Forschung quergelesen

Demokratische Bildung als Profession zwischen Haltung und Handlung

Eine JoDDiD-Studie zu Professionsverständnissen und Professionalsierungsbedarfen außerschulischer politischer Bildner:innen

Screenshot des Deckblatts der Studie

Screenshot des Deckblatts der Studie

Was macht Professionalität in der außerschulischen politischen Bildung aus? Eine Studie von David Jugel und Stefan Breuer zeigt: Politische Bildner*innen bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen demokratischer Haltung und praktischem Handeln – mit hohen Erwartungen, aber oft unsicheren Rahmenbedingungen. Die Ergebnisse geben Einblick in Selbstverständnisse, Herausforderungen und notwendige Schritte zur Professionalisierung eines zentralen Feldes demokratischer Bildung.

Inhalt und Ziel der Studie 

In der Studie von David Jugel und Stefan Breuer wird die Professionalität von Akteur*innen in der außerschulischen politischen Bildung untersucht. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass dieser Bildungsbereich zwar große Freiräume außerhalb schulischer Lehrpläne bietet, zugleich jedoch mit hohen Erwartungen konfrontiert ist. Politische Bildner*innen sollen demokratische Werte stärken, gesellschaftliche Konflikte moderieren, politische Teilhabe fördern und mit Polarisierung sowie antidemokratischen Einstellungen umgehen. Es wird der Frage nachgegangen, wie Fachkräfte ihre eigene Rolle und Professionalität verstehen und welche Anforderungen sowie Professionalisierungsbedarfe daraus entstehen. 

Ergebnisse der Studie 

Die Ergebnisse zeigen, dass die Befragten Professionalität weniger als festen Qualifikationsstatus, sondern vor allem als reflexiven, fortlaufenden und stark praxisorientierten Prozess verstehen. Entscheidend sind dabei eine demokratische Grundhaltung, die Fähigkeit zur Selbstreflexion, ein breites kontextsensibles Wissen sowie situative Handlungskompetenz. Formale Abschlüsse spielen nach Ansicht vieler Befragter eine geringere Rolle als praktische Erfahrung und kollegialer Austausch. Gleichzeitig wird deutlich, dass individuelles professionelles Handeln häufig durch strukturelle Rahmenbedingungen begrenzt wird. 

Die Studie identifiziert mehrere miteinander verbundene Professionalisierungsfelder: Dazu gehören die reflexive Selbstverortung und der Schutz vor Überlastung, die Klärung normativer Grundlagen und professioneller Rollen, die Systematisierung von Professionswissen oder auch die Entwicklung eines klaren didaktischen Profils. Weitere wichtige Felder sind eine strategische Zielgruppenarbeit, organisatorisches Wissen (z.B. Förderlogiken, Projektmanagement oder Öffentlichkeitsarbeit) sowie der Aufbau stabiler Aus- und Weiterbildungsstrukturen. 

Handlungsempfehlungen für die zentralen Akteursgruppen 

Aus den Ergebnissen leiten die Autor*innen Empfehlungen für drei zentrale Akteursgruppen – politische Bildner*innen, Fördermittelgeber*innen und politische Entscheidungsträger*innen sowie Forschung/Wissenschaft – ab. 

Für politische Bildner*innen betonen sie unter anderem die Bedeutung von kollegialem Austausch, einer Selbstfürsorge zur Ressourcenwahrung und der Vorbeugung der Selbstausbeutung, der Professionalisierung im Umgang mit Kontroversen (z.B. durch klare Eskalations- und Abbruchkriterien oder auch Deeskalationsroutinen) sowie einer strategischen und langfristigen Zielgruppenarbeit. Auch die Nutzung von Evaluationen als Teil professioneller Praxis im Sinne einer Reflexions- und Lernschleife sowie der Anerkennung von Organisationswissen als Professionsdimension (wie Projektmanagement, Öffentlichkeitsarbeit) werden empfohlen. 

 

Befund der Studie

Ein Befund der Studie (Jugel & Breuer  2025, S. 101)

Für Fördermittelgeber*innen und politische Entscheidungsträger*innen empfehlen die Autor*innen langfristige und verlässliche Förderstrukturen, weniger Bürokratie in den Förderstrukturen, aber auch die Berücksichtigung von Ressourcen für Weiterbildung und Vernetzung einerseits, für Organisations- und Verwaltungsaufwand andererseits. Die Autor*innen verweisen weiterhin auf den Bedarf einer systematischen Aus- und Weiterbildung für das Lehrpersonal sowie realistische Erwartungen an die Wirkung politischer Bildung, die keine „Feuerwehr“ bei gesellschaftlichen Krisen sein kann. Zudem sollten Unabhängigkeit, Schutz vor Angriffen durch antidemokratische Kräfte und angemessene Arbeitsbedingungen für Fachkräfte gewährleistet werden. 

Befund der Studie

Ein Befund der Studie (Jugel & Breuer  2025, S. 47)

Für Forschung und Wissenschaft schlagen sie vor, die Zusammenarbeit mit der Praxis durch partizipative und Ko-kreative Forschung zu stärken. Forschungsergebnisse sollen transferfähig und nutzbar sein (z.B. durch Policy Paper, Handreichungen, Podcasts etc.) und gemeinsam mit der Praxis geprüft werden. Weiterhin bedarf es systematischer Qualifizierungsangebote – etwa Studiengänge oder Zertifikatsprogramme – für die außerschulische politische Bildung. Die reflexive Kompetenz als eigenständiger Forschungsgegenstand und als zentrale Komponente professioneller Bildung sollte in Weiterbildungsangeboten gestärkt werden. Darüber hinaus sollte die Professionalisierungsforschung weiter ausgebaut werden. 

Befund der Studie

Ein Befund der Studie (Jugel & Breuer  2025, S. 104)

Fazit 

In der Studie stellt sich politische Erwachsenenbildung als hoch motivierte, reflexive Praxis in einem prekären, heterogenen Feld dar. Professionalisierung ist ein mehrdimensionaler Prozess, "der durch unterschiedliche Variablen beeinflusst wird. Neben der Frage von grundlegendem Wissens- und Kompetenzzuwachs spielen auch individuelle Motivlagen, normative Orientierungen, Rollenverständnisse, wahrgenommene Selbst- und Fremdbilder, fachdidaktische Überzeugungen sowie strukturelle Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle." (S. 285)

Insgesamt macht die Studie deutlich, dass Professionalität in der außerschulischen politischen Bildung nicht nur eine individuelle Kompetenzfrage ist, sondern stark von institutionellen Rahmenbedingungen, Qualifizierungsstrukturen und der Zusammenarbeit zwischen Praxis, Politik und Wissenschaft abhängt. 

Verlagshinweis

Jugel, D. & Breuer, S. (2025). Demokratische Bildung als Profession zwischen Haltung und Handlung. Eine JoDDiD-Studie zu Professionsverständnissen und Professionalsierungsbedarfen außerschulischer politischer Bildner:innen (JoDDiD Studie, Bd. 4). Dresden. Verfügbar unter: https://tu-dresden.de/gsw/phil/powi/joddid/ressourcen/dateien/publikationen/Jugel_Breuer_2025_Demokratische-Bildung-als-Profession-zwischen-Haltung-und-Handlungn_JoDDiD.pdf?lang=de 

"Demokratische Bildung als Profession zwischen Haltung und Handlung" von Lars Kilian für wb-web (2026), CC BY-SA 3.0 DE


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