Lars Kilian Blog

Heterogenität als Ressource

viele bunte Smarties

Der Blogbeitrag zeigt, wie unterschiedliche Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven Lerngruppen befähigen, gemeinsam Orientierungswissen für den  Umgang mit Krisen und Katastrophen zu entwickeln und entsprechende Kompetenzen aufzubauen.

Heterogenität als Normalfall, nicht als Störung

Lerngruppen in der Erwachsenenbildung waren nie homogen – doch die Bandbreite an Herkunft, Bildungsbiografie, beruflicher Erfahrung, Sprachkompetenz und Lebensalter, die in ihnen zusammentrifft, wird gerade dann zum entscheidenden Faktor, wenn es um Themen mit hoher Alltagsrelevanz geht: den Umgang mit Krisen und Katastrophen. Karin Behlke beschreibt aus ihrer Praxis, dass sich Heterogenität in Bildungsgruppen typischerweise in sehr unterschiedlichen Dimensionen zeigt – von Herkunftsland und Kultur über Bildungsstand, berufliche Vorerfahrung und kognitive Voraussetzungen bis hin zu Alter, gesundheitlichen Einschränkungen und Sprachkompetenz. Zugleich hält sie fest, dass in Wissenschaft wie Praxis inzwischen Konsens besteht: Lernen im Gleichschritt ist nicht möglich. Dennoch verfolgt die Bildungspraxis weiterhin häufig Homogenisierungstendenzen, etwa durch die Einteilung in Sprachniveaus oder Herkunftsgruppen, obwohl frühere Versuche einer systematischen „Homogenisierung" von Lerngruppen sich in der Praxis als unverhältnismäßig aufwendig erwiesen und zudem negative Nebenwirkungen für soziales Lernen, Zufriedenheit und Lernmotivation hatten.

Genau diese Erkenntnis lässt sich für die Bildungsarbeit zum Umgang mit Krisen und Katastrophen produktiv wenden. Wer lernt, sich in unvorhersehbaren, oft chaotischen Situationen zu orientieren, profitiert gerade von der Bandbreite gelebter Erfahrung: Menschen, die bereits Fluchterfahrung, berufliche Krisenerfahrung (etwa in Pflege, Rettungsdiensten oder Handwerk), unterschiedliche kulturelle Deutungsmuster von Gefahr oder generationenübergreifendes Krisenwissen mitbringen, verfügen über ein Repertoire an Bewältigungsstrategien, das eine homogene Gruppe oft nicht aufbringen könnte.

Die Haltung der Lehrenden als Ausgangspunkt

Ob diese Vielfalt zur Ressource wird, entscheidet sich zuerst an der  Haltung der Lehrenden . Ein konstruktiver Umgang mit Heterogenität setzt voraus, dass Lehrende Vielfalt als Normalität und nicht als Störung des kollektiven Lernprozesses verstehen; methodische Instrumente wie die Binnendifferenzierung verlieren an Wirksamkeit, wenn diese Grundhaltung fehlt. 

Diese Haltung muss auch bei den Teilnehmenden selbst erst wachsen, denn viele sind – wie insbesondere bei gering qualifizierten oder lernungewohnten Personen zu beobachten – durch Bildungserfahrungen geprägt, in denen Homogenität als Ideal galt. Es braucht daher ein Lernklima, in dem die Unterschiedlichkeit von Kompetenzen, Sichtweisen und Erfahrungen aktiv erlebbar gemacht und wertgeschätzt wird, statt sie zu nivellieren.

Projektarbeit als methodischer Hebel: gemeinsame Lösungen aus unterschiedlichen Perspektiven entwickeln

Ein methodisches Format, das diese Haltung praktisch umsetzt, ist die Projektarbeit. Ihr Kern liegt genau darin, dass Lernende ihre unterschiedlichen Interessen, Kompetenzen und Sichtweisen auf ein Thema einbringen und der Arbeitsprozess der Gruppe durch diese je eigenen Stärken bereichert wird. Übertragen auf das Thema Krisen- und Katastrophenorientierung ließe sich ein solches Projekt etwa so anlegen, angelehnt an das Stufenmodell nach Frey (1998):

  1. Initiierung und Themenfindung: Die Gruppe sammelt gemeinsam relevante Krisensituationen aus ihrem Alltag – von Extremwetterereignissen über Stromausfälle bis zu Situationen der Desinformation – und bestimmt, welche davon der Gruppe am wichtigsten oder dringlichsten erscheinen. Bereits hier fließen die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Teilnehmenden unmittelbar in die Themensetzung ein.
  2. Bildung von Projektgruppen nach Interesse und Erfahrung: Teilnehmende mit ähnlichen Erfahrungshintergründen oder Interessen finden sich zusammen, wobei gerade die Mischung unterschiedlicher Kompetenzen – etwa Sprach-, Organisations- oder praktisches Erfahrungswissen – in Tandems oder Kleingruppen gezielt genutzt werden kann.
  3. Planung: Jede Gruppe entwickelt eigenständig einen Arbeitsplan – wer bringt welches Wissen ein, welche Aufgaben werden verteilt. Wichtig ist dabei das Prinzip der geteilten Verantwortung im Lernprozess, das die Selbststeuerung der Gruppe stärkt.
  4. Durchführung: Die Gruppen erarbeiten praxisnahe Orientierungshilfen – etwa Checklisten für den Ernstfall, Kommunikationspläne für die Nachbarschaft oder mehrsprachige Informationsmaterialien –, wobei praktisches Tun mit theoretischem Wissen verzahnt wird, wie zum Beispiel beim Design Thinking.
  5. Präsentation, Feedback und Auswertung: Die Ergebnisse werden der Gesamtgruppe vorgestellt, sodass das in Teilgruppen erarbeitete Wissen wieder in die volle Bandbreite der Gruppe zurückfließt und gemeinsam reflektiert wird.

Diese Vorgehensweise ermöglicht, dass die in der Gruppe vorhandene Vielfalt nicht nur toleriert, sondern aktiv als Wissensquelle genutzt wird: Die Aufgabe – praktikable Lösungen für die Orientierung in Krisen und Katastrophen zu entwickeln – hat unmittelbaren Bezug zur Lebenspraxis der Lernenden und dient dazu, das eigene Leben besser bewältigen zu können; gleichzeitig integriert sie kognitive, soziale, affektive und motorische Lernanteile, was der Komplexität realer Krisensituationen entspricht.

Vielfalt strukturell einbeziehen

Damit dieser Ansatz gelingt, braucht es strukturelle Verankerung. Die Checkliste zum Umgang mit heterogenen Lerngruppen benennt hierfür zentrale Bausteine, die sich unmittelbar auf die Krisenbildung übertragen lassen: die systematische Erhebung von Vorwissen und biografisch erworbenen Kompetenzen (etwa mittels ProfilPASS), der Einsatz niveaudifferenzierender Methoden, der bewusste Wechsel von Sozialformen wie Gruppen-, Tandem- und Einzelarbeit sowie Instrumente zur Selbstreflexion und zum Feedback, mit denen Lernende selbst zu Bewertenden des gemeinsamen Lern- und Lösungsprozesses werden.

Gerade Letzteres ist für Angebote zum  Erwerb von Kompetenzen zur Bewältigung von Katastrophen und Krisen besonders wertvoll: Wenn Teilnehmende ihre eigene Rolle im Erarbeitungsprozess reflektieren und einander Feedback geben, entsteht nicht nur ein inhaltliches Ergebnis – etwa ein gemeinsam entwickelter Notfallplan –, sondern auch ein Zuwachs an Selbstwirksamkeit und Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit im Ernstfall. Das ist ein Effekt, der über die reine Wissensvermittlung standardisierter Verhaltensregeln hinausgeht und der sich nur in einer Gruppe entfalten kann, die ihre Unterschiedlichkeit als gemeinsame Ressource begreift.

Fazit

Heterogenität in Lerngruppen ist keine didaktische Herausforderung, die es zu minimieren gilt, sondern – insbesondere beim Lernen für Krisen und Katastrophen – der eigentliche Schatz, aus dem sich praxistaugliche, von der Gruppe getragene Lösungen entwickeln lassen. Voraussetzung dafür ist eine Grundhaltung, die Vielfalt als Normalität begreift, kombiniert mit Methoden wie der Projektarbeit, die den unterschiedlichen Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven der Lernenden bewusst Raum geben. So wird aus einer heterogenen Gruppe eine kollektive Orientierungs- und Handlungsgemeinschaft, die im Ernstfall mehr leisten kann als jede standardisierte Einzelunterweisung.

 

"Heterogenität als Ressource" von Lars Kilian für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE