Christian Spoden
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adFort: Digitale Kompetenzen im Alter
Bild erstellt mit ChatGPT
Digitale Kompetenzen als eine Bedingung der gesellschaftlichen Teilhabe älterer Menschen
Digitale Kompetenzen haben sich in den letzten Jahrzehnten mit der zunehmenden Digitalisierung vielfältiger Aspekte der Lebenswelt zu einer Voraussetzung für die gesellschaftliche Teilhabe entwickelt (Hardering, 2020; Weiß et al., 2017). Zugleich gibt es Belege für eine digitale Spaltung in der Gesellschaft, insbesondere für eine Exklusion älterer Menschen (z.B. Huxhold, Hees, & Webster, 2020; Seifert et al., 2021). Um dem zu begegnen, können ältere Menschen in den Standorten des Digital-Kompass Unterstützung zu Fragen der Nutzung digitaler Geräte wie Smartphones und Tablets suchen. Sie werden dort von intrinsisch motivierten, in der Regel selbst bereits aus dem aktiven Arbeitsleben ausgeschiedenen Menschen im Umgang mit dem Internet unterstützt. Diese sogenannten Internetlots*innen (oder Digitalpat*innen) beraten Senior*innen mit großer Leidenschaft zu breit gefächerten internetbezogenen Fragestellungen wie etwa Online-Banking und -Einkauf, Austausch und Vernetzung über das Netz, Datenschutz und digitalen Gesundheitsangeboten. Das Konzept der Internetlots*innen ist somit ein herausragendes Beispiel für ehrenamtliches Engagement in Deutschland. Doch lässt sich auch konstatieren, dass die Unterstützung für dieses Engagement größer sein könnte. Dies gilt ebenso für die wissenschaftliche Begleitung. Denn die Anforderungen an die Internetlots*innen sind hoch: Einerseits sind sie überwiegend pädagogisch ungeschult, andererseits erfordert die Tätigkeit die stetige Weiterentwicklung der eigenen internetbezogenen Kompetenzen. Insbesondere fehlen bislang weitgehend wissenschaftlich evaluierte Fortbildungsmöglichkeiten für diese Akteure.
Das Engagement von Internetlots*innen zur Medienbildung älterer Menschen ist beeindruckend und sollte wissenschaftlich unterstützt werden
Zentrale Desiderate aus dem Achten Altersbericht
Dies wird auch im achten Altersbericht (BMFSFJ, 2020, S. 110) festgestellt, der konstatiert, „dass die Bemühungen um Professionalisierung und Diversifizierung des digitalen Kompetenzaufbaus deutlich verstärkt werden müssen, wenn die Gefahr der digitalen Exklusion einer großen Gruppe älterer Menschen abgemildert werden soll.“. Konkret finden sich dort drei Desiderate zur digitalen Teilhabe Älterer. Erstens wird ein Mangel an Angebots- und Trägerstrukturen kritisiert. Diesem wird im Rahmen der Aktivitäten des Digital-Kompass bereits durch den Aufbau von rund 100 Standorten mit Internetlots*innen begegnet. Zweitens wird die Anzahl erfolgreich evaluierter Konzepte des Kompetenzaufbaus und die Qualitätssicherung anhand evidenzbasierter Kriterien problematisiert. Drittens gelingt es bislang kaum, erfolgreiche Ansätze und Strukturen nachhaltig zu etablieren. Es fehlen also passgenaue und langfristig verfügbare Angebote zur Verbesserung der Medienkompetenzen von Internetlots*innen, deren Wirksamkeit überprüft und die in der Praxis breitflächig implementiert werden. Hier setzt das neue Projekt adFort der Hochschule Emden/Leer und des Deutschen Institutes für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen (DIE) mit einem gestaltungsorientierten, praxisnahen Forschungszugang (vgl. Spoden & Schrader, 2021) an.
Das Projekt adFort: Bedarfserhebung, Fortbildung und Wirkung
Das Projekt adFort im „Rahmenprogramm empirische Bildungsforschung“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit medienpädagogische Fortbildungen, die an bestehenden internetbezogenen Kompetenzen von Internetlots*innen ausgerichtet sind, den Kompetenzerwerb älterer Menschen stärken können. Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg des Projektes ist es, zunächst relevante Unterstützungsbedarfe systematisch zu identifizieren. Im Projekt werden daher in einem ersten Schritt typische Kompetenzprofile der Internetlots*innen basierend auf einem bekannten medienpädagogischen Kompetenzmodell (vgl. Mishra & Koehler, 2006) identifiziert, welches für die späte Bildungsetappe adaptiert wird. Darauf aufbauend werden spezifische Fortbildungen entwickelt, welche die jeweiligen Unterstützungsbedarfe zur Verbesserung der pädagogischen und/oder technologischen Kompetenzen adressieren. Einen zentralen Bestandteil des Projekts bildet die Untersuchung der Wirkung dieser Fortbildungen auf den Lernzuwachs älterer Menschen im Umgang mit dem Internet im Rahmen einer Interventionsstudie. Dabei gilt: Erst im kleinen Rahmen und unter kontrollierten Bedingungen erproben und ggf. anpassen, dann breiter skalieren. Demnach umfasst ein dritter Arbeitsschritt nach der Erprobung und einer gegebenenfalls notwendigen Anpassung des Fortbildungskonzepts die Entwicklung eines frei nutzbaren, webbasierten Selbstlernmoduls im EULE-Lernbereich von wb-web. Dieses Selbstlernmodul soll im Rahmen einer Interventionsstudie ebenfalls wissenschaftlich evaluiert werden. Der letzte Arbeitsschritt beinhaltet den Transfer der gewonnenen Erkenntnisse und die Streuung der Information über das Angebot in der relevanten Zielgruppe (Abb. 1).
Abbi. 1: Vier Ablaufschritte des Forschungsprojektes adFort
Kooperationen und Beitrag zur nachhaltigen digitalen Teilhabe
Das Projekt wird in enger Kooperation mit der BAGSO Service GmbH als Interessenvertretung der älteren Generationen durchgeführt und durch einen jeweils hälftig mit Expert*innen aus Forschung und Praxis besetzten Projektbeirat beraten. Mit seinem Projektaufbau von der Diagnose relevanter Unterstützungsbedarfe, über die Erprobung im kleinen Rahmen bis hin zur breitflächigen Implementation in langfristig nutzbaren Selbstlernmodulen adressiert es die oben skizzierten Desiderate im Bereich des internetbezogenen Lernens älterer Menschen. Es liefert damit die notwendige Unterstützung, die das herausragende ehrenamtliche Engagement der Internetlots*innen verdient.
Literatur
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2020). Achter Altersbericht. Ältere Menschen und Digitalisierung. Berlin: BMFSFJ. Verfügbar unter: https://www.achteraltersbericht.de/fileadmin/altersbericht/pdf/aktive_PDF_Altersbericht_DT-Drucksache.pdf
Hardering, F. (2020). Veränderung privater Lebenswelten durch Digitalisierung. Expertise für den Dritten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung, www.dritter-gleichstellungsbericht.de
Huxhold, O., Hees, E., & Webster, N.J. (2020). Towards bridging the grey digital divide: changes in internet access and its predictors from 2002 to 2014 in Germany. European Journal of Ageing, 17, 271–280. https://doi.org/10.1007/s10433-020-00552-z
Mishra, P., & Koehler, M. J. (2006). Technological pedagogical content knowledge: A framework for integrating technology in teacher knowledge. Teachers College Record, 108, 1017-1054.
Seifert, A., Cotten, S. R., & Xie, B. (2021). A double burden of exclusion? Digital and social exclusion of older adults in times of COVID-19. The Journals of Gerontology: Series B, 76(3), e99–e103. https://doi.org/10.1093/geronb/gbaa098
Spoden, C., & Schrader, J. (2021). Gestaltungsorientierte Forschung zu digitalen Lern- und Bildungsmedien: Herausforderungen und Handlungsempfehlungen. DIE. Verfügbar unter: https://www.die-bonn.de/id/41432
Weiß, C., Stubbe, J., Naujoks, C., & Weide, S. (2017). Digitalisierung für mehr Optionen und Teilhabe im Alter. Bertelsmann Stiftung. Verfügbar unter: https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/digitalisierung-fuer-mehr-optionen-und-teilhabe-im-alter
Die Autor*innen
Christian Spoden, Dr. phil., Professor für Psychologie mit dem Schwerpunkt Allgemeine Psychologie, Methodenlehre und Differentielle Psychologie an der Hochschule Emden/Leer. Aktuell Mitglied der Kommission für Forschung, Wissens- und Technologietransfer der Hochschule Emden/Leer. Forschungsschwerpunkte: Psychometrie, psychologische Diagnostik, Persönlichkeit, Weiterbildung, Forschung-Praxis-Transfer.
Arash Rahafar, Dr. rer. nat., Wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Forschungsschwerpunkten Pädagogische Psychologie, Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie, Psychologische Evaluation und Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Emden/Leer.
Linda von Sobbe, Dr. phil., wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen, Abteilung Lehren und Lernen, in Bonn. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Gestaltung und Entwicklung von (Lehrkräfte-)fortbildungen, digitale Transformation in der Lehrkräftebildung, Transfer, Wissenschaft-Praxis-Kooperationen.
Hannes Schröter, Dr. rer. nat., Leiter der Abteilung Lehren und Lernen am Deutschen Institut für Erwachsenenbildung – Leibniz-Zentrum für Lebenslanges Lernen e.V. (DIE) und Univ.-Professor für Kognition und Lernen Erwachsener an der FernUniversität in Hagen. Forschungsschwerpunkte: Empirische Forschung zu Lehr-/Lernprozessen, Professionalisierung und Fort-/Weiterbildung von Lehrenden, Lernvoraussetzungen und Lernentwicklungen Erwachsener, digitale Lehr-/Lernmedien, videogestützte Unterrichtsforschung.
"adFort: Digitale Kompetenzen im Alter" von Christian Spoden u.a. für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE
Alten- und Altersbildung
Mit diesem Dossier möchten wir Ihnen Informationen rund um die Themen Alten- und Altersbildung an die Hand geben, wie auch Lehrmaterialien und eine Vielzahl von Ansprechpartner*innen und Netzwerken. Der demografische Wandel bietet viel Potenzial für Bildungseinrichtungen zur Angebotsentwicklung und -durchführung.