Susanne Witt Blog

Hybrid Lehren und Lernen

Die Bildkonstruktion zeigt eine Hand, die aus dem Bildschirm kommt, und einem präsenten Menschen die Hand schüttelt.

Hybrider Handshake (Bild von Gerd Altmann auf Pixabay) 

Was bleibt von einem Jahr digitaler Weiterbildungsangebote? Seit fast einem Jahr besteht nur noch sehr eingeschränkt die Möglichkeit – wenn überhaupt –, Präsenzveranstaltungen durchzuführen. Für viele Lehrende und Teilnehmende war der Umstieg auf digitale Lehre ein Sprung ins kalte Wasser, für manch Lernenden die einzige Chance zur Teilhabe. Ausfallende Technik, mangelnde Infrastruktur und Frontalunterricht wurden anfangs billigend in Kauf genommen. Hauptsache, es fand überhaupt etwas statt. Doch in den zwölf Monaten veränderte sich viel. Die Ansprüche an Moderation, Vielfalt der Tools und abwechslungsreiche diskursive Methoden veränderten rasant die digitale Kursgestaltung. Welche Spuren hinterlässt das Jahr der Digitalisierung? Welche Chancen eröffnet die Digitalisierung der Lehre für die Zukunft?

Digitale Lehr-Lern-Formate entwickeln sich immer weiter, so auch hybride Lernangebote. Der Blogbeitrag stellt Erfahrungen und Methoden vor, möchte aber insbesondere auch Denkanstöße für weitere Konzepte geben.

„In Präsenz hätte ich nicht teilnehmen können“

Für viele bedeutet das hybride Format, dass zwei Gruppen abwechselnd in Präsenz und Online an einer Weiterbildung teilnehmen. Der Vorteil ist, dass hierbei Blended Learning-Formate wie z.B. Flipped Classroom eingesetzt werden können. Doch was wäre, wenn neben zwei alternierenden Gruppen eine dritte Gruppe immer am Präsenzunterricht teilnimmt und eine vierte immer online? Mit Sicherheit ist für viele Teilnehmende die soziale Komponente des Präsenzangebots ein Grund für eine Kursteilnahme. Andere wiederum können aus z.B. beruflichen, familiären oder gesundheitlichen Gründen nicht an Präsenzveranstaltungen teilnehmen. Warum sollen diese Teilnehmenden aus dem Kursangebot bei einer Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen ausgeschlossen werden? Warum sollen Bildungseinrichtungen auf mögliche Teilnehmende verzichten? Wie können Lehrende bei der Kursplanung alle vier Gruppen gleichberechtigt einbinden?  

Organisationsformen

Ein Kursangebot mit vier unterschiedlich „präsenten“ Gruppen zu organisieren, erfordert eine Struktur angelehnt an Blended-Learning-Formate wie zum Beispiel die Methode „Flipped Classroom“. Die Wissensvermittlung wird mittels erstellter und zur Verfügung gestellter Medien in die Vorbereitungsphase verlagert. Der Austausch und die Vertiefung erfolgen in der synchronen gemeinsamen Präsenzphase oder gemeinsamen gemischten Präsenz-/Onlinephasen.

Die Grafik zeigt die Teilnahmemöglichkeiten durch hybriden Unterricht.

Abbildung: Drei Teilnehmergruppen mit verschiedenen Präsenz-und Onlineteilnahmen (eigene Darstellung)

Sechs Leitlinien legen den Grundstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit:

Die Grafik listet die Leitlinien für eine Zusammenarbeit auf.

Abbildung: Sechs Leitwerte für Digitalen Fern- und Hybrid-Unterricht (Kantereit 2020, CC BY SA 4.0)

Vertrauen

Fragt man Lehrende, wie sehr sie der Vorbereitung der Lernenden  vertrauen, erhält man zumeist ein müdes Lächeln als Antwort. In der Regel vertrauen Lehrende eher wenig der Vorbereitung der Lernenden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Lehrende nur ungern in Formate wie Flipped Classroom wechseln. Bei diesen wird Wissensvermittlung in die Vorbereitung vorgelagert und die Vertiefung findet in der gemeinsamen Präsenzveranstaltung statt. Vielleicht aber ist auch der gefühlte Kontrollverlust ein Grund für die Ablehnung. Indem die Lehrkraft die Wissensvermittlung mittels multimedialer Medien in die Vorbereitungsphase verlagert, muss diese darauf vertrauen, dass diese auch bearbeitet werden.

Natürlich war und ist die Umstellung der Lehr-Lern-Formate auch für die Lernenden eine neue Erfahrung. Selbstständigkeit und Disziplin in der Phase des Selbststudiums zur Wissensaneignung sind gefordert. Die Lehrerzentrierung entfällt, wie auch eine Wiederholung der Wissensinhalte in der gemeinsamen Zeit zur Vertiefung. Um die Motivation der Lernenden zu erhalten, ist bei der Erstellung der Inhalte für die Selbstlernphase ein Mittelweg zwischen Mindestmaß und Überforderung einzuhalten. Individuelle Materialien für schwächere oder stärkere Lernenden sollten zusätzlich gestellt werden. Dazu müssen nicht zwingend eigene Materialien entwickelt werden, es kann auch auf weiterführende Angebote im Netz verwiesen und mit offenen Aufgabenstellungen gearbeitet werden. Das Mehr an Eigenverantwortung wirkt motivierend wie auch der Wechsel von „Command and Control“ zu „Trust and  Believe“. Ziel ist es, die Grundbedürfnisse des Lernenden: Kompetenzerweiterung, Autonomie sowie soziale Eingebundenheit zu bedienen. Weitere Ziele sind die Förderung von Kreativität, das kritische Denken, Problemlösungsverhalten und Durchhaltevermögen.

Hilfreich für den Aufbau von Vertrauen sind starke soziale Beziehungen zwischen Lehrkraft und Lernenden sowie unter den Lernenden. Gruppenarbeit analog wie digital kann die Beziehungen stärken. Damit dies gelingt, bedarf es Kongruenz, Akzeptanz, Empathie, Motivation und Kommunikation. Die Lernenden müssen die Lehrkraft als „echt“ erleben, sich selbst immer wieder reflektierend. Die Akzeptanz ist bedingungslos und drückt sich durch positive Zuwendung aus. Zentraler Faktor für den Beziehungsaufbau und –erhalt ist die Kommunikation. Klare transparente Regeln für die Kommunikation müssen a) aufgestellt und b) eingehalten werden. Wichtig ist es, dass die Lehrkraft keine der Gruppen bevorzugt. Sie agiert zunehmend mehr als Lernbegleiter*in denn als Wissensvermittler*in.

Klare und einfache Arbeitsaufträge für kollaborative Arbeiten

Die Arbeitsaufträge für die gemeinsame Gruppenarbeit sollen klar und einfach formuliert sein. Für die Umsetzung werden der Gruppe intuitive verwendbare Tools vorgeschlagen bzw. zur Verfügung gestellt. Während dieser Gruppenarbeitsphase tritt die Lehrkraft als Moderator*in bzw. Lernbegleitung auf. Ziel ist es, die Lernenden auf dem Weg zum Arbeitsziel zu begleiten, ihnen dabei Entscheidungs- und Handlungsfreiheit zu lassen. So sollen ihre Kreativität, Handlungskompetenzen hinsichtlich Anwendung und Lösungsentwicklung gestärkt werden. Bewertet wird später der Entwicklungsweg von der Problemanalyse bis zu den gefundenen Lösungen. Engagement, soziales Verhalten in der Gruppe, Kommunikation und weitere Faktoren können ebenfalls berücksichtigt werden.

Feedback geben und erhalten

Das Feedback richtet sich zum einen an den Einzelnen von der Lehrkraft zum Lernenden und umgekehrt. Zum anderen richtet sich das Feedback von der Lehrkraft an die Gruppe sowie innerhalb der Gruppe von Lernenden zu Lernenden, aber auch von einer Gruppe zur nächsten. Das Feedback sollte dabei stets konstruktiv sein und auf Augenhöhe stattfinden. Das Format kann direkt in einem Gespräch aber auch zum Beispiel als geschützte Audiodatei oder Brief erfolgen.

EULE-Lernpfad Feedback

Feedback an die Lernenden ist ein Instrument, das, sinnvoll eingesetzt, den gesamten Lernprozess positiv beeinflussen kann. Trotzdem haben viele Lehrende Schwierigkeiten bei der Beurteilung ihrer Teilnehmenden, bleiben beim Feedback vage oder trauen sich gar nicht erst eine Rückmeldung zu geben. Wie Sie Fehler beim Beurteilen vermeiden, ein gutes Feedbackgespräch führen, schriftliches Feedback als Alternative einsetzen und welche Voraussetzungen Feedback-Empfangende mitbringen müssen, erfahren Sie in diesem Lernpfad. 

Beim Lernen unterstützen – Feedback an die Kursmitglieder

Alles dreht sich um die Lernaufgabe

Herzstück des Lehr-Lern-Geschehens ist die Lernaufgabe. Bei der Gestaltung kann die KAKAO-Regel hilfreich sein:

  • Kreativ: Durchführung
  • Angemessen: Umfang
  • Kurz: Aufgabenstellung
  • Aktuelles Thema
  • Offen: Bearbeitungsmöglichkeit

Sie soll der Lebenswelt der Teilnehmenden entsprechen und exemplarisch sowie problem- oder konfliktorientiert gestaltet werden. Die Aufgabe soll die Teilnehmenden herausfordern aber nicht überfordern. Zudem soll sie Raum für Kreativität, Kollaboration, kritisches Denken und Kommunikation geben und so  die 4K fördern. Bei der Auswahl der Lernaufgabe können Teilnehmende mitbestimmen. Auf diese Weise erfolgen eine bessere Differenzierung und Bezugnahme auf Heterogenität. Den Lernenden soll eine selbstständige Auseinandersetzung mit den Inhalten ermöglicht werden. Fachwissen soll einbezogen und Anwendungsbezüge hergestellt werden. Gefördert werden Sach-, Methoden-, Urteils- und Handlungskompetenz mit dem Einsatz von Material und abwechslungsreichen Formaten.

Viele Wege führen nach Rom: SCRUM und Design Thinking

Mit SCRUM  und Design Thinking stehen den Lehrenden zwei offene Modelle zur Verfügung.

Die Grafik zeigt den Ablauf des Scrum-Prozesses.

Abbildung: SCRUM-Prozessablauf (eigene Darstellung)

SCRUM ist eine Methode des agilen Projektmanagements. Sie findet in der Produktentwicklung Anwendung und kann auch für die Organisation von Unternehmen eingesetzt werden. Im Gegensatz zu langwierigen Veränderungsprozessen in klassischen Projektmanagement- Prozessen bietet SCRUM agile Anpassungen, die jederzeit möglich sind. Das Vorgehen gleicht einer Roadmap. Bei der Methode werden Rollen, Artefakte und Ereignisse festgelegt. Ziel ist es, dass die Teilnehmenden selbstständig und kreativ einen Prozess entwickeln, an dessen Ende ein Produkt (Lernergebnis) herauskommt. Das kann ein z.B. ein Video oder eine Infografik sein. Dieses kann einen Test ersetzen. Zeitlich getaktete Feedbackrunden geben die Möglichkeit zum Austausch und Justierung. Die Lehrkraft begleitet die Prozesse in den einzelnen Projektgruppen.

Eine ausführliche Handlungsanleitung finden Sie hier

Die Grafik zeigt den Ablauf der Design-Thinking-Methode.

Bild: Design Thinking (CC BY SA by Praxisfeld GmbH)

Design Thinking basiert wie Scrum auf einem systematischen und agilen Ansatz zur Lösung eines Problems bzw. in der Produktentwicklung komplexer Problemstellungen. Im Zentrum stehen die Bedürfnisse und Wünsche des Nutzenden. Das Design fokussiert den – oft anwendungsbezogenen – Nutzen aus der Perspektive des Auftraggebers.  Ein kreatives Arbeiten mit möglichst vielen Perspektiven soll die Problemlösung erleichtern. Letztere kann und darf über das eigentliche Produktdesign hinausgehen. Der Design-Thinking-Prozess besteht auf sechs Bausteinen: Verstehen, Beobachtung, Herausforderung definieren, Ideen finden (ggf. zzgl. Verfeinern), Prototypen entwickeln (Ausführung), Testen (Lernen).

Eine ausführliche Handlungsanleitung zu Design Thinking finden Sie hier. 

Technische Umsetzung

Mit der technischen Ausstattung steht und fällt  jedes Online-Lernangebot, so auch  im hybriden Lernsettings.  In der  folgenden  Handlungsanleitung  finden Sie Umsetzungsmöglichkeiten  von  der Minimal-Ausstattung  bis  zur High Definition.  Was man nutzt und wie  einsetzt, hängt nicht zuletzt auch von  der Gruppengröße, -zusammensetzung und  Lernaufgaben ab. 

Wie mögliche  Lernsettings  mit  der Hardware umgesetzt werden können,  lesen  Sie hier.

CC BY SA 3.0 by Susanne Witt für wb-web (April 2021)