Forschung quergelesen
Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter
Deckblatt der Publikation
Die Expertise "Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter. Stand der Forschung zu psychologischen Schutzfaktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter" von Jürgen Bengel & Lisa Lyssenko zielt darauf ab, eine wissenschaftlich fundierte Basis für die Stärkung von Schutz- und Resilienzfaktoren zu liefern. Sie thematisiert den Entstehungshintergrund der Schutzfaktorenforschung und baut auf die salutogenetische Perspektive auf und beleuchtet den Stellenwert und die Fundierung der Konzepte sowie empirische Befunde zur Schutz- und Resilienzfaktoren. Nicht zuletzt werden Fragen nach dem Nutzen der Konzepte für die Präventionsarbeit und Gesundheitsförderung gestellt. Die Grundlage der Arbeit ist eine umfassende Literaturrecherche aus den Jahren 1998-2011. Mit der Expertise von 2012 liegt für den Erwachsenenbereich eine Grundlage vor, um präventive und gesundheitsfördernde Maßnahmen zu planen.
Insbesondere die empirischen Befunde zu Schutz und Resilienzfaktoren sind für die Angebotsplanung in der Erwachsenen- und Weiterbildung von Interesse. Resilienz fördernde Angebote können einzelne oder mehrere dieser Faktoren im Rahmen von Trainings adressieren und so beim Aufbau entsprechender Kompetenzen unterstützend wirken. Folgende Faktoren wurden in der Arbeit gefunden, die nachfolgend kurz im Rahmen einer kritischen Würdigung vorgestellt werden sollen. Für eine Vertiefung in den Stand der Forschung empfehlt sich ein Blick in die entsprechenden Kapitel.
1. Positive Emotionen (S. 45-48)
In einer Vielzahl von Studien wurde übereinstimmend gezeigt, dass positive Emotionen mit Berufserfolg und erfüllenden sozialen Beziehungen und auch einer besseren psychischen und körperlichen Gesundheit zusammenhängen. Ebenso konnte ein Zusammenhang mit einem hohen Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und -effizienz gezeigt werden. Positive Emotionen sind nicht nur Resultat von Erfolg etc., sondern zugleich deren förderlicher Faktor. Weniger Studien beschäftigen mit der Rolle positiver Emotionen als Schutzfaktor in kritischen Lebensereignissen. Auch hier konnten Zusammenhänge feststellt werden, z.B. die Fähigkeit, sich über alltägliche Ereignisse zu freuen, die einen schützenden Effekt für Personen mit kritischen Lebensereignissen hatte. Das Erleben positiver Emotionen halt sich konsistent schützend erwiesen. Dabei geht es weniger um die Intensität, sondern mehr um das regelmäßige Auftreten und das Verhältnis zur Häufigkeit von negativen Emotionen, was eine schützende Wirkung hat. Die Resilienzforschung geht davon aus, dass die Schutzwirkung in der „Fähigkeit zum simultanen Erleben von positiven und negativen Gefühlen besteht“ (S. 47-48). Zur Stärkung dieses Faktors empfehlen sich Trainings, die darauf abzielen, sich über Alltägliches zu freuen, gerade weil in kritischen Lebensphasen Negatives überwiegt.
2. Optimismus (S. 48-50)
Optimismus wird verstanden als „zeitlich und situativ stabile Tendenz zu positiven Ergebniserwartungen (…), die das weitere Verhalten beeinflussen und die Wahl der Bewältigungsstrategien mitbestimmen“ (S. 49, nach Scheier & Carver 1985). Die Autor*innen finden eine konsistente und gut abgesicherte Befundlage der Studien, was die schützende Wirkung einer optimistischen Lebenseinstellung betrifft. Optimisten haben die Tendenz zu einem aktiven Bewältigungsverhalten. Optimistischere Personen schätzen Probleme tendenziell realistischer ein als weniger optimistische Personen, was es ihnen eine aktive Problembewältigung ermöglicht.
3. Hoffnung (S. 50-54)
Die positive Erwartung, ein Ziel zu erreichen oder einen Wunsch erfüllt zu bekommen, wird in der Expertise als Hoffnung verstanden. Forschungen zeigen, dass mit Hoffnung eine bessere Krankheitsbewältigung, weniger psychopathologische Symptome und eine höhere Lebenszufriedenheit bei körperlichen Erkrankungen oder chronischen Stressoren einher gehen. Personen, die aus schweren Situationen herausgefunden haben, erwerben das Vertrauen, auch zukünftige Herausforderungen zu bewältigen, Ziele zu definieren und die Zuversicht, diese auch zu erreichen, was für den Erwerb von Resilienz bedeutsam ist. Problematisch ist, dass die Resilienzforschung Hoffnung mit einem Modell beforscht, im dem die Fokussierung auf die Zielformulierung und das Erreichen der Ziele zentrale Elemente sind. Aus Sicht der Autor*innen ist das nicht das, was man landläufig als Hoffnung versteht und sie fragen, „ob es nicht treffender wäre, diesen Schutzfaktor so zu nennen, wie er konzeptualisiert ist: die Fähigkeit, Ziele zu definieren und aktiv zu verfolgen“ (S. 53).
4. Selbstwirksamkeitserwartung (S. 54-58)
Selbstwirksamkeit ist die subjektive Erwartung, Anforderungen aus eigener Kraft bewältigen zu können (S. 54, nach Bandura 1977, 1997). Eine Vielzahl von Befunden zur schützenden Wirkung der Selbstwirksamkeitserwartung legen aus Sicht der Autor*innen nahe, dass dies ein bedeutender Schutzfaktor ist. Allerdings fanden sie auch Befunde, bei denen eine hohe Selbstwirksamkeit kontraproduktiv sein kann, und zwar dann, wenn die eigenen Bewältigungskapazitäten überschätzt und die Anforderungen an die Situation unterschätzt wurden, was in Folge zu einer deutlichen psychischen Belastung führt. Trotz einiger Einschränkungen ist die Selbstwirksamkeitserwartung neben der sozialen Unterstützung der Schutzfaktor, der empirisch am besten belegt ist. Das Vertrauen in die eigene Kompetenz ist bei kritischen Lebensereignissen eine wichtige Ressource. Dazu zählen auch die Gewissheit, Einfluss auf schwierige Situation nehmen und diese bewältigen zu können, was direkt das psychische Befinden beeinflusst und indirekt positive Bewältigungsprozesse unterstützt. Für Bildungsprozesse ist der Faktor interessant, weil er sich prinzipiell durch Lernen verändern kann. Die Erfahrung, dass die eigenen Anstrengungen zu einem Ergebnis führen, hat großen Effekt auf die Selbstwirksamkeitserwartung.
5. Selbstwertgefühlt (S. 58-61)
Mit Selbstwertgefühl ist die affektive und evaluative Komponente der bewussten Selbstwahrnehmung, die individuelle Bewertung der eigenen Person. Die Autor*innen konnten auf Basis der untersuchten Studien feststellen, dass Personen mit hohem Selbstwertgefühl nicht erfolgreicher sind, sozial nicht besser integriert oder beliebter sind. Jedoch berichten Personen mit hohem Selbstwertgefühl von höherer Lebenszufriedenheit. : Eine konsistente protektive Wirkung bei kritischen Lebensereignissen konnte nicht nachgewiesen werden. Demgegenüber stellt ein niedriges Selbstwertgefühl einen Risikofaktor für Depressionen und andere psychische Störungen dar. Trotz der eher ungünstigen Befundlage wird Selbstwertgefühl in einigen Studien als Indikator für Resilienz herangezogen. Insgesamt zeigte sich, dass Personen mit hohem Selbstwertgefühl negative Ereignisse weniger bedrohlich interpretieren, ein höheres Kontrollgefühl haben und optimistischer bzgl. der eigenen Bewältigungsmechanismen sind. Eine unrealistisch erhöhte Wahrnehmung des eigenen Selbstwerts scheint bei kritischen Lebensereignissen gesundheitsförderlich zu sein, um aufgrund der äußeren Bedrohung das eigene Selbstbild zu schützen und das Gefühl der Selbstwirksamkeit zu behalten. Demgegenüber wird die Selbstüberhöhung u.a. mit sozialen Schwierigkeiten in Verbindung gebracht, was relevant ist, weil die soziale Unterstützung einer der bedeutendsten Schutzfaktoren ist.
6. Kontrollüberzeugung (S. 61-65)
Kontrollüberzeugungen beziehen sich auf die subjektive Wahrnehmung der Beeinflussbarkeit einer Situation. Nimmt eine Person Ereignisse als Resultat eigener Handlung wahr, wird dies als internale Kontrollüberzeugung bezeichnet. Werden Ereignisse anderen (oder dem Zufall/Schicksal) zugeschrieben, handelt es sich um externale Kontrollüberzeugungen. Internale Kontrollüberzeugung wird in der Literatur als günstiges Merkmal angesehen, auch wenn die schützende Wirkung bei kritischen Lebensereignissen mit Vorsicht zu beurteilen ist. Eine hohe externale Kontrollüberzeugung hat sich in vielen Studien als Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Störungen erwiesen. Für die Resilienzforschung, so die Autor*innen, wäre es wünschenswert, das Konstrukt „Kontrollüberzeugung“ auszudifferenzieren und geeignetere Messverfahren zu entwickeln, um die Wirkung zu erforschen und Implikationen für die Prävention abzuleiten.
7. Kohärenzgefühl (S. 65-69)
Das Kohärenzgefühl ist die grundlegende Lebensorientierung, die sich aus 1. Verstehbarkeit = Erwartung, dass Anforderungen des Lebens strukturiert und vorhersehbar sind, 2. Bewältigbarkeit = Überzeugung, dass man genügend Ressourcen hat, um den Anforderungen zu begegnen und 3. Sinnhaftigkeit = es ist sinnvoll, Energie in die Bewältigung der Anforderung zu investieren, zusammensetzt. Nach Prüfung der Studien kommen die Autor*innen zum Schluss, dass eine Bewertung der potenziell schützenden Wirkung des Kohärenzgefühls nicht möglich ist. Jedoch hängt das Kohärenzgefühl stark mit Indikatoren psychischer Gesundheit zusammen. Es gibt einige Belege, die zeigen, dass traumatische Erlebnisse das Kohärenzgefühl schwächen können. Es ist weiterhin möglich, dass ein hoch ausgeprägtes Kohärenzgefühl bei alltäglichen Widrigkeiten schützend wirkt, bei starker Belastung jedoch nicht diesen Schutz beibehält. Deutlich wurde auch über verschiedene Studien hinweg, dass Personen mit hohem Kohärenzgefühl seltener von Stress und kritischen Lebensereignissen berichten. Eine Aussage zur schützenden Wirkung angesichts kritischer Lebensereignisse ist anhand des Forschungsstand nicht zulässig.
8. Hardiness (S. 69-73)
Hardiness wurde in Studien zu Arbeitsbelastung von Managern in den 1970er Jahren entwickelt und umfasst die Komponenten
1. Engagement, verstanden als Haltung, Sinn und Bedeutung in den Lebensbereichen zu finden und diese aktiv mitzugestalten,
2. Kontrolle, die sich auf die Wahrnehmung bezieht, Situationen aktiv beeinflussen zu können sowie die Bereitschaft zum aktiven und selbstverantwortlichen Handeln
3. Herausforderungen als Grundhaltung, Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Wachstumsmöglichkeit und Chance zur Weiterentwicklung anzusehen.
Aktuelle Studien zum Konstrukt Hardiness bezüglich des schützenden Effekts in kritischen Lebensereignissen ist umstritten, weil die Methoden der Erfassung und Auswertung sowie der gewählten Stichproben in den älteren Studien in der Kritik stehen. Aktuelle Studien konnten einen schützenden Effekt feststellen, auch wenn nicht geklärt ist, inwieweit die Befunde zu Hardiness durch Effekte von Neurotizismus (Neigung zu Ängstlichkeit und emotionaler Labilität) in den Studien verzerrt sind. Trotz der Kritikpunkte sehen die Autor*innen hinreichend Belege, dass Hardiness vor allem bei schwerwiegenden Lebensereignissen einen schützenden Effekt haben könnte. Der Begründer des Hardiness-Konstrukts, Salvatore Maddi, geht von der Veränderbarkeit des Hardiness-Konstrukts aus und entwickelte ein präventives Trainingsprogramm zur Stärkung.
9. Religiosität und Spiritualität (S. 73-78)
Zwingmann (2004) definiert Spiritualität als subjektiv erlebten „Sinnhorizont, der sowohl innerhalb als auch außerhalb traditioneller Religiosität verortet sein kann und damit allen – nicht nur religiösen – Menschen zu eigen ist“ (73). Merkmale sind die Suche nach dem Sinn des Lebens, Antworten zu Fragen nach der Bedeutung von Tod und der Bildung eines Erklärungsansatzes, der dem Leben Kohärenz und Sinn gibt. Religiosität dagegen ist mit der Übernahme von spezifischen Glaubenssystemen und die Teilnahme an Aktivitäten von Religionsgemeinschaften verbunden. In der Resilienzforschung gibt es keine konsistenten Hinweise, dass Religiosität eine schützende Wirkung hat. Grund dafür ist die hohe Wechselwirkung mit anderen Schutzfaktoren, insbesondere der sozialen Unterstützung: Religiosität ist eng mit der Einbindung in Sozialstrukturen verbunden. Hier sehen die Autor*innen weiteren Forschungsbedarf.
10. Coping (S. 78-82)
Coping meint die Bewältigung von Stress oder kritischen Lebensereignissen und lässt sich in verschiedene Stile einteilen: problemorientiertes (aktive Problemlöseversuche und Suche nach praktischer Unterstützung), vermeidendes (Leugnen von Problemen, Suche nach Ablenkung) oder emotionsbezogenes (Unterdrücken oder Ausblenden von Emotionen, Suche nach Trost, aber auch positives Umdeuten, Probleme mit Humor nehmen etc.) Coping. Die Studienlage zeigt, Es wird davon ausgegangen, dass problemorientierte Strategien bei subjektiv als kontrollierbar eingestuften Situationen eine schützende Wirkung haben, während emotionsbezogene Strategien bei subjektiv als unkontrollierbaren Situationen ihre Wirkung entfalten. Allerdings ist diese Einschätzung nicht eindeutig empirisch belegt. Insgesamt bleibt die Beziehung zwischen Copingstil und Resilienz, so die Autor*innen, weiter offen.
11. Soziale Unterstützung (S. 82-91)
Soziale Unterstützung wird heute als Sammelbegriff für verschiedene Formen der sozialen Interaktion genutzt, die auf die Unterstützung einer involvierten Person abzielen. Studien belegen, dass sozial isolierte Personen ein wesentlich höheres Erkrankungs- und Sterberisiko haben als Personen, die in ein funktionierendes soziales System eingebunden sind. Soziale Unterstützung gilt als der am besten belegte psychologische Faktor in Bezug auf physische Gesundheit. Belegt ist ebenfalls, dass fehlende soziale Unterstützung das Risiko negativer Auswirkungen auf die Gesundheit erhöht. Dabei spielt die wahrgenommene Unterstützung als mittelfristig stabile Erwartung, bei Bedarf unterstützt zu werden, eine wichtige Rolle und konnte in Studien als konsistenter kognitiver Schutzfaktor belegt werden. Frauen haben meist ein größeres soziales Netz und weisen ein höheres Maß an wahrgenommener Unterstützung auf. Sie können in Krisen mehr Unterstützung erhalten, bieten gleichzeitig auch mehr Unterstützung an. Soziale Unterstützung wirkt unabhängig von konkreten Stresssituationen, da ein funktionierendes Netz Belastungen abfängt, bevor diese negativ wirken können. Ebenso wirkt dieser Faktor positiv auf Stressbearbeitung auf emotionaler, kognitiver und körperlicher Ebene.
Neben der detaillierten Darstellung der potenziellen Schutzfaktoren zur Steigerung der Resilienz von Personen stellt die Publikation Transferansätze in Prävention und Gesundheitsförderung vor, die einen konkreten Einblick in Praxisbeispiele aus dem internationalen Raum eröffnen.
Für Lehrende der Erwachsenen- und Weiterbildung eröffnet die Publikation einen sehr genauen Einblick in die Ergebnisse der Forschung zu den jeweiligen Schutzfaktoren. Mit ihr ist es möglich, eigene Angebote wissenschaftlich fundiert aufzubereiten und in Lehr-Lern-Kontexte zu übertragen.
Quelle
Bengel, J., und Lyssenko, L. (2012). Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter. Stand der Forschung zu psychologischen Schutzfaktoren von Gesundheit im Erwachsenenalter. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Hrsg.). Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung. Bd. 43. Online abrufbar unter: https://repository.publisso.de/resource/frl:5111600
"Resilienz und psychologische Schutzfaktoren im Erwachsenenalter" von Lars Kilian für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE