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Katastrophenvorsorge für alle

Wie Erwachsenenbildung Barrieren abbaut und Resilienz stärkt

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Krisen kommen – doch nicht für jeden gleich

Der Stromausfall in Berlin zu Beginn dieses Jahres hat es vor Augen geführt: Fünf Tage lang waren zehntausende Haushalte im Südwesten der Stadt ohne Strom und Heizung. Vieles hat gut funktioniert – zugleich wurde deutlich, dass es bei der individuellen Vorsorge noch Verbesserungsbedarf gibt, besonders für Menschen mit besonderen Unterstützungsbedarfen. Ob Pandemie, Hochwasser oder Blackout: Katastrophen treffen nicht alle gleich. Doch während die Bedeutung von Resilienz wächst, fehlt vielen der Zugang zu passenden Lernangeboten – besonders jenen, die sie am dringendsten benötigen.

Hier setzt das Erasmus+ Projekt Learning4Resilience (L4R) an. Es entwickelt zielgruppengerechte Bildungsangebote, die Erwachsenen nicht nur Wissen vermitteln, sondern sie befähigen, sich selbst und andere in Krisensituationen zu unterstützen. Im Mittelpunkt stehen Gruppen, die bisher kaum erreicht werden: Senior*innen, Frauen mit Pflegeverantwortung, Geflüchtete und Migrant*innen sowie Menschen mit kognitiven Einschränkungen oder Sehbeeinträchtigungen. Doch wie gestaltet man Angebote, die wirklich ankommen? Und was brauchen Erwachsenenbildner*innen, um solche Formate in ihre Arbeit zu integrieren?

Barrieren erkennen: Was den Zugang zu Katastrophenvorsorge erschwert

Die Analysen und Umfragen der Partnerorganisationen von Learning4Resilience in Deutschland, Österreich, Polen und Kroatien zeigen: Das Interesse an Krisenvorsorge ist groß – doch zwischen Interesse und Teilnahme liegen oft praktische, sprachliche und psychische Hürden.

Fehlende Informationen und Bewusstsein: Fast die Hälfte der Befragten in den Zielgruppen wusste nicht, wo sie passende Schulungen finden könnten. Selbst wenn Informationen verfügbar sind, erreichen sie ihre Zielgruppen nicht – sei es wegen unklarer Kommunikationswege oder weil sie in Formaten verbreitet werden, die für bestimmte Gruppen unzugänglich sind.

Praktische Hürden: Menschen mit Pflegeverantwortung haben kaum Zeit für mehrstündige Schulungen; Zeitmangel gehört in mehreren Ländern zu den häufigsten Gründen für Nicht-Teilnahme. Zugleich sind Trainings für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder in ländlichen Regionen oft zu weit entfernt, und kostenpflichtige Angebote schrecken zusätzlich ab.

Psychologische Widerstände: Krisenvorsorge wird oft mit Angst assoziiert. In Kroatien gab fast die Hälfte der Befragten an, sich nicht mit dem Thema beschäftigen zu wollen. Ältere Menschen oder Menschen mit Traumaerfahrungen (z. B. Geflüchtete) vermeiden das Thema aus Sorge, überfordert zu werden oder alte Ängste aufzuwühlen. Hier braucht es Formate, die Sicherheit vermitteln.

Fehlende Passgenauigkeit: Standardisierte Schulungen gehen an den Bedürfnissen vieler Gruppen vorbei. Menschen mit Sehbeeinträchtigungen benötigen z. B. taktile Materialien oder Audio-Anleitungen, Geflüchtete mehrsprachige Angebote, und Senior:innen bevorzugen kurze, praktische Einheiten mit sozialem Austausch. Doch solche angepassten Formate sind selten.

Was Erwachsenenbildner*innen brauchen: Kompetenzen für inklusive Katastrophenvorsorge

Erfolgreiche Katastrophenvorsorge in der Erwachsenenbildung gelingt nur, wenn die Trainer*innen selbst über spezifische Fähigkeiten verfügen.

Zunächst benötigen Trainer:innen solide fachliche Expertise: Sie müssen die lokalen Risiken – von Hochwasser über Hitzewellen bis zu Blackouts – kennen und erklären können, wie man sich darauf vorbereitet. Entscheidend ist, dass sie Theorie in Handlung übersetzen und konkret zeigen, wie Vorsorge im Alltag umsetzbar ist, auch wenn die Mittel knapp sind. Hierfür entwickelt Learning4Resilience derzeit eine gemeinsame Wissensbasis.

Daneben ist Kontextkompetenz gefragt: Wer mit Geflüchteten arbeitet, sollte ihre eigenen Krisenerfahrungen wertschätzen und als Ressource in die Schulung einbeziehen. Wer mit älteren Menschen arbeitet, weiß, dass soziale Kontakte für sie besonders wichtig sind. Barrierefreiheit ist dabei nicht nur eine Frage des physischen Zugangs, sondern auch eine didaktische Herausforderung – etwa, wenn Evakuierungswege für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen vermittelt werden sollen.

Didaktisch sind interaktive, erfahrungsbasierte Methoden entscheidend, da passive Formate wie Flyer oder Vorträge nicht ausreichen. Das bestätigt unsere Befragung im Projekt: Workshops, Simulationen und Evakuierungsübungen sind die bevorzugten Formate; kleine Gruppen von bis zu zehn Personen ermöglichen eine individuelle Betreuung, und kurze, flexible Einheiten passen besser in den Alltag als ganztägige Schulungen. Besonders wirksam ist Peer-Learning, bei dem Menschen aus der eigenen Community als Trainer*innen fungieren – das schafft Vertrauen und senkt die Hemmschwelle.

Hinzu kommt psychologische Kompetenz: Trainer*innen müssen Risiken vermitteln, ohne Panik zu schüren, abstrakte Bedrohungen in konkrete, machbare Schritte übersetzen und – gerade bei Menschen mit Flucht- oder Kriegserfahrung – traumasensibel arbeiten, um Retraumatisierungen zu vermeiden.

Schließlich brauchen Trainer*innen Vernetzung und Systemwissen: Sie sollten lokale Akteure wie Feuerwehr und Rettungsdienste einbinden, sowie die Rahmenbedingungen und Warnsysteme vor Ort kennen.

Learning4Resilience: Vom Wissen zur Praxis

Die aus Umfragen und Analysen gewonnenen Erkenntnisse fließen in die weitere Entwicklung der Bildungs- und Trainingsangebote im Projekt ein. Zum einen werden Trainer*innen in Bezug auf die genannten Kompetenzen qualifiziert, um das Wissen an die verschiedenen Zielgruppen weiterzugeben. Zum anderen ntstehen praxisnahe und zielgruppengerechte Materialien, welche die Trainer bei der Durchführung von Lernangeboten im Bereich Katastrophenvorsorge unterstützen.

Fazit: Katastrophenvorsorge als gesellschaftliche Aufgabe

Katastrophenvorsorge ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit für alle – besonders für benachteiligte Gruppen. Doch sie gelingt nur, wenn sie niedrigschwellig, partizipativ und zielgruppengerecht gestaltet wird. Für Erwachsenenbildner:innen bedeutet das konkret, Barrieren abzubauen, die Zielgruppen aktiv einzubeziehen, praktisch und interaktiv zu arbeiten, und bestehende Netzwerke zu nutzen, indem sie mit lokalen Akteur*innen zusammenarbeiten, um Vertrauen und Reichweite zu erhöhen.

Es ist möglich, Katastrophenvorsorge so zu gestalten, dass sie niemanden zurücklässt. Doch dazu braucht es nicht nur gute Konzepte, sondern auch engagierte Trainer*innen, die bereit sind, sich auf die Bedürfnisse ihrer Zielgruppen einzulassen – und eine Gesellschaft, die versteht, dass Resilienz kein individuelles, sondern ein gemeinschaftliches Projekt ist.

Die detaillierte Analyse der Umfrageergebnisse finden Sie in einem Bericht (in englischer Sprache) auf der L4R-Projektwebseite: https://www.learning4resilience.eu/ziele-ergebnisse/ Über die Webseite halten wir Sie auch gern auf dem Laufenden.

Partner des Projekts Learning4Resilience sind:

  • BGZ Berliner Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit mbH
  • Deutsches Rotes Kreuz Kreisverband Berlin Schöneberg-Wilmersdorf e. V.
  • Partnerstwo Ulic Zielonej Białołęki Moja Białołęka Warszawa (Partnerschaft der Straßen Grünes Białołęka Mein Białołęka Warschau - Stadtteilverein)
  • Hrvatski Crveni Križ, Gradsko Društvo Crvenog Križa Zagreb (Kroatisches Rotes Kreuz Stadtverband Zagreb)
  • Dobrovoljno vatrogasno društvo Vidovec Zagreb (Freiwillige Feuerwehr Vidovec Zagreb)
  • Österreichisches Rotes Kreuz, Landesverband Wien

Über die Autorin

Carola Dierich - Erfahrene Projektmanagerin in den Bereichen berufliche, Hochschul- und Erwachsenenbildung von der Projektidee über Antragstellung, Durchführung, Öffentlichkeitsarbeit und Evaluation bis hin zur Berichterstattung. Sie studierte Westslawistik und Politikwissenschaft und begeistert sich für Themen wie digitales Lernen und neue Lerntechnologien, Internationalisierung im Bildungsbereich, ökologische Nachhaltigkeit und Freiwilligenarbeit.

Von der Europäischen Union finanziert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen des Autors bzw. der Autoren und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Exekutivagentur für Bildung und Kultur (EACEA) wider. Weder die Europäische Union noch die EACEA können dafür verantwortlich gemacht werden.
 

Projekttitel: Learning 4 Resilence - Aufbau lokaler Lernzentren zur Katastrophenschutzbildung

Projektnummer: 2025-1-DE02-KA220-ADU-000356853

Laufzeit: 12/2025-07/2028

"Katastrophenvorsorge für alle: Wie Erwachsenenbildung Barrieren abbaut und Resilienz stärkt" von Carola Dierich für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE


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