Lars Kilian
Forschung quergelesen
Resilienz fördern: Impulse für die Erwachsenenbildung
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit, trotz Stress und kritischer Lebensereignisse psychisch gesund zu bleiben beziehungsweise sich davon wieder zu erholen. Resilienz ist keine unveränderliche persönliche Eigenschaft. Zwar können auch stabile Faktoren wie Intelligenz oder Alter Resilienz beeinflussen, aber Resilienz entsteht vor allem in einem „multifaktoriellen Bewältigungsprozess“ (S. 78) und kann sich im Laufe des Lebens verändern. Erlernbare Erlebens- und Verhaltensmuster spielen dabei eine wichtige Rolle. Damit kann Resilienz auch durch Bildungsangebote gefördert werden – und zwar bis ins hohe Alter. Höfler sieht darin eine wichtige Aufgabe der Erwachsenenbildung (S. 78).
Beratung, Coaching und Training als Ansatzpunkte
Für die Erwachsenenbildung ergeben sich insbesondere aus den klassischen Handlungsfeldern Beratung, Coaching und Training Möglichkeiten zur Resilienzförderung. Sie können Menschen bei der Bewältigung belastender Lebenssituationen unterstützen und gezielt Ressourcen stärken. Zu den in der Forschung beschriebenen Schutzfaktoren gehören unter anderem problemorientierte Bewältigungsstrategien, Selbstwert, Selbstwirksamkeit, realistische Ziele, ein unterstützendes soziales Netzwerk und die Fähigkeit zur eigenen Einflussnahme (S. 78).
Dabei ist entscheidend, dass nicht jede Person dieselben Ressourcen oder Unterstützungsangebote benötigt. Welche Faktoren für die Bewältigung wichtig sind, hängt unter anderem von der konkreten Belastungssituation, deren Intensität, dem Alter und Geschlecht sowie möglichen psychischen oder psychosomatischen Symptomen ab. Gerade bei Menschen in kritischen Lebenssituationen empfiehlt Höfler deshalb personenzentrierte Ansätze, bei denen die individuelle Lebensgeschichte und die persönlichen Bewältigungsweisen berücksichtigt werden (S. 78).
Resilienz lässt sich nicht einfach „trainieren“
Der Begriff „Resilienz-Training“ ist nach Höfler allerdings mit Vorsicht zu verwenden. Resilienz ist keine feste Fähigkeit, die sich unabhängig von der jeweiligen Situation einfach einüben lässt. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel persönlicher und umweltbezogener Faktoren. Bestimmte Ressourcen – etwa realistische Zielsetzungen oder die Selbstwirksamkeitserwartung – können jedoch gezielt trainiert werden (S. 78).
In der Bildungspraxis können deshalb auch kombinierte Angebote sinnvoll sein, die fachliche Inhalte, Möglichkeiten zur Selbstklärung und Trainingselemente miteinander verbinden. Die Grenzen zwischen Beratung, Coaching und Training sind dabei häufig fließend (S. 79).
Qualität und Zielgruppenorientierung sind entscheidend
Da Begriffe wie Resilienzförderung, Coaching, Beratung und Training nicht geschützt sind, kommt der Qualifizierung der Fachkräfte eine besondere Bedeutung zu. Höfler fordert Aus- und Weiterbildungen, die auf validiertem Grundlagen- und Anwendungswissen beruhen. Denn die Bedingungen für Resilienz unterscheiden sich beispielsweise bei Studierenden, Pflegepersonal, Führungskräften oder Krisenhelferinnen und Krisenhelfern deutlich. Erwachsenenbildung sollte deshalb eng mit der Forschung verbunden sein und zielgruppenspezifisches Wissen berücksichtigen (S. 79).
Auch die Entwicklung und Evaluation konkreter Bildungs- und Interventionsangebote ist notwendig. Maßnahmen sollten sich möglichst genau an der jeweils zu fördernden Ressource orientieren – beispielsweise an Selbstwirksamkeit oder Kontrollüberzeugungen. Für die Erwachsenenbildung bedeutet dies, dass vorhandenes Wissen über Lern- und Bildungsprozesse in Krisen stärker mit der Resilienzforschung verbunden werden sollte (S. 79).
Keine Versprechen von „Resilienz in drei Sitzungen“
Für die Bildungspraxis besonders relevant ist Höflers Forderung nach einem realistischen Verständnis von Resilienz. „Resilienz ist im Bildungsbereich inzwischen zum Schlagwort geworden“ (S. 79). Überzogene Versprechen können problematisch sein: Wenn Menschen den Eindruck gewinnen, sie müssten lediglich die richtigen Techniken anwenden, um dauerhaft widerstandsfähig zu sein, können bei Misserfolgen Schuldgefühle und ein Verlust von Selbstvertrauen entstehen (S. 79–80).
Lehrende sollten daher auch die Grenzen individueller Resilienz thematisieren. Unter extremem Stress kann Resilienz kaum möglich sein, und eine erfolgreiche Bewältigung in einer Situation garantiert nicht, dass eine spätere Belastung ebenfalls erfolgreich bewältigt wird. Außerdem benötigen Veränderungen von Wahrnehmungs- und Bewältigungsmustern Zeit. Kurzangebote mit Versprechen wie „Resilienz in drei Sitzungen“ (S. 80) sind vor diesem Hintergrund kritisch zu betrachten.
Für die Erwachsenenbildung lässt sich daraus ein zentraler Grundsatz ableiten: Resilienzförderung sollte nicht als Vermittlung eines einfachen „Werkzeugkastens“ verstanden werden. Sinnvoller sind Bildungsangebote, die an den Erfahrungen und Lebenssituationen der Teilnehmenden anknüpfen, individuelle Ressourcen sichtbar machen und konkrete Bewältigungsmöglichkeiten entwickeln.
Gleichzeitig sollte die Verantwortung für Resilienz nicht allein beim Individuum liegen. Höfler weist ausdrücklich darauf hin, dass auch gesellschaftliche Anerkennungsstrukturen sowie Lebens- und Arbeitsbedingungen das Resilienz-Level beeinflussen – Faktoren, auf die einzelne Lernende durch persönliche Verhaltensänderungen nur begrenzt Einfluss nehmen können (S. 80).
Für Lehrende bedeutet dies: Resilienz fördernde Erwachsenenbildung kann Menschen dabei unterstützen, ihre Ressourcen und Handlungsmöglichkeiten zu erweitern. Sie sollte dabei personenzentriert, wissenschaftlich fundiert und realistisch bleiben – und zugleich die Grenzen individueller Einflussmöglichkeiten sichtbar machen.
Quelle
Höfler, M. (2022). Stärkung der Resilienz durch Beratung, Coaching und Training. Leitgedanken für eine wirksame Bildungspraxis. In: Erwachsenenbildung, 68. Jg., Heft 2, S. 78–80. https://www.researchgate.net/publication/367052534_Starkung_der_Resilienz_durch_Beratung_Coaching_und_Training_-_Leitgedanken_fur_eine_wirksame_Praxis
"Resilienz fördern: Impulse für die Erwachsenenbildung" von Lars Kilian für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE