Blog

Jüngere als Zielgruppe für die Weiterbildung – Was ist dran an der „Generation Y“?

Das Bild zeigt verschieden alte Telefonapparate.

Telefonmodelle/ -generationen (Bild: Alexas_Fotos / pixabay.com, CC0)

Die Generation Y befindet sich seit einigen Jahren im Berufsalltag. Zahlreiche Webangebote befassen sich mit dem Versuch, eine ganze Generation zu charakterisieren. Was ist dran an den Zuschreibungen und welche Bedeutung hat das für die Weiterbildung? Und wird diese Sichtweise wirklich der kompletten Generation gerecht?

Besteht das Konzept „Generation Y“ nur aus Vorurteilen?

Die Begriffe „Generation Y“ und „Generation Z“ erlangten insbesondere im letzten Jahr eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit. Zahlreiche Erklärvideos, Talks und Blogbeiträge thematisierten vermeintliche Unterschiede der jüngeren Generationen im Gegensatz zur älteren „Generation X“. Die Generation Y, gemeint sind hier die Geburtsjahrgänge von etwa 1980 bis 1999, trifft seit einigen Jahren im Berufsleben auf die vorherigen Generationen der Baby-Boomer (bis 1965) und der Generation X (bis 1980). Feste Hierarchien und Autoritäten werden von den Berufseinsteigern plötzlich infrage gestellt, Teamarbeit, gemeinsames Diskutieren und kritisches Denken gewinnen an Bedeutung. Die Jüngeren verlangen, auf Augenhöhe zu lernen und nutzen Wissen nicht als Machtposition, sondern um dieses miteinander zu teilen. Ältere Kollegen und Vorgesetzte scheinen damit oft überfordert und lehnen per se alles Neue, insbesondere die Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten und mobiles Arbeiten grundsätzlich ab, zumindest wenn man den Rede- und Blogbeiträgen glauben möchte. Personen, die der „Generation Z“ angehören (geboren zwischen 2000 und 2015), befinden sich momentan noch im Schulsystem oder bereits in beruflicher Ausbildung. Geprägt von digitalen Medien sowie gesellschaftlichen Krisen während ihrer Kindheit streben sie nach Sicherheit und Beständigkeit im Beruf. 

Inflationär gebrauchter Begriff Generation

Allerdings bleiben die Begriffe in diesen Beiträgen unscharf. So weist Schäffer schon 2009 darauf hin, dass „Autoren und Autorinnen essayistischer Generationenkonzepte […] in zumeist intuitiver, oft introspektiv getönter Art und Weise gesellschaftliche Stimmungen einzufangen und auf den (Generationen-) Begriff zu bringen“ [versuchen] (Schäffer 2009, S.31).

Doch anstatt den Generationenbegriff inflationär zu verwenden, ist es gerade im Kontext digitaler Medien eher hilfreich, die Perspektive auf Medienkohorten zu wenden. Kohorten sind Altersgruppen, die gemeinsam ein prägendes Ereignis in ihrer Sozialisation erfahren haben. Prägende Ereignisse waren zum Beispiel die Nachkriegserfahrungen oder die Studentenunruhen, welche auch als „Kohorteneffekte“ bezeichnet werden. Solch prägende, gesellschaftliche Ereignisse stellen auch die Verbreitung digitaler Geräte in den 1990er Jahren dar. Während die sogenannte „Generation Y“ noch mit Medien wie Kassettenrekorder, Modem und SMS aufgewachsen sind, wurden die Jahrgänge nach den 2000er Jahren bereits seit ihrer Kindheit mit schnellem Internet, Smartphones und später auch mit Tablets konfrontiert. In diesem Zusammenhang plädiert Schäffer für den Begriff der „generationsspezifischen Medienpraxiskulturen“, da habituelle Aspekte des Medienhandelns, also die Aneignung von Medien, von Bedeutung sind (vgl. Schäffer 2009, S. 47).

Zielgruppe der Jüngeren für Weiterbildung erschließen

Gleichwohl nutzen jüngere Menschen digitale Medien anders als ihre älteren Kolleginnen und Kollegen. Ganz besonders in Lern- und Weiterbildungskontexten ist es notwendig, die Zielgruppe der jüngeren, digital affinen Personen und ihre Lerngewohnheiten zu kennen. Trainer in betrieblichen Kontexten oder auch die Volkshochschulen stehen mehr und mehr unter Druck, diese Zielgruppen für sich zu erschließen. Ein sinnvoller didaktischer Einsatz digitaler Medien kann dabei einen wichtigen Erfolgsfaktor darstellen. 

 Auch wenn die ARD/ZDF-Onlinestudie 2016 feststellt, dass immer mehr Menschen ab 40 Jahren das Internet nutzen, immer länger online sind und häufiger webbasierte Angebote mobil nutzen, so liegen die unter 30-Jährigen in diesen Kategorien oft knapp unter 100 Prozent. Speziell die Social Media Anwendungen werden sehr viel häufiger von den jüngeren Altersgruppen genutzt. So nutzen 76 Prozent der 20- bis 29-Jährigen Facebook mindestens wöchentlich, bei den 30- bis 49-Jährigen sind es knapp die Hälfte (46 Prozent). Von den 14- bis 19-Jährigen sind hingegen nur noch 59 Prozent Facebook-Nutzer. Anwendungen wie Instagram oder Snapchat sind in dieser Altersgruppe sehr viel beliebter (55 Prozent auf Instagram, bei den 20- bis 29-Jährigen sind es nur rund 27 Prozent). Vor allem der Unterschied bei der Snapchat-Nutzung zwischen den 14- bis 19-Jährigen (49 Prozent) und den 20- bis 29-Jährigen (10 %) ist sehr ausgeprägt (vgl. Koch, Frees 2016). 

Auf Basis der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation konnte festgestellt werden, dass Mediennutzung sowohl von Kohorten als auch von Alterseffekten abhängt. Ein Generationenabriss ist deutlich am Internet- sowie Zeitungsnutzungsniveau bemerkbar: Die nach 1980 Geborenen verbringen 40 Prozent ihres Zeitbudgets mit tagesaktuellen Medien mit dem Internet, bei den vor 1980 Geborenen nimmt diese Nutzung nur knapp ein Viertel ihrer Medienzeit ein (vgl. Best, Engel 2016, S. 9). Zudem ist unverkennbar: Je später, geboren, desto weniger wird Zeitung gelesen, wobei jüngere Altersgruppen häufiger auf Online-Zeitungsinhalte zurückgreifen. 

Tabelle:  Nutzung von Onlinecommunitys 2015 und 2016 – mindestens wöchentlich

Abbildung 1:  Nutzung von Onlinecommunitys 2015 und 2016 mindestens  wöchentlich (Quelle:  Koch, W. & Frees, Beate (2016). Dynamische Entwicklung bei mobiler   Internetnutzung sowie  Audios und Videos.)

Lernen mit Medien: Die „Abgehängten“ geraten aus dem Blickfeld

Es ist anzunehmen, dass sich durch veränderte Mediennutzungsgewohnheiten auch das Lernverhalten jüngerer Altersgruppen von Lerngewohnheiten älterer Menschen unterscheidet. Digitale Inhalte sind geprägt von einem hohen Bildanteil, kurzen, aussagekräftigen Textbausteinen und Verlinkungen, die eine individuelle Vertiefung des Lernens ermöglichen. Frei zugängliche, oftmals kostenlose Inhalte, zusammengetragen durch gemeinsame Diskussionen und Anmerkungen (z.B. Chats, Video-Plattformen, Blogs oder Foren) prägen die Internetnutzung der jüngeren Kohorten. Es ist zu erwarten, dass diese Zielgruppe solche Erwartungen auch an formale Lernangebote richtet. Der persönliche Austausch wird von Ihnen hochgeschätzt, Online-Angebote durch den niedrigschwelligen Zugang aber auch.

Allerdings muss auch beachtet werden, dass nicht alle ab den 1980er Jahren Geborenen gelernt haben, die Möglichkeiten des Internets souverän zu nutzen. Zu oft hängt das Erlernen solcher Kompetenzen vom Bildungshintergrund und sozialen Rahmenbedingungen ab. Das Schlagwort „Generation Y“ zahlt daher eher ein auf die motivierten, bildungsaffinen Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger in zumeist akademischen Jobs. Junge Erwachsene mit weniger guten Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt geraten hingegen als „Frustrierte und Enttäuschte“ (vgl. Rump 2016, S. 12) schnell aus dem Blickfeld der Bildungs- und Personalverantwortlichen.

Es gilt wie schon immer in der Erwachsenenbildung: Zielgruppenorientierte Weiterbildung mit Blick auf veränderte Mediennutzungsgewohnheiten ist sinnvoll – und nicht durch „Schubladendenken“ zu ersetzen. 

Literatur

Best, S.; Engel, B. (2016): Generationenprofile in der konvergenten Medienwelt. In: Media Perspektiven 01/2016. Online abrufbar: http://www.ard-werbung.de/fileadmin/user_upload/media-perspektiven/pdf/2016/01-2016_Best_Engel.pdf

Koch, W.; Frees, B. (2016): Ergebnisse der ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. In: Media Perspektiven 9/2016. Online abrufbar: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/fileadmin/Onlinestudie_2016/0916_Koch_Frees.pdf

Rump, J. (2016): Die Generation der Zukunft. Keynote auf der ZWH-Bildungskonferenz 2016. Online abrufbar: http://zwh.de/wp-content/uploads/2016/11/Keynote-Prof.-Rump_Die-Generation-der-Zukunft.pdf

Schäffer, B. (2009): Mediengenerationen, Medienkohorten und generationsspezifische Medienpraxiskulturen. Zum Generationenansatz in der Medienforschung. In: Schorb, B./ Hartung, A./ Reißmann, W. (Hrsg.): Medien und höheres Lebensalter. Theorie – Forschung – Praxis. Wiesbaden

CC BY-SA 3.0 DE by Sabrina Thom für wb-web