Erfahrungsbericht

Die passende Haltung zur Ermöglichung ist eine „Zurückhaltung“

Peter Birnstingl

Ein selbstständiger Trainer erklärt, warum er von der Ermöglichungsdidaktik überzeugt ist und was sie für die Rolle des Lehrenden bedeutet. Der Blick durch die „LENA-Brille“, so schildert er hier, beeinflusse seine Haltung, sein didaktisches Konzept und seine Methodenwahl. Auch wenn LENA, ein Konzept des lebendigen und nachhaltigen Lehrens und Lernens, keine speziellen Methoden beinhaltet, stellt uns Peter Birnstingl in diesem Erfahrungsbericht zwei passende Methoden vor.

wb-web: Herr Birnstingl, können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Peter Birnstingl: Bevor ich mich vor sieben Jahren als Unternehmensberater und Trainer selbstständig gemacht habe, habe ich 25 Jahre als Offizier im Fernmeldewesen beim österreichischen Bundesministerium für Landesverteidigung gedient. Ich war unter anderem in einer Fachschule und habe dort eine Abteilung zu digitalen Vermittlungssytemen aufgebaut und auch Schulungsprogramme dazu aufgesetzt. Mein Interesse galt schon immer dem Projektmanagement und der Organisationsentwicklung. Dort liegen jetzt auch die Schwerpunkte meiner Beratungstätigkeit. Ich habe verschiedene Standbeine, unter anderem lehre ich auch Projektmangement, bilde also Projektmanagerinnen und Projektmanager für unterschiedliche Organisationen aus. Das macht etwa die Hälfte meines Arbeitsinhalts aus.

wb-web: Ihre pädagogische Grundlage ist LENA. Was ist LENA eigentlich? Was verbirgt sich dahinter für Sie als Praktiker?

Peter Birnstingl: Ja, LENA (das Wort steht ja für LEbendiges und NAchhaltiges Lehren und Lernen) ist in dem Sinne nichts Neues, was die Methoden angeht. Es ist auch kein Methodenkoffer, es ist vor allem eine neue Haltung der Lehrkraft, eine neue Denkhaltung für Trainer, aber auch für Teilnehmende. Der Trainer hat die Rolle des Lernbegleiters. Die passende Haltung dazu ist eine „Zurückhaltung“, weil die Selbstlernkompetenz der Teilnehmenden gesteigert werden soll. Das ist eine Herausforderung an Lehrende, es erfordert viel mehr Achtsamkeit, dass man sich zurückhält, beobachtet und dann gegebenenfalls interveniert und weniger das aktive Steuern des Lernprozesses. LENA ist nur möglich, wenn das Umfeld passt – denn die Teilnehmenden müssen auch bereit sein. Sie müssen die Bereitschaft haben, sich auf LENA einzulassen und vielleicht sogar die notwendigen Kompetenzen dazu erwerben.

wb-web: Gibt es aus Ihrer Sicht Grenzen für LENA?

Peter Birnstingl: Nein, LENA ist immer möglich, aber in der richtigen Dosis. Ein Beispiel, das ich selber erlebt habe in der Projektleiterausbildung: Es gab eine große Veranstaltung und nach der Key Note kam die übliche Frage nach Fragen. Was glauben Sie wie viele dieser 400 professionellen Projektmanagerinnen und Projektmanagern sich gemeldet haben?

wb-web: Naja, ich weiß nicht – vielleicht zehn?

Innerhalb dieser ersten Minute – keiner. Dann hat die Moderatorin zum Glück die Situation „gerettet“ und eine Frage gestellt, die sie vorbereitet hatte.

wb-web: Das ist eine klassische Situation, aber ich nehme an, als LENA-Trainer wären Sie anders vorgegangen?

Peter Birnstingl: Ja, wäre ich, denn auch in diesem Rahmen kann man LENA einsetzen: Nach dem Vortrag könnte der Redner sagen: Überlegen Sie doch bitte mal – gibt es zu meinem Vortrag Fragen oder Anmerkungen? Und wenden Sie sich jetzt einfach mal Ihrem Nachbarn zu und tauschen Sie sich dazu aus. Nach fünf Minuten Gemurmel bittet man dann die Fragen an den Redner zu stellen. Dann fragen die Teilnehmenden auch etwas – so ist zumindest meine Erfahrung. So aktiviert man die Teilnehmenden. 

Murmelgruppen

LENA auch für große Gruppen: Teilnehmende ins Gespräch bringen.
Bild: Meisterfeier2013/flickr.com, CC BY-NC-ND 2.

wb-web: Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Und wenn Sie mal zurückdenken – fiel es Ihnen schwer, sich auf die Rolle des Lernbegleiters einzustellen?

Peter Birnstingl: Nein, mich hat diese Denkhaltung schon immer fasziniert – das aktive Zuhören, dann daran weiterarbeiten, die Erfahrungen und Wünsche der Teilnehmenden aufzunehmen und vor allem nicht derjenige zu sein, der alles weiß. In einem systemischen Weltbild, das mich für diese Haltung unterstützt, gibt es beispielsweise kein „richtig“ oder „falsch“, sondern ein „passt es für diesen Kontext“ oder „was wäre hilfreich für diese Situation“? Und gerade in der Erwachsenenbildung steckt in den Teilnehmenden enormes Erfahrungs- und Wissenspotenzial, das es zu heben gilt!

wb-web: Nun bilden Sie ja Projektmanagerinnen und Projektmanager aus. Erwarten die Teilnehmenden denn nicht, dass Sie Ihnen Wissen vermitteln?

Peter Birnstingl: Sicher, und LENA heißt ja auch nicht, dass wir kein Wissen vermitteln. Aber der Schwerpunkt liegt darauf, Kompetenzen zu erwerben. Denn die brauchen die Projektmanagerinnen ja später auch, und das wird auch evaluiert. Wenn wir im Rahmen der Ausbildung Prüfungen abnehmen, geht es nicht darum, Fachwissen „herunterzubeten“, sondern zum Beispiel Sozialkompetenz oder Planungskompetenz nachzuweisen. Im Rahmen von Zertifizierungsprüfungen erfolgt das durch Rollenspiele und Interviews, bei denen insbesondere Selbstreflexionsfähigkeit aufseiten der Kandidatinnen und Kandidaten gefragt ist.

wb-web: Und wenn Sie nun wirklich gefordert werden – in dem Sinne von: „Jetzt sagen Sie mir mal, wie das geht – Sie sind doch der Experte?“ Was machen Sie dann?

Peter Birnstingl: Ja, das ist eine Herausforderung, sich dann zurückzuhalten, die Balance zu finden zwischen Hilfestellung und Ermöglichen. Ich sage dann meistens: „Nicht ich bin der Experte, sondern Sie. Ich bin dabei, frage nach, wenn ich etwas wissen will, aber die Lösung finden Sie auch ohne mich.“ Aber sicher, das ist so: Es gibt diese „Erwartungserwartungen“ – und die muss man enttäuschen. 

Erwartungserwartungen?

Methoden die man einsetzen kann

wb-web: LENA ist also, so habe ich verstanden, vor allem die Umsetzung einer Haltung. Gibt es denn in dem Zusammenhang sowas wie typische LENA-Methoden, die Sie als sinnvoll erachten?

Peter Birnstingl: Die typische „LENA-Methode“ gibt es aus meiner Sicht ja eigentlich nicht. Es gibt viele altbewährte sehr gute Methoden, die entsprechend inszeniert und eingesetzt werden können. Die Rollenhaltung der Trainerinnen und Trainer und der achtsame Einsatz sind dabei entscheidend.

Weiterhin haben wir am WIFI Österreich ein Merkwort für Kriterien für passende LENA-Methoden entwickelt: „SPASS“ steht für „Selbstgesteuert – Produktiv – Aktivierend – Situativ – Sozial“.

Wenn man mit dieser „LENA-Brille“ sein didaktisches Konzept gestaltet und eine ausbalancierte Methodenauswahl trifft, befindet man sich auf einem sehr guten Weg zur Gestaltung von lebendigen, nachhaltigen Lehr- und Lernprozessen.

Aber hier zwei sogenannte „LENA-Methoden“, die ich sehr gerne einsetze und auch immer wieder situativ adaptiere oder erweitere:

Interview Präsentationsmethode (IPM): Teilnehmende führen Interviews mit vorgegebenen Fragen zu einem bestimmten Inhalt durch, wechseln immer wieder die Interviewpartner, anschließend wird das gesammelte recherchierte Wissen in strukturierten Zweiergruppen auf Flipcharts zusammengeführt und präsentiert, anschließend erfolgt eine Evaluierung und Reflexion der dargestellten Wissensbasis.

Parlamentsdebatte: Standpunkte zu einem bestimmten Thema werden in zwei Gruppen unterschiedlicher Sichtweisen diskutiert und vorbereitet, anschließend erfolgt eine „Parlamentsdebatte“ und Argumentation der jeweiligen Standpunkte; die Teilnehmenden sitzen sich dabei in zwei Reihen gegenüber.

Peter Birnstingl hat als Unternehmensberater und Trainer seine vielfältigen Erfahrungen in der Erwachsenenbildung in seine didaktischen Konzepte implementiert. Unter anderem wendet er seine einschlägigen Kompetenzen auch als Lehrgangsleiter an der Donau-Universität in Krems (Universität für Weiterbildung) und als Assessor bei Projekt Management Austria für Personenzertifizierungen an. Die Förderung von Selbstlernkompetenz im Sinne eines systemischen Weltbildes ist ihm ein besonderes Anliegen. Sie erfahren mehr über Peter Birnstingl auf seiner Homepage: www.projektschmiede.co.at

Lesen Sie dazu auch die ausführlichen Handlungsanleitungen zur Interview-Präsentationsmethode (IPM) und zur Parlamentsdebatte.

CC BY SA 3.0 by Kathrin Quilling für wb-web


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