Erfahrungsbericht
Beruf und Sprache zusammen lernen: Wie Menschen aus dem Ausland in der dualen Ausbildung schnell ankommen
Meine Erfahrung als Auszubildende aus der Ukraine
Anna Kotsur berichtet als Migratin über ihre Lernerfahrung in der dualen Ausbildung. Sie stellt unter anderem dar, wie wichtig die Gestaltung von Lern- und Prüfungsaufgaben ist oder welchen Schwierigkeiten und auch Unterstützungen sie begegnet. Aus ihrer Perspektive gibt sie Lehrkräften fünf praktische Tipps, worauf bei der Gestaltung von Lernarrangements zu achten ist, wenn man mit Menschen zusammenarbeitet, die keine Muttersprachler sind.
Wer ich bin
Ich bin Anna Kotsur, komme aus der Ukraine und mache gerade eine duale Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement. Vieles kenne ich schon aus der Praxis. Neu sind für mich die Sprache und die Art, wie man in Deutschland lernt. In der Ukraine habe ich an der Universität vor allem Theorie gelernt, die Praxis kam erst später im Job. In Deutschland lerne ich beides gleichzeitig: in der Berufsschule und im Betrieb.
Warum eine Ausbildung?
Ich habe in der Ukraine drei Jahre an der Universität studiert. Ich hoffte, dass man mir das in Deutschland wenigstens zum Teil anerkennt. Anerkannt wurde am Ende nur mein Schulabschluss. Mir war klar: Mit meinen Deutschkenntnissen und ohne deutschen Abschluss stellt mich niemand in Vollzeit im Büro ein. Mit einer Ausbildung ist das anders. Ein deutscher Berufsabschluss und meine Berufserfahrung zusammen halfen mir, später eine Stelle mit einem guten Gehalt zu kriegen.
Einfach war der Weg nicht. Im Büro braucht man gutes Deutsch, und mein Deutsch war damals noch nicht so gut. Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben und sehr viele Absagen bekommen. Am Ende hatte ich nur sechs Einladungen zu einem Bewerbungsgespräch.
Aufgegeben habe ich nicht. Ich wollte verstehen, wie das System in Deutschland funktioniert: wie ein Büro organisiert ist, wie man ein Gewerbe anmeldet, welche Gesetze gelten. Die Arbeit im Büro kannte ich schon. Ich habe als Sekretärin und als Office-Managerin gearbeitet und bin seit vielen Jahren im Vertrieb. In jeder Bewerbung habe ich auch geschrieben, dass ich Websites erstellen kann. Das hat geholfen: Ich arbeite jetzt in der Marketingabteilung. Dort kümmere ich mich darum, dass man unsere Website bei Google und in KI-Suchen besser findet.
Ich kenne das Thema, aber ich verstehe die Aufgabe nicht
Im Deutschkurs haben wir auf B1 und B2 bestimmte Verben gelernt. In den Aufgaben der Berufsschule stehen aber oft Wörter auf C1-Niveau. Oft bedeuten sie fast dasselbe, aber ich kenne sie nicht. Ein Beispiel ist „ermitteln". Im Kurs haben wir „berechnen" gelernt. In einer Buchhaltungsaufgabe stand dann „Ermitteln Sie …", und ich war nicht sicher, was ich tun soll. In der Buchhaltung ist das wichtig: Haben wir Geld bekommen oder bezahlt? Davon hängt ab, welches Konto ich nehme und welche Buchung richtig ist. Ähnlich ist es mit „Erträge" und „Erlöse". Bei beiden kommt Geld herein, aber das zweite Wort kannte ich nicht. Dann muss ich raten, und das klappt nicht immer.
Mir hilft sehr, dass meine Lehrerin offen ist. Ich darf sie sogar in einer Klassenarbeit fragen, ob ich einen Satz oder ein Wort richtig verstanden habe. Natürlich sagt sie mir nicht die Lösung. Sie sagt denselben Satz noch einmal mit einfacheren Worten, ungefähr auf B2-Niveau. Dann verstehe ich die Frage, und die Aufgabe löse ich selbst.
Das größte Problem sind die Fragen in Prüfungen und Klassenarbeiten. Oft ist eine Frage ein langer Satz mit vielen Kommas und Konnektoren. Das Wichtigste steht ganz am Ende oder in der Mitte. Manchmal liest sogar meine Lehrerin die Frage zweimal, und auch Deutsche müssen sie mehrmals lesen. In einer Deutschprüfung finde ich das in Ordnung. Aber in einer Prüfung für meinen Beruf soll man mein Fachwissen prüfen, nicht, wie gut ich lange Sätze lesen kann. Ich lese eine Frage oft drei- oder viermal, bevor ich anfangen kann. Diese Zeit fehlt mir dann am Ende.
Begründungen schreiben, wenn man nervös ist
Ein Beispiel aus der Vorbereitung auf die Prüfung: Im praktischen Teil machen wir Tabellen in Excel. Am Ende muss man oft eine kurze Begründung schreiben. Die Tabelle schaffe ich. Aber wenn ich nervös bin, kann ich manchmal den Satz nicht einmal im Kopf bilden.
Mir hilft nur Übung. Je mehr Aufgaben ich löse und je mehr Begründungen ich schreibe, desto leichter wird es. Ich schreibe sie mit der Hand in ein Heft, so habe ich es in der Schule gelernt. Wenn ich zu Hause in Ruhe viele Beispiele schreibe, kommen die Sätze in der Prüfung viel schneller.
Wenn ich nicht sicher bin, dass ich mich allein gut vorbereiten kann, mache ich zusätzliche Kurse. Zum Beispiel bei der IHK oder bei Lehrerinnen und Lehrern, die genau mit diesen Prüfungen arbeiten. Wir lernen dort in kleinen Gruppen oder einzeln. Es ist immer gleich: Je mehr Aufgaben ich im Prüfungsformat löse, desto sicherer bin ich in der Prüfung.
Am Anfang war ich die Anfängerin, im dritten Jahr nicht mehr
Am Anfang konnte ich meine Sätze noch nicht gut formulieren. Da hatte ich manchmal das Gefühl, dass man mich für eine Anfängerin hält, auch bei Themen, die ich aus der Praxis kannte. Im dritten Jahr ist das anders. Mein Deutsch ist viel besser geworden, weil ich jeden Tag im Büro bin. Meine Kolleginnen sprechen Hochdeutsch und benutzen genau die Fachwörter, die ich in der Berufsschule lerne. Eine Kollegin hat Journalismus studiert, die andere ist Buchhalterin und arbeitet außerdem als freie Rednerin auf Hochzeiten und Trauerfeiern. Ich glaube, das Umfeld spielt eine sehr große Rolle. Wenn man nicht nur in der eigenen Community bleibt und nur die Muttersprache spricht, sondern jeden Tag mit Menschen spricht, die gutes Hochdeutsch sprechen, lernt man viel schneller. Man hört jeden Tag richtig formulierte Sätze. Heute sehe ich oft selbst, wo in einem Text ein Fehler ist.
Das finde ich am dualen System so gut: Was ich in der Berufsschule lerne, brauche ich oft schon am nächsten Tag im Betrieb. Die Wörter bleiben im Kopf, weil ich sie jeden Tag benutze. Für Menschen aus dem Ausland ist eine duale Ausbildung oder ein duales Studium einer der besten Wege, Beruf und Sprache zusammen zu lernen. Wenn man die Grundlagen vom Beruf schon kennt, findet man sich schnell zurecht. Und die Sprache mit allen Fachwörtern kommt dazu.
Was mir geholfen hat und was Lehrkräfte tun können
Diese Punkte kommen aus meinem Alltag in der Berufsschule und in der Vorbereitung auf die Prüfung:
- Wenn ich nachfrage, sagt meine Lehrerin die Frage noch einmal mit einfachen Worten, auch in einer Klassenarbeit. Die Lösung sagt sie nicht. Das hilft mir am meisten.
- Die typischen Wörter aus Prüfungsaufgaben kann man einmal zusammen in der Klasse besprechen: „ermitteln", „erläutern", „begründen", „beurteilen" und so weiter. Viele von uns kennen die Sache, aber nicht das Wort.
- Begründungen sollte man nicht erst in der Prüfung schreiben, sondern vorher oft im Unterricht üben, in Ruhe und in mehreren Varianten.
- Viele Aufgaben im echten Prüfungsformat üben. Für uns ist das Format selbst schon schwer.
- Wenn jemand langsam spricht, heißt das nicht, dass er das Thema nicht versteht. Viele von uns haben schon Berufserfahrung.
Über die Autorin
Anna Kotsur kommt aus der Ukraine und macht eine duale Ausbildung als Kauffrau für Büromanagement. Im Betrieb arbeitet sie in der Marketingabteilung. Außerdem schreibt sie auf ihrer Website deutschland-gecheckt.de auf Deutsch, Ukrainisch und Russisch über Ausbildung, Prüfungen und Behörden in Deutschland. Die Website ist für Menschen, die nach Deutschland gekommen sind und hier eine Ausbildung machen möchten.
„Beruf und Sprache zusammen lernen: Wie Menschen aus dem Ausland in der dualen Ausbildung schnell ankommen” von Anna Kotsur für wb-web (2026), CC BY SA 3.0 DE-Lizenz.