Susanne Witt Forschung quergelesen

Wie erfasst man die Wirkung politischer Bildung

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Das Projekt „Fachstelle politische Bildung – Wissens-Hub“ von Transfer für Bildung e.V. hatte zum Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse zur non-formalen politischen Bildung zu erfassen, systematisch aufzubereiten und zur Diskussion zu stellen. Mit dem Papier „Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler [sic] politischer Bildung“ weisen die Autor*innen am Beispiel des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ nach, „warum kausale Wirkungsnachweise (…) nicht realisierbar sind“ (Hansek et al., 2026a, S. 1). Aber sie beschreiben auch, was methodisch möglich und wissenschaftlich anerkannt ist. Die Studie wendet sich an die Fachpraxis sowie Entscheidungsträger*innen. 

Wo sich Maßstab und Gegenstand verfehlen  

Die wissenschaftsbasierte Programmentwicklung in Förderprogrammen durch Förderpraxis und Träger, sei es zu Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung, Extremismusprävention oder auch in der Bildung allgemein, sieht sich einem ansteigenden Druck seitens politischer und öffentlicher Interessen ausgesetzt, die Wirksamkeit ihrer Produkte nachzuweisen.  

Die geforderten messbaren kausalen Wirkungsnachweise –  z.B. durch das randomisierte Kontrollgruppenexperiment (RCT)  –  sind  in naturwissenschaftlicher Forschung plausibel, sie sind jedoch z.B. bezogen auf die Demokratieförderung nicht realisierbar. Der bei diesen Verfahren angelegte Maßstab entspricht nicht dem Gegenstand und erfasst somit nicht eine  Wirkung (vgl. Hense, 2025).

Ziel der Studie

Am Beispiel des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ (zweite Förderperiode 2020-2024) sollten die folgenden bislang methodologisch unzureichend geklärten Fragen beantwortet werden: 

  • „Welcher Wirkungsbegriff ist in der Demokratieförderung und nonformalen [sic] politischen Bildung angemessen?  
  • Welche Untersuchungsansätze können nachvollziehbare empirische Belege erzeugen, ohne an den strukturellen Eigenschaften des Gegenstands zu scheitern?  
  • Und was lässt sich auf dieser Grundlage über die tatsächlichen Wirkungen von Programmen bzw. den damit geförderten Maßnahmen aussagen?“ (Hansek et al., 2026b, S. 1) 

Warum wurde das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Beispiel ausgewählt?

Das Bundesprogramm bot sich beispielhaft hierfür an, weil ein Evaluationsverbund unterschiedliche Ansätze der Wirkungsmessung systematisch erprobte und dokumentierte. Im Fokus stand das „pädagogische Handlungsfeld mit vergleichbaren Bedingungen wie in der politischen Bildung“ (Hansek et al., 2026b, S.1f). Die folgenden drei Kategorien – non-formale Settings, Koproduktionscharakter und normativ aufgeladene Ziele – wurden angewendet, weil sie sowohl in den untersuchten Projekten als auch in non-formaler, außerschulischer politischer Bildung geteilt werden (Hansek et al., 2026a, S. 2). 

Welcher Maßstab für valide Wirkungsnachweise ist angemessen? 

Der Maßstab muss dem Gegenstand angemessen sein. Das Prinzip der Gegenstandsangemessenheit erfüllt den Anspruch einer validen Wirkungsevaluation, wobei „der forschende Zugriff den strukturellen Eigenschaften des Gegenstands gerecht wird“ (Hansek et al.,2026a, S. 2). 

Hierzu wurden vier wissenschaftlich anerkannte, theoriebasierte Verfahren für eine gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation eingesetzt: 

Auf der Grafik sind Realist Evaluation, Contribution Analysis, Process Tracing und Outcome Harvesting kurz beschrieben.

Abbildung: Angewendete Verfahren für eine gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation (Hansek et al.,2026a, S. 3) 

Im Gegensatz zu anderen Verfahren, wie z.B. das randomisierte Kontrollgruppenexperiment (RCT), beantworten die o.g. Verfahren „wie und warum etwas wirkt, für wen und unter welchen Bedingungen“ (Hansek et al., 2026a, S. 3). Sie gehen damit über einfache ja/nein-Antworten hinaus. Der Vorteil ist, die Erkenntnisse sind direkt nutzbar für die Praxis und deren Weiterentwicklung. 

Der Evaluationsverbund prüfte die Wirkung auf zwei Ebenen: Maßnahmenebene und Strukturebene. Bei der Maßnahmenebene wurden qualitative und quantitative Verfahren systematisch kombiniert. Auf der Strukturebene kam eine siebenstufige Evidenzhierarchie des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik e.V. für Partnerschaften für Demokratie mit Zielstellungen, Regressionsmodellen und qualitativer Absicherung an ca. 50 Standorten zum Einsatz. Erst ab Stufe 6 galten Wirkungen als nachgewiesen (Hansek et al., 2026a, S. 4). 

Erkenntnisse und deren Bedeutung für die politische Bildung 

  1. „Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation ist möglich und liefert belastbare, praxisrelevante Erkenntnisse mit hohem Informationsgehalt. 
  2. Wenn externe Wirkungserwartungen methodologisch nicht einlösbar sind, sollte dies – gestützt auf profunde wissenschaftliche Expertise – klar und sachlich benannt werden“ (Hansek et al., 2026a, S. 4). 

Die Autor*innen weisen darüber hinaus auf die Besonderheit der politischen Bildung hin. So sind Ziele wie z.B. Reflexionsfähigkeit oder Multiperspektivität, insbesondere in der non-formalen (politischen) Bildung schwer zu operationalisieren. Hieraus ergeben sich Anforderungen an die gegenstandsangemessene Wirkungsforschung. Die entsprechenden Verfahrensansätze sind vorhanden und können entsprechend weiterentwickelt werden. 

Ist die gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation auf die allgemeine Erwachsenen- und Weiterbildung übertragbar? 

Gegenstandsnahe Wirkmodelle legen die Wirklogiken der Praxis dar und dienen als Grundlage für die Wirkungsmessung (vgl. Greuel, 2025, S. 61).  Die Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation fragt, ob Wirkungen eingetreten sind und darüber hinaus nach:  wie, für wen und unter welchen Bedingungen. Die so erlangten Erkenntnisse sind für die Praxisentwicklung nutzbar (vgl. Rehse et al., 2025, S. 102f.).  Die Kombination qualitativer und quantitativer Methoden ermöglicht den einzigen Zugang zur Komplexität des Gegenstands (vgl. Bischoff et al., 2021, S. 261f.). Der Maßstab erfordert eine gemeinsame Verständigung aller Beteiligten darüber, welche Wirkungen auf welcher Ebene realistisch zu erwarten sind und wie sie in der Praxis methodisch erschlossen werden können. Wirkungsforschung und Evaluation versorgen so evidenzbasiert, aussagekräftiger und spezifischer den fachlichen Diskurs (vgl. Hansek et al., 2026b, S. 21). 

Quellen

Hansek, M., Becker,H., Posenau, D., Transfer für Bildung e.V. (Hrsg.) (2026a). Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung. Kurzfassung

Hansek, M., Becker,H., Posenau, D., Transfer für Bildung e.V. (Hrsg.) (2026b). Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung. Langfassung

 

Literaturliste 

Bischoff, U., Zimmermann, E., König, F. (2021). Erkennen, was wirkt. Die Erprobung von Ansätzen der Wirkungsuntersuchung in der Evaluation von Bundesmodellprogrammen der Demokratieförderung und Extremismusprävention und die damit gemachten Erfahrungen. In: Milbradt, B., Greuel, F., Reiter, S., Zimmermann, E. (Hrsg.). Evaluation von Programmen und Projekten der Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention. Gegenstand, Entwicklungen und Herausforderungen. Weinheim/Basel, S. 244–268 

Greuel, F. (2025). Gegenstandsangemessenheit in Wirkungsevaluationen. In: Greuel, F., Heinze, F., König, F. (Hrsg.). Was wirkt wie und warum? Wirkungsevaluationen in pädagogischen Handlungsfeldern für Demokratie und gegen Extremismus. Weinheim/Basel, S. 55–69 

Hansek, M., Becker,H., Posenau, D., Transfer für Bildung e.V. (Hrsg.) (2026a). Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung. Kurzfassung

Hansek, M., Becker,H., Posenau, D., Transfer für Bildung e.V. (Hrsg.) (2026b). Gegenstandsangemessene Wirkungsevaluation in Demokratieförderung und nonformaler politischer Bildung. Langfassung

Hense, J. U. (2025). Wie ernst ist es uns wirklich mit der Wirkung? Haupt- und Nebenfolgen eines Begriffs mit hoher Anmutungsqualität. In:  Greuel, F., Heinze, F. & König, F. (Hrsg.). Was wirkt wie und warum? Wirkungsevaluationen in pädagogischen Handlungsfeldern für Demokratie und gegen Extremismus. Weinheim/Basel, S. 28–54 

Rehse, A., Hemmann, M., Braun, M. (2025). Wirkungsevaluation im Bereich Demokratieförderung. Forschungsdesign, Umsetzungserfahrungen und Reflexion von Herausforderungen beim Erfassen von Wirkungen. In:  Greuel, F., Heinze, F., König, F. (Hrsg.): Was wirkt wie und warum? Wirkungsevaluationen in pädagogischen Handlungsfeldern für Demokratie und gegen Extremismus. Weinheim/Basel, S. 89–107 


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