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Ein besonderes Ehrenamt: Erwachsene lernen lesen und schreiben

Welchen Tipp möchten Sie ehrenamtlichen Kollegnnen und Kollegen im Rahmen von Alphabetisierung mit auf den Weg geben?

Gerti Duma möchte im Rahmen dieses Dossiers zunächst das Skriptum des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) nennen: „Das Skriptum Alpha 123 - es ist sehr hilfreich und kann kostenlos heruntergeladen werden.“ Mit folgender Vorgehensweise hat sie gute Erfahrungen gemacht:

  • Bedeutung neuer Wörter zuerst mündlich mit Hilfe von Gestik, Mimik, Theatralik vorspielen.
  • Durch Zeichnen an der Tafel erarbeiten, da ansonsten sinnerfülltes Lesen nicht möglich ist. (Besonders wichtig bei primären Analphabeten! Wer schon in einer Sprache Lesen und Schreiben gelernt hat, kann mit Hilfe des Handys das Internet- Wörterbuch nutzen). 
  • Allmählich sinnvolle Sätze mit den erarbeiteten Wörtern bilden.
  • Wortschatzerweiterung je nach Bedarf und Begabung der Kurseilnehmer (z.B. mehr Wörter mit Ö Au ei...vorstellen und erarbeiten)

Rico Ehren und Christin Mehlich, die ihre ersten Erfahrungen mit  Alphabetisierung "als Sprung ins kalte Wasser" erlebt haben, möchten als Tipp weitergeben: „Neben vielen, vielen Wiederholungen möglichst alle Sinne zum Erlernen der lateinischen Buchstaben nutzen - beispielsweise Ertasten von Holzbuchstaben oder Visualisierungen.“ 

Marlis Schedler, die als Mathematikerin und Physikerin,  als „Spätberufene“, mit einer Gruppe von Afghanen ihre ersten Erfahrungen in der Alphabetisierung machte, fasst ihr Erfolgsrezept stichwortartig so zusammen: „Silbenlesen mit Post-its: ein Konsonant, dann gleich Vokale; dann Silben schreiben lassen auf Post-its (das Handling ist wunderbar); das Zusammenlauten ist kein Problem mehr, weil ha, se, me, ... schon gefestigt ist, hase geht dann ganz einfach. Weil es ein Wort ist, wird dann das H groß geschrieben und ein der davor gesetzt."

Kann man irgendetwas falsch machen? Was sollte man keinesfalls tun? 

Ja, man kann, weiß Marlis Schedler: „Wenn man sich für die Silbenmethode entscheidet, dann darf man kein Alphabet aufsagen! Also kein „a, be, ce …“ sondern immer nur „a,  b,  c“. Und: Nicht zu viel reden, sondern mehr mit Bildern arbeiten. Sonst kommt von den Lernern das Feedback: „immer nur bla, bla“, weil sie nichts verstehen.“

Christin Mehlich meint dazu: „Falsch ist relativ, aber man sollte einige Dinge vermeiden, die sich negativ auf den Lernprozess auswirken können. Beispielsweise sollte man statt Schreibschrift Druckschrift verwenden, neben den zu vermittelnden Fertigkeiten Lesen und Schreiben auch immer Sprechen und Hören bedienen oder kleinschrittig vorgehen, sodass Inhalte nicht nur erlernt, sondern auch angewendet werden können.“



Wer oder was hat Sie am besten für diese Tätigkeit vorbereitet? 

  Gerti Duma kann auf eine lange schulische Erfahrung zurückgreifen: 40 Jahre Englisch- und Deutschunterricht. Bei Marlis Schedler, die zwar Lehrerin und Lehrerfortbildnerin ist, aber über keine Erfahrung als Sprachlehrkraft verfügt, waren es „natürlich die Lerner mit ihren fragenden Gesichtern und den Fragen, die sie kaum stellen konnten und die Fehler, die mir gezeigt haben, was ich nachschauen muss. (Winta oder Winter? Die rote Karte (‚r groß, weil der, die, das: erster Buchstabe groß‘)“ Sie nahm die vielen aufkommenden Fragen zum Anlass, sich intensiv mit dem Phänomen des Sprach- und Schrifterwerbs auseinanderzusetzen und sich zu qualifizieren.

Christin Mehlich und Rico Ehren meinen dazu:

„Die beste Vorbereitung erfolgte für uns durch Eigeninitiative. Zwar bietet DAMF Materialien zum Thema Alphabetisierung im Qualifizierungsprozess an, jedoch ist bei der großen Heterogenität der Kurse der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen und die eigene Auseinandersetzung mit entsprechenden Materialien hilfreich.“

 Gerti Duma gibt in einem Video-Interview Auskunft darüber, was für sie Qualität in einem Kurs bedeutet, worauf sie besonders achtet, was sie als Erfolg bewertet, welche Sprachen sie selbst erlernt und wie sie das macht.

Gibt es noch etwas, was Sie abschließend zum Thema sagen möchten?

Gerti Duma meint, dass wohl ein Intensivkurs (z.B. 4 Mal 2 Stunden pro Woche) sinnvoll wäre. Christin Mehlich sagt abschließend: „Auch in den Alphabetisierungskursen sollte man sich der großen Heterogenität der Lernerinnen und Lerner und des immensen Bedarfs an individueller Hilfestellung bewusst sein. Wichtig ist hierbei Geduld.

Lesen Sie auch den Beitrag Reality Check: Alphabetisierungsarbeit wird wichtiger LINK intern auf den Reality Check. , in dem Einblick in organisatorische Aspekte und Ausblick auf Entwicklungen gegeben werden.


Über Marlis Schedler

Die gelernte Naturwissenschaftlerin und Mathematikerin empfindet die intensive Beschäftigung mit ihrer Sprache durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit als große Bereicherung. Als digital aufgeschlossene Pädagogin stellt sie alle ihre Erfahrungen und Materialien auf www.deutsch4alle.at/ zur Verfügung. Sie hat im Dossier eigene Beiträge eingebracht: Zum Thema Muttersprache: Soll ich mich jetzt auch noch mit Arabisch und Dari beschäftigen? und zum Thema Qualifizierung Ehrenamtlicher: Deutsch unterrichten kann ich    -oder doch nicht? 

 

Über Gerti Duma

 Sie unterrichtet seit ihrer Pension ehrenamtlich Deutsch für Geflüchtete, zunächst in einer Großunterkunft, seit zwei Jahren im Caritas Bildungszentrum Wien

Sie schließt das in diesen Bericht eingebundene Video- Interview mit einem Appell an Sprachlehrkräfte im Ruhestand: sie sollen es ihr gleich zu tun, es sei eine schöne Aufgabe und hielte sie jung. 



Über Christin Mehlich und Rico Ehren

Sie sind ehrenamtlich zentral gestaltend aktiv in der Dresdner Initiative DAMF (Deutsch Asyl Migration Flucht), siehe Video über DAMF.



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