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Gruppenarbeit: Frust vorprogrammiert!

Contra Gruppenarbeit. wb-web hat zwei Praktiker um ihre Einschätzung zu Gruppenarbeit gebeten. Pro oder Contra? Lesen Sie auch Lernen in der Gruppe braucht einen Rahmen - Erfahrungen eines Trainers.

Irgendwann heißt es in jedem Seminar und in jedem Training, dass der nächste Abschnitt in Gruppen bearbeitet werden solle. Kein Arbeitgeber schafft es, sich diesem Trend zu entziehen. Ich muss das Wort „Gruppenarbeit“ nur hören – und meine Nackenhaare sträuben sich. Es scheint gerade so, als würden sie alle lieben. Oder wieso kommt man nirgends mehr um die Arbeit in Gruppen herum? Mir geht sie jedenfalls gehörig auf den Wecker! 

Gruppenarbeit - Frust vorprogrammiert

Gruppenarbeit - Frust vorprogrammiert (Bild: PDPics/pixabay.com, CC0).

Es geht schon los bei den kleinsten Dingen: Da wird sich tatsächlich darüber gestritten, welche Schriftfarbe auf dem Flipchart verwendet werden sollte. Worum es eigentlich geht: auszuhandeln, wer hier das Sagen hat. Ausgerechnet die, die am wenigsten Ahnung vom Ganzen haben, versuchen das Ruder an sich zu reißen, um in die Rolle des Alpha-Männchens zu schlüpfen. Dann gibt es endlose Beiträge von einzelnen Gruppenmitgliedern, die für das Ziel der Gruppenarbeit überhaupt nicht relevant sind. Vielmehr geht es darum, mit überschwänglichen Selbstdarstellungen die neue Mitarbeiterin zu beeindrucken. Nach den anfänglichen Versuchen, mich einzubringen, merke ich, dass kaum jemand wirklich an der Sache interessiert ist. Mir ist das zu bunt, ich halte mich raus.

Nicht nur, dass die Zeit mit Hahnenkämpfen, narzisstischen Selbstdarstellungen und Diskussionen um Belanglosigkeiten verschwendet wird: Wenn wir dann mal am selben Strang ziehen, dann ziehen alle mit unterschiedlicher Kraft. Während ich nämlich aus der gegebenen Zeit so viel wie möglich herausholen will, wollen andere das vorgegebene Ziel mit minimalem Aufwand erreichen. Natürlich kann ich nicht vorschreiben, wie viel Einsatz jeder zu erbringen hat. Wenn ich mir aber Arme und Beine ausreiße, um ein gutes Resultat zu erzielen und es am Ende heißt, das haben Wir toll gemacht, dann ist das frustrierend für mich. Anstatt mich reinzuhängen, sollte ich mich vielleicht doch lieber hängen lassen. Auf jeden Fall bin ich dann am Ende nicht der Blöde.  

Mich nervt Gruppenarbeit

Ich habe noch einen Punkt, der mir etwas unangenehm ist. Sobald ich in einer Gruppe arbeite, schießen mir folgende und ähnliche Fragen durch den Kopf: Wie sehen die anderen mich? Wie wirke ich? Wenn ich meine Zweifel äußere, zerstöre ich dann die Harmonie in der Gruppe oder stehe gar als Miesepeter dar? Man könnte mir hundert Mal sagen, dass das Quatsch ist, dass mein Selbstbewusstsein da größer sein müsste. Aber so ist es. Zu hundert Prozent bei der Sache bin ich nur, wenn ich mir über solche Dinge keine Gedanken machen muss. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass andere am liebsten den ganzen Tag Leute um sich herum haben wollen. Als Introvertierter brauche ich zwischendurch einfach Zeit für mich, ansonsten bin ich abends völlig am Ende mit meinen Nerven. 

Mir ist klar, dass man in Gruppenarbeiten von dem Wissen und den Fähigkeiten der anderen profitieren kann. Mir ist auch klar, dass es viele Leute gibt, die Gruppenarbeit tatsächlich mögen. Aber eben nicht alle. Mich nervt Gruppenarbeit und ich bin mir sicher, dass ich da nicht alleine bin.

Michel Eggebrecht

Michel Eggebrecht hat im Bachelor Wirtschaftspsychologie studiert und absolviert derzeit den Master-Studiengang Management & Human Resources. Er arbeitet nebenbei in einer Personalberatung sowie selbstständig als Trainer und Berater im Bereich Konfliktkommunikation. Er befasst sich schwerpunktmäßig mit Konfliktvermeidern (www.harmoniekultur.de) und hat eine Leidenschaft für zwischenmenschlichen Themen.


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Christian Gruber

Lieber Herr Eggebrecht,

auch ich muss mich immer wieder überwinden, wenn ich "bitte bearbeiten Sie als nächstes in Gruppen..."  als Arbeitsauftrag höre oder lese. Neben der Überwindung bedeuten Gruppenarbeiten aber auch Folgendes für mich:

  • Gruppenarbeiten sind die kondensierte Form des beruflichen Alltags und zeigen, woran Projekte zumeist scheitern: unterschiedliche Menschen, die mit ihren Unterschieden schwer (oder nicht) klar kommen - daraus lassen sich viele Lehren ziehen
  • Gruppenarbeiten geben uns die Möglichkeit, andere Rollen in der Gruppe zu auszuprobieren und neue Handlungsmuster zu versuchen - eine "geschützte Werkstätte" sozusagen
  • bei Gruppenarbeiten erfährt man, dass die KollegInnen auch (nur) Menschen sind (und vielleicht gar keine so schlimmen...)

Auch wenn die soziale Lernerfahrung manchmal die fachliche übersteigt, macht sie das deshalb nicht weniger wertvoll.
Lernen bedeutet, Aufwand zu betreiben, zu dem man sich - mal mehr, mal weniger - überwinden muss. Oder anders gesagt: Widerstand ist zwecklos! ;-)