Chris Nowacki
Forschung quergelesen
Forschung quergelesen: Erasmus+ wirkt – und hat noch Potenzial
Wie wirkt Erasmus+? (Eigene Bildkomposition unter Einsatz von KI, CC-BY-SA 4.0).
Erasmus+ stärkt die Erwachsenenbildung in Deutschland: Das Programm fördert finanziell und strukturell vor allem kleine Träger, wodurch auch Lernende erreicht werden, die ansonsten wenig Teilhabe an Weiterbildung erfahren. Doch der Verwaltungsaufwand auf Seiten der Träger und Lernenden ist hoch. Eine aktuelle Wirkungsstudie zeigt, was schon funktioniert und wo noch verbessert werden kann.
Was ist Erasmus+?
Erasmus+ ist das Förderprogramm der EU für Bildung, Jugend und Sport. Vielen ist es als Förderung für Auslandssemester an Hochschulen bekannt. Das Programm reicht jedoch weit darüber hinaus: Es gilt für alle Bildungsbereiche, von der frühkindlichen Bildung bis zur Erwachsenenbildung. In diesem Bereich sind zwei Förderlinien zentral. Leitaktion 1 finanziert Auslandsaufenthalte: Beschäftigte von Bildungseinrichtungen besuchen Kurse oder Partnerorganisationen in anderen Ländern, Lernende nehmen an der sogenannten „Lernmobilität“ teil. Mit einer Akkreditierung beantragen Träger über mehrere Jahre vereinfacht Mittel für Fortbildungsreisen ihrer Lernenden und Beschäftigten. Leitaktion 2 fördert Kooperationsprojekte. Organisationen aus mehreren Ländern entwickeln gemeinsam neue Angebote, Materialien oder Methoden. In Deutschland betreut die Nationale Agentur beim BIBB das Programm. Das Instituts für Innovation und Technik (iit) hat nun in dessen Auftrag eine Wirkungsstudie durchgeführt, um den Status quo des Förderprogramms speziell für die Erwachsenenbildung in Deutschland zu ermitteln.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Kleine Träger profitieren, stoßen aber an Grenzen
Die meisten befragten Träger kennen Erasmus+ bereits und führen mehrere Projekte durch. Fast drei Viertel haben höchstens 50 Beschäftigte. Gerade für sie bleibt der Aufwand trotz Akkreditierung groß: Anträge, Abrechnung und die digitalen Antrags- und Berichtsportale der EU binden Zeit, die kleine Teams kaum haben. Bei Leitaktion 2 kommen laut Studie Konkurrenzdruck und Budgetkürzungen hinzu. Scheitert ein Folgeantrag, ist die Weiterentwicklung der gemeinsamen Arbeit nicht mehr finanziert – dann droht der Verlust von Wissen und (internationalen) Partnern. Auch die regionale Verteilung ist ungleich: Die meisten geförderten Träger sitzen in den westlichen Bundesländern und Berlin. Mögliche Gründe sind die Dichte der Anbieter und die Angebotsstruktur vor Ort. Zudem beteiligen sich erfahrene Träger oft erneut. Seltener erreicht das Programm Träger, die bislang keine Förderung erhalten haben, etwa in ländlichen Regionen oder außerhalb der klassischen Erwachsenenbildung, zum Beispiel Musikschulen oder Umweltverbände. Die Studie rät zu einer durchgehenden Vereinfachung der Förderprozesse und Antragsverfahren, damit der Verwaltungsaufwand für kleine Träger überschaubar bleibt.
2. Mehr als nur Kurse: Förderung stärkt Strukturen, Teams und Netzwerke
Die geförderten Projekte wirken über die Laufzeit hinaus: Es entstehen neue Kurse, Materialien und Methoden, die die Träger meist dauerhaft in ihr Angebot übernehmen. Die Beschäftigten lernen vor allem pädagogisch dazu und sammeln interkulturelle Erfahrung. Auch für die weitere Personalentwicklung setzt das Programm wichtige Impulse: Die internationale Zusammenarbeit stärkt den Teamzusammenhalt, fördert den Wissenstransfer und erhöht die Attraktivität der Bildungsträger als Arbeitgeber. Hinzu kommt, dass die Träger Netzwerke knüpfen, vor Ort sichtbarer werden und ihre Zielgruppen gezielter ansprechen. Besonders bereits akkreditierte Träger, die Fortbildungsreisen ihrer Lernenden und Beschäftigten über mehrere Jahre planen können, haben ihre Strukturen professionalisiert. Hilfreich dabei ist der Austausch von Praxisbeispielen, etwa zum Bildungsurlaub, aber auch neue Werbematerialien der Nationalen Agentur für Lernende und Bildungspersonal und besser sichtbarer Beratungsangebote der Agentur. Als Hürden nennt die Studie Sprachbarrieren – hier fehlt es oft an Förderung für vorbereitende Sprachkurse – sowie starre Vorgaben, die es erschweren, wenn kleine Teams gemeinsam an Auslandsfortbildungen teilnehmen möchten, um Gelerntes zusammen im Betrieb umzusetzen.
3. Inklusive Mobilität: Hohe Nachfrage bei Lernenden mit geringeren Chancen
Die Zahl der Lernmobilitäten steigt seit 2023 deutlich. Rund die Hälfte der Lernenden, die allein reisen, zählt zu Zielgruppe mit geringeren Chancen. Gemeint sind damit Menschen mit geringer Grundbildung, Behinderung, niedrigem Einkommen und sozialen oder geografischen Barrieren, die sonst kaum an internationalen Angeboten teilnehmen. Viele beschreiben den Aufenthalt als Erfahrung, die ihren Horizont weitet. Sie gewinnen dabei Selbstvertrauen und knüpfen neue Kontakte.
Allerdings kostet gerade die Betreuung von Teilnehmenden mit geringeren Chancen Personal und Zeit. Die Förderung läuft über Pauschalen, die den Mehraufwand nach Ansicht vieler Träger nicht decken. Hinzu kommen die Formalien für die Lernenden: Vereinbarungen, Informationsunterlagen und Berichte rund um die Reise gelten als zu lang und schwer verständlich. Die Studie empfiehlt, diese Dokumente zu vereinfachen, um Hürden für inklusive Mobilität abzubauen und die Träger wie auch Lernenden dadurch zu entlasten. Auch die unterschiedlich hohen Unterkunftspauschalen für benachteiligte Lernende und deren Begleitpersonen stehen in der Kritik, weil sie gemeinsames Reisen erschweren. Die Studie empfiehlt, diese Unterschiede ebenfalls zu überprüfen.
4. Erasmus+ fördert Demokratiebildung
78 Prozent der befragten Träger greifen das Thema Teilhabe, gemeinsame Werte und Engagement auf. Viele nutzen das Programm dabei ganz gezielt, um Demokratiebildung zu stärken: Sie rücken europäische Werte, kritisches Denken und bürgerschaftliches Engagement stärker in den Mittelpunkt ihrer Angebote und übernehmen neue Formate ins reguläre Programm. Am häufigsten werden dabei Zugewanderte als Lernende adressiert. Die internationale Zusammenarbeit selbst stärkt oft das europäische Zugehörigkeitsgefühl und die Offenheit für andere Kulturen auf Seiten der Lehrenden. Durch thematische Schwerpunkte und Vernetzung profitieren auch Träger in Regionen mit antidemokratischen Tendenzen durch eine stärkere Handlungsfähigkeit. Ohne die Erasmus+-Förderung, sagt die große Mehrheit der Träger, wären ihre Projekte nicht zustande gekommen.
Ausblick: Was sich für die nächste Programmgeneration ändern muss
Die Wirkungsstudie liefert solide Daten für die Weiterentwicklung von Erasmus+. Für die kommende Programmgeneration leitet das Forschungsnetzwerk klare Handlungsempfehlungen ab:
- Prozesse und Dokumente vereinfachen: Die Prozesskette entlang der Förderung muss benutzerfreundlicher und barrierefreier werden. Der Verwaltungsaufwand muss sinken, damit kleine Träger nicht abgehängt werden.
- Beide Leitaktionen sichern: Mobilitäten (KA1) und Kooperationsprojekte (KA2) müssen weiterhin ausgewogen finanziert werden, um den Verlust von erarbeitetem Know-how und Netzwerken zu verhindern.
- Gezielt neue Träger erreichen: Einrichtungen im ländlichen Raum sowie Träger außerhalb der klassischen Volkshochschullandschaft benötigen einen leichteren Zugang zum Programm.
- Demokratieprojekte nachhaltig vernetzen: Initiativen zur Wertsicherung und Demokratiebildung müssen in Deutschland besser untereinander vernetzt werden, damit gute Ergebnisse dauerhaft wirken.
- „Grüne“ Themen fokussieren: Das Potenzial der Querschnittspriorität Umwelt- und Klimaschutz wird in der Erwachsenenbildung bisher noch zu wenig ausgeschöpft.
Quelle:
Erckrath, M., Krichewsky-Wegener, L. & Kuthe, A. (2026). Erasmus+ in adult education: Second monitoring study on the programme’s impact in Germany (Country Report: Germany 2026). Institut für Innovation und Technik (iit). https://www.ria-ae.eu/fileadmin/user_upload/ria-ae.eu/Documents/National_publications/Germany/Second_survey_round/National_report_Germany_2025_2026_English.pdf
"Erasmus+ wirkt – und hat noch Potenzial" von Chris Nowacki für wb-web (2026), CC-BY-SA 4.0.