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Auf die Reise nach Digitalien

Landschaft aus Halbleitern

Digitalien? (Bild: Lars Kilian, privat, CC BY SA 3.0 DE)

Was bedeutet die Digitalisierung für Lehrende, Kursleitende oder Trainer*innen?

Für in der Erwachsenenbildung Lehrende stellt sich die Frage nach der Digitalisierung ihrer Arbeitswelt in Corona-Zeiten dringender als je zuvor. Kann die Bildungsforschung Antworten geben auf die Frage, wie diese Herausforderungen zu bewältigen sind? Eine neu erschienene Literaturübersicht zu aktuellen wissenschaftlichen Veröffentlichungen stellt Ergebnisse vor und versucht eine Einordnung. Wir fassen hier für wb-web zusammen, wie der Stand der Forschung aussieht.

Die durch Corona verursachte Krise der Präsenzveranstaltung hat allen in der Erwachsenenbildung und Weiterbildung (EB/WB) Tätigen drastisch vor Augen geführt, was das Wort „Disruption“ bedeutet, das ja auch gerne in den Mund genommen wird, wenn es um digitale Entwicklungen geht: Plötzlich ist nichts mehr, wie es einmal war und die Veränderungen betreffen die Menschen bis hinein in ihre wirtschaftliche Existenz. 

Der Prozess der Digitalisierung von Bildung war bis zu dieser Zäsur eher gleichmäßig vorangeschritten. Von einem Tag auf den anderen waren Lehrende dann plötzlich gefordert, sich kreative Lösungen einfallen zu lassen, um trotz des Veranstaltungsverbots existieren zu können. Die Krise hat damit nochmal ein Schlaglicht auf eine Tatsache geworfen, die auch vor Corona schon unbestritten war: Wenn es darum geht, Erwachsenenbildung und Weiterbildung fit für das digitale Zeitalter zu machen, stehen neben den Bildungseinrichtungen besonders die Lehrenden im Mittelpunkt. Im Rahmen des Metavorhabens Digi-EBF haben wir deshalb einen Forschungsüberblick genau zu dieser Frage erarbeitet: Was bedeutet eigentlich die Digitalisierung für die Lehrenden? 

Um es vorweg zu nehmen: Aktuelle Erkenntnisse aus Studien zu der Zeit nach Corona fehlen in unserem Überblick, er erstreckt sich auf die Jahre 2016 bis 2019. Und manche Erkenntnisse sind aus Sicht der Praxis vielleicht ein alter Hut. Dabei ging es uns nicht darum, die Bedeutung für einzelne Kursleitende, Trainer*innen usw. zu erarbeiten. Wir haben die Frage nach der Bedeutung in vier detailliertere Fragen aufgeteilt: Was bedeutet Digitalisierung für Lehrende in der EB/WB mit Blick auf 1. ihre Kompetenzen, 2. ihre Haltung bzw. Rolle, 3. ihre Fortbildung und 4. welche Trends sind hier zu beobachten? An dieser Stelle wollen wir einige der interessantesten Ergebnisse dieser Arbeit vorstellen und Fragen aufwerfen, mit denen sich die Forschung noch nicht oder noch zu wenig beschäftigt hat.

Digitalisierung verlangt nach Kompetenzen  nur welche? Und welche sind schon da?

Zunächst einmal sind sich die Autor*innen der von uns gefundenen Literatur einig, dass die Digitalisierung hohe Anforderungen an die Kompetenzen der Lehrenden stellt. Rohs und Kolleg*innen stellen daher fest, dass Lehrende in der EB/WB unbedingt medienpädagogische Kompetenzen brauchen, um die Digitalisierung ihrer Bildungsarbeit zu bewältigen und schlagen ein entsprechendes Kompetenzmodell vor. Andererseits zeigen die von uns recherchierten Studien unseres Forschungsüberblicks, dass sich diese Anforderungen auch in ein allgemeines Kompetenzmodell für Lehrende einordnen lassen (das GRETA-Kompetenzmodell). Das würde aus unserer Sicht eher darauf hinweisen, dass bestehende Kompetenzen auf Seiten der Lehrenden erweitert werden müssen und es nicht unbedingt notwendig ist, viele neue Kompetenzen von Grund auf zu erwerben. Die Studien lassen erkennen, dass besonders die Bereiche Didaktik und Methodik, Kommunikation und Beratung sowie Organisation durch die Digitalisierung betroffen sind. Aber ob es nun um notwendige Erweiterungen oder einen notwendigen Neuerwerb von Kompetenzen geht – in beiden Fällen braucht es Orientierung, sowohl aus Sicht der Bildungspolitik, der Bildungseinrichtungen und auf Seiten der Lehrenden: Welche Kompetenzen sollten wie erweitert werden? Welche Kompetenzen müssen neu erworben werden?

Um diese Fragen zu beantworten braucht es zunächst einmal eine Standortbestimmung: Welche Kompetenzen sind überhaupt vorhanden? Und hier klafft in der Forschung eine Lücke. Es gibt derzeit keine umfassenden repräsentativen Studien zur Frage, wie es um die Kompetenzen der Lehrenden bestellt ist – seien es nun allgemeine pädagogische Kompetenzen oder digitale bzw. medienpädagogische Kompetenzen. Vereinzelte Erkenntnisse aus der Forschung zu einzelnen Aspekten liegen zwar vor: So deuten Ergebnisse zum Beispiel darauf hin, dass jüngere Lehrende besser mediendidaktisch bewandert sind als ältere und die Vielfalt der eingesetzten Medien in Kursen eher klein ist. 

Um allgemeingültige Aussagen zu den etwa 530.000 Lehrenden treffen zu können, die laut dem wb-personalmonitor in der EB/WB tätig sind, ist nach unseren Erkenntnissen noch sehr viel Forschungsarbeit notwendig.

Auf die Haltung kommt es an

Wer für die Lehrtätigkeit in der digitalen Welt Kompetenzen erwerben will oder sich weiterbilden möchte, braucht zunächst eins: die richtige Haltung. Dozent*innen, die den digitalen Medien aufgeschlossen gegenüberstehen, wenden sie auch erfolgreicher an. Bei denen, die eher skeptisch sind, ist dies nicht so. Diese Alltagserfahrung bestätigen Studien (Bolten & Rott, 2018). Lehrende sind sich dabei durchaus bewusst, dass der Einsatz digitaler Medien nicht nur ihre Lehrveranstaltung verändert. Durch das Lehren und Lernen im digitalen Raum verändert sich ihre Rolle. Sie agieren hier idealerweise eher als Lernbegleitende in einem von den Lernenden selbstgesteuerten Prozess, denn als Wissensvermittler. Diese Rolle liegt vielleicht nicht jedem und jeder, der oder die in der Erwachsenenbildung tätig ist. Die Haltung der Lehrkräfte gegenüber digitalen Medien ist aber entscheidend für deren Anwendung in Kursen und Workshops. Gut, dass sich offensichtlich bei vielen Lehrenden schon die Einsicht durchgesetzt hat, dass digitale Medien als pädagogische Chance zu begreifen sind, wie eine Studie  bestätigt (vgl. Burchert & Grobe, 2017). Damit ist dann auch der erste Schritt getan zur Förderung des selbstgesteuerten Lernens, das für das lebenslange Lernen nach Ansicht vieler Expert*innen die beste Art des Lernens ist. Eine Studie (vgl. Cendon, 2018) bestätigt, dass auch die Lernenden dies durchaus positiv bewerten. Dass sich das Berufsbild der in der Erwachsenenbildung Tätigen durch diese Entwicklungen in Zukunft verändern wird, geht aus den gesichteten Untersuchungen ebenfalls hervor: einige sehen den „learning engineer“, der im Kurs nicht nur für Lehren und Lernen, sondern auch für die Technik zuständig ist (Cendon, 2018; Roberts, 2018). Es gibt aber auch eine Studie (Montebello, 2017), die den Lehrenden weiterhin in der klassischen Rolle der Leitung, Begleitung und Führung sieht und klar für den Vorrang von pädagogischer Zielsetzung ausspricht. 

Trainer trainieren sich selbst in digitalen Kompetenzen

An die oben genannten Fragen zu den notwendigen Kompetenzen schließt direkt die Frage an, wie diese erworben werden können. Interessanterweise eignen sich die meisten Lehrenden digitale Kompetenzen vor allem autodidaktisch und informell an, wie beispielsweise der Bertelsmann Monitor Digitale Bildung (Schmid et al, 2017) ausführt. In weiteren, von uns analysierten Studien finden sich auch Hinweise darauf, dass Fortbildungen zu digitalen Themen eher seltener von Lehrenden besucht werden, als solche zu anderen Themen (Koschorreck & Gundermann 2020, S. 174-175) . Die spannende Frage in diesem Zusammenhang ist die Frage nach den Gründen dafür. An mangelnder Motivation kann es eher nicht liegen – wir wissen, dass Lehrende im Vergleich überdurchschnittlich dazu bereit sind, sich fortzubilden. Denkbar sind unserer Ansicht nach mehrere Faktoren: Ein Mangel an Fortbildungsangeboten, ein Mangel an Unterstützung durch die jeweiligen Bildungseinrichtungen oder Gründe, die in der Beschäftigungslage der Lehrenden zu suchen sind – Stichwort Freiberuflichkeit bzw. Tätigkeit auf Honorarbasis. Auch könnte es juristische Gründe geben, wie etwa die Diskussion um Scheinselbständigkeit im Zusammenhang mit VHS-Dozent*innen. Auch hier fehlt es allerdings noch an Untersuchungen. Die Studienlage ist dagegen klar bei der Frage, was Fortbildungen für Lehrende zu digitalen Themen erfolgreich macht: praxisnah und flexibel müssen sie sein, am konkreten Bedarf orientiert, Zeitaufwand und Nutzen sollten in einem guten Verhältnis stehen – und sie dürfen auch etwas kosten. Idealerweise werden die Lehrenden in ihren Fortbildungsaktivitäten durch Kolleg*innen oder die eigene Einrichtung unterstützt. Auch der Nutzen der Fortbildungen steht außer Frage: Klauser & Schlicht (2017) konnten belegen, dass Lehrende mit einer Fortbildung zum Online-Tutor ihren Kolleg*innen überlegen sind, wenn es zum Beispiel um die didaktische Gestaltung oder die passende Formulierung von Aufgaben in einer Online-Lernumgebung geht. Pérez-Paredes et al. (2018) stellen fest, dass der größte Faktor beim erfolgreichen Einsatz digitaler Medien in der Bildungsarbeit mit Erwachsenen nicht das Lebensalter oder die Berufserfahrung der Dozent*innen, Kursleitenden oder Trainer*innen ist, sondern – wenig überraschend – die Vertrautheit mit digitalen Werkzeugen, Programmen, Plattformen etc. Daher machen auch Fortbildungen Sinn, die sich mit konkreten Anwendungen beschäftigen, wie etwa Apps für Echtzeit-Abstimmungen, Wikis, Programme für die Videoproduktion, Online-Kursplattformen – die Vielfalt möglicher Fortbildungen ist groß. Das Angebot leider eher nicht: Obwohl wir keine Studien mit konkreten Zahlen finden konnten, sind sich die Autoren der von uns rezipierten Texte darin einig, dass das Angebot an Fortbildungsmöglichkeiten zu digitalen Themen deutlich ausgebaut werden müsste.

Was bringt die Zukunft für Lehrende in Sachen Digitalisierung?

Verschiedene Trendstudien wagen regelmäßig einen Blick in die Zukunft digitaler Technologien. Das Neudenken der Lehrendenrolle wird seit einigen Jahren immer wieder als eine der anspruchsvollsten Herausforderungen für die Zukunft genannt. Von Lehrenden werde immer mehr erwartet, dass sie technologiebasierte Tools handhaben können und online kollaboratives Lernen unterstützen. So könnten die Lernenden in den Mittelpunkt von Lehrveranstaltungen rücken. Wenn dies nicht weiter Zukunftsmusik bleiben soll, rückt wieder die Förderung digitaler Kompetenzen in den Blick. Keine dieser Studien hat vorausgesehen, welchen Anschub die aktuelle weltweite Pandemie der Digitalisierung auch in der Erwachsenenbildung geben würde. Im Zeitraffer mussten Veranstaltende, Lehrende und Lernende im vergangenen halben Jahr digitale Kompetenzen erwerben und sich an digitalen Technologien versuchen. Vielleicht erhalten einige der Prognosen dadurch Rückenwind und Entwicklungen treffen schneller ein, als von den Forschenden angenommen. Wirklich absehbar ist bisher nur, dass die Pandemie sowohl Forschung als auch Praxis noch eine Weile in Atem halten wird.


Weitere Quellen
  • Bolten, R. & Rott, K. J. (2018). Medienpädagogische Kompetenz. Anforderungen an Lehrende in der Erwachsenenbildung. Perspektiven der Praxis. MedienPädagogik: Zeitschrift für Th eorie und Praxis der Medienbildung, Heft 30: Medienpädagogik und Erwachsenenbildung, 137–153. https://doi.org/10.21240/MPAED/30/2018.03.05.X
  • Burchert, J. & Grobe, R. (2017). Herausforderungen bei der Implementierung digital gestützter beruflicher Weiterbildung. Die Sicht von WeiterbildnerInnen und BildungsmanagerInnen auf Strukturen kulturelle Praktiken und Agency. Magazin Erwachsenenbildung.at, 11(30). http://www.erwachsenenbildung.at/magazin/17-30/meb17-30.pdf
  • Cendon, E. (2018). Lifelong Learning at Universities. Future Perspectives for Teaching and Learning. Journal of New Approaches in Educational Research, 7(2), 81–87. https://www.researchgate.net/publication/326409861_Lifelong_Learning_at_Universities_Future_Perspectives_for_Teaching_and_Learning
  • Klauser, F. & Schlicht, J. (2016). Vernetzung – Kernprozess und Resultat technologiegestützter Bildung, Gestaltungsaufgaben für Teletutoren – Best Practice. In M. Schulz, B. Griebenow, A. Neusius, C. Vogeler & K. Papenberg (Hrsg.), Fernausbildung schärft Perspektiven … Technologiegestützte Bildung als Motor von Innovationsprozessen (Grundlagen der Weiterbildung). Augsburg: Ziel-Verlag. S. 170–185
  • Montebello, M. Digital Pedagogies for Teachers; CPD [Konferenzbericht] Paper presented at the International Association for Development of the Information Society (IADIS) International Conference on Educational Technologies (5th, Sydney, Australia, Dec 11–13, 2017). Verfügbar unter https://eric.ed.gov/?id=ED579307
  • Pérez-Paredes, P., Ordoñana Guillamón, C. & Aguado Jiménez, P. (2018). Language Teachers’ Perceptions on the Use of OER Language Processing Technologies in MALL. Computer Assisted Language Learning, 31, 522–545. https://doi.org/10.1080/09588221.2017.1418754
  • Roberts, J. (2018). Future and Changing Roles of Staff in Distance Education. A Study to Identify Training and Professional Development Needs. Distance Education, 39 (1), 37– 53. https://doi.org/10.1080/01587919.2017.1419818
  • Schmid, U., Goertz, L. & Behrens, J. (Hrsg.). (2017). Die Weiterbildung im digitalen Zeitalter (Monitor Digitale Bildung. 04). Gütersloh. https://doi.org/10.11586/2018007
     

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CC-BY-SA 3.0 DE by Angelika Gundermann & Jan Koschoreck, 18.11.2020