Susanne Witt
Forschung quergelesen
Katastrophenschutz-Leuchttürme
Abbildung 1: Microsoft Copilot. (2026). Katastrophenschutz-Leuchttürme [KI-generierte Illustration]. Microsoft Copilot.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe und das Team Human Factors befragten im Rahmen des Projekts "Warnung der Bevölkerung" Fachkräfte nach ihren Erfahrungen mit der Umsetzung des Basis-Konzeptes "Katastrophenschutz-Leuchttürme". Ein Ziel der Studie war es zudem, aus den bewährten Erfahrungen heraus Handlungsempfehlungen bereitzustellen. Dieser Beitrag zielt darauf ab, auf Grundlage der Befragung das Bildungsangebot für die Bevölkerung, die – seitens der Befragten – angedachte bzw. umgesetzte Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern im Konzept Kat-L herauszustellen und nach dem Bedarf eines Bildungsangebots zu fragen.
Studie
Erfahrungen, „Good Practice” und Hindernisse in der Umsetzung des Basis-Konzeptes “Katastrophenschutz-Leuchttürme” unter Berücksichtigung ihrer Verortung im Warnsystem. Eine Studie des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, des Bund-Länder Projekts „Warnung der Bevölkerung” und des Teams Human Factors (HF), veröffentlicht im Januar 2025.
Methode
Im Zeitraum von April bis Oktober 2024 wurden 38 Interviews mit 48 Zuständigen für Kat-L aus verschiedenen Gebietskörperschaften geführt. Die Kombination aus qualitativen und quantitativen Auswertungsmethoden ermöglichte es, Themen und Schwerpunkte zu identifizieren und zu gewichten.
Fragen zu dem Konzept Katastrophenschutz-Leuchttürme (Kat-L)
Wie bereitet sich das Warnsystem auf einen Blackout vor? Wie soll die Bevölkerung geschützt und ggf. eingebunden werden? Welche Bildungsangebote werden u.a. für Bürgerinnen und Bürger mitgedacht? Mit der Befragung wurden die Formen der Umsetzung der Kat-L vor dem Hintergrund der Kontextbedingungen und örtlichen Gegebenheiten untersucht. Hinsichtlich wiederkehrender Schwierigkeiten, Lösungsansätzen und Erfolgsfaktoren richtete sich der Fokus auf die organisationale Einbettung, Interaktion und Kommunikation mit Akteuren in und außerhalb des Bevölkerungsschutzes.
Das Konzept Katastrophenschutz-Leuchttürme (Kat-L)
Kat-L sind in der Regel zentrale Einrichtungen wie z.B. Feuerwehrhäuser, Verwaltungs- oder Schulgebäude oder Einrichtungen von Hilfsorganisationen. Ihnen ist gemein, dass sie über eine Notstromversorgung und ausfallsichere Kommunikationssysteme verfügen. Zusätzlich können sie grundlegende Versorgung wie Erste Hilfe, Verpflegung oder Ladestationen bereitstellen. Die Kat-L sind in die Warnsysteme integriert.
In der Praxis unterscheidet sich die Umsetzung des Konzepts stark sowohl zwischen Bundesländern und Kommunen. Die Unterschiede beginnen u.a. bei alternativen Benennungen der Kat-L-Einrichtungen über Ausstattung, organisatorischer Einbindung bis hin zur (geringen bis teils fehlenden) Einbindung der Bevölkerung sowie partizipativen Ansätze bei der Zusammenarbeit bzw. Einbindung von Hilfsorganisationen etc.
Kat-L haben den Anspruch technische Infrastruktur mit sozialer Funktion zu verknüpfen. So sollen sie Informationen, Hilfe und Orientierung bieten und die Resilienz der Bevölkerung stärken. Ihr Erfolg hängt von nachhaltiger Verankerung, Bürgerbeteiligung und klaren Strukturen ab.
Der Begriff Katastrophenschutz-Leuchttürme (Kat-L)
Obwohl der Begriff Katastrophenschutz-Leuchtturm in der Fachwelt etabliert ist, kennt die Bevölkerung offenbar, so die Befragten, diesen nicht oder assoziiert mit dem Begriff andere Inhalte. Verwendete Synonyme für „Katastrophenschutz-Leuchttürme oder ähnliche Konzepte“, kurz „Kat-L“ oder „Kat-L o.ä.“ sind vielfältig: Bevölkerungsschutzleuchtturm, Notfall-Anlaufstelle, Notfall-Infopunkt, Notunterkünfte, etc.
Hintergrund der Planungen im Katastrophenschutz
Der Katastrophenschutz liegt überwiegend in der öffentlichen Hand wie Kommunen bzw. Kreisen. Hierzu zählen u.a. Feuerwehren, Verwaltungen und/ oder Hilfsorganisationen. Sie sind mit der Planung und Entwicklung von Katastrophenschutzkonzepten betraut. Die Bevölkerung wird – teilweise bewusst – nicht einbezogen. Die Interviewten begründeten den Ausschluss u.a. mit der Feststellung, dies sei nicht die Aufgabe der Bevölkerung, sowie mit der Vermeidung von Begehrlichkeiten und Angstmacherei. Ihre Bildungsangebote richten sich überwiegend an Fachkräfte.
Dem gegenüber stehen die Einbindung von Ehrenamtlichen in unterschiedlichen Organisationsformen und verschiedene Austauschformate.
Abbildung 2: Formen der Einbindung von Bevölkerungsgruppen in die Planung für eine Ablehnung einer solchen Einbindung (Quelle: BKK, 2025)
Rechtsrahmen Zuständigkeiten
Der Rechtsrahmen basiert zum einen auf dem “Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz - ZSKG)” und zum anderen darüber hinaus auf Länderebene auf unterschiedlichen landesspezifischen Regelungen sowie kommunalen Planungen. Die Forderung nach einheitlichen und strukturierten Vorgaben begründet mehr Planungssicherheit und Klarheit über die Finanzierung (BKK, 2025, S. 108).
Umsetzung des Konzepts Katastrophenschutz-Leuchttürme
Die Ergebnisse der Befragung zeigen vielfältige Varianten der Umsetzung des Basiskonzepts Kat-L. Schon der Begriff „Leuchtturm” ist strittig und wird aus verschiedenen Gründen durch eine Vielzahl Alternativen ersetzt. Die inhaltliche Ausgestaltung und die angebotenen Leistungen sind vom Basiskonzept teils abweichend. Dabei soll das Konzept der Kat-L die Schnittstelle der Kommunikations- und Handlungskapazitäten des Bevölkerungsschutz und der Anbindung örtlicher Communities stärken. Ziel des Konzepts ist eine dialogische Risikokommunikation und eine Stärkung der quartiersbezogenen Resilienz, sowie im Ereignisfall die Krisenkommunikation mit aktiver Einbindung der Betroffenen in mehrstufigen Konzepten von Regionalverantwortlichen über Koordinatoren vor Ort bis hin zu Helfenden vor Ort (Kaczmarek & Bohne, 2015; Ohder, Sticher, Geißler & Schweer, 2015). Die Befragten stützen sich im Katastrophenfall zunächst auf eigene personelle Ressourcen in Verwaltung und Fachkräfte wie z.B. Feuerwehr. Danach wird das Engagement von örtlichen Organisationen wie z.B. Vereinen im Ereignisfall angefragt. Dagegen wird die Bevölkerung als Betroffene definiert.
Die als Kat-L ausgewählten Einrichtungen müssen Parameter wie u.a. Zugänglichkeit oder Notstromaggregate vorweisen. Die Befragung identifizierte hier unterschiedliche Auffassungen sowie Konfliktfelder zwischen der im Notfall geänderten Nutzung und der normalen Nutzung, z.B. von Feuerwehrhäusern. Hiermit sind personelle Ressourcen und deren Bedarfe verknüpft.
Die zumeist modular aufgebauten Konzepte decken nicht alle vollständig die vorgesehen Leistungen eines Kat-L ab. Zum Teil sind alternative Unterbringungsmöglichkeiten angedacht, zum Teil ist man sich nicht des Bedarfs wie z.B. Vorhalten von Kindernahrung oder Betreuung, Verpflegung und Unterbringung von Haustieren bewusst.
Wo kommt der Bürger ins Spiel?
Unter den Aspekten Koordination und Stärkung der Selbsthilfefähigkeit vor Ort offenbart die Studie ein Dilemma des Konzepts und dessen Umsetzung. Auf der einen Seite wurde häufiger beklagt, dass die örtliche Bevölkerung und Öffentlichkeit zu wenig Krisenfestigkeit und Selbsthilfekapazität aufweisen, auf der anderen Seite wurde die Kat-L selten als Möglichkeit wahrgenommen, diese zu stärken (BKK, 2025, S. 109f). Die Kommunikation, so die Interviewten, fokussiert Lageinformationen und Notrufe, nicht aber, wie im Basiskonzept intendiert, die „Förderung und Koordination von kooperativer Selbsthilfe innerhalb der Bevölkerung“ (BKK, 2025, S. 110). Im Ergebnis bleibt es bei einer geringen Einbeziehung der Bevölkerung mit dem Fehlen der zu etablierenden Strukturen zur Selbsthilfe und Kooperationen.
Mit dem Einbezug von Freiwilligen wird zuerst die Erhebung freiwilliger Dienstbereitschaft in der Verwaltung und kommunalen Betrieben genannt, gefolgt von der Einbindung des Ehrenamtes und zuvor registrierter Freiwilliger. Die Befragten benennen für die ersten zwei Gruppen als mögliche Hindernisse Schulungsbedarfe und fehlende Klärung von Einsatzbedingungen wie z.B. eine Aufwandsentschädigung. Als Chancen sehen sie die Erhöhung der Motivation sowie ein bürgernahes Krisenmanagement, sowie die lokale Verankerung und den Nutzen der Einsatzerfahrung. Bei der Einbindung von Freiwilligen werden die mangelnde Bekanntheit und Beteiligung als Hindernis genannt. Dem gegenüber werden als Chance die Autarkie und Stärkung der Resilienz der Kat-L o.ä. hervorgehoben (BKK, 2025, S. 102).
Der Einbezug zivilgesellschaftlicher Gruppen, wie z.B. Vereine zur Zusammenarbeit mit den Kat-L, erfolgt nicht standardisiert, dafür würde er die zentrale Planung komplizieren, so die Aussage der Befragten. Trotzdem sehen sie das Konzept als Chance für Autarkie und die Stärkung der Resilienz der Kat-L (BKK, 2025, S. 102).
Bildungsangebote für die „normale Bevölkerung“
Entsprechend der Rolleneinbindung werden Schulungs- und Ausbildungsangebote für Freiwillige ohne Einsatzerfahrung von den Befragten befürwortet. Hürden sind die Kosten und Planung. Als Chance wird dem die Partizipation und Bildung entgegengehalten.
Bildungsangebote für die Betroffenen wurden – abgesehen von Informations- und Austauschversammlungen z.B. im Rahmen von Bürgersprechstunden – nicht genannt.
Grund hierfür ist folgende im Katastrophenschutz mythisch verbreitete Annahme, welche die Bevölkerung als passiv, hilflos und panisch irrational bis apathisch, schlimmstenfalls aggressiv und antisozial marodierend darstellt (BBK, 2025, S. 11). Dagegen bestätigen Forschungsergebnisse, dass „die Bevölkerung selbst nach Lösungen sucht und diese findet” (Mähler, Hofinger, Becker & Künzer, 2023, S. 175).
Fazit
Die Befragten in dieser Studie setzen sich aus Fachkräften verschiedener Gebietskörperschaften zusammen. Die Bevölkerung wird im Ernstfall, hier Stromausfall, als eine Gruppe Betroffener gesehen. Außer der Einbindung von Ehrenamtlichen und Freiwilligen, zumeist aus den eigenen Reihen rekrutiert, ist eine strukturierte Bildung der Bevölkerung zur Einbindung im Ernstfall nicht angedacht, so das Ergebnis dieser Befragung. Zudem deckt im Ernstfall die „offizielle” Kommunikation nicht den Informationsbedarf der Bevölkerung ab (BKK, 2025, S. 11).
Schlimmer noch, das Potenzial der Bevölkerung bleibt ungenutzt und Bildungsangebote zwar als wünschenswert angesehen, aber, von Ausnahmen abgesehen, nicht umgesetzt. Barrierefreie Zugänge zu Bildungsangeboten vor Ort, wie sie z.B. die Volkshochschulen bieten, werden benötigt und sind vorhanden. Ziel eines zu entwickelnden Kursangebots sollte es sein, Erwachsene auf verschiedene Katastrophenszenarien vorzubereiten und für die eigenen Vorsorge zu sensibilisieren. Die Kursinhalte können u.a. über die kommunale Bevölkerungsschutzmaßnahmen wie Kat-L informieren, offizielle Informationskanäle bekannt machen, helfen digitale Dokumentenmappen zu erstellen, Checklisten für Notfallrucksäcke oder Vorratsschränke zur Verfügung stellen und über technische Gadgets wie z.B. ein multifunktionales Notfallradio informieren.
Umgekehrt lernen Fachkräfte aus dem Katastrophenschutz die Potenziale der Bürgerinnen und Bürger sowie deren Bedarfe kennen. So könnten Veranstaltungen zur Bildung eines Netzwerkes im Quartier genutzt werden, um im Notfall darauf zurückgreifen zu können.
Quellen
Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BKK) (Hrsg.) (2025). Katastrophenschutz-Leuchttürme. Erfahrungen, «Good Practice» und Hindernisse in der Umsetzung des Basis-Konzeptes «Katastrophenschutz-Leuchttürme» unter Berücksichtigung ihrer Verortung im Warnsystem.
Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz; Bundesamt für Justiz (Hrsg.) (2020). Gesetz über den Zivilschutz und die Katastrophenhilfe des Bundes (Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz – ZSKG).
Kaczmarek, S. & Bohne, P. (2015). Überblick (Forschung für die zivile Sicherheit). In Berliner Feuerwehr, Bereich Forschungsprojekte (Hrsg.), Katastrophenschutz-Leuchttürme als Anlaufstelle für die Bevölkerung in Krisensituationen – ein Forschungsprojekt (S. 8–9). Berlin: Berliner Feuerwehr, Bereich Forschungsprojekte.
Ohder, C., Sticher, B., Geißler, S. & Schweer, B. (2015). Bürgernaher Katastrophenschutz aus sozialwissenschaftlicher und rechtlicher Perspektive: Bericht der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin zum Forschungsprojekt „Katastrophenschutz-Leuchttürme als Anlaufstellen für die Bevölkerung in Krisensituationen“ (Kat-Leuchttürme). Abschlussbericht des Teilprojekt Bürgernahes Krisenmanagement aus sozialwissenschaftlicher und rechtlicher Perspektive. Berlin.
Mähler, M., Hofinger, G., Becker, C. & Künzer, L. (2023). Das Lagebild Bevölkerungsverhalten in der Stabsarbeit: Ergebnisse eines Forschungsprojekts (Forschung für den Bevölkerungsschutz) (Band 34). Bonn: BBK.