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Kompetenzorientierter Unterricht – revolutionär oder altmodisch?

Eine Illustration eines strengen Lehrers mit erhobenem Zeigefinger

Kompetente Lehrperson (Bild: arbowis)

Der Direktor einer Schule verabschiedet eine Kollegin und schließt seine Laudatio mit den Worten „Sie ist halt einfach tolle Kollegin und Mitarbeiterin und eine Lehrerin mit Leib und Seele.“ Eine wahrhaft kompetente Lehrerin – denke ich mir.

Kompetenzorientierung ist in aller Munde. Im Juni listet Buch.ch über 80 neu erschienene Bücher mit dem Wort Kompetenz im Titel auf. In der schweizerischen Berufsbildung werden Lehrpläne auf Kompetenzen-Ressourcen-Modelle umgestellt, in der Erwachsenenbildung wird Kompetenzorientierung und der Erwerb von klar umrissenen Kompetenzen für die Finanzierung der Angebote immer häufiger wichtig. Woher dieses Interesse an einem Thema, das alles andere als neu ist? Weshalb die Unsicherheiten, wo doch Kompetenz etwas ist, was wir alle kennen?

Viele Kinder mit unterschiedlichem Spielzeug

Kinder entwickeln beim Spielen Kompetenzen (Bild: arbowis)

Kompetenz war immer schon Bestandteil der Erziehung. Wenn Kinder lernen, mit ihren Kameraden einvernehmlich im Sandkasten zu spielen, entwickeln sie Sozialkompetenz. Wenn sie stillsitzen und zuhören können, zeigen sie Lernkompetenz und damit Schulreife.  Wenn Jugendliche für sich selbst und ihre Handlungen Verantwortung übernehmen, sind sie in der Lage, einen Beruf zu erlernen. Wer im Beruf und am Arbeitsplatz komplexe Probleme lösen kann, galt immer schon als kompetent. Und schon vor 30 Jahren kursierte als eingängige Kurzfassung der Taxonomiestufen nach Bloom der Satz: «Gehört haben» heißt nicht «wissen» – «wissen» heißt nicht «verstehen» – «verstehen» heißt nicht «tun» – «tun» heißt nicht «richtig tun». 

Kompetenz heißt: «wissen, was zu tun ist und das Richtige gut tun»

Viele glauben, es genüge, am richtigen Ort das Wissen nachschlagen zu können, und damit sei man kompetent. Kompetenz umfasst aber neben Wissen auch Können und Wollen. Bereits Pestalozzi wusste das mit seinem Einbezug von Kopf, Herz und Hand in die Erziehung. In der Erwachsenenbildung scheuen wir uns davor, das Wollen einzubeziehen. Denn dies wird häufig als bevormundend empfunden, zu Recht, wenn indoktrinierend gelehrt wird. Aber im ebenbürtigen Diskurs, in der Gegenüberstellung von Selbst- und Fremdeinschätzung macht der Einbezug von Herz, Wollen und Werten viel Sinn.

Wenn eine Kompetenz in einer hinreichend komplexen, herausfordernden Situation gezeigt werden kann, nennt man das Performanz. Eine hohe Performanz bedeutet, Probleme und Aufgaben in einer Frist effektiv und effizient zu lösen und dabei alle Beteiligten möglichst zufrieden zu stellen. 

Wie wird man kompetent?

Ob die im ersten Absatz genannte Lehrerin oder das Kind, das einen Ballon für seinen Spielkameraden aufbläst oder der Astronaut, der in der Raumstation ein Gerät repariert – sie alle verhalten sich kompetent. Und sie alle haben als Neuling in ihrem Gebiet angefangen. 

Ein Kind fährt auf einem Fahrrad mit Stützrädern

Vom Neuling zum Experten (Bild: arbowis)

Kompetent sein: Vier Beispiele

Die kompetente Pflegefachfrau geht auf Patienten einfühlsam ein, setzt die Anordnungen der Ärzte zuverlässig um und entscheidet in hektischen Situationen besonnen und fachlich richtig.

Der kompetente Schreiner erfasst die Kundenwünsche, fertigt den Einbauschrank passgenau, liefert ihn termingerecht und hinterlässt nach dem Einbau keine Sägespäne vor Ort. 

Der kompetente Software-Entwickler kennt die Anforderungen an eine Software, programmiert sie fachgerecht mit einer benutzerfreundlichen Oberfläche und verfasst Nutzer-Handbücher in einer verständlichen Sprache.

Die kompetente Lehrer-Kollegin zu Beginn dieses Blogs ist eine Lehrperson, die bei Lernenden wie bei Kolleginnen und Kollegen gleichermaßen geachtet und beliebt Ist. Gelobt werden ihre fachliche Genauigkeit, ihr großes Wissen und ihre herausfordernden Prüfungen ebenso wie ihre Begeisterung und ihr Humor im Unterricht und die Wertschätzung und das wohlwollende Interesse, das sie täglich zeigt. Und ihre Klassen liegen bei den Prüfungsergebnissen immer an der Spitze.   

Die Kompetenzorientierung als ganzheitliche Sicht

Alle vier Beispiele schließen die drei Dimensionen ein, die uns wohl vertraut sind: Wissen, Können, Wollen – Wissen, Fähigkeiten, Haltung – Kopf, Hand, Herz. Warum also macht uns Unterrichtenden das Thema Kompetenzen so viel Kopfzerbrechen?

Die Wurzeln dafür finden sich im Ansehen der verschiedenen Berufsstände. Wer viel weiß ist gebildet – und Bildung wird in vielen Kreisen höher bewertet als handwerkliches Können und Herzensbildung; auch Dienstleistende sind hier weniger angesehen als Professoren und Gelehrte. Andererseits hat die Autorin dieses Blogs in ihrer Kindheit die umgekehrte Bewertung erlebt: Studierte galten in ihrem bäuerlichen Milieu als seltsam und nicht lebenstüchtig – gutes Vorbild war der treue, fleißige Arbeiter der für seine Familie sorgte.

Dieser große Graben zwischen Bildung und praktischer Arbeit, zwischen Logik und gesundem Menschenverstand wird mit der Kompetenzorientierung überbrückt. Wesentlich wird nun die Einheit von Wissen, Können und professioneller Haltung. Diese drei Teile in einer Kompetenz als gleichwertig zu sehen und zu lehren ist die große Herausforderung, die die Kompetenzorientierung an uns alle stellt. 

Eine Frau legt einen Stein auf einen Jenga-Turm. Der Turm ist bereits sehr hoch gebaut.

Expertin (Bild: arbowis)

Um eine hohe Performanz zu erreichen, müssen Lernende den Weg vom Neuling zum Experten selber gehen. Für Lehrpersonen heißt das:

  • Den Lernenden den Zugang zum notwendigen Wissen so zu öffnen, dass die Lernenden Informationen strukturieren und in ihre eigenen Denkmodelle einbauen können. 
  • Im Unterricht Handlungs- und Übungssituationen zu schaffen, die es den Lernenden ermöglichen, Fertigkeiten und Fähigkeiten so weit einzuüben, dass sie in der Praxis dann auch tatsächlich zum Tragen kommen.
  • Reflektieren, kritisches Hinterfragen und Begründen im gemeinsamen und wechselseitigen Lehren und Lernen herauszufordern und einzuüben.

Denn letztlich gilt: Wer eine komplexe Aufgabe mit Überzeugung und Routine  sowie unter Berücksichtigung von Fakten, Zusammenhängen  und Mitmenschen löst, ist kompetent!

CC BY-SA 3.0 DE by Ruth Meyer Junker für wb-web

Ruth Meyer Junker

 Ruth Meyer Junker hat als Ausbilderin von Ausbildenden und Erwachsenenbildnerin mit eigener Firma viel Erfahrung mit der Schulung verschiedener Zielgruppen. Ihr liegt es besonders am Herzen, kompetenzorientiert zu unterrichten und den Lernenden neben dem Wissenserwerb viele konkrete Erfahrungen zu ermöglichen. Denn die Reflexion der selbstgemachten Erfahrungen birgt hohes Lern- und Transferpotenzial. Mehr über Ruth Meyer Junker erfahren Sie unter www.arbowis.ch


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