation durchführen. Entscheidend ist, dass Teilnehmende Erfahrungen sammeln und Rückmeldungen erhalten.
3. Unterschiedliche Voraussetzungen berücksichtigen
Ein einheitlicher Kurs für „die Bevölkerung“ greift zu kurz. Bereits gut vorbereitete Personen benötigen andere Angebote als Menschen, die bisher kaum Berührung mit dem Thema hatten. Während Fortgeschrittene von Szenarioübungen und vertiefenden Workshops profitieren können, brauchen Einsteiger:innen kurze, motivierende Formate mit unmittelbar umsetzbaren ersten Schritten.
Auch finanzielle Möglichkeiten, Wohnsituation, Alter, Sorgeverantwortung, gesundheitliche Einschränkungen und vorhandene Erfahrungen sollten berücksichtigt werden. Vorsorge darf nicht ausschließlich als Frage des Einkaufens und Bevorratens vermittelt werden.
4. Präsenzangebote mit weiteren Medien verbinden
Veranstaltungen vor Ort ermöglichen praktische Übungen, direkte Rückfragen und sozialen Austausch. Sie können durch digitale und gedruckte Materialien sinnvoll ergänzt werden, etwa durch kurze Vorbereitungsvideos, geprüfte Linklisten, Erinnerungen zur Aktualisierung von Vorräten oder Checklisten für den Transfer in den eigenen Haushalt. Digitale Angebote sollten Präsenzformate ergänzen, sie aber nicht pauschal ersetzen.
5. Lokale Partner und soziale Netzwerke einbeziehen
Vereine, Hilfsorganisationen und andere ortsnahe Akteure wurden in der Befragung besonders häufig als hilfreiche Informationsquellen genannt. Kooperationen mit Volkshochschulen, Feuerwehren, Hilfsorganisationen, Nachbarschaftsinitiativen, Familienbildungsstätten oder kommunalen Einrichtungen können Vertrauen schaffen und unterschiedliche Zielgruppen erreichen.
Zugleich sollte Vorsorge als gemeinschaftliche Aufgabe thematisiert werden: Wer benötigt im Haus oder in der Nachbarschaft Unterstützung? Welche Fähigkeiten sind bereits vorhanden? Was kann gemeinsam vorbereitet werden? So wird aus individueller Selbstvorsorge eine sozial eingebettete Vorsorgepraxis.
Erwachsenenbildung als Teil des Bevölkerungsschutzes
Die Ergebnisse von PREP zeigen ein bislang wenig erschlossenes Handlungsfeld der Erwachsenenbildung. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Angst zu erzeugen oder staatliche Verantwortung auf Einzelne zu verlagern. Sie kann vielmehr dabei unterstützen, Risiken einzuordnen, Informationen kritisch zu prüfen, praktische Fähigkeiten aufzubauen und gemeinschaftliche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Dafür braucht es Angebote, die nicht nur erklären, was Menschen tun sollen. Gute Vorsorgebildung ermöglicht ihnen, Handlungen auszuprobieren, Entscheidungen zu reflektieren und passende Lösungen für ihre eigene Lebenssituation zu entwickeln. Katastrophenvorsorge wird so zu einem alltagsnahen Lernprozess – und Erwachsenenbildung zu einem wichtigen Bestandteil des Bevölkerungsschutzes.
Zur Autorin
Dr. des. Sophie Lacher-May ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Erwachsenenbildung der RPTU Kaiserslautern-Landau. In ihrer Dissertation untersuchte sie, wie Erwachsene im Kontext der Katastrophenvorsorge Handlungsfähigkeit entwickeln und welche Rolle biographische Erfahrungen, informelle Lernprozesse und soziale Kontexte dabei spielen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Krisen und Katastrophen aus erwachsenenpädagogischer Perspektive, Lern- und Bildungsprozesse im biographischen Kontext, Erwachsenenbildung und Digitalisierung sowie Methoden der qualitativen Sozialforschung.
Quellen
Lacher, S. (2024). Exploring disaster preparedness: a scoping review of adult and continuing education approaches in international civil protection research. Journal of Risk Research, 27(10), 1273–1289. https://doi.org/10.1080/13669877.2024.2447252
Lacher, S., Fliegener, L., & Großmann, J. (2025). Das Prinzip der Teilhabe und Mechanismen der Exklusion in der nationalen Disaster Education. Ergebnisse einer empirischen Studie. In: Ebner von Eschenbach, M., Kondratjuk, M., Kraus, K., Rohs, M., Bremer, H., Cora, S., Eble, L., Opheys, C., Schreiber-Barsch, S.; Wagner, F., & Zosel, T. (Hrsg.). Teilhabe durch Teilnahme? Erwachsenenbildung und Weiterbildung zwischen Partizipation und Exklusion. Verlag Barbara Budrich. 133-144. https://www.pedocs.de/volltexte/2025/34139/pdf/EbnervonEschenbach_et_al_2025_Teilhabe_durch_Teilnahme.pdf
Lacher, S., & Rohs, M. (2023). Civil protection through adult and continuing education in Germany. A scoping review of an emerging research field. International Journal of Lifelong Education, 42(6), 532–549. https://doi.org/10.1080/02601370.2023.2263651
Lacher, S., & Rohs, M. (2026b). Katastrophen als Lernanlass. In: Bevölkerungsschutz Heft 2/23 Bevölkerung und Krise. 34-38
Lacher, S., Rohs, M., Großmann, J., & Fliegener, L. (2025). Wissen, Vorräte, Kompetenzen: Wie gut ist die Bevölkerung auf Katastrophen vorbereitet? In: Bevölkerungsschutz Heft 1/25 Zivile Verteidigung. 30-33.
Rohs, M., Lacher, S., & Grossmann, J. (2025). Notfall- und Katastrophenvorsorge in Deutschland Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung. In: Beiträge zur Erwachsenenbildung Nr. 17. https://kluedo.ub.rptu.de/frontdoor/deliver/index/docId/9208/file/17_Beitraege_PREP.pdf
"Vorsorge lernen - Selbstschutz als Handlungsfeld der Erwachsenenbildung" by Sophie Lacher-May für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE