Sonja Klante Blog

Kompetenzen für eine demokratische Kultur in der Erwachsenen- und Weiterbildung

Das Bild zeigt viele blaue Europafahnen, die als Wimpel vor blauem Himmel flattern.

Europafahnen im Gegenlicht (Bild: Lars Kilian, CC BY-SA 3.0)

Demokratische Gesetze und Institutionen können nur auf der Grundlage einer demokratischen Kultur funktionieren. Der Schlüssel dafür ist Bildung. Um eine umfassende Ressource für die Planung und Umsetzung von Angeboten sowie die Beurteilung von Kompetenzen zu schaffen, wurde der RFCDC entwickelt. Doch was genau verbirgt sich hinter diesem Kürzel und wie kann der Referenzrahmen in der Erwachsenen- und Weiterbildung angewendet werden?

Lehrende in der Erwachsenen- und Weiterbildung sind nicht nur Lernbegleiter, sondern sorgen auch durch ihre Persönlichkeit und ihre (Werte-)Haltung dafür, dass ein Kurs, ein Seminar oder ein Training gelingt. Manche Themen der Weiterbildung beziehen sich explizit auf bestimmte Wertvorstellungen, andere eher implizit. So kann es etwa in Museumsführungen oder Kursen zur politischen Bildung um konkrete Themen gehen, die bestimmte Werte, Haltungen oder Fähigkeiten ansprechen. Aber auch zum Beispiel in einem Sprachkurs könnte es zu Situationen kommen, in dem Lehrende dafür sorgen müssen, dass es zu einer für alle tragfähigen Entscheidung kommt oder sie müssen eingreifen und sich positionieren, wenn Falschinformationen verbreitet oder Teilnehmende aus politischen Gründen ausgegrenzt werden Es ist also sinnvoll, dass sich Lehrende klar darüber werden, welche Wertehaltung sie haben und vermitteln möchten und zusätzlich (Methoden-)Kompetenzen besitzen, um in bestimmten Situationen über Werte in den Austausch zu kommen.

Meilhammer (2008, S. 208) betont einen weiteren wichtigen Aspekt der Berücksichtigung von Werten für die Gesellschaft und das lebenslange Lernen: „Insbesondere hochkomplexe demokratische Gesellschaften sind darauf angewiesen, dass prinzipiell alle erwachsenen Menschen, die in ihnen leben, an der Gestaltung des politisch-sozialen Lebens teilhaben können und dass ihre Urteile mündig, frei, verantwortlich, wissensbasiert und auf der Basis humanitärer Werthaltungen getroffen werden.  Die Demokratie braucht daher die Bildung, da der Staat mit seinen Verfassungsorganen alleine die genannten Voraussetzungen nicht gewährleisten kann. Weil Bildung niemals abgeschlossen gedacht werden kann, muss sie eine das ganze Leben begleitende sein.“

Es gibt viele Ansätze und Konzepte für eine demokratische Qualitätsentwicklung in Schulen, für die Breite der Erwachsenen- und Weiterbildung gibt es allerdings noch wenig. Hier kann der RFCDC (Reference Framework of Competences for Democratic Culture) ein wichtiger Baustein sein.

Der RFCDC und seine Entstehung

Der Referenzrahmen ist ein Leitprojekt des Europarats im Bereich Demokratiebildung und geht auf eine Initiative Andorras während seines Vorsitzes im Ministerkomitee des Europarats im Jahr 2013 zurück. Das Bestreben ist, eine gemeinsame Sprache für unterschiedliche Bildungs- und nationale Kontexte bereitstellen und so soll der RFCDC eine „umfassende Ressource für die Planung und Umsetzung des Lehrens, Lernens und Beurteilens der CDC und des interkulturellen Dialogs darstellen“ (RFCDC Band 1, S. 21). Projektstart war im Dezember 2013, der gesamte Referenzrahmen (alle drei Bände zum RFCDC) wurde im April 2018 veröffentlicht.

Den Kern des Referenzrahmens bildet ein Modell der Kompetenzen, die Lernende erwerben müssen, „wenn es ihnen gelingen soll, an einer demokratischen Kultur mitzuwirken und in kulturell vielfältigen Gesellschaften friedlich mit anderen zusammenzuleben“ (RFCDC Band 1, S. 13.). In diesem Modell werden 20 Kompetenzen in 4 Feldern beschrieben.

Das Bild zeigt eine Illustration, deren vier bunte Teilbereiche der "Kompetenzen für eine demokratische Kultur" an einen Schmetterling erinnern.

Bild "Kompetenzen für eine demokratische Kultur" nicht unter freier Lizenz 
(Quelle: RFCDC Band 1, S. 40)

Den Werten kommt in diesem Modell eine besondere Rolle zu, denn „ohne die Konkretisierung der ihnen zugrunde liegenden Werte wären die Kompetenzen keine demokratischen, sondern vielmehr allgemeinpolitische Kompetenzen, die auch viele andere Staatsformen, einschließlich antidemokratischer Herrschaftsformen, stützen könnten“ (RFCDC Band 1, S. 41).

In alltäglichen Situationen aktivieren Menschen normalerweise nicht einzelne Kompetenz, sondern nutzen ein ganzes Bündel (Cluster) an Kompetenzen. Auch in Lehr-Lernsituationen können Lehrende überlegen, welche Kompetenzcluster sie mit den gewählten Inhalten und Methoden ansprechen möchten.

Zu allen Kompetenzen bietet der RFCDC Deskriptoren, dessen Ziel es ist, die eigenen Kompetenzen und Niveaustufe festzustellen und Weiterentwicklung zu ermöglichen sowie Bezugspunkte für die eigene pädagogische Arbeit zu haben, um didaktische Bildungsinterventionen zu planen, umzusetzen und zu evaluieren.

In Band 2 des RFCDC werden insgesamt 135 validierte Schlüsseldeskriptoren benannt, die eindeutig den drei Niveaustufen (elementares Niveau, mittleres und fortgeschrittenes Niveau) zugeordnet sind. Der gesamte Pool besteht aus 447 Deskriptoren.

Alle Deskriptoren sind so formuliert, dass sie eine konkrete Verhaltensweise oder einen Lernerfolg beschreiben und unabhängig von anderen Deskriptoren steht. So lassen sie sich gut für eine didaktische Planung und Evaluation nutzen.

Der RFCDC in der Erwachsenen- und Weiterbildung

Politische Bildungsangebote sind wichtig, jedoch erreichen sie meist nicht alle. Es müssen „Schülerinnen und Schüler so wie Erwachsene fit gemacht werden, um den Anforderungen der globalisierten Arbeitswelt gerecht zu werden“ (Krüger 2019, S. 240). Das „Methodenrepertoire klassischer politischer-Bildungssettings“ sollte jedoch erweitert und bereichert werden, um „die Vermittlung „weicherer“, schwieriger zu fassender Inhalte wie Wertekonstrukte, das Gefühl für die eigene Rolle in der Gesellschaft und die Aufklärung über die politische Dimension im Alltag“ (ebenda) zu adressieren. Hier können sich alle Bereiche der Erwachsenen- und Weiterbildung angesprochen fühlen. Der RFCDC ist in fachspezifischen, überfachlichen, formellen und informellen Settings nutzbar. Eine wichtige Grundlage hierfür ist jedoch, dass sich Lehrende zunächst selbst qualifizieren und mit dem CDC-Ansatz vertraut machen.

Der RFCDC lässt sich nutzen, um das eigene Curriculum weiterzuentwickeln. Hierfür kann das Curriculum bzw. die eigene Kursplanung daraufhin überprüft werden, welche Kompetenzen für Demokratie und Partizipation bereits darin vorkommen, und welche weiteren adressiert werden könnten. Es geht aber explizit nicht um eine Ausweitung des Curriculums, „sondern vielmehr um eine realistische Gestaltung für die zur Verfügung stehende Zeit. Welche CDC auch immer ausgewählt werden, sie müssen für die Gesamtziele, die erreicht werden sollen, relevant sein und mit diesen verknüpft werden“ (RFCDC Band 3, S. 20).

Des Weiteren kann es ein Anliegen von Lehrenden sein, eine demokratische Lernatmosphäre zu schaffen und Unterrichtsmethoden zu wählen, die sich an demokratischen Werten orientieren. Hilfreiche Fragen können in diesem Zusammenhang sein (vgl. RFCDC Band 3, S. 31f.):

·         Inwieweit trägt meine Weiterbildung dazu bei, dass sich die Teilnehmenden zu aktiven Bürgerinnen und Bürgern entwickeln können bzw. die Menschenrechte im Blick haben?

·         Wie häufig haben meine Teilnehmenden Gelegenheit, ihre eigenen Vorstellungen zum Ausdruck zu bringen, sich andere Meinungen anzuhören bzw. über ihre Verschiedenheiten zu diskutieren?

·         Inwieweit gebe ich Teilnehmenden Zeit und Gelegenheit, durch Teamarbeit ihre sozialen Kompetenzen einzuüben, und damit sowohl individuelle als auch soziale Prozesse und Resultate zu fördern?

·         Gelingt es mir, die Vorerfahrungen der Teilnehmenden aufzugreifen?

Kompetenzen für politische Partizipation in der Demokratie lassen sich durch lernprozessbezogene ebenso wie durch inhaltsbezogene Unterrichtsansätze entwickeln. Prozessorientierte Methoden und Ansätze in der Erwachsenen- und Weiterbildung können sein:

  • Vorleben demokratischer Einstellungen und Verhaltensweisen
  •  Etablierung von demokratischen Prozessen in Kursen
  •  Methoden des kooperativen Lernens

Inhaltsorientierte Methoden und Ansätze können sein:

  •  Einbindung von CDC in das vorhandene Curriculum
  •  Team-Teaching und Peer-Learning
  •  Auseinandersetzung mit dem „heimlichen Lehrplan“. Das bedeutet, dass Lehrende schauen, wo es Strukturen und Abläufe in der Organisation und der Weiterbildung gibt, die nicht mit den Werten und Haltungen des CDC-Modells in Einklang zu bringen sind.

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