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Zu den Hintergründen und Fakten der Forderungen des Positionspapiers „Weiterbildung stärken – Gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern: Eine gemeinsame Verantwortung“

Die Logos der Erstunterzeichner des Positionspapiers

Die Logos der erstunterzeichnende Einrichtungen des Positionspapiers

Zur Entstehung des Positionspapiers

Das Portal wb-web, betrieben vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V., bietet seit 2015 für Lehrende der Erwachsenen- und Weiterbildung Informations-, Selbstlern- und Vernetzungsangebote an. In dieser Zeit baute wb-web einen Unterstützerkreis auf, bestehend aus Fachverbänden, regionalen Anbietern oder Einrichtungen der Erwachsenen- und Weiterbildung im deutschsprachigen Raum (https://wb-web.de/ueber-uns/partner.html). Dieser Unterstützerkreis berät wb-web hinsichtlich der im eigenen Handlungsfeld wahrgenommen Entwicklungen und den daraus resultierenden Informations- und Kompetenzbedarfen der Lehrenden oder unterstützt bei der Kommunikation von wb-web Angeboten im eigenen Feld. Hierfür finden regelmäßige Treffen statt. In diesem Rahmen wurde deutlich, dass der Gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland ein Thema ist, welches in den Einrichtungen der Erwachsenen- und Weiterbildung eine hohe Relevanz hat. Um diese Aufgabe zu bewältigen, bedarf es passender Rahmenbedingungen. 

Damit Erwachsenen- und Weiterbildung von der  2025 neugewählten Bundesregierung  hinsichtlich ihrer wichtigen Rolle(n) wahrgenommen und unterstützt wird,  beschlossen die Akteure, sich mit einem entsprechenden Papier zu positionieren. Am 17. Februar  wurde das Positionspapier "Weiterbildung stärken - Gesellschaftlichen Zusammenhalt sichern: Eine gemeinsame Verantwortung" auf wb-web und bei den unterzeichnenden Partnern veröffentlicht, welches in die Koalitionsverhandlungen hineinwirken soll. In vier Forderungen werden die  Aspekte benannt, die den Unterzeichnenden auf Basis ihrer Erfahrungen zentral sind. Welche Hintergründe und Fakten zu dem Papier führten, wird in den folgenden Absätzen  ausführlicher vorgestellt.

Die Rolle der Bildung für den Gesellschaftlichen Zusammenhalt

Gesellschaftlicher Zusammenhalt bestimmt sich durch die Stärke und die Qualität sozialer Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft. Bestimmende Faktoren sind starke Netzwerke, Vertrauen in Mitmenschen und Institutionen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation mit dem Gemeinwesen sowie Solidarität, Anerkennung sozialer Regeln und nicht zuletzt gesellschaftliche Teilhabe (vgl. Arant u.a. 2017, 25). Bildung spielt eine entscheidende Rolle, um diese Faktoren zu fördern: Kompetenzen für den Aufbau und die Pflege sozialer Beziehungen können in Bildungsprozessen entwickelt werden. Darüber hinaus stärkt der Erwerb gesellschaftsrelevanten Wissens die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Gemeinwesen. Studien zeigen, dass gut gebildete Personen sich „zu deutlich größeren Anteilen ehrenamtlich engagieren“ (Simonson & Kelle 2021, S. 12) und damit aktiv zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts beitragen. 

Lebenslanges Lernen zur Stärkung des Gesellschaftlichen Zusammenhalts

Gerade die Erwachsenen- und Weiterbildung übernimmt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine zentrale Rolle. Wissen und Kompetenzen, die in der Schule und Ausbildung erworben wurden, genügen nicht mehr, um ein Leben lang den Herausforderungen zu begegnen, denen die Menschen unserer Gesellschaft gegenüberstehen. Die gesellschaftlichen Entwicklungen werden derzeit maßgeblich durch Digitalisierung, demographischen Wandel und Dekarbonisierung geprägt. Es ist daher unerlässlich, allen Menschen den Zugang zu Bildungsangeboten zu ermöglichen, die sie dabei unterstützen, diese Veränderungen einzuordnen, deren gesellschaftliche Bedeutung zu verstehen und die Gesellschaft mitzugestalten. Neben dem Erwerb von inhaltsbezogenen Kompetenzen in Trainings wird auch in der alltäglichen Bildungsarbeit gesellschaftlicher Zusammenhalt erlebt und die Kompetenzen der Teilnehmenden erweitert, weil in den Bildungsräumen heterogen zusammengesetzte Gruppen aufeinandertreffen und dies bewusst als pädagogisches Moment genutzt wird, um den multiperspektivischen Austausch zu fördern.

Indem wir, die Akteure in der Erwachsenen- und Weiterbildung, den Kompetenzerwerb durch Bildungsangebote fördern und damit die individuelle Handlungsfähigkeit ausbauen, wird die gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit und Anschlussfähigkeit gestärkt. Da sich die durch die gesellschaftlichen Entwicklungen entstehenden Herausforderung stets wandeln, kann diesen nur durch Lebenslanges Lernen bis ins hohe Alter begegnet werden. Die Erwachsenen- und Weiterbildung hat sich diesen Herausforderungen angenommen. So haben 2022 55 Prozent der Erwachsenen ein non-formales Bildungsangebot wahrgenommen (vgl. Autor:innengruppe Bildungsberichterstattung, S. 243). Vorhaben wie die Nationale Weiterbildungsstrategie, die darauf abzielen, „den Wirtschafts- und Innovationsstandort Deutschland zu stärken, den Zusammenhalt der Gesellschaft nachhaltig zu sichern und die Demokratie zu fördern“ (vgl. BMBF 2023), können nur durch die Berücksichtigung und Förderung aller an Bildung Interessierten in die Tat umgesetzt werden. So gewinnen beispielsweise ältere Menschen an gesellschaftlicher Relevanz (z.B. in der Sorgearbeit) und deren freiwilliges Engagement trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei (vgl. BMFSFJ 2025, S. 80).

Die Rolle der Erwachsenen- und Weiterbildung für den Wirtschaftsstandort Deutschland

Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland wird derzeit stark durch Fragen nach der Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland auf die Probe gestellt. Themen wie Fachkräftemangel, Abwanderung von Unternehmen und damit einhergehende Sorge vor drohendem Zerfall des Sozialstaates und vor Wohlstandsverlusten tragen zu einer Erosion der gesellschaftlichen Mitte bei. Indem man Menschen die Möglichkeit bietet, sich in die Gesellschaft einzubringen, kann dem begegnet werden. Weiterbildung ist das zentrale Mittel, Menschen auf höherqualifizierte Arbeit mit messbaren monetären Erträgen vorzubereiten, ihnen mit Grundbildungsangeboten den Zugang zum Arbeitsmarkt und gesellschaftlicher Teilhabe zu erleichtern (vgl. ebd. 254f.) oder sich im Ehrenamt bis ins hohe Alter zu engagieren und einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Darüber hinaus spielt sie eine entscheidende Rolle bei der Förderung von Quereinstiegen in neue Berufsfelder, der Integration von Menschen, der Anerkennung von Kompetenzen und Bildungsabschlüssen sowie der Bildungsberatung. Indem Weiterbildung diese Bereiche adressiert, trägt sie wesentlich dazu bei, Barrieren abzubauen und individuelle Potenziale für den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft zu erschließen. 

Ebenso ist es aus wirtschaftlicher Perspektive für Deutschland zentral, die Integration von Zugewanderten mit Bildungsangeboten zu unterstützen. Ohne Zuwanderung würde die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland bis 2040 um circa 10 Prozent und bis 2060 um circa 25 Prozent schrumpfen. Um dem zu begegnen, ist bis 2040 eine Integration von circa 288.000 internationalen Arbeitskräften jährlich nötig (vgl. Kubis & Schneider 2024). Schon jetzt leisten die Erwachsenen- und Weiterbildung im Bereich der Integrations- und Orientierungskurse einen wesentlichen Beitrag, eingewanderten Personen die Integration in die deutsche Gesellschaft und den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Rund 3,3 Millionen Eintritte in Integrationskurse seit 2005 konnten verzeichnet werden (vgl. BMI n.D.) und 2025 werden über 300.000 neue Teilnehmende erwartet (vgl. Pürkhauer 2024). 

Der demografische Wandel verändert die Gesellschaft in Deutschland und stellt die Wirtschaft vor Herausforderungen – insbesondere durch den Fachkräftemangel, wie neue Ergebnisse der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsprojektionen bestätigen (vgl. BIBB 2024). Das Institut der Deutschen Wirtschaft stellt fest, dass der Fachkräftemangel Rekordhöhen erreicht und ein „beschleunigter Strukturwandel, etwa durch Digitalisierung und Dekarbonisierung, vergrößert die Lücke tendenziell“ (Burstede u.a. 2023). Demnach ist es aus Sicht der Wirtschaft entscheidend, die benötigten Qualifikationen zu vermitteln und Personen „durch Weiterbildung und passgenaue Teilqualifikation für Engpassberufe“ zu gewinnen (ebd.).

Doch trotz bestehender Unterstützungsleistungen der öffentlichen Hand (z.B. über Weiterbildungsgesetze, Förderprogramme oder Infrastrukturen) besteht weiterhin großer Handlungsbedarf. So haben Beschäftigte in niedrigeren beruflichen Positionen im Vergleich zu Beschäftigten in höheren beruflichen Positionen häufiger den Wunsch, eine formale Weiterbildung zu absolvieren. Jedoch gelingt es insbesondere Beschäftigten in Helfer*innen- und Anlerntätigkeiten nicht, ihre Weiterbildungsmotivation in einen tatsächlichen Plan umzusetzen (vgl. Ehlert u.a. 2024, S. 21). Gründe hierfür sind unter anderem fehlende Zeit und finanzielle Ressourcen. Auch zeigt sich, dass eine geringe berufliche Qualifikation zu einem größeren Risiko führt, in Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit zu kommen, denn „Bildungsstand und Beschäftigungschancen hängen nach wie vor eng zusammen“ (vgl. Hausner u.a. 2015, S.1). 

Die Notwendigkeit der politischen Unterstützung

Die Politik ist seit jeher gefordert, Rahmenbedingungen zu gestalten, um Zugänge zur Erwachsenen- und Weiterbildung zu ermöglichen. Beispielsweise arbeiten in der Nationalen Weiterbildungsstrategie (NWS) seit 2019 Bund, Länder, Sozialpartner, Wirtschaftsorganisationen und die Bundesagentur für Arbeit an der Stärkung der Weiterbildung in Deutschland. Die NWS soll „Weiterbildungen als festen Bestandteil beruflicher und unternehmerischer Entwicklung (…) etablieren und eine gemeinsame Weiterbildungskultur in Deutschland (…) sichern“ (vgl. BMAS, 2025). Der im März 2025 veröffentlichte zweite Umsetzungsbericht zur NWS betont nochmals die Rolle der Weiterbildung, insbesondere mit Blick auf den Gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Weiterbildung kann gerade in einer Phase des beschleunigten Strukturwandels einen wichtigen Beitrag zu gesamtwirtschaftlicher Stabilität, betrieblicher Innovationsfähigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt leisten. Auf individueller Ebene kann Weiterbildung helfen, die Beschäftigungsfähigkeit – einschließlich Grundkompetenzen – zu erhalten, berufliche (Weiter)Entwicklung zu ermöglichen und selbstbestimmtes Agieren in der Transformation zu unterstützen“ (BMAS, BMBF 2025, S. 9). 

Die Pluralität der Erwachsenen- und Weiterbildungsanbieter, die sich an den regionalen Bedarfen der Gesellschaft und Wirtschaft orientieren, ermöglicht die passende Bereitstellung von Bildungsangeboten und -inhalten, von der Großstadt bis in den ländlichen Raum. So tragen sie dazu bei, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern – aber sie können diese Aufgabe nicht ohne bildungspolitische Unterstützung bewältigen.  Damit sie diese Aufgabe übernehmen und erfüllen kann, muss sich die Bildungspolitik zu diesem wichtigen Bildungsbereich für das Lebenslange Lernen bekennen. Noch ist das bis 2030 von Deutschland angestrebte Ziel, die Weiterbildungsbeteiligung der 25-65jährigen Bevölkerung auf 65 Prozent zu erhöhen, nicht erreicht (vgl. Europäische Kommission n.D.). Durch Sparkurse werden über lange Zeit aufgebaute Strukturen zerstört, die sich nicht kurzfristig wiederherstellen lassen und damit Zugänge zu Bildung verhindert, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft als Ganzes nötig sind.

Es bedarf dringend klarer und langfristiger bildungspolitischer Strategien, die Verlässlichkeit und Planungssicherheit für die Bildungsanbieter und Sozialpartner gewährleisten. Nur durch stabile Rahmenbedingungen können Weiterbildungseinrichtungen nachhaltige Strukturen aufrechterhalten, aus- oder aufbauen, um ihrem Bildungsauftrag umfänglich gerecht zu werden.

Deshalb fordern die Unterzeichnenden dieses Positionspapiers ein klares und verbindliches Bekenntnis zur Bedeutung der Erwachsenen- und Weiterbildung bei politischen Planungen und Entscheidungen. Die Bildungseinrichtungen müssen in der Lage sein, ihren Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und zur Gestaltung des Wandels zu leisten. Dazu bedarf es verlässlicher und zukunftsgerichteter Rahmenbedingungen. Konkret fordern wir:

  • Anerkennung der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der Erwachsenen- und Weiterbildung. Erwachsenen- und Weiterbildung ist mehr als eine Bildungsmaßnahme - sie ist ein zentraler Pfeiler gesellschaftlicher Resilienz und Stabilität.
  • Sichere und langfristige Finanzierung über die Legislaturperiode und darüber hinaus. Eine verlässliche Ausfinanzierung der Erwachsenen- und Weiterbildung ist essenziell, um Planungssicherheit für Bildungseinrichtungen zu gewährleisten und nachhaltige Bildungsperspektiven zu schaffen.
  • Die Perspektive der Weiterbildenden und die entsprechende Ausstattung der Beschäftigungsverhältnisse und deren Rahmenbedingungen zu verbessern. Nur durch gute Beschäftigungsverhältnisse in der Erwachsenen- und Weiterbildung können Expert*innen für Bildung gewonnen und gehalten sowie einem Fachkräftemangel in diesem Bildungsbereich entgegengewirkt werden.
  • Sicherung der Zugänglichkeit für alle Bevölkerungsgruppen. Bildungsangebote müssen räumlich, zeitlich und finanziell für alle erreichbar sein - unabhängig von Alter, Herkunft oder wirtschaftlicher Situation.

Nur mit einem klaren politischen Bekenntnis und konkreten Maßnahmenformulierungen in einem Koalitionsvertrag kann sichergestellt werden, dass der Bildungsbereich leistungsfähiger wird, um den benannten Herausforderungen erfolgreich zu begegnen und in Chancen für die gesamte Gesellschaft zu wandeln.

Wir laden alle in der Erwachsenen- und Weiterbildung aktiven Personen, Einrichtungen, Organisationen und Verbände dazu ein, dieses Positionspapier in unveränderter Form zu teilen (z.B. über die eigene Webseite, Social Media Kanäle, per E-Mail an Kolleg*innen und befreundete Organisationen, Weitergabe an die gewählten politischen Vertreter usf.). Informieren Sie uns gerne über Ihre Aktion per E-Mail an info@wb-web.de.


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