Erfahrungsbericht

„Bessere Katastrophen üben“ – warum Kollaps ein Thema für die Erwachsenenbildung ist

Screenshot der Webseite des Kollapscamp mit Logo

Zum Kollapscamp kommen ganz unterschiedliche Menschen: Neugierige und Besorgte, Aktive aus der Klimabewegung, Leute vom THW oder aus der humanitären Hilfe. Vorwissen braucht niemand, nur Lust, sich gemeinsam und solidarisch auf Krisen vorzubereiten. Gerriet Schwen organisiert das Camp mit und gibt Trainings zu ziviler Katastrophenvorsorge. Im Interview mit wb-web erklärt Gerriet, warum Kollaps nicht das Ende der Welt ist, sondern nur das Ende der Welt wie wir sie kennen... und was Teilnehmende im Camp lernen sowie Lehrende daraus mitnehmen können.

wb-web: Kollapscamp – das klingt nach Weltuntergang. Was meint ihr mit Kollaps?

Gerriet Schwen: Keinen Hollywood-Knall. Unsere Gesellschaft hängt an vielen Systemen: Stromversorgung, Lieferketten, Landwirtschaft, Demokratie, Frieden... Viele davon sind nicht nur fragil, sondern längst überlastet oder ausgezehrt.
Wir sprechen deshalb auch von sozial-ökologischen Kollapsdynamiken. Gemeint sind biophysikalische Grenzen wie Peak Oil, der Verlust fruchtbarer Böden oder Mikroplastik – und genauso soziale Systeme wie Demokratie, Frieden und Handelsbeziehungen. In beiden Bereichen rechnen wir mit einem schleichendem Zerfall, etwa steigenden Preisen für Wohnen, Energie, Lebensmittel und Mobilität, und mit Schocks wie einem großflächigen Stromausfall.
Was zuerst kommt oder wann genau, sagen wir nicht voraus. Das wäre unseriös. Klar ist nur: So gemütlich wie bisher geht es nicht weiter.

wb-web: Warum braucht es dafür ein eigenes Camp?

Gerriet: Weil die Schäden der letzten Jahrzehnte erst noch auf uns zukommen. Sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten, rund eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, Hitzewellen und Starkregen nehmen zu. Die 1,5-Grad-Grenze ist praktisch gerissen: 2024 lag erstmals darüber, dauerhaft halten lässt sie sich nicht mehr.
Die meisten von uns haben sich bisher für Klimagerechtigkeit, für Demokratie oder in anderen sozialen Bewegungen engagiert. Unsere Ziele bleiben dieselben: Demokratie, Gemeinschaft, ein fürsorgliches Miteinander, Gerechtigkeit und ein besseres Leben für alle. Aber heute noch für 1,5 Grad zu demonstrieren, ist an der Realität vorbei.
Klimaschutz bleibt eine der wirksamsten Strategien, um Leid zu verringern oder wenigstens zu verzögern. Verhindern lässt sich die Klimakatastrophe aber nicht mehr, sie hat schon begonnen. Jetzt wollen wir die unvermeidbaren Katastrophen abmildern. Unser Ziel: „Bessere Katastrophen.“

wb-web: Klimakommunikation setzt seit Jahren auf Betroffenheit. Warum reicht das eurer Meinung nach nicht?

Gerriet: Die Annahme war: Klima ist zu abstrakt, zu weit weg, zu weit in der Zukunft. Also gab es Reportagen über Menschen, die ihr Zuhause schon verloren haben, und Tipps, wie man verschobene Jahreszeiten im Hamburger Vorgarten erkennt. Dahinter stand die Hoffnung: Spätestens, wenn es uns selbst trifft, wird gehandelt.
Unser Eindruck ist ein anderer: Mehr Katastrophen führen nicht zu mehr Klimaschutz, sondern zu mehr Verdrängung. Wir leben in einem zwanghaft optimistischen Fortschrittskult und haben als Gesellschaft den Bezug zur Welt verloren.
Dabei macht vor allem das Unbekannte Angst. Wer sich mit Kollaps beschäftigt, merkt schnell, wie viel Sinnvolles sich tun lässt.

wb-web: Preppen hat ein Imageproblem. Was ist bei euch anders?

Gerriet: Bei Preppen denken viele an Bunker mit Konservendosen und Waffen. Katastrophenvorsorge war lange ein Ding von Rechten und Einzelkämpfern, die nur an die eigene Kleinfamilie denken. Aber wer will denn bitte alleine überleben?
Kollapsdynamiken verschärfen bestehende Ungerechtigkeit. Wer schon weniger hat, kann sich schneller kein Essen, keine Bildung und keine Wohnung mehr leisten – und erst recht keinen Umzug in ein sichereres Land. Wer weniger hat, zieht eher für Geld in den Krieg oder stirbt früher an Scheiß-Jobs.
Wenn wir Kollaps nicht als Tag X erwarten, sondern als Prozess, stellt sich eine andere Frage: Wie können wir diesen Zerfall deeskalieren? Gibt es einen 'just collapse' – also ein „gerechteren Zusammenbruch“ unserer Sozialsysteme? Die Katastrophenforschung macht Mut. In Krisen helfen sich Menschen meist spontan gegenseitig; Rebecca Solnit beschreibt in „A Paradise Built in Hell“, dass weniger die Bevölkerung in Panik gerät als Eliten, die Chaos von unten fürchten. Genau auf diese Hilfsbereitschaft bauen wir auf.

wb-web: Wer kommt zum Kollapscamp?

Gerriet: Ganz unterschiedliche Leute. Viele aus der Klimagerechtigkeitsbewegung, aber auch Menschen vom Technischen Hilfswerk, von der Feuerwehr und aus der humanitären Hilfe. Dazu kommen Leute, die sich bisher eher theoretisch mit Kollaps beschäftigt haben und jetzt aktiv werden wollen. Insgesamt eher Jüngere, aber eigentlich alle Generationen – und deutlich gemischter als im Klimaaktivismus.

wb-web: Wie entsteht das Programm, und welche Kompetenzen braucht es dafür

Gerriet: Das Kollapscamp wird von einer Gruppe Freiwilliger auf Augenhöhe organisiert. Das heißt: verdammt viele Videocalls und unzählige unbezahlte Stunden. Für Fachwissen holen wir externe Referent*innen dazu, etwa aus Medizin, Hygiene, Sozialem oder humanitärer Hilfe.
Wer so ein Camp organisiert, muss auch mit den eigenen Gefühlen umgehen können. Viele von uns sind durch eine Phase gegangen, in der es uns echt nicht gut ging. Diese eigene Trauerarbeit ist die Grundlage dafür, anderen Halt geben zu können.

wb-web: Was lernen die Teilnehmenden?

Gerriet: Vor allem: dass sich in allen Lebensbereichen viel vorbereiten lässt. Wer einmal gesammelt hat, was alles nicht mehr läuft, wenn der Strom weg ist, sieht die Welt mit anderen Augen. Vorbereitung hat für uns vier Ebenen.

  1. Die Gedankliche. Aus der Katastrophenforschung wissen wir: Wer eine Situation einmal durchdacht hat, ist schneller handlungsfähig, wenn sie eintritt. Schon die Auseinandersetzung mit Kollaps ist also Vorbereitung.
  2. Die Innere. Wer wirklich versteht, wie schlecht es um die Zukunft steht, muss das erst mal verarbeiten. Trauer ist dabei kein Hindernis, sondern der Schritt von der Lähmung zur Entschlossenheit. Dazu kommt, im Ernstfall nicht „direkt am Rad zu drehen“, sondern schnell zu erfassen, wer was braucht, zu deeskalieren und Entscheidungen so zu moderieren, dass alle mitgehen können – und mit Psychologischer Erster Hilfe zu unterstützen, etwa bei akuter Traumatisierung.
  3. Die Materielle: Nützliches zu Hause haben. Wasser, Lebensmittel und ein Radio im Haus bedeuten, im Ernstfall helfen zu können, statt auf Hilfe angewiesen zu sein. Eine gute Checkliste dafür gibt es beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).
  4. Die Praktische: Üben! Starke Blutungen stoppen in erweiterten Erste-Hilfe-Kursen, Kommunikation mit Funkgeräten und vieles mehr. Denn wenn kein Krankenwagen kommen kann, kommt es auf uns an.

wb-web: Hat man nicht aufgegeben, wenn man vom Kollaps spricht? 

Gerriet: Das Gegenteil ist der Fall. Wir wollen nicht mehr Krisen und Katastrophen. Aber so zu tun, als wäre alles okay, löst kein einziges Problem.
Erst wenn wir anerkennen, was gerade los ist, können wir wirksam beeinflussen, wie es von hier aus weitergeht. Wer weder die Fakten noch die Gefühle verdrängt, kommt zu einer tieferen Entschlossenheit, sich jetzt erst recht einzusetzen. Václav Havel hat Hoffnung von Optimismus unterschieden: Hoffnung sei nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat.
Kritik von Teilnehmenden gab es auch: Manchen war das Camp zu oberflächlich. Das ist ein Stück weit gewollt – viele kurze Workshops sollen Einblicke geben. Vertiefen lässt sich das in spezialisierten Angeboten.

wb-web: Was heißt das für die Erwachsenenbildung?

Gerriet: Angesichts zunehmender Katastrophen sollte genau das geübt werden – nicht nur im Katastrophenschutz, sondern überall, wo Erwachsene lernen. Aus der Erfahrung unserer Praxis fünf Hinweise für Lehrende:

  1. Kollaps explizit zum Thema machen. Welche Szenarien sind wahrscheinlich? Und wie verhalten sich Menschen in Katastrophen wirklich? Wer das versteht, verliert die Angst vor dem Unbekannten.
  2. Gefühle einplanen statt wegmoderieren. Angst und Trauer sind kein Störfaktor, sondern der Weg zur Handlungsfähigkeit.
  3. Vor allem: ganz viel praktisch üben. Von Stressregulation über Kommunikation bis zu Orientierung im Gelände oder Kochen für Großgruppen: Üben verändert mehr als jeder Vortrag – wenn die Übung so gebaut ist, dass sie handlungsfähig macht, statt zu lähmen.
  4. Lokal denken. Vorsorge funktioniert in der Nachbarschaft, im Verein, im Betrieb: Wer weiß, wer nebenan Hilfe braucht und auch, wo es nebenan welche Hilfen gibt?
  5. Gerechtigkeit mitdenken. Die entscheidende Frage ist nicht, wie ich durchkomme, sondern wie wir alle durchkommen.

wb-web: Bietet ihr auch außerhalb des Camps Bildungsangebote an?

Gerriet: Das Kollapscamp ist ein loser Zusammenschluss von Menschen, die zu Kollaps und solidarischem Preppen arbeiten. Aus diesem Umfeld gibt es spezialisierte Angebote wie Mutual Aid HEAT oder Climate Emergency Responder.
Gemeinsam mit Theresa Leisgang gebe ich unter dem Motto #VorbereitenStattVerzweifeln Trainings zu ziviler Katastrophenvorsorge in Kooperation mit dem Niedersächsischen Innenministerium; weitere sind für Anfang 2027 geplant.
Wer Interesse hat, meldet sich gern über kollapscamp.de  oder direkt bei mir.

wb-web: Gerriet, Danke für das Interview und die Einblicke in deine und eure Arbeit! 

„‘Bessere Katastrophen üben‘ – warum Kollaps ein Thema für die Erwachsenenbildung“ Interview von Lars Kilian mit Gerriet Schwen vom Kollapscamp für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE

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