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Positiver, erster Kontakt zu Deutsch ist entscheidend

Ein Schild "offen" hängt an einem Laden.

Offen (Markito / pixabay.com, CC0 Public Domain)

Ehrenamtliche Sprachbegleiterinnen und –begleiter  nehmen dabei eine wichtige Rolle ein

 Dort zu sein, wo schnelle und kreative Hilfe gefragt ist, das ist eine DER Stärken ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. Worauf kommt es an, wenn man Deutsch unterrichtet? Welches Selbstverständnis hat ein reflektierter Sprachbegleiter? Welche sind die häufigsten Fallen, in die man als Ehrenamtlicher tappen kann? 


 Was können Sprachbegleiter besser?

Deutschlernerinnen und Deutschlerner im Sprachkurs haben immer einen Wunsch: Sie möchten „normalen“ Kontakt mit Deutschen, mit ihnen sprechen und sich auf Augenhöhe austauschen, wollen der Künstlichkeit des Sprachunterrichts entgehen und im „wirklichen Leben“ anwenden, was sie im Kurs gelernt haben. Meist sind sie aber mit lauter anderen Ausländern, oft noch Landsleuten, zusammen.

Das Bild zeigt eine Gruppe junger Leute, die diskutieren.

Diskussion (Unsplash / pexels, CC0 Public Domain)

Das ist eine der vielen Chancen für die Sprachbegleitung: Nicht belehren und dozieren, sondern möglichst authentisch mit Sprache handeln, sprechen, schreiben, hören, lesen. So wie man es auch selber im Alltag tut: sich mit Bekannten unterhalten, freundschaftliche und familiäre Bande pflegen, ausdrücken, was einen bewegt oder interessiert. Dazu gehört auch, wann immer möglich, feste Räume und das Wohnheim zu verlassen, z.B. um gemeinsam über den Markt zu gehen und einzukaufen. Das gibt viele Sprechanlässe und man baut gleichzeitig Brücken in den deutschen Alltag.   

Wer dagegen Sprachunterricht zu seinem Beruf gemacht hat, entsprechend ausgebildet wurde und davon lebt, täglich 20-40 Sprachlernende vor sich zu haben, die alle paar Wochen wechseln, kann dies nicht leisten und wird sich auf das kompakte Initiieren von Sprachlernprozessen zum Deutscherwerb konzentrieren.

Selbstreflexion I: Was will ich, was kann ich?

Bevor man als Sprachbegleiter tätig wird, sollte man über sich selbst nachdenken. Ja man möchte helfen und dabei das einbringen, was man kann: Deutsch. Hat man ein bestimmtes Lehrerbild im Kopf? Etwa die weise, aber genaue Pädagogin, die keine Fehler durchgehen lässt und der die Schülerinnen und Schüler zuhören, damit sie von ihr lernen? Ist diese Vorstellung das eigentlich Reizvolle an der Sprachbegleitung? Oder geht es eher um den Austausch, die Freude wenn die Deutschlernenden Fortschritte machen und Erfolgserlebnisse haben, weil sie merken, ihr Deutsch funktioniert, sie verstehen und werden verstanden?

Sprachbegleitung ist ein weites Feld

Sprachbegleitung  findet unter sehr unterschiedlichen Bedingungen statt, die natürlich auch das Vorgehen beeinflussen. Gemeinsam  ist meistens nur eines: Jeder Sprachbegleiter arbeitet unter anderen Bedingungen und jedes Mal kann alles anders sein: Gruppengröße und –zusammensetzung (Alter, Nationalitäten, Geschlechterverteilung), Sprachstand und Lernvoraussetzungen, Lehrmittel, Ort. Das erfordert eine große Flexibilität und einiges an Improvisationstalent von Ihnen. Ein systematisches Vorgehen ist  kaum möglich. Stattdessen benötigt man viele „Instant-Lektionen“, d.h. Sprachanimationsideen, die auch für unterschiedliche Sprachniveaus und –lernergruppen funktionieren, unabhängig voneinander und einfach anpassbar sind.

Selbstreflexion II: Was weiß ich?

Jeder Mensch beherrscht mindestens eine Sprache fließend. Gelernt haben wir das nicht in der Schule, sondern es ging ganz natürlich - von selbst. Wir sprechen spontan und ohne nachzudenken Deutsch. Dieses „Können“ verdanken wir dem natürlichen Spracherwerb als Kind. Deshalb können wir meist sicher sagen: Das ist eine deutsche Vokabel, ein „richtiger“ (=regelkonformer) Satz des Deutschen

Aber wissen wir deshalb warum? Oder wie das Deutsche funktioniert und man es am besten lernt?

Ein wenig „Wissen“ über Deutsch haben wir  in der Schule gewonnen: Rechtschreibregeln, Grammatikbegriffe, vielleicht ein paar Zweifelsfälle. Aber der muttersprachliche Grammatikunterricht in der Schule richtet sich an Lerner, die bereits Deutsch können, für Lernende des Deutschen als Fremdsprache nützt dieses Wissen wenig. Vielleicht haben Sie Grammatik besonders gemocht in der Schule?

Glauben Sie nicht, dass Sie deshalb ein besonders kompetenter Sprachbegleiter sind. Im Gegenteil: Mit grammatischen Begriffen haben auch Sie nicht Deutsch gelernt und nur sehr wenige Lerner können mit Akkusativ oder Konjunktiv etwas anfangen, zumal es dieses Phänomen in anderen Sprachen so nicht gibt.

Neben dem Nachdenken über Ihr Sprachkönnen stellt sich die Frage nach Ihrer pädagogischen Erfahrung: Haben Sie schon mal unterrichtet, vielleicht sogar eine Sprache? Oder Nachhilfe gegeben, eine Gruppe animiert? Was waren Ihre Erfahrungen? Diesmal ist die Herausforderung besonders groß, denn das „Instruktionsmedium“ ist gleichzeitig der Lerngegenstand, d.h. Sie sollen Lernenden weiterhelfen, mit denen Sie sich oft kaum oder eigentlich gar nicht auf Deutsch verständigen können!  

Kreativität und Empathie gefragt

Zum Glück funktioniert Verständigung nicht nur durch Sprache, sondern auch durch Gestik, Mimik, Bilder, vor allem aber: in Situationen! Seien Sie also einfallsreich, verstehen Sie Ihre Tätigkeit als „Sprachanimation“ und setzen Sie alle diese Mittel ein. Das kann richtig Spaß machen! Etwas Besseres, als dass alle gemeinsam lachen, kann Ihnen nicht passieren. Meist stellen Sprachbegleiter einen sehr frühen, manchmal sogar den ersten bewussten Kontakt mit der neuen Sprache dar: weil die Betreffenden noch kein Anrecht auf einen offiziellen Kurs haben oder keinen Kursplatz finden können. Auch deswegen sind die ehrenamtlichen Sprachbegleiter unersetzbar. Und es ist ungeheuer wichtig für den ganzen späteren Sprachlernverlauf, dass diese frühen Kontakte mit dem Deutschen positiv und motivierend verlaufen. Gefragt ist Ihre Empathie!

Warum Unverbindlichkeit ein Vorteil sein kann…

Damit zusammen hängt auch Ihr vielleicht größter Trumpf: Mit Ihnen können die Lernenden angstfrei die neue Sprache entdecken: Es droht keine Prüfung, von deren Bestehen vielleicht der Aufenthaltsstatus oder Sozialleistungen abhängen, es gibt keinen Leistungsdruck. Und je mehr Deutsch die Geflüchteten schon mit Ihnen lernen, umso besser kommen sie später im Integrationskurs zurecht. Auch wenn es manchmal frustrierend ist, dass die Lernenden ganz unregelmäßig kommen (können) oder generell den Unterricht scheinbar nicht ernst nehmen: Nur Sie können einen positiven und sanften Einstieg ins Deutsche ermöglichen, bevor es „ernst“ wird.

Nicht auf die Schrift vertrauen!

Und schließlich: Schrift scheint uns etwas so Selbstverständliches und das Schriftbild eines Wortes als eine so offensichtliche Merk- und Lernhilfe, dass wir leicht vergessen: Viele Geflüchtete beherrschen die lateinische Schrift nicht, sondern völlig andere Schrifttypen wie das Arabische, wo man von rechts nach links schreibt oder sind überhaupt nicht alphabetisiert. Lösen Sie sich davon, viel an die Tafel zu schreiben.

 CC BY-SA 3.0 DE by Matthias Jung für wb-web


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Michael Allers

Danke für diesen Artikel! Dann habe ich als Hobby-Linguist, aber sprachdidaktischer Laie wohl bisher das meiste richtig gemacht.

Allerdings stolpere ich hierüber:
"... sehr wenige Lerner können mit Akkusativ oder Konjunktiv etwas anfangen, zumal es dieses Phänomen in anderen Sprachen so nicht gibt."
Haben Sie dafür Beispiele?

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