Chris Nowacki
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"Resilienz kann nur in einem resilienten System vermittelt werden" – Interview mit Prof. Dr. Harald Karutz
Harald Karutz (Foto: MSH Medical School Hamburg).
Der Bevölkerungsschutz ist ein heterogenes Feld – ebenso wie die Erwachsenenbildung. Im Gespräch gibt Prof. Dr. Harald Karutz, Dipl.-Pädagoge und Professor für Psychosoziales Krisenmanagement an der MSH Medical School Hamburg, tiefergehende Einblicke in die Disziplin und erklärt, welche Kompetenzen hier besonders erforderlich sind und wie sich diese optimal vermitteln lassen.
Herr Karutz, Sie befassen sich schon lange mit dem Bevölkerungsschutz in Deutschland: Welchen Anlass gab es, das Projekt BeSchuDi zu initiieren?
Hier würde ich gern etwas ausholen, um das Projekt und seine Entstehungsgeschichte ein wenig einordnen zu können. Zunächst einmal ist Bevölkerungsschutz ein sehr heterogenes und facettenreiches Handlungsfeld. Stark geprägt ist es von natur-, ingenieur- und verwaltungswissenschaftlicher Expertise, aber auch der Notfall- bzw. Katastrophenmedizin. Zunehmend wurden in den letzten Jahren außerdem psychologische Aspekte in den Blick genommen – beispielsweise wurde viel über psychische Traumatisierungen geforscht, und es wurden Konzepte erarbeitet, um Betroffene bei der Bewältigung des Erlebten zu unterstützen[1].
Pädagogische Überlegungen zu Unglücken, Krisen und Katastrophen sind demgegenüber lange Zeit wenig beachtet worden; Bevölkerungsschutz wurde kaum als Bildungsthema wahrgenommen. Aus-, Fort- und Weiterbildungen fanden überwiegend lernzielorientiert und im Frontalunterricht statt; einzelne Handlungsabläufe wurden allenfalls „gedrillt“.
Erst vor wenigen Jahren hat es immer stärkere Kritik an dieser Situation gegeben; überlieferte pädagogische Konzepte wurden zunehmend hinterfragt. Bemängelt wurde, dass zwar viel theoretisches Wissen vermittelt worden ist, in manchen Notfallsituationen dann aber keineswegs so gehandelt werden konnte, wie man es sich eigentlich vorgestellt hat. Daraufhin wurden erste kompetenzorientierte Unterrichtskonzepte erarbeitet. Vor allem Landesfeuerwehrschulen, aber auch die Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung[2] sowie die Bildungseinrichtungen der Hilfsorganisationen sind hier vorangegangen[3].
In vielen Gliederungen der Einsatzorganisationen auf Orts- und Kreisebene wurde dennoch an althergebrachten Unterrichtskonzepten festgehalten, weil sie natürlich sehr leicht umzusetzen sind: Vorn steht jemand und spricht – die anderen hören zu. Und hin und wieder finden praktische Übungen statt. Gleichzeitig hat es noch eine andere Problematik gegeben: Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Einsatzkräfte bauten nicht immer schlüssig aufeinander auf. Horizontal und vertikal war oftmals keine Durchlässigkeit und keine unmittelbare Anschlussmöglichkeit von Qualifizierungsmaßnahmen gegeben[4]. Selbst zentrale Begriffe wurden uneinheitlich verwendet: Wenn beispielsweise von „Kompetenz“ gesprochen worden ist, meinten (und meinen) längst nicht alle Beteiligten das Gleiche. Im Grunde genommen hat jede Organisation ihre eigenen didaktisch-methodischen Vorstellungen entwickelt. Mitunter wurden dadurch auch Inkompatibilitäten und Verständnisschwierigkeiten verursacht.
Das BBK wollte vor diesem Hintergrund für eine gewisse Harmonisierung, für ein organisationsübergreifend einheitliches Rahmenkonzept sorgen. Wissenschaftlich begründet sollten allen Lehrenden, aber auch Führungskräften in Einsatzorganisationen Leitlinien an die Hand gegeben werden, um Aus-, Fort- und Weiterbildungen – basierend auf einem gemeinsamen Bildungsverständnis – möglichst professionell und zeitgemäß gestalten zu können. Basierend auf Vorarbeiten zu einer „Notfall- bzw. Bevölkerungspädagogik“, die wir seit 2004 veröffentlicht haben[5] – und anknüpfend an das Projekt „Bildungsatlas Bevölkerungsschutz“, das unter der Leitung von Prof. Lars Gerhold durchgeführt worden ist[6] – sind wir dann mit diesem Projekt beauftragt worden: Das Projektakronym „BeSchuDi“ steht für die Entwicklung einer bereichsspezifischen, kompetenzorientierten Bevölkerungsschutzdidaktik.
Welche Rolle spielt die Erwachsenenbildung Ihrer Meinung nach aktuell und in Zukunft im Bevölkerungsschutz?
Aus meiner Sicht kommt der Erwachsenenbildung eine enorme Bedeutung zu. Wir haben uns im BeSchuDi-Projekt ja ausschließlich mit Aus-, Fort- und Weiterbildungen für Einsatzkräfte befasst. Tatsächlich ist es aber so, dass der angemessene Umgang mit Unglücksfällen, Krisen und Katastrophen ein Bildungsthema für jeden einzelnen und für die gesamte Bevölkerung darstellt.
In der Nationalen Resilienzstrategie, die die Bundesregierung vor einigen Jahren veröffentlicht hat[7], wird mehrfach explizit auf die Bedeutung von Bildung hingewiesen. Auch im kürzlich vom Bundesinnenminister vorgestellten „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ spielen pädagogische Überlegungen eine besondere Rolle: Notfallvorsorge und Selbsthilfestrategien sollen zukünftig z. B. in allgemeinbildenden Schulen als Themen aufgegriffen werden[8].
Aus meiner Sicht ist das grundsätzlich begrüßenswert: Einerseits geht es darum, wie eine Vorbereitung auf Unglücksfälle, Krisen und Katastrophen möglich ist. Andererseits stellt sich die Frage, was sich aus solchen Erfahrungen lernen lässt und inwiefern auch Bildung einen Beitrag zur Krisen- und Katastrophenbewältigung leisten kann. Die konstruktive Aufarbeitung der Coronavirus-Pandemie, oder auch der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz 2021 stellt nicht nur eine juristische und organisationale, sondern insbesondere auch eine pädagogische Herausforderung dar.
Fakt ist, dass wir in unruhigen Zeiten leben. Extremwetterereignisse treten immer häufiger auf. Unsere Gesellschaft ist inzwischen hoch technisiert, aber genau dadurch auch äußerst störungsanfällig und verletzlich geworden. Der Stromausfall in Berlin ist nur ein Beispiel dafür, wie leicht und wie rasch durch einen Anschlag oder auch nur einen technischen Defekt u. U. katastrophale Effekte eintreten. Und seit einiger Zeit wird ernsthaft wieder über mögliche Zivilschutzszenarien wie einen Bündnis-, Spannungs- oder Verteidigungsfall diskutiert.
Aktuell befinden wir uns offenbar in multiplen Krisen bzw. einer „Polykrise“[9]. In solchen Zeiten auf die eigene Gesundheit zu achten, das globale Geschehen kritisch zu reflektieren, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen, sich solidarisch zu zeigen und auch in Ausnahmesituationen, von denen man womöglich selbst betroffen ist, handlungsfähig zu bleiben – dies alles sind Themen der Erwachsenenbildung: Ein kompetenter Umgang mit komplexen Herausforderungen, mit Gefahren und Risiken, mit Vulnerabilität und Bedrohungen entwickelt sich jedenfalls nicht von allein, sondern setzt meines Erachtens spezifische Bildungsprozesse voraus[10].
Ist der Bevölkerungsschutz eher praxis- oder wissenschaftsgetrieben? Oder anders gefragt: Welchen Stellenwert haben ihrer Meinung nach Pädagogik und wissenschaftliche Forschung bislang für die Bildungspraxis in diesem Feld?
Nach wie vor wird im Bevölkerungsschutz oftmals so ausgebildet, wie es immer schon üblich war. Genau damit ist aber eine Problematik verbunden, weil althergebrachte Unterrichtskonzepte aus zahlreichen Gründen schlichtweg nicht mehr funktionieren. Wenn Kompetenzen für Unglücke, Krisen und Katastrophen entwickelt und gefördert werden sollen, brauchen wir wissenschaftlich begründete Handlungsstrategien, und vor allem brauchen wir für den Bevölkerungsschutz eine spezialisierte empirische Bildungsforschung.
Viele Fragen zur Auswahl relevanter Bildungsinhalte, zur Wirksamkeit didaktisch-methodischer Konzepte, zur Gestaltung von Bildungssettings und zu diversen weiteren bildungsorganisatorischen Aspekten können wir bislang nicht befriedigend beantworten. Meines Erachtens zeigen sich hier deutliche Forschungslücken.
Andere Länder sind uns sowohl in der Praxis als auch in der entsprechenden Forschung und Theoriebildung voraus – exemplarisch wird häufig auf Japan, Schweden und Norwegen hingewiesen: Während „disaster education“ international längst ein etabliertes und intensiv bearbeitetes Handlungsfeld darstellt[11], hat die Entwicklung einer „Bevölkerungsschutzpädagogik“ in Deutschland gerade erst begonnen[12].
In einem sehr interessanten Projekt unter der Leitung von Prof. Matthias Rohs wurde vor kurzem beispielsweise untersucht, auf welche Quellen eigentlich zurückgegriffen wird, wenn Menschen sich über das eigene Verhalten in Unglücksfällen, Krisen und Katastrophen informieren möchten. Vor allem Online-Angebote und die Ratgeberliteratur sind dabei kritisch betrachtet worden[13].
In verschiedenen weiteren Arbeiten wird derzeit erforscht, wie eine Gesellschaft durch gegenseitige Hilfeleistungen gestärkt und wie zu bürgerschaftlichem Engagement motiviert werden kann[14]. Dabei gerät die Bedeutung informeller Lernprozesse zunehmend in den Blick: „Community preparedness“ – eine resiliente und krisen- bzw. katastrophenkompetente Bevölkerung – entsteht eben nicht allein in „Kursen“[15]. Genau solche Bildungsangebote sind aber nach wie vor verbreitet, obwohl viele Menschen mit diesen Formaten überhaupt nicht erreicht werden können. Oftmals handelt es sich dabei auch um „Beschulungsmaßnahmen“, die nicht besonders attraktiv wahrgenommen werden[16].
Angebracht wäre es sicherlich, die Vermittlung von Selbsthilfekompetenzen in einem stärkeren Zusammenhang mit Strategien der Risikokommunikation zu betrachten und Erkenntnisse aus benachbarten Disziplinen wie der Katastrophensoziologie, der Notfallpsychologie sowie der Gesundheitswissenschaft einzubeziehen[17]. Dieses weite Themenspektrum erfordert allerdings interdisziplinäre Vernetzungen und Kooperationen, die in unserer Forschungslandschaft bislang kaum vorhanden sind oder sich gerade erst entwickeln.
Unklar scheint mir übrigens auch, wer eigentlich „Bevölkerungsschutzbildung“ betreiben kann: Formell ist die Förderung der Selbsthilfefähigkeit in Krisen und Katastrophen eine Aufgabe der Kommunen und Kreise, die dafür aber kaum Ressourcen haben. An Volkshochschulen findet das Thema bislang ebenfalls eher wenig Beachtung. Einsatzorganisationen sind fachlich kompetent, aber nicht immer und vor allem nicht auf allen Ebenen ist dort pädagogische Expertise vorhanden. Bis 1996 gab es mal einen Bundesverband für den Selbstschutz – der wurde nach dem Ende des Kalten Krieges jedoch ersatzlos aufgelöst, und so ist das gesamte Thema aus dem Blick geraten.
Welche Kompetenzen sind aus Ihrer Sicht für Erwachsene im Bevölkerungsschutz besonders wichtig?
Oft wird zunächst daran gedacht, dass man sich einen Lebensmittelvorrat anlegen soll, auf dem Mobiltelefon eine Warnapp installiert und lernt, einfache Erste-Hilfe-Maßnahmen durchzuführen. Das ist auch alles richtig – aus meiner Sicht müssten aber noch ganz andere Kompetenzen entwickelt und gefördert werden. In Rahmen des BeSchuDi-Projektes haben wir insgesamt 50 (Teil-) Kompetenzen identifiziert, die im Hinblick auf die Bewältigung von Krisen und Katastrophen eine besondere Bedeutung haben.
Keineswegs geht es nur darum, bestimmte Handgriffe zu beherrschen – beispielsweise einen Feuerlöscher bedienen zu können. Bildungsthemen sind auch der Umgang mit Ängsten, Sorgen und Unsicherheit, die Recherche nach verlässlichen Informationen sowie die Konstruktion von Sinn[18]. Ebenso geht es darum, in komplexen, dynamischen und sicherlich auch belastenden Situationen immer noch klare Prioritäten setzen und kluge Entscheidungen treffen zu können. Aus meiner Sicht wird dabei viel zu sehr auf technische Verrichtungen fokussiert, während die ernsthafte gedankliche Auseinandersetzung mit Unglücksfällen, Krisen und Katastrophen unbeachtet bleibt. Letztlich handelt es sich um existenziell bedeutsame Themen[19], denen man nicht dadurch gerecht wird, dass man eine App bedienen kann.
In Österreich gibt es den Begriff der „geistigen Landesverteidigung“ – darin ist ausdrücklich auch eine reflexive Auseinandersetzung mit Schutzgütern, Normen und Werten enthalten[20]. In Deutschland ist mitunter gar nicht klar, was denn eigentlich wovor geschützt werden soll und warum Bevölkerungsschutz so wichtig ist. Dies zu vermitteln, stellt meines Erachtens die eigentliche Bildungsaufgabe dar.
Was gilt es bei der Vermittlung und Förderung dieser Kompetenzen besonders zu beachten?
Zunächst einmal ist aus meiner Sicht zu beachten, dass Unglücksfälle, Krisen und Katastrophen schon sehr besondere Themen sind. Sie können emotional aufgeladen und durchaus auch mit Vorbehalten verbunden sein.
Unglücke, Krisen und Katastrophen als Bildungsthemen aufzugreifen, ist auf jeden Fall anspruchsvoll. Es muss auch daran gedacht werden, dass Menschen u. U. bereits Erfahrungen mit Krisen und Katastrophen gesammelt haben, die in Bildungsveranstaltungen unbeabsichtigt getriggert werden können. Deshalb ist ein traumasensibles Vorgehen angebracht[21].
Auf etwaige Ängste und Sorgen sollte in angemessener Weise eingegangen werden. Um das subjektive Kompetenzgefühl zu erhöhen bzw. Selbstwirksamkeit zu vermitteln, sind vor allem aber auch praktische Trainings wünschenswert. Ich würde sehr dafür plädieren, die Bevölkerung in Katastrophenübungen einzubeziehen und aktiv mitwirken zu lassen. Bislang fanden solche Übungen oftmals eher im Verborgenen statt – auf diese Weise wird Selbsthilfefähigkeit natürlich nicht gefördert.
Wichtig ist m. E. deutlich zu machen, warum in Krisen und Katastrophen überhaupt jeder einzelne gefordert ist. Viele Menschen vertrauen auf professionelle Hilfe durch Rettungsdienste, Feuerwehren und das Technische Hilfswerk. Das kann man auch niemandem zum Vorwurf machen, denn die Einsatzorganisationen haben viele Jahre selbst großen Wert darauf gelegt, stets ihre Leistungsstärke zu präsentieren und sich selbst möglichst „stark“ bzw. „omnipotent“ zu zeigen. Eigene Grenzen wurden kaum angesprochen – und das rächt sich nun: Jetzt muss immer wieder betont werden, dass in großen Schadenslagen u. U. erst einmal keine Hilfe kommt und jeder einzelne auf Selbsthilfe angewiesen ist.
Aus meiner Sicht fehlen dabei allerdings zielgruppenspezifische, z. B. alters- und kultursensible Differenzierungen. Pauschalisierende „Gießkannenkonzepte“ sind weitgehend unwirksam, ebenso wie Angstreize und Furchtappelle wenig hilfreich sind[22]. Eine Perspektive bietet der Settingansatz, der im Bevölkerungsschutz vor allem von Prof. Irmtraud Beerlage vertreten wird[23]: Demnach sollte in den jeweiligen Lebenswelten mit Menschen gemeinsam überlegt werden, was sie in ihrer Situation und ihrem Umfeld tun könnten, um für Notfälle vorzusorgen und möglichst gut gerüstet zu sein. Es geht also nicht darum, dass Experten von außen sagen, was denn nun richtig und wünschenswert ist, sondern dass jeder einzelne als Experte für sich selbst ernst genommen und gewürdigt wird. Hier wird auf Partizipation, Empowerment und auf die Stärkung vorhandener Ressourcen Wert gelegt.
In diesem Sinne könnte und sollte auch nicht nur in „klassischen“ Informationsveranstaltungen und Seminaren, sondern ebenso in Sportvereinen, im Tanzclub, in Siedlungsgemeinschaften und am Arbeitsplatz über Notfallvorsorge gesprochen werden. Vor einigen Jahren gab es bereits den Vorschlag, in vertrauten Kleingruppen „Inhouse-Security-Partys“ anzubieten, um Menschen niedrigschwellig erreichen und individuellen Bildungsbedarfen und Bedürfnissen gerecht werden und bereits vorhandene Netzwerke stärken zu können. Eine Pilotstudie hat gezeigt, dass dieses Konzept durchaus praktikabel ist und angenommen wurde[24].
Schließlich ist ein weiterer wichtiger Aspekt, dass Bevölkerungsschutz als wirkliches Bildungsthema nicht unterkomplex behandelt und allein auf praktisches Vorsorgehandeln reduziert werden darf. Dass Vorsorgemaßnahmen für Zivilschutzlagen von einigen Menschen auch als „Kriegsvorbereitung“, wenn nicht sogar „Kriegstreiberei“ betrachtet werden, teilweise Unbehagen verursachen und mitunter auf Ablehnung stoßen, sollte in einem Bildungskontext ernst genommen und offen diskutiert werden können. Und tatsächlich sollte Bildung für den Bevölkerungsschutz nicht ausschließlich darin bestehen, sich auf schreckliche Szenarien vorzubereiten, sondern auch diese möglichst zu verhindern: Wie Frieden erhalten werden kann und wie sich Unglücksfälle vermeiden lassen, stellen jedoch Themen dar, die sich sehr differenziert betrachten lassen und zu denen sehr wohl unterschiedliche Positionierungen möglich sind; hier handelt es sich um klassische Themen der politischen Bildung!
Welche Rolle spielt Digitalisierung beim Aufbau dieser Kompetenzen, und wo stößt sie im Bevölkerungsschutz an klare Grenzen?
Was Digitalisierung betrifft, gibt es im Bevölkerungsschutz m. E. die gleiche Situation wie in allen anderen Bereichen des Bildungswesens. Einerseits liegt in digitalen Angeboten eine große Chance, weil Aus-, Fort- und Weiterbildungen niedrigschwelliger erreicht und flexibler absolviert werden können als bisher. Andererseits gibt es eben doch immer wieder technische und formelle Hürden, die die Etablierung und Nutzung digitaler Bildungsangebote erschweren und beeinträchtigen. Nicht jede Software funktioniert zuverlässig, mitunter treten Kompatibilitätsprobleme auf, und nicht zuletzt stellt die Einhaltung von Datenschutzbestimmungen eine Herausforderung dar.
In einer Online-Befragung von 1463 Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz, die wir im Rahmen des BeSchuDi-Projekts durchgeführt haben, ist sehr deutlich geworden, dass digitale Angebote einerseits ausdrücklich gewünscht werden. Andererseits wurden bereits absolvierte digitale Angebote zumindest teilweise sehr kritisch bewertet[25]. Dies verweist darauf, dass technisch und konzeptionell offenbar noch „Luft nach oben“ ist.
Grundsätzlich sollten digitale Angebote keinem Selbstzweck dienen, sondern eingebettet sein in ein didaktisches Konzept. Aus meiner Sicht wird vor allem Virtual-Reality-Technik in den kommenden Jahren eine immer größere Rolle spielen, weil auch größere Unglücksfälle, Krisen und Katastrophen durch sie sehr lernwirksam simuliert werden können. Hier eröffnen sich – für Führungskräfte und Mitglieder von Krisenstäben, aber auch für die Zivilbevölkerung – enorme Trainingsmöglichkeiten, die es bislang nicht gegeben hat; die technische Entwicklung schreitet in diesem Bereich rasant voran.
Wie können Erkenntnisse aus der Erwachsenenbildung in BeSchuDi so übersetzt werden, dass sie für die Bildungspraxis im Bevölkerungsschutz wirklich nutzbar werden?
Längst nicht alle Lehrenden im System des Bevölkerungsschutzes, d. h. auch in den Einsatzorganisationen, sind studierte Pädagoginnen und Pädagogen. Viele Lehrende, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren engagieren sich ehrenamtlich, neben ihrem Beruf, in einem u. U. völlig anderen Bereich. Im BeSchuDi-Projekt haben wir deshalb einfach umsetzbare didaktisch-methodische Leitlinien formuliert, die zu gelingenden Bildungsprozessen im Bevölkerungsschutz beitragen sollen. Es sind einfache „do's“ und „dont's“, die man als „pauschalisierende Rezeptologie“ definitiv auch kritisch betrachten kann. In vielen Bereichen des Bevölkerungsschutzes haben sie m. E. aber ihre Berechtigung.
Außerdem scheint mir wichtig, Bildung im Bevölkerungsschutz als grundsätzlich niemals abgeschlossenen, sondern fortlaufenden Entwicklungsprozess zu betrachten. Ich nehme es so wahr, dass gerade im Bevölkerungsschutz sehr stark in „Lehrgängen“ gedacht wird: Man nimmt an einer Qualifizierungsmaßnahme teil – und danach kann und darf man etwas. Tatsächlich entwickeln Kompetenzen sich über einen längeren Zeitraum, und dementsprechend wären zumindest in Einsatzorganisationen „Bildungsbegleiter“ wünschenswert. Für die Zivilbevölkerung hat Prof. Henning Goersch schon vor einigen Jahren „Change Agents“ vorgeschlagen, die Bürgerinnen und Bürger bei der Umsetzung von Notfallvorsorgemaßnahmen unterstützen könnten[26]. Aus einem Projekt, das ich vor einigen Jahren verantwortet habe, stammt die (ähnliche) Idee, „Notfallvorsorgeberaterinnen und Notfallvorsorgeberater“ zu etablieren[27], und es gibt aktuelle Ansätze, Bildungsprozesse im Kontext von Krisen und Katastrophen sozialpädagogisch zu begleiten[28]. Hier gibt es auf jeden Fall noch sehr viel Entwicklungspotential.
Welche Perspektiven sehen Sie für die Weiterentwicklung von Bildung und Qualifizierung im Bevölkerungsschutz – und welche Handlungsspielräume wären aus Ihrer Sicht politisch noch zu schaffen?
Zunächst einmal sehe ich zwei übergeordnete Herausforderungen, die im Hinblick auf die Gestaltung von Bildungsangeboten für den Bevölkerungsschutz besonders relevant sind: Zum einen befindet sich das Bildungswesen insgesamt in einer Krise. Resilienz kann m. E. aber nur in einem resilienten System vermittelt und gefördert werden. Deshalb spricht aus meiner Sicht vieles dafür, Bildungseinrichtungen als Teil der Kritischen Infrastruktur zu betrachten und das Bildungswesen insgesamt, auch im Hinblick auf eine mögliche eigene Betroffenheit, zu schützen und zu stärken.
Zum anderen sind viele Menschen schon in ihrem Alltag stark beansprucht. Psychische Erkrankungen treten häufiger auf als früher, und die Ausfallzeiten von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aufgrund von psychischen Erkrankungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Wer aber generell schon stark belastet ist, dürfte in einer Krise oder Katastrophe erst recht überfordert sein. Umgekehrt gilt: Wer im Alltag gesund und psychisch stabil ist, ist auch für die Bewältigung von Krisen und Katastrophen erst einmal gut gerüstet. Aus diesem Grund sollte aus meiner Sicht ein inhaltlicher Schwerpunkt auf die Förderung der (psychischen) Gesundheit gelegt werden: Alles, was dazu dient, die Gesundheit einer Bevölkerung zu stärken ist insofern auch unmittelbar für den Bevölkerungsschutz relevant. Daraus lassen sich vielfältige Bezüge zu sozial- und gesundheitspolitischen Aspekten ableiten.
Wenn Bildung einen Beitrag zu einer resilienten Gesellschaft leisten soll, müssen außerdem ganz konkrete, politisch verantwortete Rahmenbedingungen vorhanden sein: Beispielsweise muss es finanziell abgesicherte Bildungsangebote geben, aber auch spezialisierte Lehrende und Multiplikatoren, die diese Angebote kompetent umsetzen können.
Unabhängig davon bin ich der Meinung, dass pädagogischen Bemühungen im Bevölkerungsschutz eine andere Wertschätzung entgegengebracht werden sollte als bisher: Wer an einschlägigen Aus-, Fort- und Weiterbildungen teilnimmt, sollte dafür beispielsweise ebenso wie ehrenamtlich aktive Einsatzkräfte von seinem Arbeitgeber freigestellt werden können.
Darüber hinaus benötigen die Entwicklung und Umsetzung zeitgemäßer didaktisch-methodischer Konzepte ganz grundsätzlich Raum und Zeit. Mein Eindruck ist allerdings, dass in Reden von Politikerinnen und Politikern – gerade in der aktuellen Krisenzeit – zwar häufig auf die große Bedeutung von Bildung hingewiesen wird. Am Ende sollen Bildungsangebote dann aber möglichst kostengünstig sein, möglichst wenig Zeit in Anspruch nehmen und bloß keinen großen Aufwand verursachen. So funktioniert es allerdings nicht!
Prof. Dr. Harald Karutz ist u. a. Diplom-Pädagoge, Notfallsanitäter und Feuerwehrmann. An der Medical School Hamburg (MSH) forscht und lehrt er seit 15 Jahren zu pädagogischen und psychosozialen Fragestellungen im Krisenmanagement. 2022 hat er untersucht, inwiefern Bildungseinrichtungen als Teil der Kritischen Infrastruktur zu betrachten sind[29]. Von Oktober 2023 bis September 2025 leitete er das vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) geförderte Projekt „Entwicklung einer bereichsspezifischen, kompetenzorientierten Bevölkerungsschutzdidaktik" (BeSchuDi)[30]. Gemeinsam mit seinem Team ist er darin der Frage nachgegangen, wie Aus-, Fort- und Weiterbildungen für Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz kompetenzorientiert und didaktisch zeitgemäß gestaltet werden können.
- Beerlage, I. (2025). Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV). In Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) (Hg.), Leitbegriffe der Gesundheitsförderung und Prävention. Glossar zu Konzepten, Strategien und Methoden. https://doi.org/10.17623/BZGA:Q4-i140-2.0; zuletzt abgerufen am 30.06.2026. ↩
- Mitschke, T., Franke, D. (2015). Pädagogisches Konzept. Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ). https://www.bbk.bund.de/.../PädagogischesKonzept.pdf; zuletzt abgerufen am 30.06.2026. ↩
- Vgl. Bräuer, M., Höfs, T., Meyer, A. (2013). Paradigmenwechsel in der Feuerwehrausbildung. Brandschutz, 3, 170–178; Mitschke, Th., Franke, D. (2013). Paradigmenwechsel in der Aus- und Fortbildung des Bevölkerungsschutzes. Brandschutz, 6, 410–413; Demke, R. (2013). Aus- und Fortbildung im Bereich der Feuerwehren. Landesfeuerwehrschule Würzburg, Würzburg sowie Müller, C. (2014). Pädagogische Neukonzeption der Ausbildung im DRK. Im Einsatz, 21, 16–19. ↩
- Mitschke, T. (2017). Aus-, Fort- und Weiterbildung im Bevölkerungsschutz. In Karutz, H., Geier, W., Mitschke, T. (Hg.), Bevölkerungsschutz. Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis (S. 153-166). Heidelberg: Springer. ↩
- Siehe z. B. Karutz, H. (Hg.) (2011). Notfallpädagogik. Konzepte und Ideen. Edewecht: Stumpf & Kossendey; Karutz, H., Mitschke, T. (2014). Pädagogik im Bevölkerungsschutz: Wieso, weshalb, warum? Im Einsatz, 21(4), 188-193; Karutz, H., Mitschke, T. (2018). Gegenwärtige und zukünftige pädagogische Herausforderungen im Bevölkerungsschutz. Notfallvorsorge, 49(2), 13-19; Karutz, H., Mitschke, T. (2018). Grundzüge und Handlungsfelder einer „Bevölkerungsschutzpädagogik". Notfallvorsorge, 49(1), 4-13; Karutz, H., Mitschke, T. (2018). Pädagogik und Bildungsverständnis im Bevölkerungsschutz. In Bevölkerungsschutz, 4, 2-7. ↩
- Guerrero Lara, A., Gerhold, L. (2020). Bildung im Bevölkerungsschutz. Teil 1: Bildungsatlas Bevölkerungsschutz – Strukturelle Merkmale der Bildung im Bevölkerungsschutz. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe; Guerrero Lara, A., Gerhold, L. (2020). Bildung im Bevölkerungsschutz. Teil 2: Strukturelle und didaktische Merkmale der Aus- und Fortbildung von Führungskräften im Bevölkerungsschutz. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. ↩
- Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) (2022). Deutsche Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen. Umsetzung des Sendai Rahmenwerks für Katastrophenvorsorge (2015–2030). Der Beitrag Deutschlands 2022 bis 2030. Berlin: Eigenverlag. ↩
- Bundesinnenministerium (2026). Eckpunkte Pakt für den Bevölkerungsschutz. https://www.bmi.bund.de/.../BMI26017-pakt-bevoelkerungsschutz.pdf; zuletzt abgerufen am 29.06.2026. ↩
- Fekete, A., Karutz, H., Fiedrich, F., Geier, W., Gerhold, L. (2026). Zeitenwende, Zivile Verteidigung und Bevölkerungsschutz: Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen. Berlin, Heidelberg: Springer. ↩
- Karutz, H. (2026). Bevölkerungsschutz, psychische Gesundheit und Bildung. In Fekete, A., Karutz, H., Fiedrich, F., Geier, W., Gerhold, L. (Hg.), Zeitenwende, Zivile Verteidigung und Bevölkerungsschutz: Perspektiven unterschiedlicher Disziplinen (S. 25-34). Berlin, Heidelberg: Springer. ↩
- Siehe z. B. Kitagawa, K. (2021). Conceptualising Disaster Education. Education Sciences, 11(233). ↩
- Vgl. Lacher, S., Rohs, M. (2023). Civil protection through adult and continuing education in Germany. A scoping review of an emerging research field. International Journal of Lifelong Education, 42(6), 532-549; Lacher, S., Rohs, M. (2023). Katastrophen als Lernanlass. Welchen Beitrag leistet die Weiterbildungsforschung für den Bevölkerungsschutz? In Bevölkerungsschutz, 2, 34-38. ↩
- Lacher, S., Rohs, M. (2026). Preparedness Without Pedagogy? An AI-Assisted Web Scraping Analysis of Informal Online Disaster Preparedness Resources for the Public. Education Science, 16(1), 146. ↩
- Siehe z. B. Senatsverwaltung für Inneres und Sport (2026). EQuiP – Entwicklung Netzwerkorientierter Qualität im Psychosozialen Krisenmanagement staatlicher Verwaltung. https://www.berlin.de/.../equip-1552054.php; zuletzt abgerufen am 30.06.2026. ↩
- Vgl. Beerlage, I. (2017). Persönliche und gemeinschaftliche Vorsorge. In Karutz, H., Geier, W., Mitschke, T. (Hg.), Bevölkerungsschutz: Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis (S. 141-153). Berlin: Springer. ↩
- Harm, F. C. (2024). Erste Hilfe lernen. Eine lerntheoretische Analyse eines Kursformates der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe. Baden-Baden: Textum. ↩
- Siehe z. B. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Bundesinstitut für Risikobewertung (Hg.) (2022). Risikokommunikation. Ein Handbuch für die Praxis. Bonn. ↩
- Vgl. Amini, B. (2005). Krisenpädagogik. Veränderung und Sinn (3. Aufl.). Kiel: Syllabus. ↩
- Vgl. Roth, S. (2006). Erwachsenenbildung als Förderer der Schlüsselqualifikation Krisenkompetenz. Norderstedt: Grin; Karutz, H. (2026). Bildung durch Notfälle: Umgang mit prägenden Einsatzerfahrungen. Rettungsdienst, 49(6), 512-518. ↩
- Bundesministerium für Bildung (2026). Geistige Landesverteidigung. https://www.bmb.gv.at/Themen/schule/schulpraxis/ba/glv.html; zuletzt abgerufen am 30.06.2026. ↩
- Hehmsoth, C. (2021). Traumatisierte Kinder in Schule und Unterricht. Wenn Kinder nicht wollen können. Bad Heilbrunn: Klinkhardt. ↩
- Beerlage, I. (2017). Persönliche und gemeinschaftliche Vorsorge. In Karutz, H., Geier, W., Mitschke, T. (Hg.), Bevölkerungsschutz: Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis (S. 141-153). Berlin: Springer. ↩
- Beerlage, I. (2018). Der Setting-Ansatz in der Bevölkerungsschutzbildung. Bevölkerungsschutz, 4, 8-12. ↩
- Karutz, H. (2012). Das Konzept der „Inhouse-Security-Party". Posterpräsentation für das 12. DKKV-Forum Katastrophenvorsorge „Risiko Lernen – Lehren – Leben" vom 13.11.2012 bis zum 14.11.2012 in Bonn. ↩
- Posingies, C., Hammerl, A., Karutz, H. (2025). Aus-, Fort- und Weiterbildungsangebote für Lernende im Bevölkerungsschutz. Notfall & Rettungsmedizin, 28. https://doi.org/10.1007/s10049-025-01564-x. ↩
- Goersch, H. G., Werner, U. (2011). Empirische Untersuchung der Realisierbarkeit von Maßnahmen zur Erhöhung der Selbstschutzfähigkeit der Bevölkerung. Forschung im Bevölkerungsschutz, Band 15. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. ↩
- Karutz, H. (2012). Inhouse-Security-Party. Notfallberatung zur Förderung der Selbsthilfekompetenz. Im Einsatz, 19, 218–221. ↩
- Treptow, R. (2024). Großschadensereignisse und Katastrophen. Was bedeuten sie für Bildung und Soziale Arbeit? Soziale Passagen, 16(1), 7-28. ↩
- Karutz, H., Posingies, C., Dülks, J. (2022). Vulnerabilität und Kritikalität des Bildungswesens in Deutschland. Eine Betrachtung aus Sicht des Bevölkerungsschutzes. Abschlussbericht. Forschung im Bevölkerungsschutz, Band 31. Bonn: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. ↩
- Karutz, H., Hammerl, A., Posingies, C., Kemna, J., Genieser, J., Geckeler, A., Kramer, D. (2026). Entwicklung einer bereichsspezifischen, kompetenzorientierten Bevölkerungsschutzdidaktik (BeSchuDi). Unveröff. Abschlussbericht im Auftrag des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. ↩
"Resilienz kann nur in einem resilienten System vermittelt werden" – Interview mit Prof. Dr. Harald Karutz
von Chris Nowacki für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE.