Lars Kilian
Blog
Auf Krisen vorbereiten - didaktische Anregungen
Methoden für Entscheidungsfindung, Problemlösung und Kommunikation in der Erwachsenenbildung
Teilnehmende eines Seminars zum Erwerb von Krisenkompetenzen, KI generiert
Ob Naturkatastrophe, gesellschaftliche Krise oder ein plötzlicher Einschnitt im eigenen Leben – wer in Ausnahmesituationen handlungsfähig bleiben will, braucht mehr als Sachwissen. Entscheidend sind unter anderem kommunikative Kompetenzen:
- um Probleme systematisch anzugehen, statt in eine Schockstarre zu verfallen;
- um sich mit anderen verständigen können, wenn es wirklich darauf ankommt; ein zentraler Aspekt, der auch Problemlösung und Entscheidungsfindung adressiert;
- und um gute Entscheidungen treffen zu können, auch unter Druck und Unsicherheit.
Erwachsenenbildung kann den Erwerb der Kompetenzen unterstützen, mit Methoden, die diese Kompetenzen erlebbar machen und erweitern. In diesem Beitrag stelle ich sechs erprobte Methoden aus dem Methodenpool von wb-web vor, die sich eignen, um Lernende auf Entscheidungssituationen, Problemlösungsprozesse und kommunikative Herausforderungen in Krisen vorzubereiten – inklusive konkreter didaktischer Szenarien für die Praxis.
Warum Simulationen und Planspiele so wirkungsvoll sind
Kompetentes Handeln in Krisen lässt sich schwer durch Zuhören erwerben. Erst wenn Lernende selbst in eine Entscheidungssituation geraten, spüren sie, wie Zeitdruck, unvollständige Informationen oder widersprüchliche Meinungen das eigene Verhalten verändern. Planspiele und simulationsbasierte Methoden schaffen diesen Erfahrungsraum: Die Gruppe erlebt eine zugespitzte, teils fiktive Situation, trifft Entscheidungen, beobachtet die Gruppendynamik – und reflektiert anschließend gemeinsam, was das über das eigene Handeln in echten Krisen aussagt. Zugleich bietet der Kursraum und die Methode den nötigen Schutz, um ohne Risiko Möglichkeiten zu erproben.
Die folgenden Methoden decken unterschiedliche Aspekte ab: von der individuellen versus gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung über den Umgang mit Sündenbock-Mechanismen in der Kommunikation bis zur offenen Ideenentwicklung im Austausch mit anderen. Dabei wird in einem ersten Schritt die Methode knapp vorgestellt. Ein Link gibt die Möglichkeit, sich die Methode genauer anzusehen. Da die Methoden auf wb-web üblicherweise generisch sind, wird in einem zweiten Schritt der Bezug zur Krisenvorbereitung hergestellt. Im dritten Schritt wird der Einsatz der Methode anhand eines denkbaren didaktischen Szenarios konkretisiert.
1. Das NASA-Spiel: Entscheidungswege bewusst erleben
Beim NASA-Spiel erhalten die Teilnehmenden eine fiktive Überlebenssituation, in der 15 Gegenstände nach ihrer Wichtigkeit für das Überleben geordnet werden müssen. Das Besondere: Die Aufgabe wird dreimal unter unterschiedlichen Bedingungen bearbeitet – zunächst allein, dann in der Gruppe im Konsens, schließlich durch gewählte Delegierte im Plenum. Zeitdruck ist dabei bewusst eingebaut und macht die Entscheidungsprozesse besonders sichtbar.
Bezug zur Krisenvorbereitung: Die Methode macht unmittelbar erfahrbar, wie unterschiedlich Einzel-, Gruppen- und Delegationsentscheidungen ablaufen – ein zentrales Thema für jede Form von Krisenmanagement, ob im Katastrophenschutz, im Betrieb oder in der Nachbarschaftshilfe.
Ein denkbares didaktisches Szenario: In einem Seminar zu „Handlungsfähigkeit in Krisensituationen“ eröffnet das NASA-Spiel den Tag. Nach der Auswertung der drei Entscheidungsphasen leitet die Lehrperson zur Diskussion über: Welche Entscheidungswege eignen sich für welche Krisentypen – etwa die Evakuierung eines Hauses (schnelle Einzelentscheidung) versus die Verteilung knapper Ressourcen in einer Gemeinde (Konsens nötig)? So wird das Spiel zum Ausgangspunkt für einen Theorie-Praxis-Transfer.
2. Die Trotzburg: Gruppendynamik unter existenziellem Druck
Die Trotzburg, auch als „belagerte Stadt“ bekannt, konfrontiert fünf Rollenspielende mit einer ausweglosen Situation: Eine mittelalterliche Stadt wird belagert, und innerhalb einer Stunde muss eine schuldige Person ausgeliefert werden – sonst droht die Zerstörung der Stadt. Die übrigen Teilnehmenden beobachten das Geschehen und dokumentieren es anhand von Auswertungsbögen.
Bezug zur Krisenvorbereitung: Die Methode zeigt eindrücklich, wie unter extremem Druck Sündenbock-Mechanismen entstehen und wie schwer faire, solidarische Entscheidungen in Ausnahmesituationen zu treffen sind. Das ist hoch relevant für Themen wie Konfliktverhalten in Krisenstäben, Katastrophenhilfe oder gesellschaftliche Krisenreaktionen.
Ein denkbares didaktisches Szenario: In einer Fortbildung für ehrenamtliche Helfende oder Führungskräfte wird die Trotzburg genutzt, um über Verantwortungsübernahme und Gruppendruck in Ausnahmesituationen zu sprechen. Nach dem Spiel moderiert die Lehrperson eine Reflexionsrunde entlang der Fragen: Wer hat wann welche Kommunikationsstrategie gewählt? Wie hätte eine andere Gesprächsführung den Ausgang verändern können? Wichtig ist hier eine sorgfältige Auswertung, damit die intensive Spieldynamik nicht unreflektiert bleibt.
3. Die Insel ohne Wiederkehr: Entscheiden unter Unsicherheit
Bei Die Insel ohne Wiederkehr – auch „Inselspiel“ genannt – muss eine Gruppe von Schiffbrüchigen innerhalb von 30 Minuten eine überlebenswichtige Entscheidung treffen, ohne über gesicherte Fakten zu verfügen. Die Auswertung zeigt typischerweise, wie unterschiedlich Menschen mit Risiko umgehen und wie schnell Ausgrenzungsprozesse in der Gruppe entstehen können.
Bezug zur Krisenvorbereitung: Kaum eine reale Krise bietet vollständige Informationen. Diese Methode trainiert genau das: Entscheidungen zu treffen, wenn Fakten fehlen oder widersprüchlich sind – eine Kernkompetenz für den Umgang mit Naturkatastrophen, Gesundheitskrisen oder wirtschaftlichen Notlagen.
Ein denkbares didaktisches Szenario: In einem Workshop zu „Entscheiden unter Unsicherheit“ folgt auf das Inselspiel eine Transferphase, in der die Teilnehmenden reale Beispiele sammeln, in denen sie selbst mit unklarer Informationslage entscheiden mussten (z. B. während der Corona Pandemie, eines Stromausfalls oder eines Wetterereignisses). In Kleingruppen wird erarbeitet, welche der im Spiel beobachteten Verhaltensmuster – etwa Risikoscheu oder unfaire Diskussionstaktiken – auch dort eine Rolle spielten.
4. World Café: Kollektive Problemlösung im Dialog
Das World Café schafft eine lockere, café-ähnliche Gesprächsatmosphäre, in der Teilnehmende in wechselnden Kleingruppen an mehreren Tischrunden zu Leitfragen diskutieren. Ideen werden dabei von Runde zu Runde weitergetragen, sodass sich Gedanken über die gesamte Gruppe hinweg verdichten. Die Methode funktioniert sowohl in Präsenz als auch online, etwa über Breakout-Räume.
Bezug zur Krisenvorbereitung: Viele Krisenlösungen entstehen nicht durch Genies, die Einzelentscheidungen treffen, sondern durch das Zusammentragen verschiedener Perspektiven. Das World Café trainiert diese kollektive Problemlösekompetenz und fördert gleichzeitig kommunikative Kompetenzen wie Zuhören, Zusammenfassen und Weitertragen von Ideen.
Didaktisches Szenario: In einem mehrtägigen Seminar zur „Krisenvorsorge im Quartier“ wird ein World Café eingesetzt, um an verschiedenen Tischen Leitfragen zu bearbeiten wie: „Was brauchen wir bei einem Stromausfall?“, „Wie erreichen wir vulnerable Nachbar*innen im Notfall?“ oder „Welche Kommunikationswege funktionieren, wenn Handynetze ausfallen?“ Die gastgebende Person an jedem Tisch fasst am Ende die Ergebnisse zusammen, die im Plenum zu einem gemeinsamen Vorsorgekonzept verdichtet werden.
5. Barcamp: Selbstorganisierte Themenarbeit und Eigenverantwortung
Ein Barcamp ist eine „Unkonferenz“, deren Programm nicht im Voraus feststeht, sondern von den Teilnehmenden vor Ort selbst zusammengestellt wird. Alle können eigene Themenvorschläge einbringen und werden so von Teilnehmenden zu Teilgebenden. Sessions leben vom offenen Austausch, von Fragen und gemeinsamer Lösungsentwicklung statt von reinem Input.
Bezug zur Krisenvorbereitung: In echten Krisen gibt es selten ein fertiges Drehbuch – gefragt sind Eigeninitiative, schnelle Selbstorganisation und die Fähigkeit, eigene Themen und Lösungsvorschläge aktiv einzubringen. Das Barcamp-Format trainiert diese Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme in einer Gruppe.
Ein denkbares didaktisches Szenario: Am Ende eines Fortbildungszyklus zu „Krisenkompetenz im Ehrenamt“ steht ein Themen-Barcamp: Die Teilnehmenden bringen eigene Fragen und Problemstellungen aus ihrer Praxis mit – etwa zur Organisation von Nachbarschaftshilfe, zur Kommunikation mit Betroffenen oder zu psychischer Erster Hilfe – und entwickeln in selbstgewählten Sessions gemeinsam Lösungsansätze. Die Lehrperson tritt hier bewusst in den Hintergrund und übernimmt nur die organisatorische Rahmung. Die Ergebnisse werden der Gruppe vorgestellt und können sogar, wenn sie sich als neu und tragfähig darstellen, z.B. im Wohnquartier bekannt gegeben werden (z.B. Stadtteilbüro) oder online auf entsprechenden Seiten der Kommune publiziert werden.
6. Die „Das-geht-nicht!“-Übung: Widerstände als Ressource nutzen
Die „Das-geht-nicht!“-Übung macht innere Widerstände und Umsetzungshürden bewusst sichtbar: Teilnehmende sammeln zunächst möglichst viele Gründe, warum ein Vorhaben scheitern könnte – auch übertrieben und mit Humor. Anschließend entwickeln andere Gruppenmitglieder konstruktive Lösungen für diese Hürden, die dann auf einem Transferblatt festgehalten werden.
Bezug zur Krisenvorbereitung: Krisenvorsorge scheitert in der Praxis oft nicht am fehlenden Wissen, sondern an der Haltung „Das trifft mich schon nicht“ oder „Das kriege ich sowieso nicht organisiert“. Diese Methode holt genau diese Einwände aktiv ab und verwandelt sie in konkrete, umsetzbare Schritte – ein wichtiger Baustein für nachhaltigen Praxistransfer.
Ein denkbares didaktisches Szenario: Zum Abschluss eines Seminars zu „Notfallvorsorge im Haushalt“ setzt die Lehrperson die Übung ein, um die Umsetzung der gelernten Maßnahmen zu sichern. In Tandems nennen sich die Teilnehmenden gegenseitig Gründe, warum sie den eigenen Notfallvorrat oder Familiennotfallplan vermutlich doch nicht anlegen werden – von A wie Anschaffungskosten über P wie Platzproblemen bis Z wie Zeitmangel. Die Partner*in entwickelt dazu jeweils eine konkrete, machbare Lösung. Die Praktikabilität der machbaren Lösung kann anschließend nochmal im Tandem diskutiert und angepasst werden und das Ergebnis wird auf einem Transferblatt mit nach Hause genommen.
Ein möglicher Seminarablauf: Die Methoden kombinieren
Die sechs Methoden lassen sich hervorragend zu einem mehrteiligen Bildungsformat kombinieren, das alle drei Zielkompetenzen abdeckt:
| Phase | Methode | Schwerpunkt |
| Einstieg | NASA-Spiel | Entscheidungsprozesse (individuell/Gruppe/Delegation) |
| Vertiefung | Trotzburg oder Insel ohne Wiederkehr | Entscheiden unter Druck und Unsicherheit |
| Lösungsentwicklung | World Café | Gemeinsame Problemlösung, kommunikativer Austausch |
| Praxistransfer | Barcamp | Eigenverantwortliche Themenarbeit |
| Abschluss | „Das-geht-nicht!“ | Widerstände auflösen, Umsetzung sichern |
So entsteht ein Lernweg, der die Teilnehmenden nicht nur über Krisenbewältigung informiert, sondern sie handlungsfähiger macht – kognitiv, kommunikativ und emotional.
Fazit
Krisenkompetenz lässt sich nicht auswendig lernen, sondern nur erfahren, reflektieren und trainieren. Planspiele wie das NASA-Spiel oder die Trotzburg simulieren Entscheidungsdruck und Gruppendynamik, während dialogische Formate wie World Café und Barcamp kollektive Problemlösung und Eigeninitiative fördern. Ergänzt durch eine gezielte Widerstandsarbeit wie die „Das-geht-nicht!“-Übung entsteht ein rundes methodisches Repertoire, mit dem Lehrende in der Erwachsenenbildung ihre Teilnehmenden wirksam auf die Unwägbarkeiten des Lebens vorbereiten können.
Anzumerken sei, dass Plan- und Rollenspiele durchaus konfliktbehaftet ablaufen können und bei Teilnehmenden nicht unbedingt beliebt sein müssen. Das Fallbeispiel "Alles außer Rollenspiel" zeigt dies. Beim Einsatz ist von vornherein eine sensible Kommunikation seitens der Lehrperson nötig, die auf den Spielcharakter verweist. Auch während des Einsatzes derartiger Methoden muss darauf geachtet werden, dass die Situation nicht eskaliert oder es zu persönlichen Übergriffen kommt. Teilnehmende müssen die Möglichkeit haben, jederzeit aus dem Spiel auszusteigen oder die Methode wird ganz abgebrochen. Insbesondere für Lernende, die Katastrophensituationen erlebt haben (z.B. Flucht, Feuer etc.), kann ein solches Angebot sehr stressauslösend sein. Das Fallbeispiel "Wenn das Rollenspiel zum Ernstfall wird" zeigt eine mögliche Form des Umgangs in solchen Situationen, auf die sich Lehrende vorbereiten sollten.
"Auf Krisen vorbereiten - didaktische Anregungen" von Lars Kilian für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE
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