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Medizin: Fachsprache und Kultur im Tandem

wb-web: Frau Ateia, bitte erzählen Sie uns, wie das AmBiD-Projekt entstanden ist.

Nora Ateia: Die sogenannte „Flüchtlingswelle“ war 2015 für uns in der Islamwissenschaft ein großes Thema. Für uns und unsere Studierenden war die Ankunft dieser Menschen mit ihren Sprach- und Regionalkompetenzen gewissermaßen ein Segen. Wir haben das Problem, dass wir unsere Studierenden nicht mehr guten Gewissens zum Auslandssemester in die arabische Welt schicken können, weil sich die Situation in der letzten Zeit so verändert hat. Für die Sprachausbildung ist es aber wichtig, dass die Leute Umgang mit Muttersprachlern haben. Deshalb haben wir den Entschluss gefasst, uns von Seiten der Uni und der Islamwissenschaft mit einem Flüchtlingsprojekt zu beteiligen und das Tandemangebot geschaffen. Daraus entwickelte sich dann das Projekt AmBiD. Wir haben uns nach und nach mit Mitarbeiterinnen der Ethnologie, vor allem der Medizinethnologie, zusammengetan und haben dann mitbekommen, dass Medizinstudentinnen und -studenten Interesse an unserem Tandemangebot haben.

Daher kam dann die Idee, etwas für die Mediziner anzubieten. Mit Hilfe der Welcome-Förderung des DAAD haben wir das Projekt entworfen. Dabei wollten wir nicht nur Arabischkurse für die Medizinstudierenden anbieten, sondern am Gedanken des Austausches festhalten. Geflüchtete mit medizinischem Interesse profitieren als Tandempartner von dem Projekt und fungieren als Lehrer oder Experten für die eigene Kultur, die Sozialstruktur und das medizinische System in ihren Herkunftsländern. Dieses Wissen ist für uns total relevant! Ohne die Geflüchteten könnten wir dieses Projekt gar nicht machen.

Wir stellen durch das Projekt Kontakte und Netzwerke zwischen den Geflüchteten, den Studierenden und Medizinerinnen und Medizinern her. Einige Tandempartner sind mittlerweile Freunde geworden und unternehmen auch über das Sprachtandem hinaus Sachen miteinander.

 

wb-web: Sie sprechen von „Geflüchteten mit medizinischem Interesse“ – an wen genau richtet sich das Projekt und wie haben Sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für das Projekt gefunden?

Nora Ateia: Zur Zielgruppe gehören Medizinstudierende, fertig ausgebildete Ärzte, Pflegekräfte, Apotheker und Pharmazeuten. Wir möchten aber keine Person ausschließen, die 17 Jahre alt ist und sagt, dass sie später unbedingt Krankenschwester oder Zahnärztin werden möchte. Wir haben es erst einmal offen gelassen und wollten die Teilnehmerzahl nicht begrenzen, also weder eine Mindest- noch eine Höchstzahl an Teilnehmenden festlegen. Sowohl auf Seiten der Deutschen als auch der Geflüchteten besteht die Mehrheit unserer Teilnehmergruppe aus fertig ausgebildeten Ärzten oder Studierenden, die schon eine gute Grundlage durch ihr Studium haben.

Es war ein bisschen schwierig, die Teilnehmenden zu finden. Es gibt leider kein Verzeichnis für die Bildung der Geflüchteten – zumindest kein öffentliches. Wir kennen das Potenzial der Leute (auch im Hinblick auf die Soft Skills) nicht. Wir können auch nicht zur Uni gehen und die Kontaktdaten der eingeschriebenen syrischen Geflüchteten anfordern, da sie unter dem Datenschutz stehen. Unsere studentische Hilfskraft Yara Toama konnte über private Netzwerke Kontakte knüpfen und durch Mund-zu-Mund-Propaganda hat sich unser Angebot verbreitet.

 

wb-web: Was ist die Motivation der deutschen Teilnehmerinnen und Teilnehmer? Medizin gilt ja als anspruchsvolles und zeitintensives Studium – warum nehmen sie am Tandemprojekt und am Arabischkurs teil?

Nora Ateia: Viele der Teilnehmenden haben aus verschiedenen Gründen ein Interesse an der Situation und an der Thematik. Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Medizinstudent sagt: „Ich lerne jetzt Arabisch, und später auch noch Russisch!“ Zur genauen Motivation kann ich nichts sagen, aber es gibt z.B. welche, die ihr Praktisches Jahr in Palästina oder der Region gemacht haben. Andere sehen es als Teil ihres Engagements und nutzen die Sprachkenntnisse dafür. Wir haben versucht, die Kurse so passend wie möglich zu gestalten. Sie finden abends um 20 Uhr statt, sodass die Leute dann meistens zwischen den Schichten kommen können.

 

wb-web: Wie ist der Arabisch-Sprachkurs aufgebaut?

Nora Ateia: Im letzten Semester hatten wir zwei Arabischkurse mit je 10-15 Teilnehmenden. Unser Dozent ist Arabisch-Muttersprachler und hat zunächst Pharmazie und dann hier in unserer Abteilung Islamwissenschaft studiert. Der Sprachkurs im AmBiD-Projekt entspricht nicht der Sprachausbildung unserer Studierenden. Es wird nicht mit arabischen Schriftzeichen gearbeitet, sondern mit einer Umschrift. Die Grammatik ist nicht so komplex. Die Kurse sind vor allem aufs Sprechen aufgebaut, nicht unbedingt auf Lese- und Schreibkompetenz. Wenn das Projekt weiterläuft, würden wir aber gerne für die Interessierten einen Aufbaukurs anbieten.

Wir vermitteln Wortschatz und Satzkonstruktionen, die für den Klinikalltag nützlich sind. Es ist nicht unser Anliegen, den Medizinern soweit die Sprache beizubringen, dass sie perfekt Arabisch sprechen können – das Icebreaking steht im Vordergrund. Wenn ein Patient die Sprache nicht versteht, alleine ist und vor der Situation Angst hat, hilft es ungemein, wenn der Arzt so etwas wie Salam Aleikum sagen kann, oder auf Arabisch erklärt, dass jetzt eine Blutabnahme erfolgt. Der Patient merkt, dass der Arzt sich bemüht und fühlt sich sicherer.

Wir wollen auf keinen Fall den Übersetzer oder Dolmetscher ersetzen. Die Mediziner aus den Herkunftsländern können das ja auch viel besser. Ihnen fehlt jedoch das Wissen: Wie funktioniert das Gesundheitssystem in Deutschland? Wie führt man in Deutschland ein Patientengespräch?

 

wb-web: Wie läuft das begleitende Tandem ab?

Nora Ateia: Bei den Tandemtreffen wird das Gelernte geübt, wobei natürlich das Niveau sehr unterschiedlich ist: Die Deutschen stehen beim Erlernen des Arabischen noch ganz am Anfang, während die Geflüchteten schon recht gut Deutsch sprechen. Da steht dann vor allem das Erlernen der medizinischen Fachsprache im Vordergrund. Die Mediziner können das natürlich viel besser vermitteln als wir Islamwissenschaftler.

Zusätzlich zum Tandem gibt es ein Rahmenprogramm: Wir gehen zusammen ins Kino oder machen Ausflüge und Exkursionen, wie zum Beispiel neulich zum Apothekenmuseum in Heidelberg.

 

wb-web: Neben dem Sprachtandem und dem Arabischkurs besteht AmBiD ja aus einem weiteren Modul zu Interkulturalität im Klinikalltag. Können Sie uns das erläutern?

Nora Ateia: Am 9./10. Dezember 2016 fand dazu ein Workshop statt. Er richtete sich an alle Interessierten, also Mediziner, Pharmazeuten, aber auch Ehrenamtliche und Geflüchtete selbst. Zusammen mit den Medizinethnologen haben wir für einen transkulturellen Blickwinkel geworben: Wir können kein Handbuch „Der muslimische Patient“ oder „Der syrische Patient“ herausgeben, auch wenn viele Mediziner sich das gewünscht hätten.

Im Gespräch mit deutschen und syrischen Ärzten wurden einige Probleme besprochen. Den Deutschen fehlt es an Hintergrundwissen. So gibt es zum Beispiel in den meisten arabischen Ländern eine Impfpflicht und nicht nur eine Impfempfehlung. In Deutschland spielt die Patientenaufklärung eine größere Rolle als in Syrien. Dort wird erwartet, dass ein Arzt die Autorität aufbringt und sagt: „Das Kind muss jetzt geimpft werden“ und nicht, wie in Deutschland, „Sie können Ihr Kind impfen lassen, wenn Sie möchten.“ Das führt zu Verwirrungen und Missverständnissen.

 

wb-web: Inwieweit sind Sie mit anderen Flüchtlingsprojekten vernetzt?

Nora Ateia: Es ist uns wichtig, dass wir uns mit anderen Projekten in der Uni vernetzen. Das klappt leider nicht immer. Die Zusammenarbeit mit dem Dolmetscherpool,  den Sabine Eulerich an der Kinderklinik aufgebaut hat, klappt aber sehr gut. Studierende oder Mediziner mit muttersprachlichen Fremdsprachenkenntnissen werden bei Übersetzungsschwierigkeiten gerufen und können als Experten für Region und Sprache auf der einen und medizinische Probleme auf der anderen Seite als Dolmetscher eingesetzt werden. Auch einige unserer syrischen Ärzte sind in diesem Pool. Sie profitieren von dem Kontakt zu den deutschen Ärzten und dem Einstieg ins Klinikum. AmBiD und das Dolmetscherprojekt unterstützen sich gegenseitig, zum Beispiel durch die Vermittlung von Kontakten.

Tübingenweit gibt es viele Projekte, die aber leider nicht immer voneinander wissen. Eine stärkere Vernetzung wäre toll.

 

wb-web: Planen Sie, das Projekt weiterzuführen oder auf andere Sprachen/Themen auszubauen?

Nora Ateia: Wir haben vor kurzem die Nachricht bekommen, dass der DAAD unser Projekt bis 2018 weiter fördert, allerdings mit reduzierter Anzahl wissenschaftlicher Hilfskräfte. Ein Ausbau ist somit nicht möglich.

Neben Arabisch gäbe es auch Bedarf für andere Sprachen, z.B. für die afghanischen oder kurdischen Patienten. Wir haben zwar eine Lektorin für Persisch, aber leider keine Studierenden mit Kurdisch- oder Dari/Pashtu-Kenntnissen. Daher konzentrieren wir uns auf Arabisch.

Wir möchten unter den Geflüchteten und an den Kliniken bekannter werden. Auch für niedergelassene Ärzte und Geflüchtete aus der weiteren Region könnte AmBiD interessant sein. In zukünftigen Workshops möchten wir mehr Hintergrundwissen zur arabischsprachigen Welt beitragen und – in Zusammenarbeit mit den Medizinern – konkrete Fallbesprechungen behandeln.

Außerdem wird eine Studentin der Islamwissenschaft und Computerlinguistik als Masterarbeit eine App zu unserem Arabischkurs entwickeln. Wir möchten gerne die Computerlinguistik in unsere Forschung miteinbeziehen, um zu schauen, ob und wie man mit Apps die Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten unterstützen kann.

 

wb-web: Inwieweit kann AmBiD als Modellprojekt dienen?

Nora Ateia: Das Projekt AmBiD haben wir für den medizinischen Bereich entwickelt, aber es wäre auch für andere Standorte oder Fachbereiche denkbar. Warum macht man nicht bei den Juristen eine Einführung in das islamische Recht und das Recht der Herkunftsländer, und andersrum führen Jurastudierende oder Juristen die Geflüchteten ins deutsche Recht ein? Auch für Berufe ohne Hochschulabschluss wären Tandems denkbar, zum Beispiel in der Alten- und Krankenpflege oder in Kindertagesstätten.

 

wb-web: Rückblickend – würden Sie etwas anders machen? Ist etwas im Projekt schief gelaufen?

Nora Ateia: Unser Projekt ist in rund einem Jahr, also einem nicht sehr langen Zeitraum, entstanden. Man hätte am Anfang stärker versuchen können, publik zu werden – es ist jedoch nicht so, dass wir das nicht versucht hätten. Allerdings haben wir nur begrenzte Kapazitäten und mussten ja parallel auch die Leute suchen.

Es wurde im Sommer innerhalb des Projekts eine kleine Studie unter Medizinern durchgeführt, die die Probleme und Erwartungen abfragte. Diese Daten hätten wir stärker nutzen können, doch auch das war eine Zeitfrage.

Was ich auch schön fände, wäre eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die nicht nur punktuell, sondern regelmäßig zusammenarbeitet. Die Ergebnisse daraus könnte man für die Gestaltung von Workshops oder Vorträgen nutzen. 

 

Nora Ateia M.A. ist die Koordinatorin des Projektes AmBiD und arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Orient- und Islamwissenschaft der Universität Tübingen.

Wenn Sie mehr zu diesem Projekt erfahren möchten oder Interesse haben, den AmBiD-Ansatz an einem anderen Standort zu adaptieren, können Sie Frau Ateia unter dem LINK: medizinarabisch.ambid[at]sgkno.uni-tuebingen.de erreichen.


CC BY SA 3.0 by Katrin Gildner für wb-web