Lars Kilian
News
Nationaler Bildungsbericht 2026
Cover des nationalen Bildungsberichts 2026
Weiterbildung bleibt der Schlüssel für Teilhabe, Fachkräftesicherung und Integration - strukturelle Schwächen bremsen jedoch den Fortschritt.
Der nationale Bildungsbericht Bildung in Deutschland 2026 macht deutlich: Erwachsenen- und Weiterbildung sind für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands von zentraler Bedeutung. Sie sichern Beschäftigungsfähigkeit, unterstützen gesellschaftliche Teilhabe und helfen, den Fachkräftemangel in Zeiten des digitalen, demografischen und wirtschaftlichen Wandels abzufedern. Gleichzeitig zeigt der Bericht erhebliche Defizite: Betriebe engagieren sich weiterhin zu wenig, benachteiligte Gruppen nehmen seltener teil, digitale Lernchancen sind ungleich verteilt und die Finanzierung wichtiger Angebote - insbesondere der Sprachförderung - bleibt fragil (Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung 2026, S. 219-246).
Im Mittelpunkt des Kapitels G „Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter“ steht die Frage, ob das Weiterbildungssystem den wachsenden Anforderungen überhaupt genügen kann. Die Antwort fällt gemischt aus: Einerseits bleibt die Weiterbildungsbeteiligung insgesamt hoch, andererseits bestehen hartnäckige soziale Ungleichheiten fort, und zentrale institutionelle Strukturen erweisen sich als anfällig.
Betriebliche Weiterbildung deckt nicht den Qualifizierungsbedarf
Obwohl der selbst eingeschätzte Qualifizierungsbedarf in den Betrieben weiter steigt, haben im ersten Halbjahr 2024 nur 44 % der Betriebe Beschäftigte für Weiterbildung freigestellt oder Kosten übernommen - deutlich weniger als vor der Corona-Pandemie, als der Wert noch bei 55 % lag (ebd. S. 222ff). Besonders betroffen sind Beschäftigte auf Arbeitsplätzen mit einfachen Tätigkeiten, für die keine Berufsausbildung erforderlich ist. Gerade dort, wo Weiterbildung für berufliche Stabilität besonders wichtig wäre, bleibt sie am schwersten erreichbar.
Weiterbildung erreicht zu selten benachteiligte Gruppen
Der Bericht zeigt außerdem, dass sich Bildungsungleichheiten bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. 16 % der 25- bis unter 66-jährigen gaben im Jahr 2023 an, sich noch nie weitergebildet zu haben. Besonders hoch war dieser Anteil bei Personen mit niedriger formaler Bildung (45 %) und bei selbst zugewanderten Personen (27 %) (ebd., S. 15). Zudem stieg mit dem Alter der Anteil derjenigen, deren letzte Weiterbildung lange zurückliegt: Bei den 55- bis unter 66-jährigen hatte mehr als jede dritte Person zuletzt vor mehr als 5 Jahren an Weiterbildung teilgenommen (ebd., S. 227ff).
Diese Befunde sind brisant, weil die Bundesregierung das Ziel verfolgt, die Weiterbildungsbeteiligung bis 2030 auf 65 % zu steigern. 2022 lag sie jedoch erst bei 54 % (ebd.).
Digitale Lernangebote wachsen - aber nicht für alle
Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten für das Lernen im Erwachsenenalter, jedoch zeigt der Bericht deutliche Ungleichheiten. Lernten 2025 26 % der 16- bis unter 75-jährigen mithilfe des Internets; 2021 waren es noch 19 % (ebd., S. 230f.). Vor allem informelle digitale Lernaktivitäten nahmen zu, während die Nutzung von Onlinekursen eher stagnierten.
Von diesen Entwicklungen profitieren jedoch nicht alle gleich. Ältere Menschen und Personen mit niedriger formaler Bildung nutzen digitale Lernangebote deutlich seltener. Ursache dafür sind unter anderem unzureichende grundlegende Digitalkompetenzen, die in mehreren Bevölkerungsgruppen weiterhin schwach ausgeprägt sind (ebd.). Der Bericht betont deshalb, dass bislang eine abgestimmte, das gesamte Erwachsenenalter umfassende Strategie zur Förderung digitaler Kompetenzen fehlt (ebd., S. 15).
Sprachförderung für Zugewanderte unter Einschränkungen
Mit besonderer Sorge blickt der Bildungsbericht auf das Gesamtprogramm Sprache der Bundesregierung. Aufgrund haushaltspolitischer Entscheidungen kam es 2025 zu deutlichen Einschränkungen bei Integrations- und Berufssprachkursen. Besonders betroffen sind Berufssprachkurse auf den Niveaus A2, C1 und C2, die nicht mehr oder nur noch eingeschränkt stattfinden (ebd., S. 15, 224ff). Seit Anfang 2026 wurden zudem keine neuen freiwilligen Teilnehmenden - insbesondere Asylbewerber*innen und Geduldete - mehr zu Integrationskursen zugelassen (ebd., S. 242).
Der Bericht warnt, dass diese Einschränkungen die soziale Integration verzögern, das Risiko inadäquater Beschäftigung erhöhen und langfristig negative Folgen für Fachkräftesicherung, Steuereinnahmen und öffentliche Haushalte haben können (ebd., S. 16).
Weiterbildungspersonal unter rechtlichem und finanziellem Druck
Auch die Arbeitsbedingungen des Weiterbildungspersonals werden als Problem benannt. Viele Bereiche sind strukturell auf Honorarlehrkräfte angewiesen. Zugleich führen rechtliche Unsicherheiten - insbesondere infolge des sogenannten Herrenberg-Urteils - zu erheblichem Druck auf Einrichtungen und Lehrkräfte (ebd. S. 16, 234ff). Zwar ist die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter in der Weiterbildung in den letzten 10 Jahren gestiegen, doch ein grundlegender Wandel zu stabileren Beschäftigungsformen ist bislang nicht zu erkennen.
Der Bericht zeigt zudem, dass Erwartungen und Realität beim Weiterbildungspersonal weit auseinanderliegen: Viele Lehrkräfte erwarten eine leistungsgerechte Bezahlung, regelmäßige Weiterbildung und langfristige Beschäftigungssicherheit - erleben diese Bedingungen aber häufig nicht als gegeben (ebd., S. 236-238).
Fazit: Weiterbildung ist Schlüsselfrage der Zukunft
Der Bildungsbericht 2026 macht deutlich, dass Weiterbildung eine zentrale Rolle spielt für wirtschaftliche Resilienz, soziale Teilhabe und demokratische Stabilität. Das betrifft berufliche Qualifizierung ebenso wie Grundbildung, digitale Kompetenzen und Sprachförderung. Zugleich zeigt sich: Die institutionellen und finanziellen Voraussetzungen halten mit den politischen Erwartungen und dem realen Weiterbildungsbedarf bislang nicht Schritt.
Zentrale Befunde aus dem Kapitel Weiterbildung und Lernen im Erwachsenenalter finden sich auf den Seiten 219 bis 246, insbesondere zu Teilnahme (S. 227-233), Personal (S. 234-238), Ausgaben und Sprachförderung (S. 239-245) sowie den zusammenfassenden Herausforderungen (S. 246).
Weiterbildungspolitik
Ein Recht auf Erwachsenen- oder Weiterbildung ist im Grundgesetz nicht verankert. Gleichwohl wird auf bundes-, landes- oder auch kommunalpolitischer Ebene auch die Erwachsenen- und Weiterbildung mitbestimmt. Weiterbildungspolitik ist bedeutsam - sie entscheidet maßgeblich über Zugänge des Einzelnen zum Bildungssystem auf der einen Seite und dem Bildungsangebot auf der anderen Seite. Sie ermöglicht damit gesellschaftliche Teilhabe und verantwortet die gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Auf wb-web wurde und wird über ausgewählte weiterbildungspolitische Themen berichtet, die Sie in diesem Dossier zusammengefasst vorfinden.